XI

Wenk bekam schlechte Nachrichten über das Befinden Karstens. Er hatte,

da er sich scheinbar sofort energisch zur Wehr gesetzt hatte, wohl von

einer zweiten Person Hiebe mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf

bekommen, die die Schädeldecke gesprengt hatten. Er gewann das

Bewußtsein immer noch nicht wieder und war seit der Tat in einem

überfeinen Zustand, der sich nicht nach der einen und nicht nach der

andern Seite zu lösen vermochte.

An eine Aussprache mit ihm, sagten die Ärzte, sei in zwei, drei Wochen

nicht zu denken, selbst wenn er durchkommen sollte.

Der Carozza gegenüber, über die er, wie sein Ruf, sie zu verhaften

bewies, etwas hätte aussagen können, was ihre Anteilnahme an dem

Verbrechen genauer bestimmt hätte, mußte sich Wenk mit dem Unternehmen

der Gräfin begnügen. Heute war Montag, und um vier Uhr erfuhr er auf

alle Fälle, ob etwas von der Carozza an Klärung zu erwarten war oder

nicht.

Wenk verließ sein Haus an diesem Tag nicht. Die zwei Pole, zwischen

denen er seine Kräfte sammelte, waren persönlich nicht erreichbar für

ihn: der eine war das Frauengefängnis, der andere, wichtigere wohl war

Konstanz. Von dort wurde er öfter angerufen. Dieser Poldringer durfte

keinen Augenblick aus dem Apparat herausspringen.

Da er all die Stunden zu Hause verbringen und viel warten mußte, ging er

in einer erregten Ungeduld hin und her und öfter ans Fenster.

Da fiel ihm schließlich ein Mann auf. Er hatte ihn um acht Uhr in der

Frühe zum erstenmal gesehen. Dann vielleicht eine halbe Stunde später

nochmals. Darauf nicht mehr. Aber auf einmal wieder. Der Mann ging immer

rasch an seinem Hause vorbei, wenn er ihn sah, oder er stand ferner an

einer Ecke.

Hatte dieser Mann die Aufgabe, ihn zu überwachen? Wenk wollte die Probe

machen.

Er bat einen Beamten der Geheimpolizei, sich so zu maskieren, daß

jemand, der ihn nur flüchtig sah, ihn für den Staatsanwalt selber halten

konnte. Dann holte der Chauffeur das Auto zu Wenks Wohnung, wo der

Maskierte wartete, und der Verkleidete begab sich hinab in einem

Augenblick, wo der Unbekannte wieder an einer Straßenecke sichtbar

wurde. Der Geheimpolizist stürzte rasch das kurze Stück von der Haustür

auf den Wagen zu, drückte sich in eine Ecke, und das Auto sauste davon.

Diesen einfachen Trick will ich mir merken, dachte sich Wenk.

Der Fernsprecher rief: Konstanz dringend kommt!

»Der Beobachtete hat 3 Uhr 16 die Burschen, mit denen er zusammen saß,

zum Bahnhof gebracht. Um 3 Uhr 36 fährt der Schnellzug nach Offenburg.

Es ist ungewiß, wer von der Gesellschaft mit verreist. Die einen haben

Handtaschen, die andern haben keine. Vor allem ist es ungewiß, ob der

Beobachtete selber mitfährt. Ein anderer hat sieben Karten gelöst, nach

Offenburg. Sie sind aber mit dem Beobachteten zu acht. Einer darunter

sieht anders aus und wurde hier noch nicht gesehen. Es ist möglich, daß

er der Führer der Burschen wird und in französischem Dienst steht. Was

sollen wir tun?«

»Stellen Sie drei Zivilbeamte bereit. Fahren alle acht, reisen auch die

drei Beamten mit. Bleibt einer oder mehrere zurück, bleibt einer der

Beamten ebenfalls zurück, der diesen oder diese nicht außer acht lassen

darf. Es wäre möglich, daß sie getrennte Routen reisen.«

Der Beamte in Konstanz wiederholte.

»Gut! Melden Sie schon jetzt das Gespräch an für die Abfahrt des Zuges.

Schluß!«

Wenk bat um Verbindung mit Offenburg. In fünf Minuten konnte er

sprechen.

»Mit dem Konstanzer Schnellzug kommen sieben oder acht Leute.

Geheimbeamte fahren im selben Zug. Halten Sie auf alle Fälle sechzehn

Mann bewaffnet am Bahnhof bereit. Es ist wahrscheinlich, daß die

Reisenden Pässe nach dem Elsaß haben. Sie sind gefälscht ... Wenn Sie

verhaften, so vermeiden Sie, bitte, alles Aufsehen. Mitteilung an die

Presse nur, daß es sich um Deutsche handelt, die in die Fremdenlegion

gelockt worden seien, und vor allem: sie seien gleich wieder freigegeben

und nach Hause expediert worden. Über die falschen Pässe zeigen Sie sich

nicht unterrichtet. Falls sich einer namens Poldringer oder Hinrichsen

unter ihnen befindet, so ist er abgesondert zu halten und sehr stark zu

bewachen.«

Bald danach kam wieder Konstanz: »Sieben sind abgereist. Poldringer

allein zurückgeblieben. Er ging zum >Schwarzen Stier< und wird

beobachtet.«

»Es ist gut, danke. Bitte, läuten Sie wieder um sieben Uhr an! In der

Zwischenzeit, wenn Wichtiges vorliegt, an die Kriminalpolizei!«

Dann wollte sich Wenk rüsten, um die Gräfin im Gefängnis abzuholen. Es

war 3 Uhr 30. Er war allein zu Hause. Er telephonierte nach seinem Auto.

Als er es unter den Fenstern rattern hörte, ging er hinaus. Er öffnete

seine Tür.

Da stand ein älterer Mann draußen. Der Herr war gebeugt, hatte einen

buschigen schneeweißen Schnurrbart, feste rote Backen und lichtblaue

Augen.

»Herr von Wenk?« fragte er.

»Bitte!« sagte der Staatsanwalt. »Verübeln Sie mir nicht ... ich habe

einen eiligen amtlichen Ausgang vor.«

»Einen Augenblick nur,« antwortete der andere. »Mein Name ist Hull. Ich

bin der Vater!«

Wenk verbeugte sich und ließ den Herrn herein. Er führte ihn in sein

Arbeitszimmer.

»Herr von Wenk, man hat mir gesagt, Sie führten die Untersuchung. Edgar

war mein einziger Sohn. Ich habe ihn schlecht erzogen. Mein Leben war

meine Arbeit. Meine Fabriken waren groß. Meine Frau starb früh. Es ist

vielen Söhnen unserer Zeit so gegangen.« Er sprach mit einer graden

Stimme, fast rauh. »Das nimmt meine Schuld nicht von mir. Unsere Söhne

waren unser Luxus, unsere Arbeit war unsere Pflicht. Besser, wir hätten

es umgekehrt gehalten. Sein Leben kann ich nicht zurückverlangen. Was

ich von anderer Seite über die näheren Umstände erfahren, genügt mir.

Ich will nicht mehr wissen. Ich habe mir erlaubt, wegen anderm zu

kommen. Mein Sohn bekam zehntausend Mark monatlicher Rente von mir. Ich

habe aus dem ganzen Unglücksfall nur den einzigen Wunsch übrigbehalten,

diese zehntausend Mark monatlich so weiterzugeben, als sei er noch da.

Ich will weitere zehntausend dazu legen. Das Geld soll dienen, etwas zu

schaffen, was die Menschen gut machen hilft. Und was bleibt. Herr von

Wenk, können Sie mir raten?«

Wenk antwortete zögernd: »Ich muß Ihnen ... gestehen ... zuerst ... Herr

Hull, Sie machen mich betroffen!«

Wenk war von der Haltung des Vaters tief erregt. Gebändigte

Menschenkraft, erwürgter Vaterschmerz, unbesiegbare Menschlichkeit ...

alles, was da so unvermutet vor ihn hingetreten war, machte ihn im

ersten Augenblick vor Bewegung und Anteilnahme unsicher. »Ja, ich weiß

nicht ... Herr Hull ... weshalb wenden Sie sich gerade an mich?«

»Das kann ich Ihnen genau sagen, Herr Staatsanwalt. Sie haben die

Pflicht, die Mörder zu vernichten. Ich möchte das, was Sie an Schlechtem

aus unserer Heimat zu entfernen haben, durch etwas Gutes ersetzen. Das

Andenken meines Sohnes soll fruchtbar werden. Von seinem Leben habe ich

nichts gehabt. Sein Tod soll mir nun etwas geben, was ich mit in die

Ewigkeit nehme.« Seine Stimme blieb fest bis zum letzten Wort.

»Sie haben es eilig. Vielleicht ist es gerade dieser Unglücksfall, der

Sie verhindert, mir mehr Zeit zu widmen?«

»Allerdings,« sagte Wenk.

»Kann ich Sie morgen oder an einem andern Tag in Ruhe sprechen? Wenn Sie

frei sind?«

»Ich bin morgen frei, Herr Hull. Kommen Sie, wann Sie wollen. Am besten

vormittags. Sie brauchen sich auf keine Stunde festzulegen. Ich bin

immer zu Hause. Ich danke Ihnen. Wir können zusammen ein Werk schaffen,

glaube ich!«

»Nein, ich habe Ihnen zu danken, daß Sie mir helfen wollen, dies

bescheidene Denkmal zu setzen, damit der Name des Unglücklichen nicht

nur im Blut unter den Menschen bleibt.«

Sie gingen zusammen aus dem Hause.

Wenk fuhr zum Gefängnis. Er kam eine halbe Stunde später, als verabredet

worden war. »Die Frau ist schon lange vor vier Uhr fortgegangen,« sagte

der Direktor.

»So!« machte Wenk enttäuscht. »Was hat sie hinterlassen?«

»Nichts!«

»Und Sie selber wissen auch nichts? Über das Ergebnis? Hat sie Erfolg

gehabt?«

»Ich habe nicht gefragt!«

»Weshalb nicht?« fragte Wenk, durch den Ton gereizt.

»Es stand nicht in meinen Instruktionen, das zu fragen,« antwortete der

Direktor mißlaunig.

»Es handelt sich nicht um Ihre Instruktionen, sondern um den Versuch,

eine der gefährlichsten Verbrecherbanden Deutschlands aufzuspüren. Sie

scheinen das mißzuverstehen. Sie und Ihre Instruktionen sind absolut

nichts in dieser Sache.«

»Um so besser. Wenn ich dann bitten darf, mich nächstens mit solchen

Neuerungen zu verschonen ...«

»Sie scheinen sich in Ihrem Amt nicht mehr wohlzufühlen, Herr Direktor.

Ich werde ein Wort für Sie beim Minister einlegen. Ich empfehle mich!«

Was ist geschehen? fragte sich Wenk. Er war enttäuscht und zornig, als

er zu seinem Auto hinauseilte. Was ist los?

* * * * *

Die Gräfin fuhr um sieben Uhr dieses Tages zum Geheimrat Wendel. Sie kam

in dieselbe Gesellschaft wie das letztemal. Sie sah so wenig von dieser

Gesellschaft, wie sie das letztemal gesehen hatte. Um sie und ihren

Tischnachbar, den Dr. Mabuse, stiegen die Gespräche wie ein Netz von

Tönen, wie eine Laube von Lauten, abschattend alles von draußen. Ihr

Nachbar war schweigsamer an diesem Abend. Aber was er sprach, sagte er

mit einem eindringlichen Zielen auf einen unerkennbaren Punkt.

Die Gräfin stritt die ganze Zeit mit sich, ob sie ihm nicht das Erlebnis

im Gefängnis erzählen sollte ... daß sie mit dieser Frauenseele zusammen

gewesen, die so stark war wie die Erlebnisse und Gestalten seiner Worte,

und noch stärker, da sie in der Entsagung und Frau war und alles nur in

der Abwehr erlebte und erkämpfte. Sie spann sich so ein in diese

Vorstellungen, und das Ereignis ihrer Begegnung mit der Verbrecherin

nahm in der Entfernung so plötzliche Verhältnisse an, daß die Kraft des

Mannes daneben zu verblassen begann. Die Erfüllung der zweiten Begegnung

mit ihm gab nichts von dem, was die Sehnsucht leidenschaftlich erwartet

hatte. Der Mann sank hin vor ihr.

Sie bemerkte, daß, wie er sie am ersten Abend mit den starken Worten

seines Mundes, er sie heute mit dem gewaltsamen und verlangenden, aber

kalten Strahl seiner Augen an sich zog. Diese Augen waren von einem

steinernen Grau. Da bekam sie ein wenig Angst, und aus der Angst heraus

sehnte sie sich nach der Anteilnahme eines Menschen, die sie erwärmen

und ihr Inneres mild beschatten könnte.

Sie blickte zu ihrem Mann hinüber. Der Graf saß neben der Somnambulen.

Er sprach auf sie ein. Es war, als ob seine Worte nur um die ziervollen

Bewegungen seiner Finger spielten. Der Ring beherrschte die Hände. Da

erhob sich aus dem Herzen der bewegten Frau ein ganz fernes Gefühl, das

wie die Lösung eines Fiebers ihr Herz warm überrieselte ... ein Gefühl

edlen, frauenhaften Mitleids. Er ist ein Kind! sagte sie sich. Wenn er

mich nicht hätte, wäre er schutzlos. Wäre er ein Reifen, der die Straßen

hinabrollt, von den Steinen und Unebenheiten des Weges gestoßen und

geführt.

In dies Empfinden drang dann wieder die Glut ihres Erlebnisses mit der

Tänzerin Carozza, hob sie vom Alltag, verwühlte sie, machte sie von

einer heißen, sprühenden Inbrunst und dann wieder eiskühl und fern.

Orgiastisch lief sie hinterher. Es schien ihr dann, sie sei auf der Jagd

nach ihrem Mann, und wenn sie zugreifen wollte, patschte sie mit den

dünnen, weißen Fingern in die Teiche der großen wolkengrauen Augen ihres

Nachbarn.

Mabuse wurde immer schweigsamer. Er aß nichts. Er legte sich auch keinen

Zwang an, seine Schweigsamkeit zu bemänteln. Er gab sich ihr im

Gegenteil mit einer drohenden Eindringlichkeit hin, als habe sich die

ganze Gesellschaft um ihn herumgesetzt, um diese Schweigsamkeit wie die

gottgegebene Tyrannei eines afrikanischen Königs zu erdulden und

anzubeten. Die Menschen aßen nur, um sich zu dieser Anbetung zu stärken.

Nur der Graf Told tänzelte wie auf Steckelbeinen mit zierlicher Komik an

der Somnambulen herum, die schwarzhaarig, mit dicken, bleichen Backen,

fett und fest neben ihm saß und ihre Blicke um ihn in die Gesellschaft

entließ. Da haßte die Gräfin den Mann, der neben ihr saß und schlecht

gelaunt war, während ihr Gatte so gefährlich auf der Scheide des

Lächerlichen hüpfte. Nein, es war nicht Haß. Es war der innere Grimm

zwischen Abwehr und dem Willen zur Hingabe an ein selbststarkes und

selbstsicheres Hirn und Blut.

Die Tafel wurde aufgehoben. Eine Weile stand man plaudernd rundum.

Mabuse hatte sich von seiner Tischnachbarin gelöst und die Gesellschaft

des Grafen Told aufgesucht. Er brachte ihn in ein Gespräch über die

Psychologie des Glücksspiels.

»Ich bin eine Spielernatur eigentlich,« sagte der Graf, »ich bleibe

eiskühl, wenn ich verliere; ich entflamme und werde in der Phantasie

fruchtbar, wenn ich gewinne.«

Mabuse sagte: »Das Glücksspiel ist die älteste Form, die stärkste und

allgemeinste Form, in der der Mensch, dem nicht die Gabe einer

Künstlerschaft gegeben ist, sich Künstler zu fühlen vermag.«

»Interessant,« antwortete der Graf, »führen Sie das, bitte, weiter aus.«

»Weil im Glücksspiel ein jeder Mensch die Erzwingung einer Annäherung

wenigstens an einen Schöpferakt durchsetzen kann. Die Erschaffung durch

das Prinzip, dem sich alles Leben verdankt, speist ihre Macht aus dem

Kräfteparallelogramm von Willen und Zufall. Unter Zufall ist das

Unerwägbare, Unmeßbare, Fremde und zum Erkennen aus sich selbst heraus

Unmögliche zu verstehen. Dies ist auch die seelische Mechanik der

Geschöpfe, denen die Natur einen Teil der Urkraft verliehen hat: der

Künstler! Zwischen den Polen Willen und Zufall läuft ihre Tätigkeit in

einer Art von Trancezustand. Goethe hat das von sich selber gesagt, wenn

er dichtete. Die Synthese des glückenden Spiels ist dieselbe: der Zufall

gibt dem Spieler das Material; es kann winzig und nichtig und es kann

alles beherrschend sein. Den Willen setzt er dann hinein, aus diesem

Zufall ein Werk eigener Schöpfung zu machen.«

»Sie sind auch Dichter, Herr Doktor?«

»Nein, ich bin psychopathologischer Arzt!«

»Das sind ja gerade unsere modernsten Dichter. Denn sie geben der Kunde

des Unbewußten, oder des Unterbewußten vielmehr, die sichtbare Form. Das

Unterbewußte aber, das steht doch heute fest, trägt unser Seelenleben.

Wir spielen nachher Bakkarat, nicht wahr?«

»Gut!«

Die Somnambule sollte ihre Tätigkeit beginnen. Ein Arzt führte sie vor

und setzte sie in den hypnotischen Zustand, in dem sie ihre Wunder der

Erinnerung vollbringen sollte. Sie hatte am ersten Abend, das erzählte

der Graf mit ehrfürchtig flüsternder Stimme Mabuse, Erlebnisse erzählt,

die sich in ihrem Innern während ihrer ersten Gehversuche abgespielt

hatten.

Der Graf fühlte eine Wärme, die unnatürlich seinen Hinterkopf

bestrahlte, während er das sagte. Er drehte sich um. Aber es war nichts

hinter ihm als die Tapetenwand, an der Gemälde hingen, die älterer

Schule waren und ihn gleichgültig ließen.

Die Somnambule gehorchte dem Willen des Suggestors nicht. Sie entglitt

wohl dem Wachsein; aber jeder Zuschauer konnte erkennen, wie allmählich

der Ausdruck ihrer Augen wie aus der Ferne wieder hervorkam, bis er ganz

vorn stand und plötzlich wieder wach aufstrahlte, wach und unwillig.

»Einer quält mich,« sagte sie.

»Niemand quält Sie,« sagte die Stimme des Arztes eintönig und

skandierend. »Man will Sie in die frühen Länder Ihrer Jugend geleiten

... eins ... zwei ... drei ... schlafen Sie ... ein ... eins ... zwei

... Sie schlafen! ...«

Er rieb langsam, kaum berührend mit der Hand über ihre Stirn, immer

wieder ... zählend ... »Drei ... eins ... zwei ... Wie alt sind Sie

jetzt?«

»Ich bin jetzt zehn Monate alt und drei Tage.«

»Was hat morgens die Mutter gemacht, wenn sie Sie aus der Wiege hob?«

»Hat mich losgewickelt und geschmerzt und ... und ...«

Sie seufzte, erwachte rasch: »Es ist jemand da, der soll fort. Wer quält

mich?«

»Es geht heute nicht. Es sind kreuzende Störungen vorhanden, die ich

nicht erkennen und infolgedessen auch nicht abstellen kann,« sagte der

Arzt.

Der Geheimrat trat auf Mabuse zu. »Herr Doktor, wollen Sie nicht einmal

versuchen? Nach den Proben, die ich damals von Ihnen sah, verspreche ich

mir von Ihrem Eintreten eine Behebung der Störungen.«

Mabuse wollte wohl versuchen, sagte er. Aber Erfolg vermöge er nicht zu

versprechen. Er sei lahm im Kopf von einer Erkältung. Er trat aber

sofort einen kleinen Schritt auf das Medium zu. Man sah, daß dieses auf

die unscheinbare Bewegung hin wie ein Eisenteilchen vor einem Magneten

sich anders richtete. Mabuse sagte kein Wort zu ihr. Er überstrich einen

Teil ihres Körpers mit den Augen. Das Mädchen wurde wie mit einem Schlag

blasser, als es war. Ohne daß das Medium auch nur eine Bewegung machte,

ward deutlich zu erkennen, daß in ihr ein Kampf gegen fremdes

Unsichtbares aufging ... daß ein Widerstand rasch erlahmte, daß ihre

Augen fielen ... fielen ...

Dann sagte Mabuse mit hastigen, vergewaltigenden Worten: »Sie liegen in

Tüchern. Sie haben die Arme fest an den Leib gebunden. Sie sind sechs

Monate alt. Es ist Abend. Sie schreien. Weshalb schreien Sie?«

Und aus dem schweren Körper dieses bei offenen Augen schlafenden

Mädchens drang eine piepsende, winzige Stimme: »Im Bauch drückt es!«

»Das ist schlechte Luft. Man gab Ihnen zuviel zu trinken. Wer gab Ihnen

das?«

»Der Leib einer Frau,« sagte das Stimmchen.

»Lieben Sie den Leib?«

Da ward das Mädchen aschfahl, und durch die piepsende Stimme drang ein

schriller, qualvoller und böser Ton: »Nein!«

»Was wollten Sie tun?«

»Ihn mit dem Gaumen zerbeißen!«

»Weshalb?«

Doch ein Zittern brach über die Lippen des Mediums, teilte sich dem

Körper mit, und Mabuse sagte: »Jede Minute länger ist Lebensgefahr. Ich

muß die Sitzung beschließen!«

Er legte das Mädchen auf ein Sofa. Mit beruhigenden Bewegungen erlöste

er es, wusch ihm das Gesicht mit Wein, und als es zu sich gekommen war,

wurde es zu Bett geführt.

Die Unterhaltung stürzte nun über Mabuse. Man fragte, riet, was es sagen

gewollt hatte.

»Das ist ein Märchen gewesen,« sagte Told, »ein Märchen vor dem Tor des

Lebens! Sie sind ein Genie, Herr Doktor. Was wollte es aber sagen, das

es so zittern gemacht hat?«

Eine Dame schob sich heran und fragte. Aber Mabuses Augen suchten die

Gräfin. Sie trat heran. Auch sie fragte.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 27 / 58 题