Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Die Aussteuer ist eine wichtige Sache. Da „er“ bezahlt, können wir mit der
nötigen Gewichtigkeit zu Werke gehn.
Mein Allerheiligstes ist jetzt das reine Modemagazin, Kataloge, Proben,
Wiener und Pariser Modellzeichnungen. Da sitzen wir nun sehr ernsthaft,
das Nixchen und ich, und suchen aus: rosaseidene Hemdchen mit
Valenciennes, hellblaue, süsse, weisse Caleçonhöschen mit hell
heliotropnen und lichtmaigrünen Languetten.
Manchmal sind wir im Zweifel, aber sie fügt sich immer meiner überlegneren
Einsicht.
Das entzückt sie: „Du verstehst Alles. „Er“ nähme mich grad so gut in
einem Sack. – Gott! was soll ich nur machen, wenn ich Dich nicht mehr
habe!“
Dann weint sie ein bischen. Aber dann finden wir wieder was extra Hübsches
und sehr Teures, wie’s selbst Dada nicht hat. Und wir sind getröstet. „Er“
zahlt ja.
Wenigstens soll er ordentlich blechen – schon für seine Undankbarkeit. Ein
Mann, der nicht sieht, wie eine Frau angezogen ist, ist ein Tölpel. Sie
macht sich für ihn hübsch. Sie giebt sich Mühe. Was ist das für Mühe! –
so’n Löckchen, das graziös und an der richtigen Stelle in die Stirne
fällt, eine Schneidertaille, die gut sitzt. Wieviel Nachdenken, Geduld,
manchmal Pein, gehört dazu! – Was Wunder, wenn sie das Weggeworfne an
Leute giebt, die es besser zu taxieren wissen.
Ich verstehe zu taxieren.
Dann sind wir ganz glücklich. Sie dreht sich vor mir wie eine Drahtpuppe.
Wenn ich sie hübsch finde, ist sie glücklich.
„Nixchen! Das darfst du nicht tragen. Das steht Dir nicht.“
Dann ist sie wie ein gescholtenes Kind. Aber sie gehorcht immer. Alle
Frauen gehorchen mir, weil sie das Unpersönliche fühlen, das Wohlgefallen
an der Gattung, den Wunsch ihnen Vergnügen zu machen. Ich glaube, wenn ich
vor die Sultanin-Mutter träte: „den Turban etwas mehr nach rechts, bitte
schön“ ... sie thäte es und wäre mir dankbar. Und sie hätte ein Recht
dazu.
Das ist unsere Tugend, uns Weltmännern ihre. Und ist sie nicht eigentlich
die allerhöchste Tugend? Spinoza sagt: wer die Fehler der Menschen nicht
liebt, liebt die Menschen selbst nicht! Das Menschlichste an der
Menschheit ist für mich das Weib. Ich liebe sie. Ich liebe ihre Fehler.
Sie fühlen das. Sie lieben mich wieder. Sie haben Zutrauen zu mir.
Das ist ganz unbewusst: „Du bist so gut,“ sagt sie manchmal. Dann nimmt
sie meine Hand und küsst sie, beinah leidenschaftlich: „Du bist gut.“
Da ist die Ranküne wieder, das kleine, tückische, widerborstige
Katzenfauchen in dem „Du“.
„Der ist viel besser als ich.“
Ist er’s wirklich? Ich glaube kaum. Er hätte ihr eine Moralpredigt
gehalten und sie beschämt und verbockt nach Hause geschickt wie der selige
Joseph schnöden Angedenkens. Die Franzosen haben da ein hübsches
Sprichwort: Il y a des choses qui ne se refusent pas. – Oder er hätte sie
genommen, seine Lüste befriedigt, mit einem moralischen Kater hinterher
sie zur büssenden Magdalena gepeinigt ... Das ist die Tugend dieser
Tugendbolde.
Wenn ich sie vor mir sehe, so weiss, fein und zierlich, ganz in ihrem
Fischchen-Element bei mir, munter schwätzend wie ein Vögelchen, von dem,
was in ihr ist, all ihren kleinen Bosheiten und Echtheiten .. – ich habe
sie als Künstler behandelt, nicht roh, nicht männisch-selbstsüchtig, nicht
pfäffisch-zerstörerisch.
Sie weiss das auch ganz gut, Gänschen, das sie ist. Sie liebt mich.
Sie wird oft sentimental jetzt: „Ich kann nicht leben ohne Dich! Ich
möchte am liebsten sterben!“
Manchmal sogar fast wild: „Ich will von zu Hause durchgehn. Mir ist alles
ganz egal. Ich lege mich hierhin und gehe nicht wieder fort. Du kannst mit
mir machen was Du willst.“
Das sagt sie wohlweislich, wenn sie mir angezogen gegenübersitzt und
Makronen knabbert – und dann lauert sie auf den Effekt. Sie möchte etwas
mehr Effekt, einen Ausbruch, eine Szene, die Bestie: Mann.
Dann spiegelt sie sich in ihrer Jungfrauschaft: „Es ist doch gar nichts.
Eigentlich habe ich doch gar nichts gethan. Niemand kann doch etwas sagen
von „uns“.“
Sie betrachtet ihre Ehe als ein grosses Opfer, das sie bringt, _mir_
bringt. Kleines Egoistchen! Ob wohl überhaupt schon mal ein andrer Gedanke
als der an ihr eignes kostbares, kleines Selbst in diesem Gehirnchen
aufgestiegen ist?
Sie betrauert meine Wohnung: Whipchen, Martin, die Gläser .. Dann wird sie
so gerührt über sich selbst, dass sie schluchzt. Aber das macht eine rote
Nase, darin ist sie ästhetisch.
Die leidenschaftlichsten Frauen werden dadurch in Schranken gehalten:
„Mein Kind, das steht Dir nicht, Deine Stimme klingt schlecht, Du
verdirbst Deine Haarfrisur.“ Sie wollen gefallen und sollen gefallen.
Wird die Frauenemanzipation darin je etwas ändern? Die Orientalin, die
ihren Leib salbt und ihn mit Juwelen schmückt, sie ist das Naivste und das
Grösste. Das Urälteste und das Allermodernste.
Sie fangen an mit Geist. Dann lächeln sie Dir zu .... Und wenn der Geist
wiederkommt, dann bist Du als Mann fertig. Ich habe das zu oft
durchgemacht.
Ich möchte es nicht anders. Nur mehr Ehrlichkeit möchte ich! Es wird so
unendlich viel gelogen, gerade über diesen Punkt. Es ist Alles nur: Qui
s’excuse, s’accuse, die Sinnlichkeit, die sich in allerlei Mäntelchen
drapiert, selbst in das der Entsagung. Alle Frauen wollten einmal im Leben
ins Kloster gehen. Warum giebt man ihn nicht zu, den stärksten und
gewaltigsten Lebenstrieb, wie Hunger und Durst, wie Ehrgeiz und Müdigkeit.
Der alte, schöne Satz, dass das Weib dem Manne zur Freude, zur Freudigkeit
geschaffen sei, setzt sich Brillen auf und schneidet sich die Haare ab,
und wird ihm ein Spott und sich selbst ein Zwitter, ein unverstandenes und
unverständliches Rätselwesen.
Das bedauere ich von allen Verirrungen der Zeit am meisten, dass die
Frauen dogmatisch werden, logisch, prinzipiell. Man will sie
einregimentieren und einschwören. Die Völker, die am wenigsten Sonne und
Sinnlichkeit haben, geben den Unfug an. Ihr unterbindet euch selbst die
Lebensader! Décadence-Männer machen mit.
Und doch:
„’s ist eine der grössten Himmelsgaben,
So ein lieb Ding im Arm zu haben.“
Nicht nur für uns, für es selbst auch. Wo ist die Frau, deren Herz und
Hirn gross genug ist, die geliebte, liebende Frau, von herben und
verkrüppelten Früchten, die reife, süsse?.....
Jeder Mann betrachtet sie als ein Geschöpf, einzig und allein für ihn
bestimmt, eine Adamsrippe, eine Unvollkommenheit. Nur wir, die wir sie
wahrhaft lieben, sehen in ihr das Geschöpf für sich, das Menschenwesen, in
seiner Eigenart des Interesses und der Teilnahme wert.
Mögen sie hereinfallen! Das „weisse Blatt“ ist die grösste männliche
Unverschämtheit, Heuchelei, Protzenhaftigkeit, in der wir wissentlich und
willig beharren. Ein Geschöpf mit Augen, Ohren, Sinnen, hundertmal
feineren und aufmerksameren Augen, Ohren, Sinnen wie wir, soll das nicht
sehen, hören, fühlen, wie wir?
Der Egoismus der Männer macht sie blind. Ich habe kein Mitleid mit
Egoisten. Selbst der hintergangene Ehemann! Er ist lächerlich und
verächtlich mit Recht. Lebte er wirklich mit seiner Frau, hätte er sich
bemüht sie kennen zu lernen, ihr Denken, ihr Fühlen bis in ihre
Verlogenheiten hinein – haben wir etwa nicht unsre Verlogenheiten? – wäre
ihm das passiert? hätte er nicht warnen, eingreifen können als es Zeit
war, wenn nötig sie vorher freigegeben.
Ja, wenn wir nicht alle Rollen spielten. Und es giebt eine Rolle „Mann“,
die wir mit Vorliebe spielen, gegen die Rolle „Weib“, die wir ihnen
aufoktroyiert haben. Sie rächen sich wie sie können.
Nicht nach Besserung seufzt die Welt, sondern nach Wahrheit. Die Wahrheit
ist die höchste Menschenliebe, nur im Vergleich unmoralisch, ungütig,
böse. Und wenn der Vergleich fällt von seinem hohen Piedestal, dann steigt
das Niedrige. Was ist gemein? Was ist verächtlich? Was ist erhaben,
bewunderungswürdig? wenn Alles Menschliche menschlich ist.
Ein heiliges Mitleid liegt schwanger über der Welt, die feinste, reine
Quintessenz des Christentums. Nur die Pharisäer stören es. Dem Zöllner ist
es natürlich.
Verzeih den Exkurs! Man macht sie zum Schlusse. Der Deutsche macht sie.
„Die Moral von der Geschichte“ – Und es ist eine gute, alte Sitte, denn
Moral ist überall, wenn es auch nicht die der Rute und der Zuckertüte ist.
Vorgestern feierten wir unser Abschiedsfest.
Sie hatte sich sehr niedlich gemacht, eins von ihren neuen
Ausstattungskleidern, ein schillerndes, grünliches, seidnes mit niedrigem
Hals.
„Ich habe Mama gesagt, dass ich noch bei Kathi heut Abend bin, und ich
will auch wirklich hingehn.“
Ich hatte Alles mit Rosen geschmückt. Wir tranken Sekt und assen kleine,
pikante Sachen dazu.
Wir waren sehr lustig.
Sie sass auf meinen Knieen: „Hast Du mich lieb? Wirst Du mich ewig lieb
haben, Herri? Wirst Du mich auch nie vergessen?“
Eine gewisse Wärme kommt doch über mich. Ach Herzchen! Herzchen!
Dann erinnerten wir uns an alles Hübsche in unsrer Liebe, ihr erster
Besuch, der erste Kuss, all das Heimliche, Süsse ... jeder Gegenstand in
meinem Zimmer, Whipchen, die Photographien, der Bismarck ...
„Nie, nie vergesse ich das“ ...
Wir waren ganz glücklich.
„Wie eine Insel ist das, als ob ich zu Hause wäre. Ach Liebchen!“ ....
Dann schluchzt sie wieder ein bischen.