Bevor sie zur Zelle geführt wurde, fragte sie noch: »Auf wie lange?«

»So lange Sie wollen, Frau Gräfin,« antwortete Wenk. »Immerhin hängt es

von Ihrer Geschicklichkeit ab. Doch selbstverständlich genügt ein Wort,

und Sie sind frei, auch wenn Sie Ihr Ziel nicht erreicht haben.«

Sie sagte: »Zeit habe ich. Nur möchte ich am nächsten Montag zu einer

Veranstaltung mir einen Ausgehtag erbitten.«

»Aber natürlich, das läßt sich sehr gut machen! Ich werde mir erlauben,

Sie abzuholen. Etwas zu berichten werden Sie ja auch dann wohl schon

haben!«

»Übrigens, Herr Doktor,« sagte sie noch, »mein Mann ist auf dem

laufenden. Und gelt, Sie besuchen ihn. Er leidet! Gelt?«

Wenk verbeugte sich.

Ein Wärter übernahm die Gräfin. Sie wandte sich lächelnd nochmals

zurück.

»Gut Glück!« rief Wenk. Dann verschwand sie in dem langen Flur.

* * * * *

Die Gräfin hatte das Haus des Geheimrats Wendel in einem Taumel

verlassen. Der fremde Mann war auf einmal unsichtbar geworden. Aber die

Berührung mit der Kraft seines Geistes hatte sich in sie eingebadet und

verließ sie nicht mehr; diese Kraft, voll Geheimnis, drängte den

Staatsanwalt von ihr zurück.

Es kam ihr vor, da sich die Zellentür vor ihr öffnete, als ginge sie nun

in diese Kammer hinein, in diese fremde, kalte, weltabgeschiedene

Kammer, wie in eine Zeit der Prüfung.

Sie sollte ihn am Montag wiedersehen. »Ich lade zu einem zweiten Abend

meiner Somnambule am nächsten Montag auch Ihren Tischnachbar wieder

ein,« hatte der alte Geheimrat mit seinem gütig-skeptischen, anzüglichen

Lächeln gesagt. »Er hat ja nachzuholen, da er unerwartet fort mußte. Die

Somnambule hat er nicht gesehen, aber die wache Frau Gräfin Told!«

»Wohlan!« hatte sie nur geantwortet, kameradschaftlich, sachlich, nicht

verbergend, aber auch kein Eingeständnis.

Die Zellentür schloß sich hinter ihr. Vor ihr saß eine Gestalt auf einem

Stuhl. Sie drehte sich nicht her. »Nun?« knurrte sie wie ein Hund.

»Guten Tag!« sagte die Gräfin.

Die Carozza wandte sich gemessen um. Erst als sie der Gräfin ihr Gesicht

voll zukehrte, stieß diese einen kleinen Schrei aus, und mit einem gut

gespielten Erstaunen rief sie die Carozza an, indem sie lebhaft zu ihr

trat. »Fräulein, Sie! Wir kennen uns ja! Welch ein Zufall!«

Sie begann gleich zu plaudern, so als bemerkte sie die grimmige Laune

der Carozza nicht. »Denken Sie sich, man hat uns ausgehoben, richtig

ausgehoben! Bei Schramms! Das vornehmste Lokal. Ich sag' Ihnen,

Fräulein, ein Radau war das! Einer piepste, der andere wollte zum

Fenster hinaus, die doch alle zugemauert sind! Sie wissen ja. Einer

setzte sich hin und weinte: >Meine Frau, meine vier Kinder, ich bin

entehrt!< Es war ein Durcheinander wie in einem Taubenhaus. Ich konnte

mich nicht ausweisen, und da haben sie mich mitgenommen! Sagen Sie, was

soll ich tun? Das ist doch nichts Böses, in ein Spiellokal zu gehen! Und

gespielt hab' ich ja auch noch nicht einmal!«

Aber die Carozza schaute sie nur böse an. »Sagen Sie etwas! Was haben

Sie?« bettelte die Gräfin.

»Ich hab' das Bedürfnis, von Ihnen in Ruhe gelassen zu werden. War der

junge Herr mit dem blonden Vollbart auch dabei?«

»Der mit dem Basch, meinen Sie? Nein, der war nicht da. Der ist seitdem

nicht wiedergekommen!«

»Und der alte Professor?«

»Nein, auch nicht!«

»Sie brauchen mir nichts weiter davon zu erzählen,« sagte dann die

Carozza barsch. »Es interessiert mich nicht. Die Welt interessiert mich

nicht. Ich bin unglücklich! Ich bin verraten und verlassen worden.

Nichts anderes interessiert mich mehr. Ich bin verloren. Daß Sie's

wissen! Ihnen sag' ich's! Sie gehören zu uns. Verloren, ganz verloren,

sag' ich Ihnen. Und verraten, daß man sich weniger um mich kümmert als

um eine erfrorene Maus in einer Wiese. Die bösen Hunde! ... Die bösen

Hunde! ...«

Die Carozza sprang von ihrem Schemel und faßte die Gräfin an der

Schulter. »Sie waren mit uns. Ich schüttle es in Sie hinein,« rief sie,

immer ungebärdiger werdend, »daß nie jemand so verraten wurde wie ich.

Und ich hatte es nicht nötig. Ich war eine Künstlerin. Ich war begehrt

und dann so verraten und verlassen! Als sei ich ein räudiger Katzenbalg

in einer Gosse!«

»Weshalb hat er sie verlassen?« fragte die Gräfin. Sie fragte das so

schüchtern. Sie kam sich vor wie ein kleines Mädchen neben dieser großen

wilden Person ... Ja, er hat sie verlassen, dachte sie sich, ja

freilich, verlassen für immer, und ihr grauste dabei. Denn er ist ja

tot. Sie wurde unsicher vor ihrem Unternehmen. »Er ist tot!« sagte sie

leise und schwingend.

»Wer?« rief die Carozza.

»Ihr Freund ... Hull!« zirpte die Gräfin wie ein Insektchen und begehrte

an dem Schmerz des Mädchens teilzunehmen. Der Staatsanwalt begann in

ihrer Phantasie zu unterliegen.

Aber da schrie die andere auf sie ein: »Ach was! Er ist nicht tot! Den

ich meine, der lebt! Und ich sitze hier gefangen! Er steht da draußen in

der Stadt, so groß wie ein Turm, wie ein Fels, sag' ich dir! Du

Rotznas', was weißt du denn, was er war? Alles andere war blödes

Getändel. Untreue ein Nebensächelchen! Hull? Tot? Was ist dümmer,

kleiner, als daß Hull tot ist? Aber der andere, der lebt und lebt frei

da draußen, wo Liebe ist, wo Licht ist, wo Leben ist ... Wo er mich zu

seinen Füßen dulden könnte ... vielleicht ... wie ein Fell, das nur dazu

da ist, seine dicke Zehe warmzuhalten. Das ist der größte Mann, der

besteht. Der wildeste, sag' ich dir! Ein Bär, ein Löwenmännchen, ein

Königstiger aus Bengalen ... hörst du? Nicht aus diesem frostigen Land

... Aus Bengalen, wo das Paradies war. Wo ich nie mehr hinkomm'! Weil

man mich in diesem Loch verfaulen läßt!«

Auf einmal sagte sie ruhig und fest: »Sag', glaubst du, daß es Männer

gibt, die so stark sind, daß ihr Wille diese Mauer da vor mir ... um

mich ... einblasen kann, wenn er weiß, daß ich das so ... so begehre?«

»Draußen gibt es sie nicht. In uns gibt es sie!« antwortete die Gräfin.

Der leidenschaftliche Atem, der sie so plötzlich aus einem

Menschenherzen überfallen hatte, tobte wie ein Sturm in ihr weiter.

Wie erbärmlich war sie, einen Menschen überlisten gewollt zu haben. Sie

kam sich klein vor. Sie warf alle Versprechen und Pläne als etwas

Beschmutzendes ab. Sie erglühte an dieser fremden Person wie ein Faden

an den elektrischen Strömen.

»Ja, in uns gibt es sie!« wiederholte sie.

»Er! ... Er! ...« sang die Carozza mit einem Tonfall aus der

Appassionata.

Und der Gräfin trat der fremde Mann von jenem Abend wie ein

Marmorbildnis aufs Herz. Mitten aufs Herz! Aber es zersprang nicht. Sie

ließ die Gestalt gewähren. Sie kam und ging und kam über sie, wie sie

wollte.

»Liebst du ihn?« fragte sie die Carozza.

Aber die antwortete nur, es wegschiebend wie ein Nichts: »Ach was ...

lieben!«

»Ich liebe ihn nicht!« ereiferte sich die Gräfin, den Bewegungen der

spukhaften großen Gestalt auf ihrem Herzen zu folgen. »Aber er ist doch

alles! Er ist ein Mensch. Aber er ist doch eine Welt für sich. Er liegt

da in solch einer Stadt von kleinen Menschen, kleinen begehrlichen

Häusern und Gassen und ist ein Dschungel und ein Urwald. Mir ist, als

habe er Tiger und Schlangen in sich. Alles was stark ist in der Natur.

Und ganze riesenhafte Bäume und weite, undurchdringliche Schilfwälder!

Weißt du, man kann hineinkriechen! Kommt an kein Ende und ist doch in

ihm!«

Sie schwieg unvermittelt. Sie vermochte nicht in Worten zu sagen, was an

Erscheinungen ihr Blut durchschattete. Denn jener Mann, den sie so über

sich treten ließ, war wie ein Bruder. Nein, ein Vater? Gebunden in der

Wollust einer Stunde, von der kein menschliches Hirn auch nur ein

Atömchen wußte noch sah. In der Stunde, in der zwei Wesen in eins

versanken, um ein neues in die Dunkelheit zu werfen, aus der es fern in

der Zeit wieder als etwas auftauchte, was ein Leben für sich begann und

nur mit schattenhaften Schnüren an jener Stunde hing. Man konnte die

Schnüre zerschneiden, zertreten, auseinanderzerren. Sie blieben

zusammen. Kein anderes Verlangen trug sie zu ihm zurück, als noch einmal

ihre Sinne jenem Bewußtsein noch ungehemmter anheimzugeben, das wie ein

Traum sie bedeckte und sie zugleich von sich stieß.

Die beiden Frauen saßen nebeneinander, die Gräfin auf dem Boden, beide

wie von einer unsichtbaren Faust niedergeschlagen in diese Stellungen

der Zerknirschung, Sehnsucht und Auflösung in dem fremden Blut. Ein

Schweigen lag nach den heftigen, ihrem Innern entrissenen Worten über

ihnen, das grauenvoll das Nichts aus dem Schoß der rinnenden stummen

Zeit heraufflattern ließ. »Sagen Sie etwas!« bat die Gräfin mit

schüchternem Flehen.

»Still, oder ich erwürg' dich ... erwürg' dich!« schrie die Carozza.

Da wich die Gräfin zurück. Sie fühlte sich, ungemessen und grenzenlos,

wie sie bis dahin ihr inneres Leben nach außen zu wenden getrachtet

hatte, der andern unterlegen wie ein Wiesel in den Krallen eines

Steinadlers.

Es wurde Essen hereingeschoben. Keine der beiden sah es. Es wurde

finster. Die Carozza legte sich in den Kleidern auf eine der Pritschen.

Die Gräfin ahmte sie nach und streckte sich in das Stroh der zweiten

Liegestatt. Die Nacht ging über sie. Die Vorstellungen versanken in

einer wehen, ermattenden Schlaflosigkeit wie in einer Kloake.

Einmal mitten in der Finsternis fragte die Carozza streng: »Schläfst

du?«

»Nein!«

»Weshalb bist du hier?«

Da war die Gräfin nicht mehr so kühn, ihre Lüge zu wiederholen. Sie

schwieg kleinmütig.

Die Carozza blieb eine Weile stumm. Dann sagte sie mit Gleichmut: »Du

solltest mich aushorchen! Hab' ich dir etwas gesagt?«

»Ja!«

»Von ihm?«

»Ja!«

»Hab' ich dir seinen Namen genannt?«

»Nein!«

»Das ist gut. Sonst kämst du nicht lebend hier heraus. Aber selbst wenn

ich ihn genannt hätte und du lügst jetzt, so wisse, daß er keinen Namen

hat. Er ist tausend Männer. Er ist ein ganzes Land! Er ist ein ganzer

Erdteil!«

»So wie er!« sagte die Gräfin bei sich. Aber einen Augenblick später

wußte sie nicht, ob sie das nicht laut gesprochen hätte.

»Wann gehst du wieder fort?«

»Wann du willst!«

»Dann geh gleich! Geh, sag' alles, was ich gesprochen hab'!«

»Nein!« antwortete die Gräfin störrisch.

»Weshalb sagst du es nicht? Wenn du doch deshalb hergekommen bist?«

»Es ist jetzt anders!«

»Nichts ist anders,« begehrte die Carozza wieder auf. »Es ist alles, wie

es ist. Wie es war. Wie es sein wird! Er draußen in tausend Freiheiten!

Ich hier ein Aas, das schon halb unter einem Rasenstück liegt. Sag' mir

alles!«

»Nein, ich sag' nichts!«

»Weshalb, du ... du Luder?« fuhr sie die Carozza aufschreiend an.

»Weil Sie ihn so lieben!«

Da ward die Carozza still. Aber einige Blutschläge später warf sie sich

hin und begann wild zu weinen und zu schluchzen.

Die Gräfin blieb liegen. Sie spürte, wie eine Seele, entblößt, mit

Tatzen, von denen Haut und Fell abgezogen waren, über ihrem Herzen lag

und es gefangen hielt. Sie spürte ihr eigenes Blut über das Herz unter

der Tatze rieseln und sich mit dem der Tatze vermengen.

Die Tatze ward ihre Schwester. Nun hatte sie Blutsbrüderschaft mit der

Mörderin drüben an der andern Wand. Aber keine von den beiden wußte, daß

es derselbe Mann war, der in der Gefängnisnacht ihre Pulse vereinigte.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 26 / 58 题