Er hörte nochmals: »Georch!«

»Kannten Sie ihn auch?« fragte er eine Frau.

»Ja natürlich, den Georch!«

»War das sein Familienname?«

»Das weiß ich nicht!«

Das wußte niemand.

»Von wem wurde er denn so genannt?«

»Von den Burschen, die immer zu ihm kamen!«

»Also Georg hieß er,« prüfte Wenk, um ganz sicher zu sein.

»Nein, Georch wurde er genannt,« sagte einer.

»Hat er lange da gewohnt?«

Das wußte genau niemand. Einige meinten, ein Jahr wohl. Aber er war fast

nie zu Hause.

Er ließ sich den Mann beschreiben. Da geschah etwas Merkwürdiges. Schon

über die Haarfarbe begannen die Leute zu streiten. Der eine gab ihm

blaue Augen, der andere dunkle. Er war ein bißchen lang und mager und

gekleidet wie ein Matrose. Er sah auch ein wenig aus wie ein Athlet.

»Was war er denn? Was machte er?«

»Geschäftsreisender soll er gewesen sein!«

Es war sonderbar, dieser Georch war nicht in dem Haus angemeldet. Auf

Wenks Liste stand er nicht.

Wenk fuhr ins Meldeamt und stellte dort mit Hilfe des Vorstehers fest,

daß ein Bewohner des Hauses Georg Hinrichsen geheißen habe, gebürtig aus

der Elbegegend. Daß er aber die Wohnung vor vier Wochen verlassen und

sich nach Ravensburg abgemeldet habe. Die Wohnung war dann von einem

Geschäftsreisenden bezogen worden, der sich Poldringer nannte.

Es war Wenk klar, daß Hinrichsen und der Geschäftsreisende dieselbe

Person waren. Vier Wochen waren es her, daß Hull die Unterhaltung mit

Wenk gehabt hatte. Und Hinrichsen und Poldringer waren dieselbe

Persönlichkeit und auch der Mörder oder wenigstens der Anführer der

Mörder Hulls. Denn die Carozza hatte nach ihm um Hilfe gerufen.

Vielleicht stimmte die Richtung der Abreise Hinrichsens wenigstens. Der

Bodensee lag in der Nähe von Ravensburg. Die Schweiz war erreichbar.

Wenk telegraphierte nach den Hauptorten am Bodensee, insbesondere an die

Paßstellen.

Einige Stunden später rief Konstanz die Polizeidirektion an, ein Mann

namens Poldringer habe sich hier angemeldet. Als Staatsangehörigkeit

habe er Bayern angegeben, was dem Meldebeamten aufgefallen sei, weil der

Mann einen ganz ausgesprochenen norddeutschen Dialekt redete. Die

Polizei habe ihn deshalb beobachtet. Sie habe dabei festgestellt, daß er

in den Kreisen der Leute verkehre, die im Verdacht stehen, Waren über

die Schweizer Grenze zu schieben und zu schmuggeln. Er fahre öfter mit

dem Lindauer Dampfboot. »Erwarten Sie mich bitte noch heute in

Konstanz,« sagte Wenk zurück. »Schluß!«

Wenk machte sich gleich reisefertig. Er konnte vor der Nacht noch in

Konstanz sein, wenn der kleine Schnellflieger seines Freundes, der ihm

stets zur Verfügung stand, flugbereit war. Er telephonierte ihm.

Ja, das Flugzeug war bereit.

Um vier Uhr flog Wenk ab. Mit der niedergehenden Dunkelheit landete er

auf dem Petershausener Flugplatz bei Konstanz.

Die Polizei bezeichnete ihm die Lokale, in denen die Leute verkehrten.

Er kleidete sich um und ging als Chauffeur in eine dieser Wirtschaften,

um dort zu Nacht zu essen. Er redete jemanden, den er für geeignet

hielt, an. Er habe zwei Autos an der Hand, sagte er, und könne sich auch

eine Art von Ausfuhrbewilligung verschaffen, wenn die allerdings nicht

so genau angesehen werde. Aber wenn er einen oder besser zwei

kouragierte Männer mithätte, so ginge es. Es seien einige Zehntausende

zu verdienen. Denn die Autos seien noch vom Herbst 1918 gekauft und so

lange verborgen gehalten worden. Es seien Prachtwagen von zwei

Generälen.

Der andere überlegte nicht lang. Er werde es einem Freund sagen. Zu

dreien könnten sie die Sache machen.

Sie gingen später in ein anderes Haus. Da käme der Freund hin. Sie saßen

lange da. Aber er kam nicht. »Wie heißt er?« fragte Wenk. »Vielleicht

kenne ich ihn?«

»Er nannte sich Ball. Aber vielleicht hieß er früher anders. Wir haben

hier alle ein bißchen andere Namen ... hi-hi, du verstehst!«

»Ich verstehe,« sagte Wenk.

Da wurde er blaß. Denn es kam ein Mann herein, in dem er den Chauffeur

zu erkennen glaubte, der ihn im Gasauto nach Schleißheim geführt hatte.

Es war alles auf dem Spiel. Wenks Maskierung war mangelhaft. Wenn nun

der andere vielleicht der erwartete Ball wäre! Und er käme zu ihnen an

den Tisch! Dann wäre es wahrscheinlich, daß er Wenk erkenne, und alles

wäre aus.

Wenk wandte alle Kraft an, sich zu beherrschen, und versuchte durch

Anziehen der Gesichtsmuskeln seine Züge zu entstellen. Er hatte sowieso

von vornherein die Vorsicht gehabt, sich aus dem grellen Licht heraus in

eine dunklere Ecke zu setzen.

Der andere ließ sich jedoch entfernt von ihm an einem großen Tisch

nieder, an dem bereits eine Schar von jungen Burschen saß. Er kehrte

Wenk wohl den Rücken, aber der Staatsanwalt wollte es nicht weiter wagen

und verabredete auf morgen abend eine neue Zusammenkunft. Er ging rasch

durch die Hintertür hinaus.

Er ging zur Polizei, sagte, wo er gewesen, und beschrieb den

verdächtigen Mann. Der Kommissar holte einen Beamten. Der sagte, nach

der Beschreibung scheine das der Poldringer zu sein.

»Können Sie mir Gewißheit darüber verschaffen? Noch in der Nacht? Nur

bitte ich Sie vorsichtig zu sein, denn dieser Mann ist mit allen Wassern

gewaschen!« drängte und mahnte Wenk.

Dann gehe er lieber nicht hin, antwortete der Beamte. Die Stadt sei

klein und alle Angestellten der Polizei, selbst die, die nur in Zivil

ausgehen, den Schiebern bekannt. Sein plötzliches Erscheinen könne Alarm

geben.

»Ich muß mich dann gedulden. Sie wissen, wo er wohnt?«

»Ja!«

»So führen Sie mich gleich hin!«

Der Polizist brachte Wenk in eine Gasse, in der sich ein alter,

schmutziger Gasthof befand, der sich nach hinten in viele Höfe

verschachtelte. Wenk sah gleich, hier war ein Überfall schwer ohne

großes Aufgebot an Mannschaften. Ein solches Aufgebot aber war in einer

kleinen Stadt nicht rasch und geheim genug zu machen.

Gegenüber war das Lager einer Eisenhandlung. In diesem Lager verbrachte

Wenk zusammen mit einem der Beamten, die Poldringer kannten, den

nächsten Vormittag, hinter einem verstaubten Fenster verborgen.

Als um elf Uhr der Mann aus dem Gasthof kam, den Wenk für den Chauffeur

des blondbärtigen Spielers hielt, stieß ihn der Beamte an und raunte ihm

zu: »Das ist er, der Poldringer!«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 24 / 58 题