Das Haus, das sie betraten, lag am Rand der inneren Stadt in einer der
häßlichen, gleichmäßigen Gassen, die Schwabing einleiteten. Von außen
zeigte es eine unauffällige Fassade, wie alle Nachbarn. Es war eines der
Laden- und Mietshäuser. Die Rolläden vor dem Geschäft zu ebner Erde
waren geschlossen. Die Inschriften konnte man in der Dunkelheit nicht
lesen. Wenk merkte sich die Nummer. Es war die Nummer seines
Geburtsjahrs: 76!
Man ging in ein verschmutztes Stiegenhaus hinein, in dem eine
schwärzliche, ausgebrannte Glühbirne mit jener traurigen
Gleichgültigkeit leuchtete, in die sich die paar Dutzend unbekannter,
oft wechselnder Bewohner solcher Häuser teilten. Man erstieg zwei
Treppen. Eine massive Tür öffnete sich vor ihnen, und aus einem
Seitenflur schwamm ein Licht auf die arme Treppe. Der Flur war der
Bruder der Treppe. Er war gänzlich leer. Ein billiger Läufer,
abgeschabt, melancholisch in seinem Alter und seiner Verwüstung, schwarz
und weiß gewürfelt durchlief ihn. Die Wände waren mit gealterten Tapeten
beklebt. »Lustig,« sagte die Carozza. »Aber wartet nur!«
Da schwang vom Flur aus eine schmale Tür sich auf. Ein Quell von Licht
stürzte in die armselige Düsternis. Ein Schwall von Luxus fiel in den
Blick. Ein kleines Foyer mit Polstern, Garderoben, Büfettischchen tat
sich auf. Champagner und kalte Platten rochen heraus. Einige Menschen
saßen da, fremd. Man legte die Mäntel ab und ging durch in den
Spielsaal.
Ja, der war etwas Neues. Er erinnerte, wenn man eintrat, an den
Promenadenraum der bekannten Pariser Varietés. Man sah durch Luken oder
Logen auf eine von Licht erstrahlende Platte. Diese Platte war der
Spieltisch. Er war von enormem Ausmaß.
In der Mitte war eine kreisrunde Öffnung, in der ein breiter Drehstuhl
stand. Das war der Platz des Bankhalters. Um den Tisch herum waren die
Plätze für die Spieler als Logen eingerichtet. Jede Loge -- es gab
solche für eine Person, für zwei und für vier -- lag in abtrennendes
Dunkel versenkt, mit weichen Sitzen versehen. Durch einen Vorhang konnte
man sich vollständig abtrennen, und ein Gitter, das man, die Pariser
Theater nachahmend, aufziehen konnte, vervollständigte den Apparat.
Man konnte darin wie in einer Maske spielen. Man konnte, ohne erkannt
oder auch nur gesehen zu werden, seiner Leidenschaft frönen.
Zwei Miniaturschienchen gingen von jedem Platz aus zum Bankhalter. Auf
jeder stand ein Wägelchen. Es war zur Beförderung des Einsatzes und auf
der Rückreise des eventuellen Gewinns bestimmt. Die Summe machte man
durch verschiebbare Ziffernschilder bekannt. Ein Druck auf einen Knopf
beförderte das Fahrzeug zu seinem Bestimmungsort.
An der Decke, die kreisrund über dem Tisch von den Logenwänden umspannt
war, stand ein Spiel von Pferden in verschiedenen Farben. Die Pferdchen
waren von einem expressionistischen Bildhauer als Silhouetten aus
Messing geschnitten und mit Kupferemaille in ihren verschiedenen Farben
bemalt worden. Sie wurden vom Bankhalter mit einer Kurbel in Bewegung
gesetzt. Unter den Pferden in der Mitte hing ein kleiner Scheinwerfer,
der, nach unten abgeblendet, sein Licht gegen die Decke goß.
In diesem Licht liefen die Pferde gegen die Decke, und die Decke war mit
dem Spektrum der Farben in Kreisen bunt bemalt, so daß stets ein helles
Pferd gegen eine dunkle und ein dunkles gegen eine helle Farbe lief,
verfolgt von ihren Schatten. Das brachte ein Durcheinander zustande,
das, je rascher der Lauf, um so stärker vervielfacht erschien.
Das Ziel war durch eine dünne Leiste von Glühbirnchen gebildet, die in
die Decke eingelassen war. An jeder Loge war ein System von Spiegeln
angebracht, durch das man untrüglich den Sieger erkennen konnte.
Wenk und seine Gesellschaft nahmen Platz in einer Loge für vier
Personen, die ihnen vorbehalten zu sein schien. Die Carozza und Karstens
saßen zusammen vorn, hinter ihnen die beiden andern Herren.
Der Bankhalter, als sich die Logen alle gefüllt hatten, erhob seinen
sehr eleganten Frack aus der Mitte des Tisches, und wie auf einer
mechanisch rotierenden Scheibe, langsam auf seinem Stuhl rundum gehend,
hielt er folgende Ansprache:
»Meine Damen, meine Herren!
Dies ist das Haus >Fort<. >Fort< vereinigt die Wurzel von stark und von
Glück. Wir leben in einer bunten Zeit, und unser Unternehmen hat
versucht, ihren gesteigerten Ansprüchen gerecht zu werden. Sie können
hier spielen: Solo! ^à deux! en compagnie!^ Wie Sie wollen. Solo, indem
Sie sich wie in ein Domino in eine Loge zu einer Person verbergen,
gleich dieser reizenden Dame, von der ich allerdings nicht mehr sehe, ja
ahne, als den rosa Reiherbusch in ihrem Haar ... Sie können, wenn Sie
sich lieben und in der Verbindung der Herzen eine ^captatio
benevolentiae^ für das Glück sehen, sich zu zweit von allen Anwesenden
in die düstere Laube jener Loge zum Beispiel absondern, in der der
elegante Kavalier gerade seine Dame ... vermute ich natürlich nur; denn
ich sehe von hier aus nicht mehr als die vor dem Einsatztablett
errichteten Zahlen, die auf das Glück gesetzt werden ... An der Decke
finden Sie, meine Damen, meine Herren, unser Spiel, unser Hausspiel
möchte ich es nennen, denn außer ihm steht Ihnen jedes andere Spiel zur
Verfügung. ^Les petits chevaux^ des Hauses >Fort<. Einer unserer ersten
Künstler, dessen Namen Sie in den Ausstellungen und Zeitschriften
ununterbrochen begegnen, hat sie für unser Haus >Fort< geschaffen und
sie selber hergestellt. Der Kunst haben wir die Technik vereint, die
stärkste Tochter unserer Zeit. Das Spiegelsystem erlaubt Ihnen, von
jedem Platz aus sofort und sicher zu erkennen, ob Ihr Pferd das Finish
macht. Erlauben Sie mir noch, Sie auf das angenehme, sehr kunstreiche
Spiel und Gegenspiel aufmerksam zu machen, das, drehe ich an der Kurbel,
über Ihnen sich an der Decke entwickelt. Peter Schlemihl hatte keinen
Schatten. Von unseren ^petits chevaux^ kann man das nicht sagen. Schauen
Sie bitte hin, in welch kunstvoller Weise sich Figuren und Schatten zu
einem Werk vereinigen, das in dieser reichen und originellen
Absichtlichkeit unserem Hauskünstler höchste Ehre macht ...«
Er drehte an der Kurbel. Pferde und Schatten liefen wie in einem
Kaleidoskop durcheinander. Es war ein hübsches, spielerisches Bild.
Langsam liefen die Pferde aus.
»Auf das hätte ich gesetzt!« rief eine Frauenstimme, als der
Isabellenschimmel am Zielband hielt. Am Kopf des Schimmels leuchteten
auf einmal die Augen wie zwei Sterne. Sie waren von kleinen Glühbirnen
gebildet.
Der Bankhalter:
»Ihrem Glück wollen wir nicht länger, Gnädigste, einen Damm der Geduld
vorbauen, als bis ich Sie nicht mit der epochalen Neuerung des Hauses
>Fort< bekanntgemacht habe. Was« ... er erhob die Stimme ... »täten Sie
jetzt, meine Herrschaften, wenn plötzlich die Polizei in Ihre Logen
eindränge und sie wegen verbotenen Spiels Ihres Geldes und Ihrer
Freiheit beraubte? Keine Angst. Wir haben eine Einrichtung getroffen,
die man einen ^Garde-Police^ nennen könnte. Das Haus >Fort< mag ruhig
der Polizei verraten werden. Es mag von der Polizei umstellt, erobert
werden! Wir sind gesichert. Mit meinem kleinen Finger drücke ich die
ganze Polizei der Stadt von Ihnen fort. Sehn Sie ...!«
Er erhob hoch die Hand. Dann senkte er sie mit gezierter
Eindringlichkeit, den Zeigefinger vorspreizend, auf den schwarzen Knopf
neben sich. Einen Augenblick später setzte sich die Platte des Tisches
in Bewegung. Sie begann zu sinken. Es ging geräuschlos und rasch. Der
Redner sank mit hinab. Die Logen blieben. Aber von der Decke glitt das
Spiel mit den Pferden und den farbigen Kreisen herab, an den Logen
vorbei, die Decke folgte, und wenige Augenblicke später tanzte auf einem
neuen Fußboden ein Quartett von nackten zwölfjährigen Kindern zu einem
Spiel von Geigen und Flöten, das irgendwo im Unsichtbaren plötzlich zu
erschallen begann.
Ein Trupp von Männern, die in die Uniform der Stadtpolizei gekleidet
waren, stürmte auf die Logen zu, schreiend: »Man hat uns gesagt, hier
werde gespielt! Wo wird gespielt?«
Überall lachte man in den Logen. Die Mädchen tanzten. Die verkleideten
Polizisten warfen die Uniform ab und standen nun als Kavaliere im Frack
da, lachend. Der Boden schwebte mit den tanzenden Mädchen hoch. Eines
machte eine angelernte Bewegung nach einem einsamen Herrn. Der griff aus
der Loge nach der Entschwebenden, etwas rufend, mit einem Lachen und
einem knurrenden Fluch. Er erreichte das Mädchen nicht. Der Boden schloß
sich an der Decke. Das Pferdchenspiel drehte vor den Spektren, und in
der Spielarena war wieder der befrackte Redner.
»Sie sehen, meine Damen und meine Herren, eine Konzession machen wir der
Polizei -- die nackten Mädchen! Im übrigen, wenn es einmal ernst würde,
hätten sie rasch ein Tüchlein um. Außerdem ist wöchentlich
Programmwechsel ...«
In diesem Ton redete er noch eine Weile.
»Das ist ja dummes Kino«, sagte Wenk, indem er sich zu Karstens
vorbeugte, diesem ins Ohr. »Allerdümmstes Kino! Wenn die Polizei käme,
hätte sie in zehn Minuten doch den ganzen Schwindel heraus.«
Karstens zuckte nur mit der Schulter.
Wenk fragte sich, was für einen Zweck diese Anstalt habe; denn es ginge
unmöglich eine Woche, bis sie entdeckt sei und geschlossen werde. Die
Auslagen müßten doch geradezu enorm gewesen sein.
Hull war betroffen. Er fand noch keine Stellung zu dem, was er sah und
hörte.
»Entzückend!« rief die Carozza ein übers andere Mal. »Unsere Zeit ist
genial, was? Hier werden wir Stammgäste. Gardi, wie? Auf welches setzt
du? Ich nehme den Araber, den schwarzen. Ich bin für schwarz, Gardi!
Weil du so blond bist!«
Karstens warf Wenk einen belustigten Blick zu.
Es wurde ein Nachtessen gegeben von kleinen, feinsten Delikatessen ...
Waren, die man vor der deutschen Valuta geflohen glaubte: frische
Trüffeln auf Straßburger Gansleber, Kaviar, Krammetsvögel ...
Vor dem Gebirg der Gansleber mit Trüffeln, aus denen diese süß
hervorduftete, sagte Karstens: »Unsere Mark notiert heut in der Schweiz
sieben. Aber Centimes. Was man hier vergessen zu machen besorgt
scheint.«
»Hier ist eine Mark noch weniger wert als sieben Centimes!« sagte Wenk.
Er war niedergeschlagen. Wohin? Wohin? flehte hilfesuchend sein Herz. Er
aß nicht.
Die Carozza trillerte. Hull begann allmählich sich zu schämen, jetzt, wo
seine Genußsucht von dem Bewußtsein eines andern sozusagen kontrolliert
wurde. Er beschloß, am nächsten Morgen der Carozza ein Abschiedsgeschenk
zu schicken. Es sollte die Garnitur australischer schwarzer Opale sein,
die, mit goldenen Runen bedeckt, zwischen grau, grün und Feuer
schillerten, und die eine russische Fürstin verkaufen wollte. Die
Fürstin hatte über die Bonbonniere Anschluß an die Carozza gefunden. Sie
versuchte auf die Bretter zu kommen.
Schluß! flehte alles in diesem phlegmatischen Hull. Er war aufgebracht
wie eine Glucke. Und zugleich war er melancholisch ... Sie soll ...
sagte er sich ... Ich geh' ins Kloster lieber, als ...
Eine Trüffel zerging ihm am Gaumen, bevor sie körnig noch einmal ihren
Wohlgeschmack zwischen den Zähnen wiederholte und ihn der ganzen
Mundhöhle preisgab. Trotzdem, sagte sich Hull! Trotzdem! Und wenn ich
kein getrüffeltes Aspik mehr zu essen bekäme ... Was ja nicht gesagt ist
... übrigens!
Wenk stand plötzlich auf und ging. »Wohin?« rief die Carozza. Sie war
mit einem Male erregt.
Karstens wandte sich in demselben Augenblick zu ihr. Er trennte sie von
Wenk, der den Saal ungestört verlassen konnte. Im Vorzimmer nahm er
rasch seinen Mantel. Er wurde hinuntergeleitet. Der Diener schloß die
Haustür vor ihm auf. Bevor er aber öffnete, schaute der Diener durch das
Guckloch, das in die Tür eingelassen war, auf die Straße.