Hassan, der König, erschien. Er war an dem dämmernden Abend

Gestern gelandet, und barg sich scheu in der einsamen Herberg,

Die Zafrano ihm both, von schattenden Cedern umfangen.

Weder gerüstetes Volk, noch Mundvorrath, in des Krieges

Zehrenden Tagen ersehnt, bracht' er dem Bundesgenossen:

Denn er lauerte nur, ob Hairaddin, oder der Christen

Mächtiger Herrscher erringe den Sieg? in den Mauern von Kabesch.

Tief sich beugend zuvor, begann er jetzt vor dem Herrscher:

»Gott ist mit dir, und Segen die Fülle: des herrlichsten Sieges

Ruf verkündet es bald den fernsten Völkern zum Staunen.

Ach, nicht bieth' ich dir Mundvorrath und tapferes Hülfsvolk,

Wie ich's verhieß! Nicht horchte der Muselman mehr dem König,

Der sich dem Christenvolke verband: hier steh' ich als Bettler!«

Und er sank auf die Knie'; da sah der edelste Kaiser,

Wie der Mond, umflort vom Regengewölk auf den Hügel

Heftet den Schwermuthsblick, nach dem Flehenden trauernd hinunter,

Hob ihn empor, und rief ihm mit trostverheißendem Lächeln:

»Sieh' eröffnet des Reiches Thor, das Hairaddins Herrschgier

Dir entriß;[68] dein sey's mit jeglichem Segen des Himmels!«

Hassan stammelte Dank; laut zollt' ihn der Kaiser den Helden

Allen umher, die im Sturm errangen die trotzende Festung.

Aber zu Stollberg sprach er dann mit lohnendem Blick so:

»Werde Goletta's Hort und Vertheidiger; ordne der Mauer

Feind'abwehrenden Bau; doch jetzt gebiethe mit Sorgfalt,

Daß die Verwundeten all' errettender Hülfe sich freuen!

Morgen am Tage des Herrn, das Denkmaal unseres Heiles

Feiernd, gedenken wir auch, zu bestatten die Todten, und dankbar

Ihnen die Maale des Ruhm's zu erhöh'n für die kommende Zeit noch.«

Jetzo führt' er die Scharen zurück in des Lagers Umwallung,

Sie zu erquicken durch Rast; doch Stollberg ging, daß er übe

Alles und Jedes sogleich nach dem Willen des gütigen Herrschers.

Und die Schatten der Nacht umhüllten den schlummernden Erdkreis.

Eilfter Gesang.

Hairaddin stand auf dem Söller der Burg, aufhorchend im Zwielicht

Sinkender Nacht. Von Goletta heran vernahm er des Feldzeugs

Rastlosdonnernden Sturm, dem die Erd' erbebte, die Fenster

Klirrten, und drönte die Wand zu dem untersten Grunde der Mauern,

Und, wie im Abendwind die Welle des fluthenden Weihers

Nun sich hebt, nun sinket: so wechselte Furcht und Verzweiflung

Oft mit der Hoffnung des Sieg's in seinem zerrissenen Herzen;

Aber er horcht' umsonst noch gieriger jetzt, nach Goletta

Wendend das Ohr, nicht athmend, die starrenden Blicke zum Boden

Heftend. Nicht donnerten mehr die entsetzlichen Schlünde; verhallt war

Drüben der Mörser Gebrüll und das Schmettern des Feuergewehres.

»Sie ist verloren!« so rief er, stampfte den Estrich, und eilte

Schnaubend herab. Dann schritt er im hellerleuchteten Saal hin,

Kehrete wieder, und stand, und horchte, die Bothen erwartend.

Immer vernehmlicher wähnt' er Getrab anstürmender Rosse --

Wähnte verwirrtes Geschrei heimflüchtender Krieger zu hören:

Aehnlich dem sturmentmasteten Schiff, das fern auf dem Weltmeer

Wechselnde Strömung entrafft, und endlos dreht auf dem Irrpfad,

Schwankt' er umher, im Gemüth nicht Dieß', nicht Jenes beschließend.

Bald erhob sich Suleymans Grimm wie ein nächtlicher Unhold,

Dräuend, vor seinem Blick; bald lächelte Muley Hassan

Hohn ihm entgegen im Glanz der wiedergewonnenen Herrschaft.

Ihn umnachtete rings nur wilde Verzweiflung: den Schimmer

Seines errungenen Ruhms auf immer erloschen zu schauen.

»Ha,« so rief er ergrimmt, »eh' solche Schande mich treffe ...

Schande?« Er faßte den Dolch; nach dauerndem Schweigen begann er:

»Fiel Goletta, erstürmt, so werden sie kommen, mir Algiers

Und Telmessans Thron, und den Zepter von Tunis zu rauben;

Werden mich stürzen hinab in den Staub, daß sich krümme des Glückes

Liebling, ein Sclave, voll Angst, an des Siegers zermalmenden Fersen.

Ha, nicht des Tages Licht gedenk' ich fürder zu schauen:

Denn es enthüllte nur Schmach! D'rum fort -- hinab in das Dunkel

Ewiger Nacht, zu entgeh'n der Qual, die jetzo mir droht! ... Doch

Soll ich verschleudern das Ein', und Einzige, das ich erkenne?

Schwand mir völlig die Hoffnung dahin? Ist Alles verloren?

Drängt nicht Hunderttausende noch mein Wink in die Feldschlacht,

Heute -- sogleich? Zurück in die Scheide, geschliffener Mordstahl:

Nur dem Gegner, nicht mir, zerfleische das Herz in dem Busen!«

Sagt' es, und barg in den Gürtel den Dolch. Mit schüchternen Blicken:

Denn er scheut' Eloa's Zorn, war Muhamed jetzt ihm

Wieder genaht. Er hörte die zagenden Worte des Herrschers,

Ballte die Faust vor Wuth, und kam, der schrecklichsten Thaten

Allerschrecklichste noch, in die gährende Brust ihm zu hauchen.

Wie auf des Südens Meereiland der scheußliche Vampyr[69]

Ueber dem Schlummernden schwebt, und, mit weitgebreiteten Flügeln

Fächelnd, den Schlaf ihm mehrt, das Blut zu entsaugen der Ader:

Also schwebt' auch Muhamed leis' auf Hairaddin nieder,

Schaudernd und bleich, der Fluchthat selber erbebend: er hauchte

Höllenfrevel ihm ein, und floh durch die finstere Nacht fort.

Hairaddin stand, und sann: ihm rollten die feurigen Augen,

Aehnlich dem Blitz im Gewittergewölk, in den finsteren Wimpern.

Jetzo die Straßen herauf ertönte des eisernen Hufes

Schmetternder Schlag; in dem Hofraum scholl absitzender Krieger

Rufen. Nicht lang, so trat der tapfere Sinam mit Dragut,

Muhamed Temtes, und Abu-Sa-id, tieftrauernden Blickes,

In den erleuchteten Saal, den zürnenden Herrscher zu söhnen.

Rasch ging dieser umher vor den Bebenden, und nur zuweilen

Traf sein verachtender Blick vor Sinams Füßen den Boden;

Doch nun stand er, und rief, durch die festgeklammerten Lippen,

Stöhnend, das Wort: »Ihr Feigen!« und lächelte grimmig für sich hin.

Stolzer erhob nun Sinam das Haupt, und sagte verweisend:

»Welch ein Wort, Gewaltiger! floh dir, scheu, von den Lippen,

So die tapferen Männer zu schmäh'n? Wir feig in der Feldschlacht?

Zahllos jammern daheim die Verwaiseten -- jammern die Bräute,

Wie auch die Gattinnen, bald, und auf immer die Lieben vermissend,

Die, zu Hügeln gehäuft, wir tödteten rings um den Wall her.

Galt es, mit Sterblichen nur in die Schranken zu treten: wir hätten

Herrlich gesiegt. Doch heimlich vereint mit den Geistern der Hölle,

War der bebende Grund mit jeglichem Schrecken des Luftraums

Aufgestürmt um Goletta: wir wichen den furchtbaren Mächten,

Aber nicht feig', da wir zu dem blutigsten Kampfe bereit steh'n.«

Also der tapfere Greis; da höhnete Dragut den Helden:

»Armer, du schwärmst vor Angst! Auch uns erklangen die Ohren,

Als der brüllende Donner erscholl; mit dem bebenden Boden

Wankten auch wir; uns schlug nicht minder der prasselnde Regen.

O, daß ich fern' war! Nein, nie hätte den Geistern der Hölle

Dragut gebebt, von dem das Volk sich erzählet: er würde

Selber den Satan besteh'n in nie zu erschütternder Kühnheit.«

Sinam schwieg; doch Hairaddin trat den Hadernden näher,

Faßte den Dolch, und sprach mit zornausblitzenden Augen:

»Denket der Trauer nicht mehr, weil uns die Veste geraubt ward,

Die mit wuchernden Blutes Gewinn ein herrlicher Sieg uns

Wieder erringt. Zum Kampf denn! Am Morgen ertöne der Schlachtruf --

Töne so schrecklich, so laut, daß umher die Gefilde des Todes

Schauern vor Angst. Doch hört, was dringend erheischet die Vorsicht,

Und die Rache gebeut ob Giaffars Fall, und Goletta's.

Unter den Kerkern der Burg, wo in Banden die christlichen Sclaven

Liegen, und all', im thörichten Wahn: der tapfere Moslem

Falle dem Christen so leicht, nun harren des kommenden Retters,

Häuften im ringsdurchhöhleten Grund die Söldner des Zündstaubs

Furchtbare Last. Entflammt aufschleudre sie jetzo die Hochburg --

Schleudre zerschmettert die Sclaven all' empor in den Luftraum

So, daß nicht einer entrinne dem Tod und dem grausen Verderben.

Also gescheh's, noch ehe der Morgen im Osten heraufglänzt!«

Sinam erblaßt'; auch Abu-Sa-id und Muhamed Temtes

Zitterten; doch noch frecher begann der schreckliche Dragut:

»Wahrlich,« so rief er, »nur Gott, und sein erhabner Prophet nur

Gab den Gedanken dir ein: ich beuge mich tief vor Erstaunen!

Alle zugleich! So möge mit Jenen der heuchelnde Graukopf,

Der mir Mathilden entriß, zerschmettert, verhauchen das Leben:

Denn ich sann ihm entsetzlichen Tod: er fahre zur Hölle!«

Grimmig lächelt' er nun. Da wandt' ihm, von Schauder ergriffen,

Sinam den Rücken, und sprach zu Hairaddin schmeichelnden Lautes:

»Mächtiger, wie, du solltest den Ruhm errungener Lorbern

Heute durch solch' entsetzliche That auf immer beflecken,

Die von der Feigheit gezeugt, und Verzweiflung geboren, zum Abscheu

Allen, Suleymans Huld dir entzöge für jetzt und auf immer?

Wie der Morgenstern vor jeglichem strahlt an dem Himmel,

Also zieret sein Herz der Tugenden schönste, die Großmuth.

Was vermöcht' in der Felsenburg der wehrlosen Sclaven

Fesselbelastete Schar? Sie mög' in festlichen Reihen,

Nach vollendetem Krieg, den Siegeswagen dir schmücken!«

Aber der Wüthrich schwieg. Noch kämpfte die Furcht mit der Mordlust,

Ob Suleymans Zorn, in seinem beklommenen Busen;

Endlich obsiegte die Furcht. Er sprach, tiefsinnenden Blickes:

»Ha, wenn Reue mir würde dereinst, der klügelnden Weisheit

Sinams gewichen zu seyn! Ich bebe der dunkelen Ahnung,

Die mich ergreift. Wohlan, ich weiche dir! Eilt in das Lager,

Dort zu erregen das Heer; ich entwaffne die Freunde des Hassan

Hier in der Stadt, die mich verriethen im Kampf der Entscheidung.«

Jene, gehorchend dem Wort, enteileten; aber der Wüthrich

Zog in den Straßen umher mit Gefolg, das Volk zu entwaffnen.

Wie in der Schreckenszeit volktödtender Seuche, der Hauptstadt

Einsame Straßen entlang, nur leichensammelnder Träger

Fußtritt schallt, und mit Angst erfüllet die Herzen der Menschen,

Die sich, verborgen daheim in der Kammer, ergeben der Hoffnung,

Dort zu entgehen der scheußlichen Pest: so flüchteten, bebend,

Jetzt die Tunisier heim in der Nacht, als rings mit Getümmel

Hairaddins Würgerschar durchtobte die hallenden Straßen.

Trauernden Blickes saß auf der Zinne der luftigen Hochburg

Regulus: denn er sah, wie jüngst der grausame Wüthrich

Unter den Kerkern umher, die Last des schrecklichen Zündstaubs

Häufen ließ, die Sclaven gesammt urplötzlich zu tödten.

Muhamed brauste heran, der grau'nerregenden Unthat

Zeuge zu seyn, die er Hairaddin erst einhauchte voll Arglist.

Auf der Zinne der Burg den Einsamen schauend, begann er:

»Stets entfernt von der Heldenbahn, der rühmlichen Vorzeit

Nicht gedenkend, nur Hülf' und Errettung sinnend dem Volk hier,

Das nicht deines Geschlechts, nicht deines Glaubens sich rühmet,

Irrst du umher, Verblendeter! Bald vernimmst du mit Schauder --

Schauest mit Schrecken es an, wie die Lunt' ein kühner Geselle

Hin zu dem Zündstaub senkt, die Flamm' auffleugt zu dem Himmel,

Donner erkracht, und der Berg, aus seinen berstenden Vesten

Taumelnd vor Angst, empor in den sturmbewegeten Luftraum

Schleudert unendlichen Wust, und im Wuste die christlichen Sclaven,

Die dein Herz erkor, zerschmettert entschwinden dem Erdkreis.

Jammere dann! Nichts half dir all dein wüstes Beginnen.«

Rief's, und entschwand. Doch Regulus sah nach Medelin: er horchte

Von dem Erker der Burg in die Nacht. Vor dem kommenden Sieger

Schwieg das Gefild umher, und der Lärm verhallte zu Tunis.

Bald des Siegers gedacht' er mit Angst: denn schändlich verrathen

Hatt' er sein Volk, und für Trug verschmähet die heilige Wahrheit;

Bald umgaukelten ihn die Bilder der lieblichen Heimath,

Dort die fröhliche Jugendzeit, verlebt in dem Umgang

Holder Gespielen, und dort die liebende Mutter in Jammer

Ob des Sohnes Verlust -- in Trauer die Freund' und Verwandten.

Gleich dem starrenden Eis, das schnell des laueren Westwinds

Odem schmilzt, begann ihm die Wuth in dem Busen zu schmelzen,

Und sein Aug', das lange nicht mehr des reuigen Herzens

Sanftere Thräne gekannt, erhellten schimmernde Perlen.

Regulus schwebte herab, umschlang den Nacken Medelins,

Daß er in seiner Brust entflammte des himmlischen Mitleids

Glimmende Funken, und regt' ihn auf in dem Seelengelispel:

»Hast du dem Vaterland, den Lieben daheim und dem Glauben

Deiner Väter entsagt, und geopfert für schändlichen Reichthum

Ruh' und Glück? Doch sieh', nicht bringt dir solcher hienieden

Jemals Gewinn: denn bald, in entsetzlicher Stunde der Nothwehr

Wenn nicht Sinam es hemmt, der mildergesinnete Feldherr,

Schleudert des Wüthrichs Grimm die Sclaven, und schleudert dich selber,

Flammenumbraust, in die Luft. O, rette die armen: dem Mitleid

Oeffne dein Herz, und der Reue, zu sühnen den schändlichen Undank!«

Schaudernd vernahm im Geist die schrecklichen Worte Medelin;

Stieg die Stufen herab, und Regulus blickte, vor Wonne

Bebend, ihm nach: er ging, die Brüder zu retten, entschlossen.

Jetzt urplötzlich umstrahlt von seelenentzückender Klarheit,

Und vernehmend den Ruf unendlicher Lieb' und Erbarmung,

Fuhr der Geist verklärt empor, in lichteren Räumen

Seliger stets, der Himmelshuld entgegen zu harren.

Doch schon stand Medelin umringt von den Christen im Kerker;

Riß sich das Kleid entzwei; zerschlug sich die Brust und die Hüften,

Lautaufjammernd, und rief mit thränenumhülletem Blick so:

»Wehe mir schändlichem Mann: den heiligen Glauben verläugnet

Hab' ich für schnöden Gewinn, verkauft dem falschen Propheten

Ruh' und Glück; doch über das Haupt des schändlichen Räubers,

Hairaddin, komme der Fluch! Ihr all', o Frevel der Hölle,

Solltet jetzt, in die Luft geschleudert, zerstieben im Zündstaub,

Den er gehäuft im Fels tief unter den Kerkern! Nur Sinam

Hemmte den Wüthenden noch, und siegt'. Mir schwand die Verblendung

Schnell vor den Augen: ich schwur, dem Gräuel erbebend, euch Rettung,

Und, wenn Reue noch frommt, so wird erbarmende Huld mir.

Hör't, nur tödt' euch die Freude nicht, hör't! Euch Freiheit zu

schaffen,

Rückten die Christen mit Heer'smacht an; im Sturme bezwungen,

Liegt Goletta im Staub; die goldenen Zinnen von Tunis

Beben dem Sieger; der Wüthrich flieht, und der schimmernde Halbmond

Sinkt vor dem heil'gen Panier, das unser'n Erlöser getragen.«

Rief's, und, als er die Bande gelöst von den Händen und Füßen

Hugo's, da sprach er zu ihm, mit thränenerhelleten Augen:

»Eile zu unserm Gebiether und Herrn, dem Kaiser, und künd' ihm,

Was hier eben gescheh'n. Die eisernen Thore der Hochburg

Will ich verschließen vor Hairaddins Wuth, die entfesselten Sclaven

Waffnen, und harren des Wink's zum Verein mit ihm und der Heersmacht;

Aber er eile heran: denn furchtbar wäre das Säumen.«

Als er geendet, da scholl um ihn her entsetzliches Rufen,

Weinen, und Jauchzen des Volk's, daß er selber in bebenden Schauern,

Wonn'entseelt, hinsank, und stöhnete. Freudig enteilte

Hugo des Kerkers Nacht, dem Kaiser die Kunde zu bringen.

Liebliche Still' umfing das Lager der Christen. Entschlummert

Ruhte der Krieger im luftigen Zelt; nur rings um den Wall her

Stand die Wache, nicht scheuend für heut' den feindlichen Anfall

Mehr, und summte, gelehnt an's Gewehr, ein munteres Liedchen

Leis' in die Stille hinaus, sich die nächtlichen Stunden zu kürzen.

Ueber die Cedern herauf, an Zafrano's entfernteren Höhen,

Schwebte der Mond, und erhellete rings den schweigenden Erdkreis.

Draußen im duftigen Meer, auf den fern entgleitenden Wellen,

Glomm sein düsteres Licht; er zog in dem finstern Gewässer

Hin die strahlende Bahn. Vom Schilf her säuselte Kühlung;

Summend wiegten die Mücken der Nacht sich in würzigen Lüften,

Und in das leise Getös' der fern' aufbrandenden Wogen

Mengte vom dunkelen Hain die kreischende Stimme der Laubfrosch:

Rings verstummte die Welt, und entschlummert ruhten die Krieger.

Aber kein Schlummer umfing die glühenden Augen des Kaisers.

Sinnend saß er vor seinem Gezelt, und blickte zuweilen

Schwermuthsvoll in die liebliche Helle des Mondes, zuweilen

Nach dem trüblichen Schimmer hinaus auf den gleitenden Wellen,

Hörte der Wogen Geräusch am fernen Gestade; der Mücken

Summenden Flug, und das Kreischen der grünlichen Zweigebewohner,

Und er seufzte dann laut des Herzens nagendem Kummer.

Sieh', nicht schlummert' auch Eberstein! Ihm brannten die Wunden

Noch an dem Arm, den erst, im Sturm der Veste Goletta,

Ein befiederter Pfeil durchfuhr. Er lag in dem Mondlicht,

Vor dem Gezelt, die Labung kühlumsäuselnder Lüftchen

Athmend. Nun horcht' er bewegt, und blickte verwundert um sich her,

Als er die Seufzer vernahm vor dem Zelteingange des Herrschers.

»Wer durchstöhnet die Nacht?« so rief er, dem einsamen Denker

Nahend mit zögerndem Schritt. »Er selber?« Da wich er betroffen,

Kehrete wieder, und sann: ob er dort den Einsamen störe?

Doch sein trauerndes Aug' entlockte dem Zweifler das Wort jetzt:

»Hat mich das Lüftchen getäuscht, das leis' in den Zweigen des Oehlbaums

Säuselt, Seufzenden gleich? Geußt Blässe des Todes der Mond nur

Dir auf die Wangen? Wie, du wachest, in Trauer versunken,

Nach dem Tage des herrlichsten Sieg's, dem Falle Goletta's?

Sprich, Erlauchter, warum denn ewig dir finstere Schwermuth

Falte die Stirn'? Enthülle dem Treuen des Herzens Geheimniß:

Haben die Sorgen des Thron's, hat unverschuldetes Herzleid

Sie schon frühe gezeugt, und großgezogen zum Jammer?«

Ernster wandte nach ihm die sinnenden Blicke der Kaiser;

Legte die Hand auf die Brust, und begann mit erschütternder Stimme:

»Lasest im Antlitz du die Züge des nagenden Kummers?

O, so schaue sie kenntlicher noch mir im Herzen, und schweige!

Früher Gram, vermengt mit den zartesten Freuden der Kindheit

Wurzelt' in dieser Brust, die dort des herrlichen Vaters

Tod, und um ihn, der Mutter im Wahnsinn endende Trauer,

Grausam zerriß. Doch winkte mir ewig der Völkerbeherrschung

Ernstes Ziel; ihm weiht' ich die fröhlichen Jahre der Jugend,

Schweigend, der Blödigkeit Bild, bis Valladolids Turnierbahn,[70]

Und des Schild's hochsinniger Spruch mir glänzenden Ruhm gab.

Als ich Hispania's Zepter ergriff, durchtobten des Aufruhrs

Schrecken das herrliche Land. Von Bürgerblute besudelt,

Weckt' es Entsetzen mir an den Schranken der furchtbaren Laufbahn;[71]

Aber zugleich erstand auf der dornenvollen ein Feind mir,

Unversöhnlich, den Thron des heiligen, römischen Reiches

Neidend, und glühend vor Haß, in Frankreichs stolzem Beherrscher.[72]

Hat er nicht endlos Krieg, und ach, unnennbares Elend

Rings auf unsere Völker gewälzt: zu Bundesgenossen,

Er, deß' Thron in dem Nachruhm prangt des _Christlichsten Königs_,[73]

Mahoms Söhne gewählt,[74] des Kreutzes schrecklichen Erbfeind,

Den ich im seligen Jugendtraum, dereinst Europa's

Rettender Hort, zurück nach Asia's Steppen zu drängen

Hoffte? Sieh', auch jetzt, als uns viel tausender Christen

Schreckliche Noth nach Afrika's ferne Gestade gerufen,

Weckt er daheim mir Haß, und nährt verderbenden Aufruhr!

Deutschland -- Mann, du erbebst dem Jammergeschicke der Heimath,

Fröhnt ihm sogar, verkennend mein treues und redliches Streben:

Durch den freien Verein so vielfachgesonderter Gauen

Endlich die heimische Macht und Würde für immer zu gründen!

Doch nun trennt sie ein Streit, das Heiligste, Höchste der Menschheit:

Gottes Wort, sich erkiesend zum strenggebiethenden Vorwand:

Jeden Verein zum Wohl noch kommender Zeiten zu fernen.[75]

Wahr, daß Schatten das Licht umhülleten; heilig wie Gottes

Satzung, der Unfug dünkte dem Volk', und die Wiedergestaltung

So an dem Haupt wie den Gliedern ersehnt' auch die bessere Mehrzahl,

Die dem Heiland getreu verharrt für immer und ewig!

Doch nur von Schlacken das Gold, von der Spreu zu sondern das

Fruchtkorn,

Heischte die Lieb', und es hob sich schon der Tempel der Eintracht

Herrlich empor: er ward zertrümmert in schrecklicher Willkühr.

Nur zerstörend wollte man bau'n. Die reitzende Neu'rung

Und der empörende Ruf unwahrgedeuteter Freiheit

Lockte das Volk -- das Eigen der Kirche die Fürsten. So rang ich,

Denkend des schrecklichen Bauernkriegs,[76] und der Gräueln der Zukunft,

Lang' entgegen dem Strom, dem Jammer zu wehren, vergebens!

Ha, ein Gesicht, erst jüngst in des Heiligthums Dunkel enthüllet,

Sträubte das Haar an der Scheitel mir auf! Ich zitterte, bebte:

Deutschland sah ich erwürgt nach dreißigjährigem Wuthkampf,[77]

Rauchend im Schutt die Burgen, Paläst', und Hütten, und Tempeln;

Heiliges frech entweiht, die Määler der Künste vernichtet,

Und verödet die Gau'n. Wo früher die goldenen Aehren

Wogten im schimmernden Abendroth; wo blöckende Heerden

Hüpften im lachenden Grün; der Mensch in seliger Unschuld

Gleichbeseligte Menschen ersah, und sich freute des Daseyns,

Herrschte nur Grabesstill', und im dornumwucherten Saatfeld

Bleichte das nackte Gebein weithin erschlagener Völker.

Spät erst wagte, mit schüchternem Blick, der Verscheucht' aus dem

Schutte

Sich zu erheben, und sah er nun dort den Schüchternen kommen,

Dacht' er, »Weß Glaubens er sey?« und brütete Haß und Verfolgung.

Sieh', Jahrhunderte floh'n! Da lag auf den Fluren der Heimath

Finstres Gewölk; die röthlichen Blitz' erhellten zuweilen

Hinter der Wolkennacht, die Jammergefilde der Zukunft.

Ueber dem Rhein scholl Mordausruf: bald wirbelten endlos

Auch in die deutschen Gau'n, vernichtend, herüber des Aufruhrs

Flammen, und laut umher ertönte Gebrülle von Freiheit!

Gleichheit! Doch von dem Wagen des lautumjauchzeten Siegers

Klirrten die Fesseln schon entehrender, schimpflicher Knechtschaft.

Fiele der Deutsche so tief? Er beugte den kräftigen Nacken

Selber der Schmach? O dahin, ich wußt' es, unselige Trennung,

Führst du mein edeles Volk: dir rang ich vergeblich entgegen!«[78]

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 15 / 20 段