Da machte er ungeheuer aufgeregt: »Mein Herr, ein Polizist!«

Aber er öffnete trotzdem. Wenk trat hinaus. Der Polizist grüßte ihn.

Wenk sah, daß der Beamte lachte. Der Diener in der Tür lachte auch. Der

Polizist war vom Haus »Fort« hingestellt worden. Wenn ein wirklicher

Polizist in die Straße wollte, erklärte der Hausdiener rasch dem

Davongehenden, sah er, daß sie schon bewacht war, und ging.

Wenk schritt rasch auf die Stelle zu, wohin er sein Auto bestellt hatte.

Er war entschlossen, dies Haus schließen zu lassen. Nur wollte er

verhindern, daß das Eingreifen der Polizei durch die Zeitungen bekannt

gemacht wurde und die Feder eines Reporters der armen Phantasie der

Leser mit der ganzen Dummheit einheizte, als seien im Geheimen der Stadt

weiß Gott was für raffinierte Lasterhöhlen.

Er überlegte während der Fahrt die Formulierung der Anzeige. Möglichst

ohne Bezeichnung des Sachverhalts. Kurz etwa: Grober Unfug, Irreführung

des Publikums, schwindelhafte Vorspiegelungen oder so ähnlich.

Er arbeitete lebhaft, versenkte sich immer tiefer in den Kampf mit dem

Haus »Fort« und hielt, noch im Auto, ein Plaidoyer als Staatsanwalt, das

mit allen geschickten Kniffen, mit scharfen geistigen Schnitten der

Öffentlichkeit diese Beule wegnahm, ohne daß sie merkte, was es

eigentlich war.

Bevor er einschlief, dachte er auf einmal, scheinbar ohne Zusammenhang

mit seinen Vorstellungen, an Hull. Hull war ihm in einer plötzlichen

Erleuchtung wie ein Symbol des jungen Mannes der Zeit. Verbunden mit

einem aufgedonnerten Nichts von einem Weib, das sich auf einer Bühne mit

Talent zur Schau stellte. Elegant gekleidet, ohne elegant zu sein.

Ruhelos den nervenauftreibenden Nächten ergeben und in einem Leben

zwischen Spieltisch, Nachtlokal und Tänzerinnenbett Erfüllung suchend,

wo es ihm gar nicht so ums Herz war und er mit mehr Genugtuung und

Selbstverständlichkeit einen Gutshof geführt oder ein angesehenes,

ruhiges Amt verwaltet und dazu gesetzliche Kinder gezeugt hätte, wenn er

nur den Dreh gefunden ...

Sie spielten alle so Kraftmenschen auf ihren Nerven und Sinnen und waren

Bürger, zur Behäbigkeit neigend, denen Sinne mehr Qual als Lebensziel

waren und die Nerven in kleinen, dünnen Bündeln sich zwischen arme Adern

verbargen, zu schwach selbst, dem Leben diesen ruhigen Gang abzuringen,

für den es von Haus aus bei ihnen bestimmt war ... diese

Renaissance-Menschen zwischen Mitternacht und Morgenfrühe!

Er telephonierte dann noch an die Polizei die Adresse des Spielhauses.

Der Beamte, der Herrn Hull zu überwachen hätte, sollte sich gleich

hinbegeben, aber nichts anderes tun, was er auch sähe, als den Herrn im

Auge behalten, sobald der das Haus verließe.

* * * * *

Aber mitten in den festen Schlaf hämmerte das Telephon am Bett. Es war

zwei Stunden nach Wenks Heimkehr. Er war gleich ganz wach. »Hier

Staatsanwalt Wenk!« rief er, und er wußte, von einem Zusammenhang

gepackt, der jenseits seiner klaren Vorstellungen auftrat, aber mit den

Gedanken einig ging, unter denen er eingeschlafen war, daß dieses

Gespräch, das in dem kleinen schwarzen Kasten auf seinem Nachttisch dort

vor ihm seiner wartete, sich um Hull drehte ... in irgendeiner

verhängnisvollen Weise Hull aus der tiefen Nacht der Stadt geheimnisvoll

und gewaltsam hervorzerrte.

»Hier Staatsanwalt Wenk!« rief er nochmals und war erregt durch seinen

ganzen Körper.

»Ja!« antwortete eine Stimme, »hier der diensttuende Polizeikommissar!«

»Rasch!« sagte Wenk. Seine Phantasie durchfieberte ihm die Nerven. Was

lauerte? Was lauerte?

Die Stimme jenseits des Drahts überstürzte sich: »Der Herr namens Edgar

Hull, der unter dem Schutz der Polizei stand ... der ist diese Nacht

ermordet worden. Auf der offenen Straße! Um zwei Uhr etwa. Ein anderer

Herr namens Karstens schwer verwundet. Der Beamte, der den Ermordeten zu

überwachen hatte, ist ebenfalls verwundet. Beide sind ins Krankenhaus

transportiert worden. Eine Dame, die bei den Herren war, ist auf

Veranlassung des verwundeten Beamten verhaftet worden. Den Ermordeten

habe ich am Tatort liegen zu lassen befohlen, bis der Herr Staatsanwalt

persönlich erscheint. Das Dienstauto ist unterwegs zum Herrn

Staatsanwalt. Schluß!«

»Schluß!« zitterte Wenks Stimme nach.

Er hastete in seine Kleider. Das Auto hupte schon herauf. Wenk stürzte

durch den dunklen Treppengang hinab, vergaß Licht zu machen. Dann, als

er das Auto in der finsteren Straße hörte, seine Umrisse sah, biß er die

Kiefer aufeinander und erkannte die Notwendigkeit, nun mit festem Gemüt

diesen Tod hinzunehmen, an dem er beteiligt war, und seiner Pflicht

nachzugehen über die Blutlache in der nächtlichen Straße hinweg, sich

ganz einsetzend, um ganz handeln zu können.

In der Fahrt zwang etwas ihn immer wieder, sich selber zu bespiegeln:

Ich hätte nicht zittern sollen, als die Nachricht mich traf. Ich muß es

so weit bringen, daß ich meinen eignen Tod ohne zurückzuschrecken

hinnehmen könnte. Ich muß mich weiter erziehen. Ich muß alle Liebhaberei

zu Lebensziel erstarken lassen. Dann erst kann ich meinen Plänen

gewachsen sein.

... Hulls Leiche lag im Finstern.

Vier Umrisse von schwarzen Männern umstanden sie und traten zurück, als

der Staatsanwalt dem Auto entstieg. Wenk bat sie -- es waren Polizisten

--, die Zugänge zu der Straße zu bewachen und niemanden an den Tatort

herangelangen zu lassen. Dieser lag in den finstern Straßenbiegungen

hinter dem Wittelsbacher Palast. In den Häusern zeigte sich kein Mensch.

Ein Beamter sagte, Privatpersonen seien seit der Tat nicht

vorbeigekommen.

Es war drei Uhr früh.

Mit einer elektrischen Lampe leuchtete Wenk die Leiche ab. Sie hatte

einen tiefen Stich vom Hals bis in den Rücken. Sie lag mit dem Gesicht

auf der Erde. So hatten die Polizisten sie gefunden, als ihr Kollege

blutend, die Augen von Pfeffer erblindet, sie herbeigepfiffen hatte. Die

Leiche war starr und wie ein gebogener Baumstamm aufgekrampft. Das Blut,

das den Wunden entflossen, glänzte im Licht wie schwarzer Marmor.

Wenk war durchzuckt von grausigen Vorstellungen, die er zu besiegen

trachtete. Er versuchte sich den Ort einzuprägen, die Lage der Leiche,

die Hausnummern schrieb er sich auf. Versuchte, ob alle Türen und

Fenster in der Nähe geschlossen waren. Ob Fußspuren zu sehen waren. Ob

nicht Gegenstände herumlagen oder weiter in der Gasse zu finden waren

... Nichts!

Die Täter seien in den Park des Palastes geflüchtet, hatte einer der

Beamten gesagt, und darin wie mit einem Schlag verschwunden.

Wenk suchte die Mauern ab. Es war nichts zu bemerken.

Ein Beamter ging ein Auto holen zur Fortschaffung der Leiche. »Bitte

niemanden in die Straße lassen! Jeden, der herein will, zur Wache

führen. Seien Sie höflich mit den Leuten, nicht wahr?« ordnete Wenk an.

Er fuhr ins Krankenhaus, wo die Verwundeten lagen.

Karstens war bewußtlos. Der Arzt berichtete, er habe einen schweren

Stich mit einem schmalen, scheinbar vierkantigen Dolch im Rücken, und

von einem Schlag mit einem stumpfen Gegenstand sei ihm aller

Wahrscheinlichkeit nach die Schädeldecke eingeschlagen. Der Beamte war

weniger schwer verwundet. Die Stichwaffe hatte ihm mehrere Fleischwunden

verursacht. Schulter und Oberarm waren ihm verbunden. Aber er konnte

noch kaum die Augen öffnen.

Er erzählte:

»Etwas vor zwei Uhr kam der Ermordete mit einem andern Herrn und einer

Dame aus dem Haus, das mir bezeichnet worden war. Vor dem Haus hat ein

Polizeibeamter gestanden. Das kam mir auffällig vor. Ich fragte mich:

Weshalb steht der Polizeibeamte da, statt herumzugehen? Ich sah ihn

wenigstens eine Stunde so stehen. Dann wollte ich ihn anreden. Ich ging

auf ihn zu. Er sagte mir barsch: >Was wollen Sie? Gehen Sie weiter!< und

rückte mir bedrohend entgegen. Ich wollte ihm meine Erkennungsmarke

zeigen. In diesem Augenblick aber öffnete sich die Tür, und ich sah, daß

einer herauskam, in dem ich trotz der Finsternis gleich Herrn Hull

erkannte. Der Polizist drängte mich weg. Ich wollte zuerst kein Aufsehen

machen und ließ mich abdrängen. Ich sah, daß mit Herrn Hull noch die

Dame und ein anderer Herr war.

»Sie gingen rasch in der Richtung der Ludwigstraße davon. Ich war mit

dem Polizisten etwa drei Häuser in der entgegengesetzten Richtung. Da

wandte er sich zum Haus zurück und sagte mir: >Nun gehen Sie im Guten!<

Ich kümmerte mich nun nicht weiter um ihn und folgte in einem Abstand,

der ziemlich groß war, den drei Herrschaften. Sie bogen aus der

Türkenstraße in die Gabelsbergerstraße ein und verschwanden mir.

»Ich eilte nach und sah sie nicht mehr. Sie konnten aber höchstens bis

zur Jägerstraße gekommen sein. Da lief ich. Ich lief in die Jägerstraße

hinein. Plötzlich hörte ich Schreie. Sie waren ganz unterdrückt und

spitz. Ich wußte vom Feld her, daß so Menschen schreien, die im

Todesschrecken sind. Ich begann gleich, bevor ich noch jemanden sah, in

meine Signalpfeife zu blasen und lief, was ich konnte, in die Gasse

hinein. Zugleich zog ich meinen Revolver.

»Ich kam aber nicht weit. Auf einmal ward ich von hinten umfaßt. Meine

Augen brannten mich furchtbar. Ich spürte einen Stich in der Schulter.

Ich wollte meinen Revolver abdrücken, aber ich hatte ihn nicht mehr in

der Hand. Mein Arm war mir ganz lahm. Da dachte ich, es sei am besten,

ich werfe mich nieder und tue so, als ob ich tot sei. Das hatte unser

Herr Major uns im Feld so angeraten. Da lag ich dann, und einer saß auf

mir und hieb mit etwas auf mich ein, indem er mir den Mund zuhielt.

Vielleicht waren es auch zwei. Ich sah es nicht, denn ich schloß die

Augen. Sie müssen aus einer Haustür auf mich losgestürzt sein. Ich war

dann halb betäubt.

»Wie es weiterging, weiß ich nicht mehr genau. Ich hörte nur Schritte

laufen. Ich wurde aufgehoben. Es war ein Kollege. Ich sagte ihm rasch

alles, was ich erlebt hatte. Da lief er weiter in die Gasse. Ein zweiter

kam angelaufen. >Polizei?< fragte ich ihm laut entgegen. >Ja!< rief er

zurück, >was ist los?< -- >Lauf um die Ecke, rasch!< rief ich.

»Ich zwang mich aufzustehen und fühlte, daß ich nicht so schwer

verwundet sein konnte. Nur die Augen vermochte ich nicht zu öffnen. Sie

hatten mir Pfeffer hineingerieben. Ich tastete mich um die Ecke. Ich

konnte aber gar nichts sehen.

»Der Lärm führte mich zum Tatort. Ich hörte, wie einer sprach und eine

Frauenstimme antwortete. >Was ist?< fragte ich. Da sagte die Stimme:

>Der eine hat gesagt, wir sollten das Frauenzimmer verhaften.<

»>Wer sind Sie, Frau?< fragte ich.

»Da antwortete die Frauenstimme:

»>Ich bin Künstlerin. Ich bin die Freundin von Herrn Hull. Was will man

mit mir?<

»Ich sagte: >Wenn der Herr das gesagt hat, so verhafte sie!<

»Sie wehrte sich. Sie sagte: >Ich wünsche sofort den Herrn Staatsanwalt

von Wenk zu sprechen.<

»>Später!< sagte der Beamte.

»Da wollte sie fortlaufen. Aber das ging alles viel mehr durcheinander,

als ich es so erzählen kann. Dann mußte der Kollege sie fesseln, so

wehrte sie sich, und da hörte ich, wie sie >Georch!< rief.

»>Verhaftet sie! Verhaftet sie!< rief ich da.

»Weiter weiß ich nichts mehr. Ich verlor dann das Bewußtsein und bin

erst im Krankenwagen wieder zu mir gekommen. Ich bin schwer verwundet.

Herr Staatsanwalt, sagen Sie mir die Wahrheit: Muß ich sterben?«

Da lachte ihn der Arzt aus.

»Der Herr Staatsanwalt soll es mir selber sagen. Dem Doktor ist es Beruf

zu sagen, daß man nicht stirbt.«

»Aber, Herr Boß, wie können Sie auch nur ans Sterben denken«, sagte

ebenfalls lachend der Staatsanwalt. »Sie haben einige heftige

Fleischwunden und Beulen. Damit stirbt ein Mann wie Sie nicht!«

»Herr Staatsanwalt, ich hab' meine Pflicht getan!« sagte der Verwundete.

Seine Stimme begann zu zittern, dann löste sich die verballte Spannung,

und er weinte tief und ruhig.

»Mehr weiß ... ich nicht ... Ich hab' ... meine Pflicht ... getan!«

»Das brauchen Sie nicht zu versichern,« sagte ihm Wenk, »wer seine Haut

dransetzt, tut immer seine Pflicht. Wertvolleres als das kann niemand

dran wagen! Aber, Herr Boß, nicht wahr, eines versprechen Sie mir gegen

Handschlag: Es wird nichts von dem, was Sie heute nacht erlebt oder

gesehen haben, weitererzählt ... Herr Doktor, auch Sie bitte ich darum.

Es steht viel auf dem Spiel, und zwar für die Allgemeinheit. Ich lege es

Ihnen sehr, sehr ans Herz! Es handelt sich nicht um ein Verbrechen,

sondern um eine Verbrechergeneration.«

Von dem Beamten, der zuerst an Ort und Stelle war, ließ sich Wenk

erzählen, daß er einige Gestalten noch an der Mauer des Parks gesehen

habe. Die Finsternis verhinderte, ihre Zahl festzustellen. Er konnte sie

auch nicht beschreiben. Er ward aufgehalten durch den einen Herrn, der

versuchte sich aufzurichten und sich an seinem Beinkleid anhielt, und

der ein paarmal sagte: »Frau verhaften ... Frau verhaften ...«

»Dann erst fiel er hin und ließ mich los,« erzählte der Beamte weiter.

»Ich konnte nun erst den Schritten nachlaufen und sah die Gestalten an

der Parkmauer. Aber als ich am Fuß der Mauer war, war nichts mehr von

ihnen da. Die Täter müssen sich gegenseitig auf die Mauer hinaufgeholfen

haben. Ich wollte ihnen gleich nach, kam aber nicht hinauf, denn es war

viel zu hoch. Da ging ich zurück zum Tatort.«

»Und die Frau?« fragte Wenk. »Was geschah dann mit der?«

»Ich hatte den Eindruck ...«

»Nein, Herr Stamm, nicht Ihren Eindruck will ich kennenlernen, sondern

nur, was Sie mit Ihren Augen gesehen und mit Ihren Ohren gehört haben.

Seien Sie darin sehr gewissenhaft, nicht wahr?«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Als ich zurückkam, hielt ein Kollege die

Frau fest. Ich rief ihm zu: >Verhafte sie! Der Herr dort hat es gesagt.

Verhafte sie auf alle Fälle. Halt sie fest! Laß sie nicht fort!< Wir

waren alle ein wenig aufgeregt. Sie rief, sie wolle den Herrn

Staatsanwalt von Wenk sprechen. Sie wollte sich nicht verhaften lassen.

Sie setzte uns Widerstand entgegen. Da haben wir ihr die Hände

zusammengebunden. Wir waren zu zweit und mußten dem überfallenen und

verwundeten Kollegen helfen. Wir wußten noch gar nicht, was los war.

Dann erst hatten wir ...«

»Wir? Erzählen Sie nur, was Sie gesehen haben ...«

»Dann erst suchte ich zu erkennen, was geschehen war. Einer lag im Blut

am Boden. Er schien tot zu sein; denn er war ganz starr. Der andere

stöhnte. Nun kam ein dritter Polizist. Wir schickten ihn zum Telephon

wegen des Sanitätswagens und wegen Benachrichtigung der Kriminalpolizei

und des Herrn Staatsanwalts. Darum hatte der Kollege Boß gebeten. Wir

sollten das zuerst tun, hatte er gesagt.«

»Was tat die Frau in dieser Zeit?«

»Der zweite Kollege ging mit ihr zur Wache!«

»Unterbrechen Sie Ihre Erzählung, Herr Stamm, bis ich mit diesem

gesprochen habe. Wie heißt er? Halten Sie sich weiter bereit, nicht

wahr? Und kein Wort über den Vorfall außeramtlich erzählen, auch nicht

Ihrer Frau. Sie geben mir Ihr Ehrenwort!«

»Jawohl, Herr Staatsanwalt. Der Kollege heißt Wasserschmidt.«

Wasserschmidt kam. »Sie haben eine Frau in der Nacht verhaftet, die bei

dem Überfall auf die beiden Herren dabei war?« fragte Wenk. »Weshalb

taten Sie das?«

»Weil Polizist Stamm sagte, der eine der Überfallenen habe es ihm

zugerufen, bevor er ohnmächtig wurde. Und auch der Kollege Boß hat mich

dazu aufgefordert.«

In diesem Augenblick ging das Telephon des Amtszimmers in der

Kriminalpolizei, in der Wenk diese Berichte entgegennahm. Wenk nahm den

Horcher. »Bitte?« fragte er.

»Hier Nachtredaktion der Anzeigen! Es wird uns soeben von einem Mord

berichtet ...«

»Einen Augenblick,« rief Wenk aufgeregt zurück. »Wer hat Ihnen das

berichtet?«

»Ich kann Ihnen das sagen, ohne das Redaktionsgeheimnis zu verletzen,

denn es geschah sozusagen anonym. Es klingelte an der Nachtglocke. Ich

ging ans Fenster und sah einen Mann sich entfernen. Er rief herauf, als

ich öffnete, und fragte, was denn los sei ... >Im Briefkasten!< Da ging

ich hinunter, und es lag ein Brief im Kasten. Da stand es drin.«

»Können Sie mir vorlesen, was in dem Brief stand? Hier Staatsanwalt

Wenk!«

»Ja gewiß, einen Augenblick, Herr Staatsanwalt. Also es steht drin:

>Heut nacht wurde der Privatier Edgar Hull in der Jägerstraße überfallen

und ermordet. Die Täter sind entkommen. Es scheint sich um einen

Racheakt zu handeln. Der Ermordete verkehrte in Spielerkreisen.< Das ist

alles.«

»Weiß außer Ihnen jemand in der Zeitung von dem Brief?«

»Nein!«

»Können Sie mir diesen Brief sofort persönlich bringen? Ich schicke

Ihnen ein Dienstauto.«

»Herr Staatsanwalt, das hat Schwierigkeiten. Ich bin allein und muß die

Redaktion fertigmachen!«

»Wie ist doch Ihr Name, Herr Redakteur?«

»Grube!«

»Also Herr Grube, das hat gar keine Schwierigkeiten, wenn ich Ihnen sehr

bestimmt sage, daß Ihr sofortiges Herkommen äußerst wichtig ist und

wichtiger, als daß morgen zur schwarzgebackenen weißen Semmel der Herr

Hubermeier eine solche Nachricht mit verzehren kann.«

»Meine Pflicht ist ...«

»Verübeln Sie mir nicht, wenn ich Ihnen aus Mangel an Zeit nichts

anderes mehr sage, als daß in diesem Augenblick das Polizeiauto zu Ihnen

fährt, um Sie herzubringen. Der Beamte ist ausgestattet mit allen

Befugnissen. Schließen Sie die Redaktion Ihrer Depeschen bitte so, daß

das Blatt gedruckt werden kann ohne die Mitteilung, die Sie mir gerade

über einen Mord machten. Auf Wiedersehen, Herr Grube. Schluß!«

Wenk schickte gleich das Auto.

»Also, Herr Wasserschmidt, bitte weiter. Die Dame hat Widerstand

geleistet. Wie machte sie das?«

»Sie lief einige Schritte von mir fort auf die Mauer des

Wittelsbachpalastes zu, wohin die Täter gelaufen waren, und rief den

Namen: Georg!«

»Das haben Sie gehört?«

»Ja, ganz deutlich. Sie sprach es aus: >Georch!< Ganz genau! Und weil

sie auch noch auf diese Mauer zulief, habe ich nicht lange gespaßt und

ihr die Hände gebunden.«

»Was tat die Dame dann?«

»Dann war sie ruhig und ließ sich abführen. Unterwegs sagte sie noch:

>Ich kann doch wohl gleich mit dem Herrn Staatsanwalt von Wenk

sprechen?<«

»Da müssen Sie wohl schon warten, bis der Herr Staatsanwalt morgen

gefrühstückt hat,« sagte ich.

»Vielleicht telephonisch,« bat sie nun sehr höflich.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 20 / 58 题