Und erblaßte vor Wuth. Doch, als auch Dungur Toledo's
Blitzendem Schwert erlag, der Algiers Thron ihm zu schaffen,
Selber mit frevelnder Hand Euthemi, den König, erwürgte,
Da verflucht' er sich selbst, und rief, daß die Völker erbebten:
»Wer verschlinget, voll schrecklicher Gier, die Theuren mir alle?
Ha, nicht schaut er hinfort die leuchtende Sonn' an dem Himmel!«
Sieh', und er spornte sogleich, den Speer erhebend, das Streitroß
Vor, und drang auf Toledo mit todausblitzendem Aug' ein!
Diesem erpochte vor Wonne die Brust: den mächtigsten Gegner
Dort zu besteh'n, ihn siegend zu bändigen, oder des Lebens
Dornenbesäete Bahn zu vollenden im rühmlichen Wettlauf.
Flugs hinspornte das Roß auch er, und hieb, in den Bügeln
Sich erhebend, auf Hairaddin ein; doch dieser entwich ihm,
Und sein Schwert durchschnitt nur die Riemen des leitenden Zügels,
Auch das muthige Roß am wölbenden Halse verwundend,
Daß es, gebäumt, aufschnob, und ächzte, von Schmerzen gefoltert.
Jetzt war's um ihn gescheh'n; doch Hairaddin lenket' im Eilflug
Sein gelehriges Thier, mit eisernem Drucke der Schenkel
Wieder herum, und stieß den tödlichen Speer ihm so mächtig
Durch die tapfere Brust, daß er flugs dem Sattel entstürzend,
Auch den Schaft aus Hairaddins festumklammernder Faust riß.
Wie der ragende Mast, der erst die wehenden Wimpel
Noch in die bläuliche Luft erhob, vom Donner getroffen,
Sausend dem Bord' entstürzt: auffleugt im Falle des Leines
Schimmergewebe: so fiel er, den Speer im pochenden Herzen
Tragend, vom Roß. Sein Auge verglomm, wie drüben des Abends
Schimmer, und sein verblutendes Herz bewegte den Speer noch
Leis'; dann stand's, entrückt des Lebens Geschossen für immer:
Denn die Krone des Siegers im Schooß der himmlischen Freundinn
Schauend, entschwebte der Geist den trüben Gefilden des Erdballs.
Hairaddin kehrte zurück: mit noch empörterer Blutgier
Führt' er die Janitschar'n und die Reihen der Schrecklichen vorwärts,
Und von neuem begann des wüthenden Kampfes Getümmel.
Dort, wo vor Toledo zuvor, das maurische Kriegsvolk
Wich, da brausete jetzt mit Orkanengewalt und des Blitzes
Flug', erhebend sein Allah-Geschrei, der schreckliche Türk her.
Rechts war Eberstein, und links Lusitania's Ludwig
Vorgedrungen, und so das mittlere Treffen gesondert,
Feind'umschart, und verloren im Feld. Es erblaßte Del-Guasto;
Aber nicht wich ihm der Muth. Er rief den tapferen Führern:
»Trennet die Reihen des Volk's, und heißt sie nach Osten und Westen,
Heißt sie nach Süden und Norden, die Stirn' im dräuenden Viereck
Wenden sogleich, und bestehen den Kampf, wie es Helden geziemet!«
Also der Greis: da tönte der Ruf, da erblitzte der Degen
Tapferer Führer; es stand das Volk geschlossen im Viereck,
Und in dem mittleren Raum, mit den Herolden, schaltend, Del-Guasto.
Mochte der Feind nun da, nun dort anprallen: dem Felsen
Gleich, den draußen im Sturm umbrausen die wüthenden Wogen,
Standen die Tapfer'n im Feld; sie hielten die stürmenden Scharen
Kämpfend zurück, und häuften umher unzählige Leichen.
Solches gewahrend, entboth der edelste Kaiser die Völker,
Die zum entscheidenden Schlag er heut' erkor in dem Heer', so:
»Jetzo hinaus an den Feind! Dem winket der schönste der Lorbern,
Der hier seiner Gewalt entreißt die tapfer'n Gefährten.
Vorwärts! Hier in dem Feld und dort in der felsigen Hochburg
Winket des Sieges Preis erhabener Christenerrettung.«
Sieh', und er führte sogleich die erlesenen Scharen vom Nachhalt
Gegen des Feindes Macht! Die jauchzenden Krieger bewegten,
Eilend dahin im Waffenfeld, die hurtigen Schenkel,
Wie das muthige Roß, dem Ziele genaht, in dem Wettlauf,
Immer schnelleren Flugs durchbraust die stäubende Rennbahn.
Hairaddin sah die Kommenden. Ihm erbebte der Busen
Jetzo vor Angst: denn ach, sein mächtiger Gegner, der Kaiser,
Flog an der Spitze der Kühnen daher! Er wandte das Reitroß
Schnell, und entfloh. Da erhellte des Sieg's aufstrahlende Hoffnung
Sein umwölktes Gemüth: er fluchte der niedrigen Feigheit,
Die so fremd ihm war, wie draußen dem schrecklichen Löwen,
Der die Wüste durchbrüllt, den Gegner zu wecken; dann faßt' er
Gierig den ragenden Speer, und schwang sich zurecht in dem Sattel.
Doch schon war ihm dahier der siegverherrlichte Kaiser,
Brausend genaht, und warf ihm die Lanze mit kräftiger Rechten,
Weitausholend zuvor, so rasch entgegen, und traf ihn
Jetzt in die Rechte so fest, daß ihr entschlüpfte der Speerschaft,
Und der Verwundete floh, von Wuth und Schmerzen gefoltert,
Schnaubend zurück: ihm schlug der Feind' umhallender Sieg'sruf
Jetzo der Wunden noch mehr; dann hieß er die Schrecklichen vorgeh'n,
Kämpfen, und metzeln, von Rach' erfüllt, und schrecklicher Mordgier.
Ha, zu dem letzten Gewürg' ereilten sich jetzo die Gegner!
Nicht der sturmentwurzelte Wald, nicht der schreckliche Donner,
Der in des Mittags Gluth den schwarzumnachteten Himmel
Durchras't, krachet so laut, als hier erkrachten die Waffen,
Und wie im engeren Thal des Strom's ergossenen Fluthen
Stürzt das Föhrengehölz, daß, übereinandergeworfen,
Liegen die Stämm' auf dem Grund', und mengen die Aest' und die Wipfel:
Also lagen im Feld die Erschlagenen, welche vor allen
Sich in dem Vorderzug hinwürgten in Hast und Erbitt'rung.
Aber nicht lang': da floh'n die völliggeworfenen Scharen
Hairaddins fort mit Geschrei und in wilder Verwirrung nach Tunis,
Und er folgte den Flüchtigen stumm, und verachtenden Blick's, nach.
Sinam, des Nachzugs Hort, erwägend des fliehenden Heeres
Noth, und scheuend des Herrschers Grimm, da er gestern die Sclaven
Rettete, hielt nun da, nun dort die ausreißende Schar auf;
Aber vergeblich. Wie dort die flüchtigen Gemsen der Weidmann
Ein in das felsenumstarrete Thal, wo gierig die Schützen
Harren, im Lärm und Getös' nachstürmenden Volkes zu treiben
Nimmer vermag: denn fern erwitterten jene die Schützen
Schon, und brechen dahier und dort durch lärmende Treiber:
Also entfloh sein Volk. Doch er, wohlkundig des Krieges,
Rastete nicht, und deckte mit tausend erlesenen Türken:
Jetzo entfliehend mit List, und jetzt mit unbändiger Kühnheit
Wagend erneueten Kampf, den Rücken des flüchtigen Heeres,
Bis urschnell, wie ein Hagelgewölk, hervor aus dem Nachhalt
Doria kam, und den Feind sein reisiges Volk mit dem Faustrohr,
Das an dem Sattel ihm, links und rechts in der Halfter geborgen,
Ruhte, vertrieb: den Zaum mit den Zähnen fassend im Anlauf,
Und aus jeglicher Hand abfeuernd das knallende Faustrohr.
Jen' entfloh'n wie Spreu im Hauch des stürmenden Windes.
Jetzt, am errungenen Ziel, der nächtlichen Weihe gedenkend,
Welch' ihm Solches verhieß, erhob der stattliche Kaiser
Seine, von Thränen des Danks umhülleten Blicke zum Himmel.
Zahllos schwebten die Geister herab: sie umjauchzten des Siegers
Ruhmgekrönetes Haupt und des Heer's unendliche Reihen.
Aber, so laut und so mächtig sie schrie'n: des horchenden Kriegers
Ohren vorüber erscholl nur ein leises Geflister; er blickte
Staunend umher. Da hob zu dem übersinnlichen Luftraum
Attila finster sich auf. Sein Aug', erhellet von Muth sonst
War erloschen -- erschüttert sein Herz. Er zürnte dem Seher
Muhamed, der ihn mit ruhm- und siegverheissenden Worten
Wieder herab aus den Höhen gelockt. Nun sah er von dorther
Mit umdüstertem Blick entgegen der dunkelen Zukunft.
Aber die andern entfloh'n, und zogen umher in den Lüften,
Wie das Herz sie drängt' auf dem Pfade der Läuterung, jenseits.
Hugo nahte voll Angst. Nicht erspähte sein Auge Toledo's
Schimmernden Helm in dem Vorderzug, nicht das blitzende Schwert mehr,
Dem die Feinde gebebt; doch jetzt gewahrt' es ihn blutend --
Todt in dem Staub, und neben ihm Kurd, den treuesten Freund auch.
Gleich zween säugenden Leu'n, die ein grimmiger Panther erwürgte,
Als entfernt nach Beut' umirrte die sorgliche Mutter,
Lagen sie dort; und, wie die Kehrende heulet, und wehklagt
Um die Lieben, daß rings, mittrauernd, die Wälder erschallen:
So wehklagte der Greis, und rief zu Toledo gebeugt hin:
»Mußtest du sterben dahier im fern entlegenen Welttheil,
Ferne der Heimath: den Lieben fern, du Herzensgeliebter!
Hugo kehret allein! Nicht schaust du vom kehrenden Schiff mehr
Dort den hohen Palast, wo in unbehülflicher Kindheit
Er dein erstes Lallen vernahm, auf den Armen dich wiegend;
Nicht umfängt, aufweinend vor Wonne, der fürstliche Vater
Dich Gelandeten dort, nicht die zärtliche Gattinn -- was sagt' ich?
Sie ist nicht mehr! Schon floh der Engel zur besseren Heimath
Wieder zurück: du folgtest ihm schnell in liebender Sehnsucht.
Ruhet denn beide vereint, im nämlichen Grab, und es ruhe
Neben euch dort im Frieden die Hülle des theuersten Freundes!
Dann erhoben, auf seinen Wink, die tapferen Krieger,
Die er so oft zum Kampf' und zum Siege geführet, den Helden
Dort mit dem treuesten Freund' auf die Schultern, und folgten ihm,
schweigend
All', und mit Thränen im Blick, zum moosumwucherten Fels hin.
Als er den finsteren Schlund der Höhl', entfernend den Steinwust,
Selber enthüllt'; als jetzt an der Seite Mathildens Toledo
Lag, zu dem Engel gewandt, der ruhend am Herzen der Mutter
Lächelte, sah er sie lange noch an, und sagte mit Andacht:
»Schlummert im Frieden dahier der Auferstehung entgegen,
Bis der Posaunenruf euch dann zu dauernder Wonne
Wiedererweckt. So sey's! Sie wandelten weinend, und sä'ten
Saat der Verwesung; allein, bald kehren sie jauchzend, und tragen
Freudig die Garben heim in die Scheuern des ewigen Lebens.«[85]
Sieh', und als er auch Kurd, den redlichen Freund, an des Freundes
Seite gelegt, und das Schwert ihm dort in die Rechte gegeben,
Das er zur Rettung des Freundes gezückt: da stieg er beklommen,
Und mit thränendem Blick noch oft zu den Todten sich wendend,
Wieder zur Tageshelle herauf. Er winkte den Kriegern,
Und sie wälzten sogleich den lastenden Stein an der Höhl' auf:
Vor unheiligem Blick die Hülle der Edeln zu wahren.
Aber er ging, und harrt' am Strand der ersehneten Heimfahrt.
Hairaddins Völker floh'n, durchbrausend die Straßen von Tunis,
Und er folgte den Feigen voll Grimms; doch jetzo die Hochburg
Schauend im Abendglanz, erwog er noch zweifelnden Sinnes:
Ob er erklimme die Höh'n, und dort, die entfesselten Sclaven
Waffnend, stehe zur Wehr', und fall' im rühmlichen Tod nur?
Hastig spornt' er das Roß bergan, zu erklimmen die Höhen;
Doch nun hielt er erstaunt. Ihm brausete Fluch und Verwünschung
Schrecklich an's Ohr; hellschwirrende Pfeil' und schmetternde Kugeln
Wühlten um ihn, entsinkend der Luft, im Staub, und die Mörser
Spie'n mit Donnergetös' ihm zermalmende Kugeln entgegen.
Und, o schreckliche Schau: es wehte die Fahne des Kaisers
Hell von den Zinnen der Burg, die dort aufpflanzten die Deutschen!
Jetzt ergriff er die Flucht. Entfaltend die nächtlichen Flügel,
Rauscht' ihm Verzweiflung, Angst, und Todes-Grau'n in dem Rücken;
Doch gewahrend im flüchtenden Heer' auch Sinam, des Nach-Zugs
Tapferen Hort, ergrimmt' er sogleich, und schmähte den Greis so:
»Ha, wer siegte mir ob mit tönender Zunge voll Arglist,
Daß ich die Sclaven gesammt nicht erwürgen ließ in der Burg dort?
Sey verflucht dein Rath -- verflucht du selber auf immer!«
So vom Zorn entflammt, entriß er dem Krieger den Bogen,
Zog die Sehn' an die Brust, und schoß nach den Zinnen der Hochburg,
In ohnmächtiger Wuth, den breitbefiederten Pfeil hin;
Dann entfloh er nach Bona hinaus, wo seiner die Schiffsmacht
Harrt', und Sinam folgt' entfernt mit dem schweigenden Heer nach.
Als nun rings im Gefild' des Krieges Getümmel verhallt war,
Herrschte, die Straßen entlang, in der meilenumkreisenden Hauptstadt,
Grabesstille. Verstummt, und zitternd bei jeglichem Laut schon
Saßen die Menschen daheim, und harrten des nahenden Feindes.
Aber mit wankendem Schritt und thränenumflossenen Wimpern
Traten, je zwei und zwei, die Greis' aus dem Thore von Tunis:
Aelteste nennt sie das Volk, die am Markt und im wölbenden Stadtthor
Sitzend, sprechen des Rechts Urtheil als kundige Richter.
Fünfzig kamen der Greis'. Ihr Haupt von silbernen Haaren
Spärlich umhüllt, erweckete Mitleid; Achtung geboth ihr
Schneeiger Bart, der tief zu dem goldenen Gürtel herabfloß.
Jeglicher trug in der Rechte herbei den grünenden Oehlzweig, --
Trug in der Linken Geschenk', und horcht', erbebend vor Angst, auf:
Denn schon tönete laut, und lauter des eisernen Hufes
Schmetternder Schlag: schon klang das Rasseln der blitzenden Waffen
Näher; des Vor-Zugs reisige Schar herbrauste, dem Sturmwind
Aehnlich, und drang in die Stadt, der bebenden Greise nicht achtend.
Dort, noch glühend vom Kampf, und entrüstet in blutiger Arbeit,
Würgt' ihr Schwert unseliges Volk, das thörichten Herzens
Hairaddins Worten vertraut', und, dem Schrecklichen treu sich bewährend,
Muthige Abwehr sann, und furchtbarer Rache gedachte.[86]
Aber umsonst: bald floh die unzählige Menge zerstäubt fort.
Jetzt an der Spitze des jauchzenden Heer's, in eherner Trommeln
Wirbelndem Ruf, im Drometengetön, und der flatternden Fahnen
Sanftem Gesäusel, erschien der stattliche Kaiser. Die Feldherrn,
Eberstein und Doria rechts -- links Guasto mit Ludwig
Folgten ihm. Doria, groß und mächtig im Sturme der Seeschlacht,
Sah ihn erringen den Sieg, und heftete seitdem die Augen
Schweigend auf ihn; ihm pochte die Brust vor erschütternder Ehrfurcht.
Als der Herrscher die Greise, gebeugt im Staube, gewahrte,
Sprang er vom Sattel, und hieß sie mit sanftgebiethender Stimme
Stehen, und sprechen vor ihm mit Muth und würdiger Freiheit.
Siehe, da sprach El-Had, der hundertjährige Greis so:
»Segen mit dir, gewaltiger Heer'- und Völkerbesieger,
Der du mit Huld uns hörst! Nun herrsch' in Fülle des Glückes
Ueber ein Volk, das jüngst im strafenden Zorne die Vorsicht
Hairaddins Wuth preis gab, des grausamgesinneten Mannes!
Ach, und wir haben doch einst viel bessere Tage gesehen,
Als auf dem Thron von Tunis ein Fürst voll göttlicher Weisheit,
Maula Mehemed, saß, deß' Staub der Segen des Himmels,
Wie die Sommerflur der thauende Morgen, erquicke;
Als des Siegers Schwert' erbebten die Gegner, im Frieden
Blühte dieß Land, und rings auf dem weltverbindenden Meer noch
Wogte sein Handelsschiff, des Segens Fülle verbreitend --
Sammelnd im frohen Verkehr! Doch zürne dem eifernden Greis' nicht,
Herr: denn stets umschwebt ihn das Bild entflohener Zeiten,
Und errette das Volk in den Mauern der zitternden Hauptstadt,
Wo nach dem schrecklichen Kampf der rach'erfüllete Sieger
Wüthet. Vielleicht, daß auch dir ein grauender Vater daheimblieb,
Welcher im Gram des Tages gedenkt, an welchem du hingingst;
Oder am Strande des Meer's die Mutter des blühenden Säuglings
Deiner, des Gatten, beraubt, aufweint in trauernder Sehnsucht.
Solches erwäg', und errette -- gebiethe dem stürmischen Krieger,
Daß er den lüsternen Blick, voll heiliger Scheu, von des Harems
Thüre verwende, und Leib und Gut dir opfert dein Volk dann!«
Also der Greis, und mild, wie ein liebender Vater den Kindern
Streichelt die Wange zum Trost, zur Ermunterung, nahte der Kaiser
Jetzo dem flehenden Greis', und sprach mit erheiterten Blicken:
»Ein, und derselb' erbarmende Gott ist über uns allen,
Der den Sieg uns gab, und den frevelnden Räuber in Staub warf.
Aber nicht mir und den Meinen, nur Muley Hassan, dem König,
Huldige fürder dieß Land: ihm werde das Erbe der Väter,
Ihm der entrissene Thron, die Lieb' und die Treue des Volkes.
Möge die Zukunft ihm und euch im Segen erblühen!«
Sagt' es, und nahm die Geschenk' an köstlichen Früchten und Blumen,
Die, nach der Sitte des Land's, ihm die zitternden Greise verehrten,
Nahend je zwei und zwei, und die Herolde hieß er, den Kriegern
Einhalt thun mit gebiethendem Wort', in den Straßen von Tunis.
Jene gehorchten, und bald verstummte der Waffen Getümmel.
Doch welch' dunkeler Strom ergeußt sich vom Felsengebirg her?
Zahlloswimmelndes Volk entströmt den Thoren der Hochburg.
Ha, die Geretteten sind's -- sie sind's, erschütternd zu schauen!
Wie, zum Schwarme gereift, die unzählige Menge der Bienen,
Summend, dem duftenden Korb entfährt am sonnigen Lenztag:
Also entströmten auch hier wohl zwanzigtausend der Christen --
Jetzo nicht Sclaven mehr, den Kerkern der Stadt und der Hochburg:
Bleich, ermattet durch Qual, durch Hunger und grause Behandlung!
Glückliche, die nun zuerst umschlangen die Kniee des Kaisers,
Knieend im Staub; auf die Hand ihm preßten die zitternden Lippen --
Netzten mit glühenden Thränen sein Kleid! Nur Stöhnen und Schluchzen
Tönte noch ringsumher aus der angsterregenden Stille.
Jetzt ein Weinen und Heulen erscholl, und jetzo mit einmal,
Furchtbar, hallte Geschrei: »O Vater, Retter, Befreier!«
Wie die Meeresfluth, vom nahenden Sturme gehoben,
Erst nur leis' aufrauscht; doch bald im schrecklichen Aufruhr
Heulet in Wolkenhöh'n, und braust in des gähnenden Abgrunds
Tiefen, daß, schaudernd vor Angst, ihr die Erd' und der Himmel erdrönet:
Also ertönte der Schrei der Glücklichen rings um den Kaiser.
Tausender Händ' empor zu dem Vater im Himmel gehoben,
Zeigten die Bahn, auf welcher des tieferschütterten Herzens
Dank aufflog, und des Segens Füll' erflehte dem Retter.
Lauter ward das Getös', und bewegter die wimmelnde Schar dort.
Einer dem andern sank an die Brust, und fragte noch zweifelnd:
»Ist es gewiß: wir frei -- entronnen auf immer den Banden?«
Einzeln, dann wieder vereint, dann immer gewaltiger scholl's nun:
»Werd' ich dich wiederseh'n, o Vaterland -- in der Heimath
Seh'n dich, väterlich Haus, wo mir der fröhlichen Kindheit
Jahre entschwanden im Glück? Werd' ich den zärtlichen Vater --
Ich die liebende Mutter umfah'n -- die holde Geliebt' ich,
Liebend und treu, und ich, den Freund, die Kinder, und Gattinn?«
Also erscholl's aus dem brausenden Strom endlosen Entzückens;
Aber der Retter stand im Kreise der staunenden Feldherrn,
Von den seligen Scharen umjauchzt. Er blickte, verstummend,
Ueber die Menge hinaus, in des hochaufwölbenden Aethers
Schimmernden Raum empor (an seinen Wangen herunter
Stürzte die Thrän') und als er nun senkte das Haupt, und voll Dankes
Preßte die Recht' an das pochende Herz: da wandt' er sich lächelnd,
Weinend, nach Eberstein, und sagte mit leiserer Stimme:
»Stürb' ich doch jetzt: denn ach, mir wurde die Wonne des Himmels!«
D'rauf mit erheitertem Blick begann er, und sagte zu Guasto:
»Edeler Greis, vertraut sey dir die Pflege der Freien,
Daß du mit Vaterhuld, und weis'umschauender Sorgfalt
Stillest die Noth der Hungrigen, und bekleidest die Nackten!
Heimwärts schiffen wir bald. In des Meer's freiwogenden Fluthen
Rauschet der Kiel, und vom Mast erglänzen die Kränze der Sieger:
Dort den Lieben zur wonnigen Schau. Doch nimmer entschwindet
Uns das errungene Ziel hinfort; nicht welket der Kranz mehr,
Der uns geworden: denn seht: er keimte hienieden, und blühet
Unvergänglich fort in den hehren Gefilden des Himmels!«
Jener führte die jauchzende Schar zu des Meeres Gestad hin,
Sorgend für Aller Wohl nach dem Willen des edelsten Herrschers;
Aber er trat voll Wehmuth ein in die Thore von Tunis!
Anmerkungen zur Tunisias.
Erster Gesang.
[1] Vers 27.
Nach der Schlacht von Zama, soll P. Corn. Scipio den Hannibal gefragt
haben: wen er für den größten Feldherrn halte? Dieser nannte zuerst
Alexander den Großen, dann Pyrrhus den Epiroten, und den dritten sich
selber. Scipio, darüber empfindlich, sprach weiter: »und was würdest du
erst gesagt haben, wenn du auch mich überwunden hättest?« -- »Dann«
entgegnet' ihm jener -- »würde ich mich weit über jene Beiden gesetzt
haben.«
[2] Vers 29.
Ludwig IX. (der Heilige), König von Frankreich, Sohn Ludwigs VIII. und
Blanca's von Castilien (geb. den 25. April 1215), der durch seine
Frömmigkeit, Weisheit in Regierungsgeschäften, und durch persönliche
Tapferkeit sich allgemeine Hochachtung erworben hatte, unternahm zuerst
einen Kreutzzug nach dem gelobten Lande; eroberte im Jahre 1249 Damiata,
und schlug den Sultan von Aegypten zu wiederholten Malen. Allein durch
Hungersnoth und ansteckende Krankheiten zum Rückzug gezwungen, verlor er
die errungenen Vortheile mit der Freiheit, die er nur durch die
Zurückgabe von Damiata, und durch ein großes Lösegeld für sein
mitgefangenes Heer, wieder erhielt. Im Jahr 1270 unternahm er einen
zweiten Kreutzzug, schiffte nach Afrika über, und eroberte die Veste von
Tunis; doch auch hier, wie in Syrien, raffte eine ansteckende Krankheit
einen Theil seines Heeres weg, deren Opfer er selbst, am 25. August
desselben Jahres, geworden ist. (Siehe _dessen Lebensbeschreibung_ durch
_Delachaise_ und des Abtes _de Choisi_.)
[3] Vers 40.
_Hairaddin_ (Chereddin) und Horuc-Barbarossa, von Mitylene, auf der
Insel Lesbos, gebürtig, und, als Korsaren, der Schrecken des
mittelländischen Meeres, bemächtigten sich des Thrones von Algier, wohin
sie Selim-Euthemi, der König, gegen die Spanier zu Hülfe gerufen hatte.
Chereddin übertraf seinen Bruder noch an Kühnheit, und begründete
eigentlich das so lange, zur Schande Europa's, bestehende System der
Seeräuberei an der Nordküste Afrika's. Nachdem er Constantina und noch
andere Städte daselbst wegnahm, ernannte ihn Solyman II., oder
_Prächtige_, zum Oberbefehlshaber seiner Flotten. Im Jahr 1535
bemächtigte er sich durch Verrath der Stadt Tunis; sammelte dort eine
bedeutende Seemacht, und anstatt, wie im vergangenen Jahre, nur die
Küsten Italiens zu plündern, ging er mit nichts Geringerem um, als
Sicilien mit einer Menge Türken und Mauren zu erobern, wodurch er sich
die Wege zu dem Throne Neapels zu bahnen gedachte. In demselben Jahre
wurden seine unabsehbaren Plane durch Carls V. herrlichen Zug nach Tunis
vereitelt. Doch Carls unversöhnlicher Feind, Franz I., König von
Frankreich, ward Chereddins Verbündeter, mit dessen Macht vereint, er im
Jahr 1543 Nizza wegnahm. Er starb im Jahr 1546 zu Constantinopel, -- im
88. seines Lebens. An dem Strande des Meeres zu Beschiktasch, am
europäischen Ufer des Bosphorus, ist sein Grabmahl (wie Hofrath v.
Hammer in seiner Verfassung des osmanischen Reichs Theil II., Seite 317,
sagt), und erregt ernste Gefühle bei dem Geräusche der Wogen, die an ihm
emporklimmen. (__Paul. Jov. in Elog._ I. 6. -- _Hist._ I. 33. 41. 44. --
_Thuan. Hist._ L. III._)
[4] Vers 55.
_Andreas Doria_ (geb. 1468) aus einem altadelichen Geschlechte Genua's,
war früher französischer Admiral, wählte aber freiwillig Kaiser Carls V.
Flagge, und blieb zur See in dessen Diensten bis zu seinem Tode im J.
1560. Er war der größte Seeheld seiner Zeit; gab Genua eine bessere
Verfassung, und ward der _Vater und Befreier des Vaterlandes_ genannt,
das er im J. 1528 vom Joche der Franzosen befreiet hatte.
[5] Vers 61.
_Muley Hassan_ (Maula-Hascen), Maula Mehemeds Sohn, König von Tunis. Er
war der jüngste Sohn von zwei und zwanzig Geschwistern, unter welchen er
seine Brüder, auf den Rath seiner unnatürlichen Mutter, theils blenden,
theils tödten ließ, um also zum Throne zu gelangen. Sein älterer
Zwillingsbruder, Al-Raschid, entfloh nach Constantinopel, bei Solyman
Hülfe zu suchen. Er ward heimlich erwürgt, und der eben von dort
absegelnde Chereddin eilte nach Tunis, und bekam bald, im Nahmen des
todten Al-Raschid gebiethend, dem das Volk anhing, Goletta die Veste,
und dann auch Tunis in seine Gewalt. Muley Hassan ward zwar durch den
siegreichen Kaiser in sein ihm entrissenes Land wieder eingesetzt, wurde
aber nach wenigen Jahren von seinem Sohn, Hamida, des Thrones beraubt,
und geblendet. So kam er zu dem Kaiser nach Augsburg, nochmals um Hülfe
zu flehen, und starb auf der Rückreise in Rom. (Siehe: __M. Cardonne
Histoire de l'Afrique et de l'Espagne_ etc. T. III. _Paris_ chez
Saillant_ 1765, und __Jov. Hist._ 33. c._)
[6] Vers 99.
_Solyman II._ (Suleyman, der _Prächtige_ benannt) folgte Selim I.,
seinem Vater, im Jahre 1520 in dem türkischen Kaiserreiche nach. Nie ist
dieses Reich auf einer glänzenderen Stufe der Macht und des Ruhmes
gestanden, als unter diesem, durch Herrscherweisheit und Thatkraft
ausgezeichneten Fürsten. Im Jahre 1521 eroberte er Belgrad, und im
folgenden Jahre die Insel Rhodus, von wo er die Johanniter-Ritter
vertrieb. Im Jahre 1526 gewann er in der Schlacht von Mohatsch den Sieg
über den König der Ungern, Ludwig II., der sammt seinem Pferde in einem
Moraste zu Grunde ging, und, nachdem er einen großen Theil von Ungern in
seine Gewalt bekommen hatte, rückte er im J. 1529 vor Wien, von wo er
nach einer vergeblichen Belagerung, da der Kaiser, Carl V., mit einem
Heere näher gerückt war, sich schnell nach Ungern hinabzog. Er starb
daselbst am 4. September 1566, bei der Belagerung der Veste Sigeth, die
Niklas Zriny, ein zweiter Leonidas, so heldenmüthig gegen ihn
vertheidigt hatte, im 72. Jahre seines Alters, und im 46. seiner
Regierung. (__Paul Jov. in Solim.__)
[7] Vers 105.
_Istambul_, Stambul, nennen die Türken die Stadt Constantinopel.
[8] Vers 406.