Jene, so langersehnete Nacht, des lieblichen Vollmonds
Stille Verkündigerinn, die jüngst, mit der Freiheit, Mathilden
Himmelswonne verhieß, und, ach, voll Jammers dahinschwand!
Sieh', in dem schattenden Laubengang des zierlichen Gartens,
Der an des See's Gestad', von thürmenden Mauern umfangen,
Lag, lustwandelte sie in des Abends heiliger Stille
Täglich umher! Sie erzählete dort lautweinend den Bäumen
All ihr Wehe: sie säuselten Trost, und den Blumen ihr Unglück:
Ihr erglänzte die Zähr' aus dem duftenden Kelch, und ihr Wehruf
Scholl, dem klagenden Laut der Nachtigall ähnlich im Lenzmond.
Keiner der Männer betrat, die Straf' urplötzlichen Todes
Scheuend, den Laubengang am dämmernden Abend; nur Hugo
Durfte der Einsamen nah'n, dem Dragut vertraute vor allen.
Aber es hatt' erst jüngst ein Fischer die dürftige Hütte
Nahe der furchtbar'n Mauer erbaut aus duftendem Schilfrohr;
Zog im Grauen der Nacht das weitumschwimmende Fangnetz
Nach dem gleitenden Kahn, und both den kärglichen Vorrath
Morgens, am Strande des See's dann feil, laut rufend, und rühmend.
Nicht verdächtig erschien dort Kurd, der trauernde Fremdling.
Emsig trocknet' er heute sein Netz am heimlichen Pförtchen,
Das im dunkeln Gebüsch, in der Mauer der spähende Hugo
Fand, und harrte mit Angst der Stunde der Flucht und Errettung;
Doch von dem Minaret verkündete jetzt die ersehnte,
Heiseren Ruf's, der finstere, stundausrufende Iman.
Heftig bebte Mathild', als Hugo's eilender Fußtritt
Näher erscholl. »Was pocht dieß trauernde Herz so gewaltig?«
Sprach sie, und hielt sich die Brust, und schritt nun hin- und herüber
Eilend, als sollte sie flieh'n. Dann rief ihr flehender Blick noch:
»Lass' an des Gatten Brust es brechen, o ewige Vorsicht!«
Hugo ergriff Mathilden am Arm, und führte sie schweigend
Durch verschlung'nes Gesträuch zu dem leis'eröffneten Pförtchen,
Sank auf die Knie', und drückte mit langem, mit innigem Kusse,
Seinen Mund auf den Saum von ihrem wehenden Kleid noch.
Aber sie stand todbleich, und faßte mit zitternden Händen
Hugo's grauendes Haupt, und weint', und konnte nicht sprechen.
Nun geboth er die Flucht, und eilte zurück in den Hofraum:
Keiner gewahrte die Thrän' an seinen zuckenden Wangen.
Siehe, der Vollmond hob sein silbernstrahlendes Antlitz
Eben in Osten herauf, als Dragut zur eiligen Heimkehr
Spornte sein schnaubendes Roß; im Klirren des Waffengeschmeides
Sprang er vom Sattel, und schrie, daß rings erbebten die Hallen:
»Hugo, weilt die Gebietherinn noch lustwandelnd im Schatten?
Wehe dir, thörichter Arzt, wenn, kühlumschwärmend, des Lüftchens
Hauch ihr Leiden erregt, und nagender Gram mir zu Theil wird!«
Schweigend winkt' ihm der Greis, und lang' umirrend, mit Absicht,
Durch des laubigen Hains verschlungene Pfade, nur spät erst,
Kam er zum Pförtchen im Busch, und sprach: »Die erbarmende Vorsicht
Zeigte den Ausweg mir zur Rettung der edelsten Gattinn
Meines Gebiethers: sie floh im gleitenden Kahn, und Toledo
Trägt auf den Armen sie heim, wo im seligen Bunde der Herzen
Sie vergesse des Raubs, und der schrecklichen Nähe des Räubers.
Wüthe nach Willkühr jetzt: hier liegt dein williges Opfer.«
Sagt' es, und both, auf beide Kniee gesunken, das Haupt ihm
Lächelnd zum Tode dar. Im himmlischen Siege der Großmuth
Schwelgte sein edeles Herz auf jener geheiligten Stelle,
Wo er des scheidenden Engels Kleid an die Lippen gepreßt hielt.
Leblos stand, und starrt', an jeglicher Miene verzerret,
Dragut nach Hugo hinab; nur langsam löste der Wuthkrampf
Seiner Glieder sich auf: sie bebten, vernehmlich den Ohren,
Und das Knirschen der Zähn' erscholl in dem Laubengewölb' dort.
Endlich begann er -- nicht mit des Zorns zermalmenden Lauten,
Dennoch schrecklicher: kalt, und grimmig, so vor dem Alten:
»Elender, wie, durch Draguts Hände zu sterben, verlangst du?
Keiner ersann noch den Tod, der dir, Verruchter, zu Theil wird!«
Schnaubend floh er von ihm; bald klirrten die lastenden Ketten
Näher. Mit lächelndem Blick darboth er den Knechten des Wüthrichs,
Die ihm nur schüchtern genaht, die Händ' und die Füße zur Fess'lung,
Und sie schleppten ihn fort in die Todeshöhlen der Hochburg.
Aber die sanfte Dulderinn lag im eilenden Fahrzeug
Dicht mit Netzen verhüllt, und starrte hinauf in des Vollmonds
Liebliche Helle: der Gegenwart zermalmende Leiden
Schwanden vor ihrem Blick. Wie, fern verschlagen, der Schiffer
Freudig den Hafen schaut durch schwindende Nebel des Morgens,
Sah sie entzückt des Friedens Gefild', und hörte mit Wonne
Sanft verhallen im Sternenzelt Harmonieen des Himmels.
Jetzt, entronnen des Wüthrichs Macht, am felsigen Ufer
Landend, hob sie sich auf aus der Tiefe des schwankenden Kahnes.
Kurd erschrack: denn ein' Unsterbliche wähnt' er zu schauen:
Also erhaben an Huld ihn dünkte die Gattinn Toledo's.
Doch an der schroffen Bahn aufwärts zur Höhle der Felswand
Klimmend, ruhte sie oft, gestützt auf den redlichen Führer,
Der mit heiliger Scheu an der Seite der Hehren emporstieg.
»Hier,« so sprach er, »im stillen Schooß der räumigen Felskluft,
Mögest du ruh'n; bald kommt, auf Flügeln der Liebe getragen,
Dein erlauchter Gemahl; du folgst ihm zur Wonne der Zukunft.«
Aber die Augen, von Thränen schwer, erhob sie noch einmal,
Dankend, zum Himmel, und stieg in die schaurige Höhle hinunter.
Jener häufte den Schutt und die Felsentrümmer mit Vorsicht
Auf an dem gähnenden Schlund, und bog das Laub mit den Zweigen
Ueber ihn hin, daß kein umspähendes Aug' ihn gewahre.
D'rauf durchflog er im eilenden Lauf des schauernden Oehlwalds
Schattenpfad, und kam Toledo die Rettung zu künden.
Nicht erfreute die Nacht mit holdem Schlummer die Augen
Hairaddins jetzt, und schon lange nicht mehr: des nahenden Kampfes
Grau'n umschwebte sein Haupt, wie donnerschwangere Wolken
Schwimmen des Alpbergs Höh'n umher. Auf schwellenden Pfühlen
Saß er, und starrt' in die leuchtende Flamme, welch' in dem Prunksaal,
Duftend von Rosenöhl aus der goldenen Lampe sich aufhob.
Muhamed war ihm genaht, und sucht' ihm Muth und Vertrauen
Einzuhauchen -- umsonst! Er dachte des falschen Numiden
Schlangenlist, den Haß des Mauren, des Arabers Feigheit,
Und die erlesene Schar, so klein im Gedränge der Feldschlacht,
Wenn nicht Hülfe erschien, die er jüngst entbothen aus Algier.
Aber der stürmische Geist entschwebte dem Saal, in der Burg dort
Memi, des Harems Hort, und Hairaddins Lieblingsverschnittnen
Suchend. Er saß in der Hall', und ballte mit sinnenden Blicken
Grimmig die Faust: er wußte nicht, wie zu verscheuchen des Unmuths
Dauernde Wolkennacht von Hairaddins finsterem Antlitz!
Als ihn der Geist umflog, da hob sein wehendes Kleid sich
Ihm an der Brust: er sah im nächtlichen Dunkel der Halle
Lange, verstört, umher; doch Muhamed schalt ihn ergrimmt so:
»Wie, nicht Hülfe, nicht Rath ersinnest du, heilloser Schwächling,
Daß entschwinde der Gram aus der Seele des Völkergebiethers?
Wurde das _Thor der Wonne_[51] nicht jüngst, vor allen Erwählten,
Dir zur Sorge vertraut, und schlummern nicht rosige Mägdlein,
Die der Handelsmann aus Cirkassia's[52] Thälern gesendet,
Hier in dem Harem, so hold und schön, wie liebliche Houris,
Die sich Muhamed einst in himmlischen Fluren erträumte,
Ach, und erwachend, nicht fand? Wem red' ich die Worte vergeblich?
Gehe, verstümmelter Sclav', und heiße die zartesten Jungfrau'n
Eilig durch Tänz' und Spiele der bergumschlossenen Heimath,
Holdem Getöne vereint, erfreuen die Seele des Herrschers!«
Dem gleich, welcher um Mitternacht vom leuchtenden Blitzstrahl
Aus dem Schlummer geweckt, in Hast auffährt von dem Lager,
Fuhr auch Memi vom Stuhl, und, eilig die Pforte des Harems
Oeffnend, schritt er, die Hallen entlang, zur entlegensten Kammer,
Wo die erlesenen Drei, auf schwellende Pfühle gesunken,
Schlummerten; sah, wie dort des Mondes lieblicher Schimmer
Zart die Holden umfing, die Welle des schneeigen Busens
Rastlos stieg, und sank; er hörte, hinübergebogen,
Ihres Odems melodisches Weh'n, und erdrückte, vor Ingrimm
Aechzend, die Thrän', die empor aus seinem zerrissenen Herzen
Drang, und im eilenden Lauf' dem trüberen Auge genaht war.
Jetzo weckt' er sie, sanft an der Schulter berührend, mit leisem,
Lispelndem Ruf. So folgten sie, die Gefährtinnen scheuend,
Die, an der Zahl zweihundert, und mehr noch, in räumigen Kammern
Ruheten: all' erwählt des Herrschers Lüsten zu fröhnen.
Sclavinnen nur, nicht Frau'n. Nicht im Worte des Heiles geschlossen
Ward ihr Bund, wo die Einzige treu verharret dem Einen
Bis in den Tod, und treu die Bürde des Lebens ihm tragen
Hilft, als Mutter der holdaufblühenden Kinder, als Gattinn,
Und als Freundinn zugleich, in seliger Einung der Herzen.
Eilen hieß er sie erst zur badumwölbenden Halle
Unten im Schooße der Burg. Sie tauchten die reizenden Glieder
Dort in die liebliche Fluth, und salbten mit duftendem Oel sie.
Dann aufschloß er mit lächelndem Blick den Schrank in der Mauer,
Weisend die Pracht der Edelstein' und der festlichen Kleider.
Freudige Röth' umzog die Wangen der Mädchen, als Memi
Jetzo das Tuch darboth, gewebt von dem emsigen Hindou
Aus der Wolle des Baums. So zart und duftig wie Nebel,
Die in dem Morgenroth umfließen die blühenden Rosen,
Hüllet' ihr Unterkleid das zarte Geweb', und er both dann,
Lächelnd, den Gürtel dar, der unter dem schwebenden Busen,
Schimmernd von Gold, den Leib umfing; den wallenden Kaftan
Von blaßrother Seide, verbrämt mit bräunlichem Zobel,
Auch die Saffianschuh', des Hauptes Zierde, den Kalpack,
Dem des Reihers Gefieder entstieg, und die köstlichen Perlen
Für den Lilienhals -- für die Ohren Gehänge von Demant.
Also geschmückt nachfolgten sie jetzt dem winkenden Aga.
Leise die Pfort' eröffnend, und erst mit spähenden Augen,
Ueber die Schwelle gebeugt, vorschauend, sah er des Herrschers
Leblosstarrenden Blick. Er drängte die schüchternen Kinder
Eilender vor: sie nahten mit Angst dem Sinnenden. Memi
Weckte zugleich auf dem Schrank die flötenbeseelende Kunstuhr,
Die an dem Strand Amalfi's jüngst erbeutete Dragut,
Plündernd die fürstliche Burg, und Hairaddin dann zum Geschenk gab.
Auch stand, Wunder zu schau'n, auf dem Schrank ein goldener Käfich,
D'rinnen ein Vögelchen saß, ein Hänfling, wie lebend gestaltet.
Als nun Orgelgetön im Schooße des zierlichen Schrankes
Weckte die Uhr: da sang das Vögelchen zart, wie im Lenzmond
Flötet der Hänfling im Busch; die tönende Kehle bewegend,
Wandt' es den Kopf nun links, nun rechts, und breitete fächelnd
Oft die Flügelchen aus, und wühlt' in der Brust mit dem Schnabel.
Weder des Hänflings Sang, noch Getöne der künstlichen Orgel
Traf nun Hairaddins Ohr: er starrte noch immer vor sich hin;
Doch, als jetzt, verschlungen im Kreis', die Mädchen ihm nahten,
Ihm zu erheitern das Herz mit Tänzen der Heimath, und Memi
Schon aufhüpfte vor Lust: da fuhr er vom Lager, und schrie laut:
»Fort, ich zertret' euch!« Und sie entfloh'n, wie schüchterne Tauben
Flieh'n vom Feld, wenn Geiers Geschrei aus den Lüften herabtönt.
Schnaubend ging er umher: ihm scholl von dem fernen Goletta
Donnergemurmel an's horchende Ohr, und er sandte dann endlich
Nach Tobukes, nach Abu-Sa-id, und Muhamed Temtes.
Doch sie nahten im Flug, und bebten der Rede des Herrschers:
»Führer der Völker, die zu Fuß, und auf feurigen Rossen
Mächtige Heere zerstreu'n, vernehmt es, was ich gebiethe:
Ehe des Morgens Dämmerlicht den östlichen Himmel
Röthet, stürmst du, Tobukes, gewohnt im heimlichen Anfall
Sieger zu seyn, mit zwanzigtausend Erwählten des Feindes
Mittlere Schanz', und ich, von den schrecklichen Kriegern umgeben,
Dringe durch das Olivengehölz, wenn, schimmernd, des Meeres
Fluthen die Sonn' entsteigt, und dort auch Muhamed Temtes
Von Goletta heran, zu erstürmen des Lagers Umwallung,
Während uns Abu-Sa-id, Arabia's treffliche Reiter
Führend, gleich dem Orkan, dem sinkende Wälder erkrachen,
Rasch nachdringt, und den fliehenden Feind vernichtet auf einmal.
Also gewahrt ihr im Sieg den Segen des großen Propheten!«
Jene, entflammt in der Brust von den Worten des furchtbaren Herrschers,
Eilten zum Kampf. Entlang Medscherda's Ufern (Bagrada[53]
Hieß der mächtige Strom in Karthago's verschollenen Tagen)
Wogten des Arabers bräunliche Zelt' im Hauche des Windes
Weit umher. Er bauet sein Zelt, dem höckrigen Lastthier
Gleich an Gestalt, das fort, ein lebendes Schiff, in des Sandmeers
Wüsten wandelt: ihr Sohn, so fromm und so duldend. Es ruhte
Noch entschlummert das Volk, und die losgebundenen Rosse
Weideten frei im Gefild. Doch als nun die ehernen Becken
Abu-Sa-ids erschollen; als laut ertönte der Schlachtruf:
Da fuhr jeglicher Mann gerüstet vom Lager, und rief dann
Vor dem Gezelt sein edeles Roß bei'm Namen. Sie flogen
Wiehernd herbei, und bothen dem wolligen Sattel den Rücken --
Bothen die Zunge dem Zaum, und bäumten sich hoch mit dem Reiter.
Aber Afrika's bräunliche Söhn' erweckte Drometen-
Schall, und Barda's Höh'n entströmten die lärmenden Scharen,
Wie im thauenden Lenz von der schimmernden Kuppe der Alpen
Schneefluth kommt, und laut herrauscht in die Thäler. Sie führte
Muhamed Temtes zum Kampf, des Fußvolks kühner Gebiether.
Scheidend senkte der Mond im Westen sein blässeres Antlitz
Jetzt in Nebelgewölk, und dämmernd erhob sich der Morgen.
Hairaddin hielt am Olivengehölz mit den Schrecklichen. Allen
Kam er zuvor, und hieß, des Kampfs wohlkundig, die Schanzen
Eilig erbau'n auf den Höhn des ragenden Felsengebirges,
Das Mathilden im Schooß der schaurigen Höhle, seit gestern
Barg. Dort lag die unglückliche Frau (der nahen Entbindung
Wehen durchzuckten ihr Mark und Gebein) unsägliche Qualen
Duldend, und harrend mit Angst des heißersehneten Gatten.
Eilenden Laufs war Kurd dem Lager der Christen genahet,
Trat in Toledo's Gezelt, und sprach, tiefathmend, und bebend:
»Hugo's Worte verkündet mein Mund: ihn mögest du hören.
Siehe, der Morgen grau't, der langgetrennete Herzen
Wieder vereint! Schon harrt in traulicher Felsenumhüllung
Dein die Gattinn mit Angst: o trage sie jetzt auf den Armen,
Freudigerrettend, heim zu nimmer versiegender Wonne --
Heim in das Vaterland! Ein liebender Vater den Waisen
Hugo's mögest du seyn, der dich in der hülflosen Kindheit
Oft auf den Armen trug, dich fröhliche Spiele gelehret,
Und die Treue dir stets in dem redlichen Herzen bewahrt hat.«
»Kurd,« so jauchzte Toledo ihm zu, »Kurd, waffne dich eilig,
Du mein Freund fortan, mein Bruder und Waffengefährt' jetzt;
Säume nicht, schnell geleite mich hin zur Höhle des Waldes!«
Hastig reicht' er die Waffen ihm dar. Die finsteren Augen
Kurd's entflammten sich hell, und des Kummers tiefere Furchen
Schwanden von seiner Stirn' und Wange: nur Jauchzen des Sieges
Scholl um ihn her aus den Tagen des Ruhms erretteter Heimath,
Und, im versöhnten Gemüth gedacht' er nicht seines Geschicks mehr.
Jetzo, im Waffenschmuck auf feurige Rosse sich schwingend,
Jagten die Helden hinaus, entgegen der Höhle des Waldes.
Lauter säuselte schon aus Osten der schaurige Frühwind;
Purpurröthlicher Glanz entfloß des goldenen Morgens
Weiteröffnetem Thor; aus den dämmernden Wolkengefilden
Sah die wirbelnde Lerche zuerst erwachen die Sonne,
Und, jungfräulichverschämt, mit höherer Gluth auf den Wangen,
Dort dem rosigen Lager entflieh'n: als schauernde Wälder,
Noch in Dunkel gehüllt, mit leisem Zwitschern und Flistern
Ihr anstimmten den Morgengruß, und die Wellen des Meeres,
Hocherhebend das Haupt, sich sehnten, die Holde zu schauen;
Aber nur Blut, nur Mord, nur sterbender Menschen Geröchel
Wallt' ihr zum Morgengruß aus Goletta's Fluren entgegen.
Eilender stürmte Tobukes heran. Wie ein reißender Bergstrom
In der Gewitternacht anschwillt, und des Landes Bewohner
Schnell vom lieblichen Schlaf erwecket zur Angst und Verzweiflung:
Denn sie vernahmen es nicht, daß fern im finsteren Waldthal
Sausend die Wolke zerbarst, und Fluth entstürzte dem Abhang:
So, von Tobukes geführt, herströmten die Scharen, und stürzten
Auf Hispania's Macht. Da gaben die spähenden Wachen,
Staub gewahrend, und Volk in dem Staub, durch Büchsengeschmetter
Zeichen der Noth und Gefahr: aufrafften sich eilig die Krieger,
Und sie folgten beherzt dem trefflichen Führer Alarkon.
»Brüder,« so rief er laut, »nun vorwärts! Eiserngeschlossen
Haltet die Reih'n, und dränget den Feind vom Rande des Grabens
Muthig zurück; besiegt entflieh' er vor unseren Augen.
Denket der Wälschen, die erst vorschnell, nur flammender Kühnheit,
Nicht vorschauendem Muth gehorchend, im Felde der Waffen
Bluteten. Auf, Hispania's Volk: du stehe, dem Felsen
Gleich im Sturme der Schlacht, des sicheren Sieges gewärtig!«
Und er führte die Reih'n zum schanzumkreisenden Wall hin.
Aber wie dort an dem Mohrenstrand, hoch über der Meersfluth,
Schwebt die schreckliche Wassertrompet', ein winzig Gewölk erst;
Dann urplötzlich mit Donnerschall auf die Fluthen herabfährt,
Wirbelnd sie faßt, in die Luft aufhebt, und brausend im Jähsturz,
Hier die Schiffe zerschellt auf dem Meer, und dort an dem Ufer
Wüthend, unseliges Volk, und Hütten, und Saaten vernichtet:
Also erstiegen die Feinde den Wall im schrecklichen Anlauf.
Allah-Geschrei und Gekrach der stürzenden Pfähl' an dem Graben
Brauste vor ihnen daher; geschwungener Säbel Gezisch scholl;
Staub flog auf. Schon wandten sich eilig die Christen: die Vorschar
Stürzt' auf die folgende, wie, vom wüthenden Sturme gehoben,
Wog' auf Woge sich stürzt, und trennte die Ordnungen weithin.
Jetzt vom Schrecken betäubt, nicht hörend die Stimme des Führers,
Wichen sie all'. Er stand, und bohrte den Flüchtenden links, rechts,
Zürnend, das Schwert in die Brust, und ging, und wär' er allein nur,
Rühmlichen Kampf und Tod im Sinn, den Feinden entgegen.
Aber, glühend vor Scham, gewahrten die Krieger sich alle
Fortgerissen zu schmählicher Flucht. Sie kehrten im Sturmschritt
Wieder zurück; dann schnell die Gewehr' an die Wange sich pressend,
Zielten, und drückten sie los, und Stein und Stahl an dem Schlosse
Schleuderte Blitz'; aufflammt' an der Pfanne das Pulver: hinausfuhr
Krachend die Kugel -- sie flog in die stürmenden Haufen, und Volk sank.
Dann mit glühendem Muth, stets unaufhaltsamer, jauchzend,
Drangen die Tapferen vor, und warfen die stürmenden Haufen
Wieder zurück auf den Wall. Dort stand Alarkon vor allen.
Sieh', ihm nahte, beherzt, der einzige Sohn Abdul Hamids,
Des zu Tripoli herrschenden Dey's! Ihn sandte der Vater,
Daß er in Hairaddins Heer', erringend die Kränze des Sieges,
Kehre zur Freud' ihm heim, und zum Trost im grauenden Alter.
Aber er freue sich nicht, den Tag der fröhlichen Heimkehr
Seines Erzeugten zu seh'n: ihn hüllet die Erde vor Tunis.
Weitvorhaltend den Speer, eindrang er mit Wuth auf Alarkon,
Daß ihm der Schaft in der Faust erzitterte; dennoch, dem Kampf schon
Lange geübt, vermied im Sprung', Alarkon des Speeres
Tödlichen Stoß. Er hieb, mit kräftiger Rechte den Degen
Schwingend, den Schaft entzwei, und rannte den blitzenden Stahl ihm
Jetzt so tief in die Brust, daß er, scharfgeschliffen, ihm alsbald
Auch die Schulter durchfuhr: er sank, und stöhnt' in dem Tod noch.
D'rauf, entreißend den Stahl, zerschlug er dem Bascha von Tarsus,
Ahmet, die ragende Stirn': er taumelt' am Rande des Walles
Nieder, und fiel, die Händ' ausbreitend, hinab in den Graben.
Wie der flüchtige Hirsch, den heiß verfolget der Schweißhund,
Nah' an des schwindligen Abgrunds Rand, erlegt von dem Weidmann,
Jählings entstürzt: dumpf kracht sein Geweih an dem Felsen hinunter:
Ahmet entstürzte so schnell: ihm krachten im Falle die Glieder.
Aber da schlich Tobukes, ergrimmt, an den Rücken Alarkons;
Jauchzt', und bohrt' ihm, weitausholend, den Dolch in den Nacken.
Sterbend lag er am Wall, doch winkt' er dem kühnen Sarmento,
Führer zu seyn des Volk's in entsetzlicher Stunde des Wuthkampfs.
Zärtliche Freundschaft wand die Blüthen der fröhlichen Jugend
Immer noch frisch und duftend um beider Herzen: sie wallten,
Innigvereint, des Ruhmes Pfad im Leben und Tod noch.
Ob des Freundes Geschick aufstöhnend, brauste Sarmento
Vor, und schrie, und erweckte den Muth der zagenden Krieger,
Und von neuem begann auf dem Walle das grause Gemetzel.
Warf Sarmento den Feind, vordringend, zurück in den Graben,
Stürmte Tobukes ergrimmter herauf, nicht achtend der Haufen
Seines getödteten Volks: denn viele der Christen erlegt' er.
Gleich dem Nebelgewölk, das hoch in den bläulichen Luftraum
Aufschwebt; dann von zween sich bekämpfenden Winden ergriffen,
Hier- und dorthin treibt: so schwankte des Kampfes Entscheidung.
Einst Germania's Hort, und im Kampf: Legionenzertrümm'rer,
Hermann, sah die Gefahr, und fuhr im sausenden Eilflug
Nach des Kaisers Gezelt, der dort, tiefsinnenden Blickes,
Einsam saß, und erregt' ihn so mit den muthigen Worten:
»Säume nicht: heiß bestürmet der Feind Hispania's Krieger;
Eile hinaus: dein Blick gebiethe den Sieg in dem Schlachtfeld.«
Hastig entfuhr er dem Stuhl', und blickte, verwundert, um sich her.
»Ahnt mir Gefahr?« so dacht' er, dem Zelt enteilend. Er schwang sich
Draußen auf's feurige Roß, und flog nach der Schanze hinüber.
Ihm nachjagte Gefolg', und unter den stampfenden Hufen
Drönte der Boden umher; aufquoll der flimmernde Sandstaub.
Jetzo der Schanze genaht, begann der zürnende Kaiser:
»Wie, Hispania's Volk, dich nannte die staunende Mitwelt,
Rühmend, das Erst' im Feld, und du weichest dem feindlichen Andrang?
Auf, und rette den heimischen Ruhm! Ein glänzender Leitstern
Sey er dem Krieger im Kampf: nur mit ihm verlösche sein Leben!«
Lodernden Flammen gleich, ergriff die Herzen des Kaisers
Zornausruf: da brannt' auch der schwächere Mann in den Reihen,
Gegen die Feinde des Kriegs vernichtende Schrecken zu tragen,
Und sie kehrten sogleich. Wie ein bergabtaumelnder Felsblock,
Dem die Wälder erkrachen, Geröll' und Erde zerstäubt weicht;
Oder vom dauernden Regen geschwellt hinbrauset ein Bergstrom
Durch die Fluren, und Hain' und blühende Saaten zerstöret:
So in des Feindes Reih'n umwütheten jetzo die Krieger,
Rächend des Rückzugs Schmach. Doch wehe, da stürzte Sarmento,
Von Tobukes durchbohrt, und haucht' an dem Busen des Freundes,
Der auf dem Walle getödtet lag, den muthigen Geist aus!
Glückliches Los, das so die liebenden Freunde vereinte!
Ueber ihn hin (betrübt zwar, doch des eisernen Krieges
Stimme geboth's) und über die Hügel erschlagenen Volkes,
Eilten die Reihen auf Reih'n jetzt vor, und warfen die Gegner
Von dem Wall' in den Graben -- aus ihm hinüber in's Blachfeld,
Raschverfolgend. Nicht half das Schrei'n des Führers, Tobukes,
Nicht die knirschende Wuth des Volks: denn, Hagelgewittern
Aehnlich, folgte der Sieger ihm nach, und grause Vertilgung.
Unter den Letzteren floh Tobukes, und stöhnte vor Ingrimm.
Furchtbar war sein Arm in dem Kampf, und, glühend vor Sehnsucht,
Gohr ihm die Brust, daß Hairaddin bald vom Olivengehölz her
Nahend, ihm eine die Macht, zu vernichten die feindlichen Scharen.
Aber er harrt' umsonst, und jetzo, von Wunden ermattet,
Sann, und erwog er im finstern Gemüth': ob Hairaddins Rach' ihn,
Da er ihn haßte, vielleicht dem sicheren Tode hier preisgab?
Unerträglich erschien dem Zweifler des nächtlichen Irrwahns
Täuschendes Licht; er riß ergrimmt von der Seite den Mordstahl,
Stieß ihn tief in die Brust, und fiel, und röchelte sterbend.
Aber, vor Schrecken erstarrt, gewahrten die Krieger des Feldherrn
Blutige That, und floh'n jetzt eilender fort nach Goletta.