Um vier Uhr kam von Frankfurt ein telephonisches Gespräch: »Georg
Strümpfli, Artist, geboren 1885 in Basel, hat an der mitgeteilten
Adresse gewohnt vom 1. Januar bis 10. Dezember des vergangenen Jahres.
Verzogen nach dem Ausland. Aufenthaltsort unbekannt. Eingetragen als
verheiratet. Nationalität Schweizer.«
Vom Einwohneramt wurde Wenk berichtet, die Carozza sei unter folgenden
Angaben angemeldet: »Maria Strümpfli, geb. Essert, genannt Cara Carozza,
Tänzerin, geboren in Brünn am 1. Mai 1892. Nach München verzogen von
Kopenhagen.«
Wenk sann nach, woher die Aussprache Georch für Georg kommen könne.
Beide waren süddeutscher Sprache. Georch sagte man in Norddeutschland.
Wenk suchte die Carozza nochmals auf. Sie war jetzt im Gefängnis. »Ich
will nichts von Ihnen wissen,« sagte sie schroff zu Wenk. »Sie wollen
mir helfen und bringen mich ins Gefängnis.«
»Nicht ich! Das ist ein Irrtum. Der Untersuchungsrichter, wie ich Ihnen
gleich sagte. Ich komme auch nur, um Sie über etwas aufzuklären. Was
Ihnen die ganze Schwierigkeit bereitet, ist der Name, den Sie gerufen
haben. Darüber streitet man jetzt.«
»So. Sie scheinen Sorgen zu haben beim Gericht.«
»Ha, das haben wir allerdings. Wenn Sie bereit wären, sie zu zerstreuen,
könnten Sie uns und sich helfen. Sie sagten, Ihr Mann heiße ... Karl,
nicht wahr, Karl Strümpfli?«
»Und wenn Sie es nochmals vergessen, er heißt Georg!«
»Er ist Schweizer?«
»Sie haben sich erkundigt, wie ich merke.«
»Gewiß. Also, er heißt Georg. Sagen Sie, es ist in Ihren Augen
vielleicht eine dumme Frage: hatten Sie einen besonderen Namen für ihn?«
»Nein!«
»Nannten Sie ihn nie anders als ...?«
»Nein, nur Georg! Wann kann ich hier fort?«
»Das hängt vom Untersuchungsrichter ab.«
»So soll der Herr endlich kommen. Es ist unwürdig für eine angesehene
Künstlerin wie mich ...«
»Das hat leider alles seinen vorgeschriebenen Gang. Ohne Anbetracht der
Persönlichkeit, wie die Formel lautet. Mehr als meine Hilfe kann ich
Ihnen nicht versprechen.«
»Sie gehen wieder? Ohne mich?«
»Mehr kann ich vorerst nicht tun,« sagte Wenk.
Die Carozza wandte sich ab.
Wenk begab sich an den Tatort. Er hatte zu Hause die Einwohnerlisten der
Häuser durchstudiert, die an die Stelle stießen, an der der Überfall
vorgekommen war. Besonders genau die Finkenstraße. Er nahm zwei
Geheimpolizisten mit, darunter den Beamten, der die Täter bis an die
Mauer verfolgt hatte.
Er untersuchte die Mauer bei Tageslicht. Sie zeigte Kratzspuren von
Schuhspitzen, und ganz oben war ein Blutfleck. Es mochte sein, daß einer
hochgehoben wurde, der dort erst die Mauer mit den Händen berührte. Aus
dem Fleck leuchtete das Blut des ermordeten Hull in den prallen
Februartag.
Wenk ging in die Häuser. Mehrere führten, wie er sah, nach hinten auf
den Park. Er sprach mit jedem einzelnen der Bewohner dieser Häuser.
Einige hatten Lärm in der Nacht gehört. Aber sie hatten sich nicht darum
gekümmert, weil es das jetzt immer gab.
»Und in den Häusern selber?« fragte Wenk. »Haben Sie da nichts gehört?«
»Nein, da hatte niemand etwas gehört.«
Wenk ging auf die andere Seite der Mauer in den Park. Es war nichts zu
sehen als an einer Stelle Spuren von vielen Füßen. Da waren sie
scheinbar abgesprungen. Man sah das an den Eindrücken, die ziemlich tief
waren. Aber die Spuren waren mit einer Hacke verwischt, und es war
Karbol darüber gegossen worden. Ein Blechgefäß lag da, das, wie der
Geruch verriet, das Karbol enthalten hatte.
Diese Vorsicht war zweifellos gegen die Polizeihunde gerichtet. Das
Karbol mochte vorher hingestellt worden sein. Aber ganz verstand er es
nicht.
Er wollte es trotzdem versuchen und ließ einen der Hunde holen. Der Hund
nahm die Fährte in der Jägerstraße auf, rannte an die Mauer und sprang
an ihr hoch. Als man ihn aber an die andere Seite hob, ging er nicht
weiter. Er wandte die Nase entsetzt von dem Karbolgeruch ab, lief die
Mauer entlang und wieder zurück und wieder entlang, immer in derselben
Richtung, aber immer unentschlossen. Er versuchte hochzuspringen.
Wenk ließ ihn wieder hinüberheben. Aber wie der Hund auf dem Scheitel
der Mauer abgesetzt wurde, um von dem jenseits aufgestellten Beamten
herübergehoben zu werden, entriß er sich der haltenden Hand und rannte
ungebärdig bellend oben auf der Mauer davon. Er lief nicht weit. Er
blieb an einer Mauerstelle stehen und bellte in den Hof eines Hauses
hinab, tief den Kopf bückend, und versuchte hinabzuspringen.
Auf einmal war er unten und lief auf das Haus zu, blieb dann aber an der
Hauswand stehen.
Diese Hauswand untersuchte Wenk genau. Er fand verkratzte Stellen an
ihr, die in regelmäßigen Abständen nach oben gingen. Hier waren Leute
zweifellos mit einer Strickleiter emporgeklettert. Die Spuren führten an
ein Fenster im ersten Stockwerk.
Die Wohnung, zu der das Fenster gehörte, war leer. Er fragte im Haus,
seit wann sie nicht mehr bewohnt sei?
Da waren alle erstaunt; denn sie glaubten, sie sei bewohnt. Einer sagte:
»Da wohnt doch der Georch drin!«
Wenks Herz machte einen heftigen Schlag.
»Wer?« fragte er rasch. »Wie hieß er?«