Jetzo verstummt' er, und neigte zum pochenden Busen das Antlitz,

Thränenumflossen, herab; doch sieh', er hob es, erschüttert,

Wieder empor: im Blitz erhab'ner Gesichte der Zukunft

Schwand ihm die Gegenwart! Er sah in beglückteren Tagen,

Freiheit bringend und Ruhm, an den lieblichen Ufern der Pleisse[79]

Siegender Heere Verein: erstanden in ihrem Vermögen

Deutschlands Völker, geschlossen den Bund hochsinniger Fürsten,

Schlacht und Feindesflucht, im helleren Glanze des Rheinstroms

Freihinwallende Fluth, und Sieg auf Siege gehäuft fort --

Sah vorstrahlend im Fürstenbund den glücklichen Enkel:

Glücklich im hohen Gefühl des ruhmgekröneten Lebens,

Und in der Liebe des Volk's, das treu und redlich ihm anhing,

Auch in dem nächtlichsten Sturme der Zeit.[80] Da schwand ihm des

Anblicks

Zauber; er starrt' umher, und rief: »Ein täuschender Traum war's!«

Und mit dem Blick voll inniger Trauer begann er von neuem:

»Solcher Kummer belastet mein Herz: ich denke der Zukunft.

Alles, was ihr dieß Herz mit Liebe zu weihen sich sehnte,

Hemmte der Sectenwuth blindlingsvernichtender Unsinn,

Der, mein Leben begeifernd mit Gift, mir Haß in der Nachwelt

Fernsten Tagen erregt, und Schmähung bereitet die Fülle.

D'rum lechzt meine verwundete Brust nach freieren Lüften,

Ferne vom Thron, wo nie die Freude mir lächelte, rastlos

Feindlicher Haß mich traf, und herzzermalmender Undank.

Aber ich sehe das Morgenroth, das mir an dem Abend

Noch die Sonne verheißt nach dauernden Stürmen des Tages.

Jüngst, nach ermüdendem Weidwerk, both in Estremadura's

Lieblichem Thal, Sankt-Just,[81] der Hieronymitaner

Einsames Kloster uns Ruh'. In der hehren Stille des Abends

Faßt' uns gar wunderbar vom erhelleten Dome der Psalmen

Herrliche Festmelodie, der Orgel mitwallender Jubel,

Und das wehmuthsvolle Getön der Glocke vom Thurm her,

Die zum Abendgebeth uns lud, und zu stiller Betrachtung.

Schweigend durchirreten wir des vielfachgesonderten Gartens

Dunkle Pfade, wo frei, nach Lust unschuldiger Willkühr,

Jeder im Bruderverein mit Sorgfalt baute sein Gärtchen.

Einer mit silbernem Haupt und himmlischheiterem Antlitz,

Wandelte dort: er band, dem festlichen Morgen zur Feier,

Kränze, mit zartem Sinn vermengend mancherlei Farben;

Knüpfte, hinwandelnd im Duft, gesunkene Blumen an Stäbchen

Fest, und labte die schmachtende Flur, aus der Fülle des Springquells

Schöpfend die Silberfluth mit hellerglänzender Kanne.

Freundlich nickt' er den Gruß erst mir, dann meinen Gefährten

Freundlicher noch; er ging, und waltete, meiner nicht achtend,

Wieder so ruhig fort in überseligem Frieden.

O, so dacht' ich, nicht fühlt er die herzzernagenden Sorgen,

Die mein Antheil sind auf des Lebens verworrenen Pfaden!

Ihm ist sein Blumenbeete die Welt, von sanften Bewohnern

Blühend und duftend belebt; sie lohnen mit seligen Freuden

Stets ihm jegliche Müh': er herrscht und waltet im Segen.

Schnell wie ein Blitz aufflammt' in meinem Busen ein Vorsatz,

Welchen das Herz ergriff, festhielt, und erwählte für immer.

Staune nicht so, mein Held! Einst siehst du mich glücklicher. Reift nur

Mein Erzeugter zum Manne heran, auf dem Pfade des Herrschers

Würdig zu wandeln: dann, o sehnlich erwarteter Festtag,

Eil' ich mit Adlers Flug in des Friedens himmlische Thäler:

Denn, wie, kämpfend mit Sturm und Noth, der zagende Schiffer

Fern auf dem Meer umtreibt, als berstend die Maste vom Bord ihm

Stürzen, die schäumende Fluth fortwälzt die Tau' und die Segel,

Und sein Fahrzeug, leck, schon tiefer sinket, er plötzlich

»Land! Land!« hört, da füllt ihm die Brust unnennbare Sehnsucht,

Und sein thränender Blick hängt starr an den fernen Gestaden:

Also zieht mich das Herz hinüber nach Estremadura's

Winkendem Friedensport, und Sankt-Justs heiligen Mauern.

Dort, den Sorgen der Erd' entrückt, vom Menschengewühl fern,

Und dem Himmel geweiht, entschwind' in seliger Stille

Jede Erinnerung mir der leidenerfülleten Vorzeit!

Sieh', schon glänzet der Abendstern, verwandelt, des Morgens

Herold: die Nacht entweicht! Schon wecken die rasselnden Trommeln --

Wecken Drometen das schlummernde Volk. Nun will ich des Sonntags

Heilige Feier begeh'n im Kreise der tapferen Krieger,

Dann, will's Gott, erringen das Ziel in dem Kampfe vor Tunis!«

Waffengeräusch erscholl im dunkeln Gezelte des Kaisers,

Wo seither dem düsteren Schmerz ergeben, Toledo

Trauerte. Ihn zu erheitern sann der gütige Herrscher;

Aber umsonst: denn kalt und schweigend verschloß er die Brust ihm.

Jetzt, aufhorchend im Zelt dem Klagenden, fühlet' er plötzlich

Wieder erglühen den Muth im schmerzerstarreten Busen;

Sprang vom Lager behend', umfaßte die glänzenden Waffen,

Gürtete sich, und kam, und sprach zu dem Staunenden also:

»Wie, so wohnet denn Gram auch im edelsten Herzen? So lohnt ihm

Völkerbeglückende Müh' und Sorge nur schändlicher Undank?

Schwinde, mein Leid! Verstumm't, ihr Klagen! Ich wähnet' euch endlos;

Doch nun tret ich, beschämt, vor diesen erhabenen Dulder,

Der dem größeren Schmerz obsiegt, und handelt, der Pflicht treu.

Hör' ich drometenden Ruf -- der weckenden Trommel Gewirbel?

Fleugt das Schlachtroß wiehernd im Feld, und blitzen die Waffen

Tod in den Feind? Ich komme! Mit Schrecken gewahrt er Toledo's

Waffen, und netzt sie mit Blut, und, wenn auch Thränen sie netzten --

Meine Thränen: ich trockne sie schnell, des Dulders gedenkend.«

Rasch enteilt' er dem Zelt. Dem Nahenden jauchzten die Krieger

Freudigen Gruß: denn liebend hing das Volk an dem Helden.

Aber ihm folgte bewegt, mit den tapfersten Führern der Kaiser

Jetzt in das Lager hinaus, Aufbruch zu gebiethen der Heersmacht.

Schon versank am fernen Gebirg der blässere Vollmond;

Leise verhüllten die Stern' ihr Strahlenhaupt, und im Frühroth

Glomm die erwachende Welt, als jetzt das geordnete Kriegsheer

Sich nach Goletta erhob. In tieferschütternder Stille

Schritt es einher. Nun wurde die finstere Stirne des Kriegers

Mild, nun sanft sein drohender Blick: denn heiliger Andacht

Sollt' er am Tage des Herrn sich weih'n; des göttlichen Mahles

Andenken würdig feiern, und dann die erschlagenen Krieger

Senken in's dunkele Grab, und den Tapfern erhöhen den Denkstein,

Daß er entflamme des Kriegers Brust in der kommenden Zeit noch.

Sieh', am Strande des See's, auf dem weitumschauenden Hügel

Hob sich über dem Zelt aus Zweigen des säuselnden Oehlwalds

Eine Laube, dem Opferaltar zum wölbenden Dom auf.

Krieger pflanzten die Laub' in Hast, und zur Linken und Rechten

Neben dem Bild des Gekreuzigten, nährt' auf silbernen Leuchtern

Emsiger Bienchen Fleiß die fächelnde Flamme der Kerzen.

Als die erlesene Heeresmacht, dem schimmernden Halbmond

Aehnlich, die Laub' umgab: da folgte der stattliche Priester

Eilig, im Feiergewand, dem dienenden Jüngling zum Altar.

Dort vor dem Allerheiligsten sprach er die offene Schuld erst;

Dann lobsang er dem Herrn, und bethet' um Himmelserleuchtung,

Daß das sehnende Herz erkenne die Wege der Wahrheit;

Kündigte dann aus dem Brief des großen Jüngers die Tröstung

An die fromme Gemein': »Einst soll, was dunkel im Leben,

Wie in umflortem Spiegel erschien, auf immer enträthselt,

Schimmerndhell uns werden im Anschaun ewiger Wahrheit.«

Dann die Worte des Evangeliums, mild und erhebend:

»Liebet auch euren Feind, als Kinder des Einen und Höchsten,

Der mit Vaterhuld für den Frommen und Bösen die Sonne

Aufgehn heißt mit erwärmendem Strahl, und gedeihlichen Regen

Sendet der Saat des einen, und andern!« Auch sprach er des Glaubens

Frohes Bekenntniß, und opferte Brot und Wein zur Versöhnung

Unserer Schuld; doch bald nach dem Dreimal-Heilig erhob er

Nun das Heiligste selbst, und, als er im frommen Gebeth auch

Jener gedacht, die, schon entrückt, im Lande des Friedens

Schlummerten, sprach er das hohe Gebeth des Herrn, und, in Demuth

Schlagend die Brust vor dem Lamm, das, uns Erlösung zu bringen

Sich in den Tod hingab, genoß er die Speise der Seelen.

Jetzt noch fleht' er um frohe Geduld in den Tagen der Trübsal,

Und entließ mit segnender Rechte die Christenversammlung.

Aber das Haupt entblößt, und die Augen zur Erde geheftet,

Stand umkreisend das Heer, und ehrte die heilige Sühnung

Durch erhabnen Gesang: die melodischen Laute des Herzens

Flogen zum Himmel empor, und weckten die sanfteren Thränen,

Die nur die Andacht weint in wonn'erhöhter Empfindung.

Glänzender wölbte sich rings des Himmels blaues Gezelt auf,

Und ein Sonnenmeer umwogte das hehre Geheimniß

Unseres Heils. Der schimmernde See, von milderen Lüftchen

Leise geküßt, erhob in schauernder Wonne die Wellen

Nach dem Strand, wo in lispelndem Grün der Opferaltar stand.

Freudig neigten sich ihm die Wipfel der Cedern Zafrano's;

Auch das Olivengehölz ersäuselte sanft, und des Luftraums

Liebliche Sänger horchten still in den flisternden Zweigen;

Feierlich schwieg umher die tiefanbethende Schöpfung.

Als gefeiert das Fest, und vollendet das göttliche Mahl war:

Da geboth der Kaiser dem Volk die Begrabung der Todten.

»Eilt,« so rief er, »an's heilige Werk: der Erde zu geben

Leichtverwesliche Saat zur Ernte des ewigen Lebens,

Wenn der Posaune Klang uns all' aus den Gräbern hervorruft!

Denket des tapferen Sarno zugleich, den ehrenden Denkstein

Ihm erhöhend. Auch Giaffar sey an den Mauern Goletta's

Ehrend die Säule geweiht: denn schön ist es, kommenden Zeiten

Noch den Heldenmuth erschlagener Feinde zu künden.«

Eilig gruben die Krieger das Grab; weit gähnte das Erdreich,

Biethend die Ruh' im dunkeln Schooß den entschlummerten Todten.

Thränenden Blick's hintrug so mancher den treuen Gefährten,

Der auf des Lebens Dornenpfad' ihm redlich die Bürden

Tragen half, und treu sich bewähret' in Noth und Gefahren.

D'rauf, als alle das Grab umfing, und der ehrende Hügel

Deckte: da hob, aufblickend, der Priester den Trauergesang an;

Sprengte geweihetes Wasser umher, und schwenkte des Fäßchens

Weihrauchduftende Gluth der Ruhestätte zum Segen.

Dann versenkten sie auch im gesonderten Grabe, die Leichen

Ihrer Gegner, vereint; erhöhten mit Liebe den Denkstein

Sarno's Ruhme geweiht -- auch Giaffars. Freudig gewahrte

Ludwig das Ehrenmaal des Tapferen, den er erlegte.

Hell, in des Mittags Gluth erglänzten die Zinnen der Festung,

Als die christliche Heeresmacht, dem Herrscher gehorchend,

Sich g'en Tunis erhob. Der Wetterwolke nicht ungleich,

Die an dem fernen Gebirg aufschwebt, dann eilenden Fluges,

Rings die Lüft' umhüllt, und des Himmels Bläue verschlinget,

Deckten die Kriegsheerscharen das Land. Sonst tapfere Krieger,

Lechzend vor Durst im qualmenden Staub, der unter des Rosses

Huf und des Mann's vorstrebendem Fuß zu den Wolken emporstieg,

Murreten jetzt in den Reih'n: da schwang der Kaiser voll Hast sich

Aus dem Sattel; er zog in mutheinflößender Hoheit,

Selbst mit den Scharen einher, und führte sie vor auf dem Heerweg.

Plötzlich verstummte die Klag', und, wie durch kühlendes Wasser,

War die lechzende Zunge gelabt, der finstere Sandstaub

Ohne Beschwerd', und die Gluth der schrecklichen Sonne verloschen.

Doch als jetzt in des Meeres Fluth g'en Westen ihr Antlitz,

Goldumflammt, sich spiegelte; dort- und vom nahen Gehölz her

Liebliche Kühlung kam: da ersah'n die staunenden Krieger

Tunis, mit thürmenden Minarets und prangenden Häusern

Glühen im rosigen Licht der ersehneten Stunde des Abends.

Lautaufjauchzten sie all', und schlugen mit nervigen Rechten

Dann an die blanken Gewehr': entscheidender Thaten sich freuend.

Aber der Kaiser geboth, urschnell erforschend die Gegend,

Seinen Tapferen »Halt!« denn links am Gestade des See's hin,

Rechts am Olivengehölz, wo droben die Schanze der Felshöh'n

Salis bewähretem Muthe vertraut, der lagernden Heersmacht

Sichere Stellung verhieß, und die silbernrieselnde Quelle

Labung ihm both, gedacht' er des Heers kampfrüstige Flügel

Auszubreiten, und dort der Morgenröthe zu harren.

Und, wie im wölbenden Dom die unzähligen Laute der Orgel,

Von dem Künstler geweckt, sich all' in brausender Strömung

Herzerschütternder Harmonie'n vereinen zum Wohlklang;

Oder so wie die Räder all' im vollendeten Uhrwerk

Willig sich dreh'n nach des Penduls Schlag, und die Zeiger der Stunden

Kreisenden Lauf und die Bahn der Stern', und der Sonn' und des Mondes

Weisen zugleich auf dem Zifferblatt: so folgten die Krieger

Jetzo des Herrschers Wink. Und schnell, wie im künstlichen Webstuhl,

Kreisenden Spuhlen entfloh'n, im Zug sich entwirren die Fäden,

Und verschlingen zum schönen Gebild: so entwirrten sich alsbald

Hier die verschlungenen Reih'n, und lagerten dann in dem Blachfeld

Trefflich geordnet umher. Die Reiter, auf jedem der Flügel

Deckten schirmend des Fußvolks Macht und des eh'rnen Geschützes

Ordnungen, die von dem Vorderzug das mittlere Treffen

Sonderten. So gestellt, nachtlagerten jetzo die Krieger.

Sieh', da nahten die Feind' unzählig herüber von Tunis,

Hairaddins drohendem Blick und schrecklichem Rufe gehorchend!

Wie auf dem Stillen-Meer des Sturms erbrausender Odem

Weit die Fluthen empört, und endlosstarrende Wogen

Fort zum entferneten Welttheil wälzt -- sie stürzen gedrängt hin:

Zahllos so, herübergejagt von dem furchtbaren Herrscher,

Nahten die Moslemim: denn im Gemüth nicht Tausender Leben

Achtend, däucht' es ihn leicht, die schmählichverlorene Festung,

Jetzt im nächtlichen Ueberfall dem Feind' zu entreißen.

Grimmig verlacht' er darum die Worte der Späher: ihm stehe

Dräuend entgegen der Feind, und ordne die Scharen zum Kampf schon;

Dennoch drängt' er den Sporn in die Seite des ächzenden Rosses,

Das ihn im Staubgewölk und im sausenden Donnergalopp hin

Bis an die Vorhuth trug. Dort hielt er, und sah, vor Erstaunen

Starr, die Gerüsteten: Wuth und Verzweiflung engte die Brust ihm.

Wie die Wetterfahn' im Hauch des wechselnden Windstroms,

Bald nach Osten, und bald nach Westen gewendet, umherfleugt:

Also schwankte sein Geist, im Sturm und Drange des Herzens,

Unentschlossen, umher: denn schnell, mit dem Blicke des Adlers,

Heeraufstellender Kunst und Angriffs kundig, gewahrte

Sein umspähendes Auge das Heer des mächtigen Gegners

Trefflich beschirmt, und ihm entfloh'n die Stunde des Angriffs.

Schweigend kehrt' er zurück, und rief den Scharengebiethern,

Frohsinn heuchelnd, und Muth, weil Angst ihm füllte den Busen:

»Preist den Herrn der Welt und seinen erhabnen Propheten,

Der uns herrlichen Sieg verheißt, und dem Feinde Verderben

Sendet! Die Nacht entsinkt dem Sternengefilde; nicht kämpfen

Heut' wir mehr: denn hör't! Nur tobenden Muthes Getümmel,

Sang und Klang ertöne vom Lager; unzählige Feuer

Mögen die dunkle Nacht umwandeln zur Helle des Tages,

Und enthüllen das Heer, das schon an dem kommenden Morgen,

Gleich dem Sturm vorbrausend im Feld, hintilge die Christen.

Abu-Sa-id, dich ruft vor jeglichem Führer dein König

Heute zur That! Zeuch hin mit zwanzigtausend Erwählten,

Sonder Geräusch, entlang die felsigen Ufer Medscherda's,

Nach Buschatter, um dort zu umgehen das feindliche Lager;

D'rauf, den flammenden Blitz des Donnerrohrs und der Büchsen,

Schauend in dämmernder Früh', und des Kampf's erwachtes Getümmel

Hörend, erklimme die Höh'n, und stürze dich, ähnlich dem Gießbach,

Der im zerstörenden Lauf fortbraust nach unendlichem Regen,

Rasch in das Lager hinab, daß uns die flüchtigen Scharen,

Seiner Wälle beraubt, dann all' erliegen im Schlachtfeld.

Denke des herrlichen Zugs, und der Beut' unsäglichen Werthes!«

Sagt' es, und Abu-Sa-id ging stolzumschauenden Blickes,

Seinem harrenden Volk und dem nahen Verderben entgegen.

Doch, auf Hairaddins Wink, des furchtbar'n Mannes, erwachte

Jetzt Aufruhr, und Lärm, und Getös' in dem wimmelnden Lager:

Denn des Kessels schmetternden Klang hier mengten die Einen --

Dort des Horns Gebrüll die Andern (mit schwellenden Backen

Und vorquellendem Aug' erzwingend des Erzes Gewaltton)

Furchtbarer stets, in das laute Geschrei der rasenden Krieger

So, daß die schlummernde Welt vor Angst aufschauderte ringsum!

Und in den hellsten Tag verwandelte, prasselnd, des Reisigs

Mächtige Lohe die Nacht. An den Zelten der Völker hinunter

Trugen ragende Pfähl' unzählbarflammende Kessel,

Leuchtend, empor: ihr fächelnder Schein durchblitzte die Gegend

Endlos, immer geweckt von des Harzes aufwallenden Fluthen.

Raschelnd wogte vor Hairaddins Zelt die _Heilige_ Schlachtfahn' --

Also dem Volke genannt, in die Lüfte. Die türkische Tonkunst

Feierte dort ihr Fest: die Trommel polterte; Teller

Zischten mit ehernem Laut; hell klingelten Schellen und Glocken;

Pfeifchen gellten mit Zink- und Hörnerklängen vereinet.

Doch vor des Bascha Zelt, vor jeglichem rings in dem Lager,

Stand das düstre Panier, von des Rosses buschigem Schweifhaar

Zwei- auch dreifach erhöht: die Würde des Orta-Gebiethers

Kündend. Also durchwachten die Nacht die empöreten Völker.

Abu-Sa-id entschlich, dem wildaufspürenden Weidmann

Aehnlich, dem Heer', und eilte Medscherda's Fluthen hinunter,

Mit erlesenem Volk, ihm Stille gebiethend, zum Ziel hin.

Lange noch hört' er des Lagers Getös', und freute der List sich.

Aber da lag auf des Felsens Höh'n, im Kreise der Schützen,

Salis, der tapfere Hort, und sah nach den Sternengefilden

Schweigend empor. Er bebte, daß dort, millionen von Meilen

Ueber dem glänzenden Sirius noch, das Aug', mit des Fernrohrs

Zaubermacht bewehrt, aufdrang, und dennoch kein Ziel fand;

Zahllos über ihm noch die Sonnen wandeln, und zahllos

Erden und Monde sich dreh'n im Raum des unendlichen Weltalls:

Das erfüllt' ihm die Brust mit Schauern der nahen Vernichtung!

Weinend senkt' er den Blick zum niedrigen Staube hinunter --

Dachte sich selber nur Staub im wehenden Hauche der Allmacht.

Sieh', da flog, auf des Lüftchens Fittigen säuselnd im Nachtgrau'n,

Eilender Schritte Getös' und klirrender Waffen Getümmel

Ihm an das horchend' Ohr. Mit dem spähenden Auge des Falken,

Der aus Wolkenhöh'n im dunkelen Grase den Raub sieht,

Forscht' er rings in den Thälern umher, und sah an Medscherda's

Ufer annahendes Volk. Schnell ahnt' er, besorgt in dem Herzen,

Feindlichen Ueberfall, und, gedenkend entscheidender Abwehr,

Flog alsbald, gesendet von ihm, Ruinard in das Lager,

Von dem Kaiser verstärkende Macht zu erfleh'n: und sie ward ihm.

Bald erklommen die Höh'n noch tausend erlesene Schützen,

Löwenbeherzt, und froh der feindabwehrenden Arbeit.

Aber am Strande des See's, wo im Lager die Scharen der Christen

Ruheten, war nicht Getös' auftobenden Volkes zu hören.

Nicht erleuchtete Flammenschein (so wollt' es der Herrscher)

Dort die dunkele Nacht, daß in ihrem Schleier geborgen,

Fest vertrauend dem Muth in der Brust und der leitenden Weisheit,

Lächle der Tapfre getrost des schreckenvollen Getümmels,

Das die Verzweiflung gebar, nur feigeren Seelen zur Täuschung.

D'rauf erquickte nur Brot die Lagernden, heute zum Spätmahl

Kärglich gespendet; sie löschten den Durst nur am Born, und gedachten,

Scherzend, des reichlichen Mahls zu Tunis, am kommenden Abend.

Aber der Kaiser ging im Kreise der schmausenden Krieger,

Zögernden Schrittes umher, und sagte mit Lächeln dem Einen,

Und dem Ander'n ein freundliches Wort, beim Nahmen ihn nennend:

Da in dem zahllosen Heer' kein Tapferer fremd ihm geblieben.

Doch nun rief ihm der Reisige, Horst, der früher des Kaisers

Dienender Mundschenk war, da er ging, im heiteren Scherz nach:

»Carolus, unser gebiethender Herr,« so spöttelt' er, winkend

Noch mit den Augen, ihm nach, »vermisset mit trauerndem Herzen,

Heute wohl auch die erlesene Menge der Speisen im Prunksaal,

Wo er dem Tisch sonst naht in traulicher, lieber Gesellschaft:

Denn nicht dampfen aus China's buntem Geschirr ihm die Brühen

Würzig entgegen, und nicht das Fleisch gemästeten Rindes,

Mancherlei Brühen gesellt, nicht das zarte Gemüse, des Rehes

Saftiger Rücken, des Wildschweins Kopf, mit grünenden Sträußchen

Zierlich umhüllt, nicht der Braten von zahm- und wildem Geflügel.

Auch das feine Gebäck, so vielfachgestaltet aus Rohrmehl,

Das uns die Neue Welt hersendet in schimmernden Kegeln,

Reitzt nicht heut' ihm den Gaum, nicht das Obst, erzwungen im Treibhaus,

Oder weit schöner gereift von Gottes gewaltiger Sonne.

Weder des Rheinweins Gold, noch Malaga's dunkler Gewürzsaft,

Und des Tokayers Gluth weckt ihm aus silbernen Bechern

Heute mehr Lust. Erwünscht nun wäre mir selber der Speisen

Abhub, der uns Dienenden ward nach vollendetem Gastmahl;

Aber getrost: uns winkt aus Tunis der freundliche Wirth schon!«

Also sprach er im Scherz, und laut auflachten die Krieger.

Abgewandten Gesichts horcht' ihm der edelste Kaiser;

Doch nun wandt' er sich schnell, und lächelt' ihm, als er den Finger

Gegen ihn drohend erhob. Dem Scheidenden folgte der Krieger

Jubelgeschrei, noch weit zu seinem erhellten Gezelt hin.

Sieh', jetzt kam ein christlicher Sclav' im nächtlichen Dunkel

Eilenden Lauf's zur Vorhuth; stand, und streckte zum Himmel,

Dankend, die Händ' empor; dann rief er: »Erkennet ihr Hugo?

Ich bin's! O, wer führt mich schnell zu dem waltenden Herrscher?«

»Hugo?« so rief Toledo im Schlaf, und riß sich vom Boden,

Lautaufstöhnend. Er lag, der äußersten Scharen Gebiether,

Dort entschlummert im Feld. Nun küßte die bebende Hand ihm,

Auf die Kniee gesunken, der Greis, und schluchzete sprachlos;

Aber Toledo hing mit schrecklicherblassendem Antlitz

Ueber dem weinenden Greis', und tief aus den Tiefen des Herzens

Seufzend, sah er ein strahlendes Bild hinschwinden im Nachtgrau'n:

Dann noch dunkler das Leben umher; er stürzte zum Meer fort.

Hugo, bebend vor Angst, vernahm von den Kriegern Mathildens

Trauergeschick und Toledo's herzzermalmenden Jammer,

Und im wechselnden Kampf erblutete jetzo die Brust ihm:

Denn bald sah er die Flucht des unglückseligen Gatten,

Bald vernahm er im Ohr Wehklag' und Geschrei nach Errettung

Tausender, die ihn gesandt aus den scheußlichen Höhlen des Todes;

Doch, was höher ihm schien, und galt im redlichen Herzen,

War ihm Gesetz. In Hast eintretend zum Herrscher, begann er:

»Herr, kein Fremdling vor dir, erscheine ich heut' ein Gesandter

Zwanzigtausend in Noth und Jammer verschmachtender Christen!

O, ich habe den Jammer geseh'n, und wäre gestorben,

Hätte nicht himmlische Huld mich bewahrt bei dem gräßlichen Anblick!

Allerbarmend ist Gott, er lenkte die Seele Medelins

Wieder zurück auf die Wege des Heil's, die er treulosen Sinnes

Abschwur, und erboßt, den Christensclaven ein Henker,

Wüthete. Sieh', er kam, und löste den armen die Fesseln --

Löste sie mir, dem Draguts Rache den schrecklichsten Tod sann,

Daß ich dir künde zuvor: verschließen wird er der Hochburg

Eiserne Thore des Wüthrichs Macht, die entfesselten Sclaven

Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit dir, und den Deinen!

Als ich der Höhl' entfloh, da tönte herauf aus dem Abgrund

Freudengeschrei und Gerassel der sinkenden Ketten, daß alsbald

Mir erstarrte das Blut in den Adern vor Angst und Entzücken.

Wahrlich, mich leitete jetzt der Himmlischen einer in's Lager

Her, in der dunkeln Nacht, Medelins Worte zu künden:

Herr, der Rettung gedenk': denn furchtbar wäre das Säumen!«

Hastig enteilt' er jetzt, die Spur zu erforschen Toledo's.

Aber mit pochender Brust, mit thränenumflossenen Wimpern

Blickte der Kaiser ihm nach, und rief den tapferen Radburg,

Dann auch Römhild auf, die Führer der Bayern und Schwaben:

»Eil't, ihr beide, vereint, mit tausend erlesenen Kriegern

Jeglicher, nach der Felsenburg; im nächtlichen Dunkel

Führt euch Hugo, der Greis, und dort eröffnet Medelin

Euch die Thor', aus welchen noch heut', o Wonne, der Christen

Eiserngefesselte Schar auszieht in seliger Freiheit!

Haltet die Veste besetzt, bis wir im schallenden Sieg'sruf

Nah'n, und die armen all', entfloh'n dem Kerker, uns danken.«

Also geschah's: denn schnell entbothen die muthigen Führer

Ihr erlesenes Volk, die Burg zu erreichen im Nachtgrau'n.

Draußen am Meeresgestad', am schwindligen Rande des Felsens,

Stand Toledo gebeugt, und sah mit erblassendem Antlitz

Starr in die schimmernde Fluth. Ihm schwand dort die Erd' und der

Himmel:

Denn jetzt horcht' er, verwirrt, dem fluthenden Geistergelispel --

Stöhnete dann, und horchte wieder: die wechselnden Wellen

Sanken, stiegen, und schienen allein in dem frostigen Meergrund

Für sein brennend Weh' ihm labende Kühlung zu biethen.

Also fand ihn der Greis! er hob die Händ' und die Augen

Weinend zum Himmel empor, und bethete leise für sich hin:

»Der du, ein guter Hirt in der Wüste das irrende Schäflein

Suchtest, und so das Gefundene, liebendumfaßt, auf den Schultern

Heimtrugst: laß auch ihn nicht verloren seyn, du Erbarmer!«

Dann umfaßt' er ihn schnell; bedeckte mit brennenden Küssen

Ihm den Nacken, und rief mit leisem Gewimmer: »Mathilde!«

Lautaufstöhnt' er dem Wort', und wandte sich, starrend in Hugo's

Thränendes Aug'; doch jetzt ergriff er die Hand des Getreuen,

Preßte sie heftig, und floh nach dem Lager zurücke. Der Wogen

Dumpfes Rauschen erfüllte noch fern ihm die Seele mit Schauder.

Zwölfter Gesang.

Hairaddins Völker umfing noch bleierner Schlaf und Betäubung.

Wie aus dem dämmernden Saal, nach lautem Gelage der Fastnacht,

Schleicht ermüdetes Volk; das schimmernde Licht von den Leuchtern

Schwindet; Tanz und Getöne verstummt, und Getümmel verhallet;

Also verhallte der Lärm in dem weitumkreisenden Lager

Hairaddins; doch, vom Schlummer erquickt, und zum Kampfe gerüstet,

Harrten die Christen schon des donnernden Zeichens zum Angriff.

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 16 / 20 段