Ach, sie duldete dort jetzt unaussprechlichen Jammer!

Wie die Rose, dem wonnigen Lenz entfaltend die Knospen,

Rings Entzücken weckt, und freudiges Staunen: so war sie;

Aber, der Lilie gleich, da auf ihre, noch sprossenden Blüthen

Sengender Mehlthau fiel, hinschwand die zarte Gestalt nun,

Nahe dem Leidensziel', in des Lebens herber Vollendung:

Denn nicht ahnte sie noch in der Stund' entsetzlicher Trennung

Von Toledo, die größere Qual: dem Kranken nicht ungleich,

Der in des Fiebers Gluth, von Schreckgebilden umgeben,

Noch die Schmerzen nicht ahnt, die bald, nach der Wiederbesinnung,

Seinen, vom Fieber entfesselten Leib empfindlicher stacheln.

Erst in Draguts Gewalt, des Wüthrichs, gewahrte sie, bebend,

Fülle der Schmach, wo seine, nach ihr verlangenden Augen

Sprachen, sein Mund ihr rief: sie werde, des Kindes genesend,

Lagersgenossinn ihm seyn. Da schwand ihr plötzlich der Hoffnung

Letzter, leitender Stern vom graunumnachteten Himmel;

Furchtbar gähnte vor ihr der Abgrund; schauderergriffen,

Bebte sie matt und matter zurück, und Ströme von Thränen

Kühlten das brennende Weh' in ihrer zerrissenen Brust nicht.

Hugo, der Treue, gewahrt', und hörte den Jammer Mathildens.

Völlig war ihm gebrochen das Herz vor lastender Wehmuth;

Dennoch log sein Greisengesicht stets heiteren Trost noch:

Daß nicht dem wankenden Stamm die einzige Stütze geraubt sey;

Doch als nun der Kaiser mit Heeresmacht vor Goletta

Stand, den Regulus ihm als Retter verheißen: da schien ihm

Blauer die Luft, die Sonne viel glänzender, grüner das Erdrund;

Da durchzuckt' ihm das Herz der Freude verjüngendes Feuer,

Und er stürzte herein, und rief der Dulderinn also:

»Segen mit dir! Erheitere schnell dein trauerndes Antlitz:

Draußen am Strand erschien der Christen unendliche Heersmacht,

Hairaddins Frevelgewalt zu vernichten im Kampf der Entscheidung,

Und wo Siegsruhm winkt, auf dem Felde der Ehre, da sollten

Wälschlands Helden nicht seyn? Nicht mit ihnen der edle Toledo?

Hört' ich es -- hört' ich es nicht: er sey zugegen? Er ist es.

Himmlische Wort', o möchten sie Muth und freudige Hoffnung

Wecken in deiner Brust! Dem Jammer mußte sein Ziel steh'n;

Kränze des Sieg's reicht euch, erbarmend, die ewige Vorsicht

Nun am Ziel, in der Wonne der seligen Wiedervereinung.«

Staunend erst, dann zürnend vernahm Mathilde des Greises

Jubelnde Worte. Sie wähnte betrübt: unwürdigen Scherz nur

Sinne der Greis; doch jetzt entzückenstrahlende Wahrheit

Schauend in seinem Gesicht, ergriff sie vernichtender Schrecken.

Bleich entfuhr sie dem Stuhl, ihr bebten geöffnet die Lippen,

Wankte näher, und stand, und hielt den pochenden Busen,

Aechzend; wankte zurück, und starrte durch quellende Zähren.

»Wie, und du weinst?« sprach Hugo erstaunt, »das gönnt' ich dir endlich:

Denn oft stillet die Thrän' unendliches Weh' in dem Herzen;

Aber nicht Thränen der Freud' ersieht mein Aug' in den deinen,

Die es zu sehen gehofft, und ach, vergeblich gehofft hat!«

Und sie begann: »Nicht Thränen der Freud' erblickst du für jetzt noch,

Redlicher; doch versiegen wird nun jene des Kummers!

Nein, ich weine nicht mehr: denn soll ich den Ewiggeliebten

Wiederseh'n, o, dann, dann werden die heißesten Wünsch' all'

Mir in dem einen gewährt: daß ich sterb' an dem Herzen Toledo's!«

»Ach,« so schluchzte der Greis, »den Tod ersehntest du jetzo?

Heimwärts schiffet ihr bald, und spät im grauenden Alter

Schlummert ihr beide beglückt zum schöneren Leben hinüber!«

Aber sie schüttelt' ihr Haupt, und begann in sinnender Schwermuth:

»Wie die unschuldige Taube, verscheucht, und im Fluge gemordet

Von dem schmetternden Blei, ihr Nestchen verödet zurückließ:

So aus der öden Brust entfloh mir die Hoffnung für immer;

Nie kehrt sie mehr zurück. Des Ewigen Wille geschehe!«

Und noch hellere Fluth entstürzte den Augen Mathildens.

Jetzt ertönte Geräusch, und Dragut, der Schreckliche, stürmte

Hastig herein: sie erbebte vor ihm, und wandte sich seitwärts.

Häßlicher noch von der Wund' im Gesicht', die gestern Toledo

Ihm versetzte, begann er vor ihr mit grimmigem Lächeln:

»Thränen umhüllen dein Aug', nun dir der zärtliche Gatte

Nah' ist? Die Schulter durchrannt' ich ihm, kämpfend, erst; von dem

Nacken

Hätt' ich gehauen sein Haupt, und dir vor die Füße geworfen;

Wär' er nicht feig entfloh'n vor dieser gefürchteten Rechten.«

Flammende Röth' umzog die Lilienwangen der Edlen,

Und sie erhob die, sonst zur Erde gehefteten Augen

Ob des schmähenden Wort's nun stolz, und voll kühner Verachtung

Gegen den Wüthrich, und schwieg. Da sprach er von neuem ergrimmter:

»Wähn't ihr thöricht im Geist: wir sollen erliegen im Schlachtfeld

Euerem Volk? Welch eiteler Wahn! Und sollt' es geschehen,

Dann, ich schwör' es zu Gott und dem großen Propheten, erwürg' ich

Dich mit eigener Hand, eh' dich dein Gatte mir raube!«

Also droht' er, und ging. Mathilde erforschte den Treuen,

Aengstlichen Blicks; sie rang die Händ', und sagte vergehend:

»Seine Schulter durchrannt von Draguts tödlichem Eisen?

Weh', er starb: nicht an seiner Brust verhauch' ich das Leben!«

Hugo spähet' umher, und sagte mit leiserer Stimme:

»Traue dem Lügner doch nicht. Toledo's blitzendem Degen

Wär' er genaht, und lebete noch? Bald leuchtet der Vollmond

Dir auf dem nächtlichen Pfad zur Felsenhöhle des Waldes.

Staune nicht so: das Schiffchen harrt, und trägt dich, errettend,

Ueber den See, Toledo's geöffneten Armen entgegen.«

»Hugo, und du,« sprach jene bewegt, »willst du mich verlassen?«

Unstät irrte sein Blick umher, dann sprach er im Abgeh'n:

»Lauern des Wüthrichs Späher nicht auf? Nur diese zu täuschen,

Harr' ich des Morgens noch, und werde dir, Gütige, folgen.«

Sagt' es, und ging voll Hast, als drängten ihn wichtige Sorgen;

Aber sie stand, und bebte: sie hatte den Treuen errathen.

Drüben im Lager vernahm der Kaiser von Alba mit Staunen

Hairaddins Trotz: wie er ihm auf Tod und Leben den Kampf both.

Ernst umwölkte sein Aug', und jetzt, erhebend den Degen,

Hieß er beginnen den Sturm, von den Wällen umher, auf Goletta.

Sieh', als wären der Hölle zugleich entronnen die Schrecken

All', so wüthete Lärm und Getös' um die Veste! Der Wurfschütz'

Rührte des Brändchens Rohr mit der Lunt': im bläulichen Rauch flog

Flamm' empor; zurück, dann eilender wieder zur Stelle

Rollte der eherne Schlund, und warf durch Feuer und Flammen,

Donnernd, im Bogenwurf die Kugel zur Veste hinüber.

So von den Schanzen, und so von dem Meer hinsausten die Kugeln;

Aber nicht minder zurück von dem Wall der trotzenden Festung

Sausten sie hin und daher, voll Grau'ns: denn hoch in des Himmels

Bläulichem Zelt durchkreuzten sich oft die feindlichen; bebend

Drönte die Erd' umher, und laut aufheulte der Luftraum.

Herrschend mit Allmacht saß die goldenstrahlende Sonne

Nun auf ihrem mittäglichen Thron, und schleuderte rastlos

Glühende Pfeil' auf Afrika's Sandgefilde herunter.

Nicht die befiederten Sänger der Luft, nicht das zahmere Hausthier,

Noch das Gewild, belebten die Welt; sie suchten des Hofraums

Schatten, die Nacht der Höhl', und des säuselnden Waldes Umlaubung.

Auch der Städter zugleich, und der niedrigen Hütte Bewohner

Schlummerte sorglos jetzt in der Kühle der dunkelen Kammer.

Aber nicht weht' in des Lagers Raum erfreuende Kühlung,

Wo das luftige Zelt nicht schirmte den lechzenden Krieger

Gegen den glühenden Hauch des Tag's, und nirgend ein Bäumchen,

Nirgend ein Strauch ihm both die Zweige zum schattenden Obdach.

Schweraufathmend und träg', umwandelten dort auf dem Walle,

Und den Graben entlang, die Wachen; des blanken Gewehrs Last,

Sonst dem Krieger ein Spiel, lähmt' ihm den Arm und die Schulter.

Düster blickte sein Aug' aus den halbgeschlossenen Liedern

Hinter dem glühenden Helm hervor; in gewichtigen Tropfen

Rann ihm der Schweiß von der schmerzgefalteten Stirne herunter,

Und die schmachtende Zung' erstarrt' an dem trockenen Gaumen.

Deutschlands Söhne, vor allen zuerst, entnervte der Sonne

Sengender Strahl: sie wähnten sich all' in der Fremde verloren.

D'rum rief Siegmar jetzt, der Hesse, zu Walther dem Bayer:

»Welch ein Geschick ereilt uns hier in dem Lande des Fluches:

Wären wir nie ihm genaht! O Deutschland, edele Heimath,

Schön vor jeglichem Land, das rings im kreisenden Umschwung

Irgend die Sonne bescheint! Den Deutschen, der dich nicht ehrte --

Liebte vor jeglichem, ha, den treffe nur Schmach und Verachtung!

Siehe, wie lästig dahier der ewigheitere Himmel

Lächelt, und o wie entzückt mich dort des stürmischen Winters

Ernste Stirn', umhüllt von schneebelasteten Wolken:

Denn sie entschütteln die Last, und ringsum schimmert die Gegend

Hell bei Tag und bei Nacht, im Sterngefunkel und Mondglanz.

Eisern faßt mich am Morgen sein Hauch, und unter den Sohlen

Knarrt der Schnee; mein Odem wallt, gleich Nebeln, um mich her.

Bald ergreift mich die Lust, mit höherer Gluth auf den Wangen,

Hinzugleiten auf spiegelndem Eis, das unter den Schlittschuh'n

Ehern tönt; bald spann' ich mit Freuden das schellenbekränzte,

Dampfende Roß an den Schlitten, und flieg' in dem windenden Thal hin

So, daß das frohe Geklingel umher von den Bergen zurückhallt;

Doch heimkehrend, erseh' ich, bewegt, wie im rosigen Abend

Glühen die Berg', und fern' im Gefild vom lastenden Schneedach

Wirbelt die Säule des Rauchs, der dort mich zu Freuden des Lebens

Ladet im Kreise der Lieben, beim herzerheiternden Festmahl.

Deutschland, edeles Land, stets sollst du vor jedem mir werth seyn!«

Unmuthvoll ihm sagte darauf der mürrische Walther:

»Froh gedenkst du des Schnee's, und der Freuden des eisigen Winters

Nun; doch kühlest du mir die Gluth der schmachtenden Brust nicht.«

So besprachen sich dort die tapferen Kriegesgefährten.

Auch die muthigen Ross' erschlafften des heißeren Mittags

Glühendem Hauch: sie beugten, und hoben ihr Haupt in die Luft auf,

Rastlos; suchten, gedrängt im Kreis', des eigenen Schattens

Kühl', und stampften, und scheuchten, gequält, die lästigen Fliegen

Sich mit dem tönenden Schweif, von der Seit' und dem zuckenden Bauch

fort;

Aber nur gieriger summten sie auf, und kehrten erboßter.

Muhamed sah vom Gewölk, wie Salek, der listige Feldherr,

Ordnend den Hinterhalt, von Goletta herüber im Hohlweg

Mächtige Scharen barg, und mit tausend numidischen Reitern,

Spähend den Wald entlang, herzog dem Feinde zum Unheil.

Jetzt auf dem Wall erblickend die Wache besorgenden Christen,

Hemmt' er, vor Angst erbebend, den Zug, und wäre geflohen.

Doch, wie die lauernde Spinne hervor aus dem Winkel am Fenster

Dorthin fleugt, wo im schwebenden Netze die Fliege, gefangen,

Nun vergeblich sich müht zu entkommen den klebrigen Fäden:

Denn sie ergeußt der Bande noch mehr, sie ganz zu umspinnen:

Muhamed stürzete so zu Salek herunter, und nimmer

Konnt' er entflieh'n, bethört von des Geistes verderbenden Worten.

»Salek,« so rief er ihm zu, »die Söhne der Fremde besiegte

Frühe schon Hitz' und Durst; erkämpfe den leichteren Sieg dir

Heut' in dem furchtbar'n Hinterhalt! Du lockest des Feindes

Tapferen Hort, der dort umwandelt in sinnender Schwermuth,

Durch verstellete Flucht in des Hohlwegs tödliche Falle.«

Also der Geist. Da flog, gehorchend, der Zögernde vorwärts.

Sarno war's, der hoch auf dem Wall', in sinnender Schwermuth

Wandelte. Jetzt, aufqualmenden Staub in der Ferne gewahrend --

Hörend der Pferde Getrab, entriß er der Scheide den Degen

Halb, und stand, und harrte der Kommenden; aber voll Unmuths

Drängt' er den Stahl in die Scheide zurück: denn viel zu gering' ihm

Dünkte des Feindes Macht, und rief zu Belindo, dem Hauptmann:

»Eile den Frechen dort mit hundert erlesenen Kriegern

Muthig entgegen; sie flieh'n vor eurem zermalmenden Blick schon.«

Jetzt, wie im dunkeln Forst der leis'auftretende Weidmann,

Schauend die weidende Schar der Hirsch' auf den blumigen Matten,

Die, an der Schnur gekoppelten Hund', entledigend, vortreibt:

Diese entfahren mit lautem Gebell dem felsigen Abhang,

Jene erheben ihr ästiges Haupt, und fliehen geschreckt fort:

So, von Belindo geführt, entfuhren die tapferen Krieger,

Brausend, dem Wall', und streckten mit mordenden Feuergewehren

Aus der fliehenden Schar wohl dreißig, getödtet, zu Boden.

Bald entschwanden sie all', und jauchzend kehrten die Sieger.

Aber nicht lange, da kam, von mächtigen Scharen umgeben,

Salek zurück, und rief die höhnenden Worte herüber:

»Traun, nicht unhold ist's, dort hinter den schirmenden Wällen

Ruhig im Mittagsschlaf die faulen Glieder zu dehnen;

Hinter gethürmetem Bollwerk sucht der feigere Krieger

Gerne sein Heil -- der tapfere Mann in dem eigenen Muth nur!

Kommt, wir sandten die Reiter zurück, vor welchen ihr bebtet;

Laßt uns in gleicher Zahl versuchen des Kampfes Entscheidung!«

Sarno schrie ergrimmt: »Fünfhunderte mögen mir folgen!«

Sagt' es, und stürzte vom Wall' -- ihm folgten die tapferen Krieger.

Kaum entbrannte der Kampf; nur sparsam benetzte den Sand erst

Maurisches Blut: da floh'n, ablenkend, die listigen Scharen

Vom Olivengehölz zu dem trugverbergenden Hohlweg.

Rastlos wüthete Sarno's Schwert dem Feind in dem Rücken,

Und er häuft' ergrimmt die Leichen: dem Schnitter nicht ungleich,

Der mit dem blinkenden Stahl die Garben häuft auf dem Saatfeld;

Doch, da stürmte vom Walde heran, von Goletta herüber,

Und aus den Tiefen herauf des schlauverborgenen Feindes

Wimmelnde Meng' auf Sarno: er stand, und es bebt' ihm das Herz nicht,

Das nur Schlachten ersehnt, und Gefahren des Todes gewollt hat.

Salek kam, wie ein Hagelgewölk im brausenden Sturmflug,

Näher mit seinem Volk. Nie hatt' ihn das feurige Streitroß

Also getragen: so schnell, so wild empört, und vor Ingrimm

Schnaubend. Muhamed war's, der jetzt mit seinen Erwählten

Jeglichen Reiters Pferd durch schreckende Gaukelgestalten

Vorwärts trieb: denn solches vermögen die luftigen Geister.

Salek ersah das Weiß' im dräuenden Auge des Gegners

Schon, und riß sein wüthendes Roß zurück mit dem Zügel:

Aechzend bäumt' es sich auf, und bog, umlenkend im Sandstaub,

Gegen Sarno die Brust, der, eh' es den vorderen Huf noch

Senkte, den blinkenden Stahl ihm tief in die Weiche des Bauches

Stieß, daß es laut hinkracht' im Fall, und den Reiter herabwarf.

Salek raffte sich auf, und schwang den blitzenden Säbel

Ueber des Gegners Haupt; doch, ehe der tödliche Streich fiel,

Bohrt' er auch ihm den rauchenden Stahl mit der nervigen Rechten

Fest in die Brust. Sein Auge brach; die geöffneten Lippen

Bebten ihm; bleich im Tod hinsank er, und regte sich nimmer.

Muhamed floh, und ihm heulte, bestürzt, sein luftiges Volk nach.

Auch erstarrten die Mauren vor Angst: den sterbenden Feldherrn

Schauend in seinem Blut; doch bald erwachte des Mordens

Wüthende Gier in allen zugleich; sie schrie'n zu dem Himmel

Fluch und Verwünschungen auf, und umbrausten den Sieger. Nicht anders,

Wenn der Jäger im Hain, todsinnend dem kleinen Gevögel,

Einen stattlichen Uhu mit List an den ragenden Lockbaum

Aufstellt, wüthen die Vögel um ihn, und kreischen, und schreien,

Rach'erfüllt: denn oft raubt' er im nächtlichen Dunkel,

Von dem belaubten Zweig die Entschlummerten, oft aus der Felskluft;

Aber er schaut, aus großen, der Sonn' erblindeten Augen,

Ruhig umher, und scheuchet die furchtsamen hin und herüber:

Also umdrängten auch hier den edeln Sarno die Gegner,

Rache schnaubend, und links, und rechts sank Reiter und Fußvolk,

Das ihm genaht. Auch kämpften um ihn die treuen Gefährten,

Heldenmüthigen Sinns, und tilgten die feindlichen Haufen.

Jetzt an des Todes grimmigem Fest, umhügelt von Leichen,

Triefend von Schweiß und Blut, erwachte die Liebe des Lebens

Mächtig in seiner Brust. Er wollte sich fechtend zurückzieh'n,

Da er im rühmlichen Kampf, hier weichend der schrecklichen Mehrzahl

Nur, so dacht' er, bewies: ihn schmäht' einst Guasto mit Unrecht.

Sieh', und als er das Volk in dem Rückzug ordnend, sich wandte,

Und verrätherisch sich vom Helm' der glänzende Harnisch

Sonderte, da durchfuhr mit schmetterndem Schlage die Kugel

Ihm das Genick; er sank, und röchelte sterbend am Boden!

Feindliches Jauchzen erscholl, und es droht' ihm entsetzlicher Frevel;

Aber Belindo sprang vor ihn hin, und rief den Gefährten:

»Ewige Schande für euch, laßt ihr die Leiche des Helden,

Feiggesinnet, dem Feind' zum Gespött' und frevelnden Unfug.«

Schon umstürmt' ihn der Feind; doch so wie die säugende Bärinn

Sich vor der Höhl' aufstellt, wenn rings die grimmigen Rüden

Von dem Jäger gehetzt, ihr nah'n, und immer zurückschaut,

Immer den nächsten erhascht, und mit furchtbarrüstigen Klauen

Ihn umklammernd zerreißt, daß heulend die andern entfliehen:

Also hielt er die tobende Schar von der Leiche des Feldherrn,

Fechtend, zurück, bis zween, an Kraft gepriesene Krieger,

Ihn, zur Erde gebückt, auf die Schultern erhoben, und heimwärts

Trugen voll Eil' und Hast, nach den trefflich geschirmeten Wällen.

Ihnen folgten am Fuß die schnellverwaisten Gefährten --

Auch von Belindo verwaist: denn ach, unzählige Lanzen

Wühlten in seiner gewaltigen Brust, und, vom Rumpfe gehauen,

Sollte sein edeles Haupt zur Schau dem gaffenden Volk seyn!

Aber die Christen floh'n nicht feig' und in wilder Verwirrung:

Denn sie wendeten oft die trotzige Stirne dem Gegner,

Feuernd aus schmetterndem Rohr, entgegen. Da brausten die Scharen

Wieder zurücke mit lautem Geschrei: wie die Hunde des Schäfers,

Die den muthigen Stier mit Gebell verfolgen im Blachfeld,

Heulend entflieh'n, so oft er, gesenkt, die furchtbaren Hörner

Gegen sie wendet, und brüllt, und Sand aufschleudert zum Himmel.

Jetzt ersah'n vom Wall die wachebesorgenden Krieger

Unheilkündenden Staub; dann näher die flüchtigen Scharen

Ihres Volks, von dem Feinde gedrängt; sie hörten vernehmbar

Kampfesgetös' -- o Jammer, sie sah'n und erkannten den Todten!

All' entfuhren zugleich dem Wall, den theuren Gefährten

Rettend zu nah'n, und es bebte der Feind den Dräuenden. Alsbald

Wandt' er den Rücken, und floh nach Goletta's Mauern hinüber.

Schweigend nahten die Krieger dem Wall. Zur Erde geheftet

Starrete jegliches Aug': es blickte zuweilen mit Angst nur

Nach dem Entseeleten hin, und goß dann hellere Tropfen

Ueber die bebende Wang', auf die bärtige Lippe herunter.

Doch vor seinem Gezelt, auf zwölf, untadligen Schilden

Lag er jetzt mit der Fahne des Ruhms, die er einst vor Pavia's

Mauern errang, wo Frankreichs Stolz dem siegenden Kaiser

Huldigte. Dort sollt' ihm ein Ehrenmaal sich erheben:

Denn sie erhöhten den Schaft hochragender Speere: zum Haupt hin

Zween, und zween zu den Füßen, gebohrt in den Rasen, im Viereck;

Hingen zum Wappenschild gewehrdurchkreuzende Degen,

Schimmernde Panzer und Helm', in der Mitte des ragenden Speers auf;

Kehreten dann g'en Mitternacht, und kehrten zum Mittag,

Auch zum Auf- und zum Niedergang des ehrnen Geschützes

Dräuende Mündung hinaus. Er lag, das Antlitz zum Himmel

Wendend; die Linke bedeckte die Brust, und den tapferen Degen

Hielt die Rechte umfaßt, noch wie zu dem Kampfe gerüstet.

Rings umstand ihn das Volk. Ein Tapferer rühmte mit Thränen

Allen umher den Heldenmuth des edelsten Führers,

Als Amino gesprungen kam, der treffliche Spürer

Hochgewilds: sein Liebling, ihm treu, und ergeben, und wachsam.

Winselnd roch er das bleiche Gesicht und die schneeige Hand ihm;

Sah zu den staunenden Kriegern empor, und heulte dann laut auf,

Und von neuem begann Wehklag' um den edelsten Feldherrn.

Achter Gesang.

Stets erschütternder scholl ob Sarno's Tod in dem Lager

Lärm aufjammernden Volks: denn erst nur ein leises Geflister,

Dann der Rache Geschrei flog schnell vom Zelt zum Gezelt hin

Brausend. Wie der nahende Sturm das Laub in dem Hochwald

Erst nur leise bewegt; dann bald, empörteren Grimmes,

Schüttelt, und wüthender, Zweig' auf Zweig', und Wipfel auf Wipfel

Schleudert, daß zwei, zur Reise gesellt, hineilende Wand'rer,

In dem Gebraus', auch schreiend, nicht hören das eigene Wort mehr:

Also erscholl Wehklag' und Lärm umher in dem Lager,

Bis er erreichte des Herrschers Ohr, der, stehend am Eingang

Seines Gezelts, dem nahenden Guasto voll Ungeduld zurief:

»Haben die Feinde gesiegt? Uns irgend Verderben bereitet?«

»Unser die Schuld!« sprach jener. »Vom Feind, in die Falle gelockt,

starb

Sarno den selbsterkorenen Tod; der tapfersten Krieger

Fünfzig fielen mit ihm; Verwundete zählen wir hundert.«

Und er kehrte zurück mit trauerndem Herzen. Des Helden

Jammergeschick, den er im eifernden Zorne der Feigheit

Zieh, schmolz nun sein starrendes Herz, und ihm thauten die Wimpern.

Aber der Kaiser schwang sich rasch in den Sattel, und jagte

Brausend zur Schanze hinaus, wo Sarno erhöht auf dem Schildbett

Lag. Nicht erkühnte sich jetzt sein Volk, das, trauererfüllet,

Ihn umgab, zum Herrscher den düsteren Blick zu erheben:

Denn es erbebte der Schmach, den Lorber verwelket zu schauen,

Der ihm die Fahn' umwand zum Lohn errungenen Sieges.

Innig bewegt ersah der edelste Kaiser des Volkes

Trauer; er lächelte mild, und rief mit ermunternden Blicken:

»Wandelbar ist der Schlachten Geschick. Wer schildert den Unhold,

Der es beherrscht, und oft von dem früheren Günstling das Antlitz,

Schön und furchtbar zugleich, zu dem Letzterkorenen wendet?

Aber ihn halte der muthige nur mit eisernen Sehnen

Fest: er kehrt, und jauchzt mit donnerndem Schlund ihm den Sieg zu.

Soll euch schmäh'n der Tapf're, daß ihr, gedrängt von der Mehrzahl,

Und des Gebiethers beraubt, mit zögerndem Schritte gewichen?

Ferne sey's! Doch jetzt versenket die Leiche des Feldherrn

Schnell in das Grab; verhüllt es mit grünenden Zweigen und häuft dann

Erde darauf, bis wir ihm erhöh'n ein dauerndes Denkmaal.«

Eiliger ritt er zurück: da priesen die Krieger des Kaisers

Unbegrenzete Huld, der statt verwundenden Tadels

Worte des Trostes sprach, und den Tapferen Ehre gewährte.

Und sie bestellten die Leich' alsbald, dem Herrscher gehorchend.

Aber es wüthete fort und fort des schweren Geschützes

Donnernde Macht um Goletta: denn bald von den kreisenden Schanzen,

Bald von dem wogenden Meer hinsausten die Bomben und Kugeln,

Und nicht minder zurück von den Wällen der trotzenden Festung

Sausten im Donnersturm die schrecklichen her nach den beiden.

Stets verderbender warf die Macht der entsetzlichen Mörser

Mauern und Schanzen in Schutt, und häufte zermalmend die Leichen.

Dort in dem grausen Getös' umhagelnder Donnergeschosse

Sprengte der Kaiser den Wall entlang, und erweckte die Völker,

Ruh'ausstrahlenden Blick's, zu freudigem Muth in Gefahren.

D'rauf, zu Guasto gekehrt, aufboth er ihn, scheidend, noch also:

»Sieh', bald dämmert die Nacht: dann strebe, noch ehe der Vollmond

Ueber die schlummernde Welt sein Strahlenantlitz heraufhebt,

Durch Laufgräben[50] und Schanzenbau Goletta zu nahen,

Daß sie uns neige das Haupt, erstürmt am kommenden Morgen!«

Sieh', und als er jetzt zu dem Grab, das eben die Krieger

Sarno erhöheten, kam, da däucht' ihn: ein Stöhnen und Aechzen

Komm' aus dem schattenden Laub! Er sprang aus den stählernen Bügeln,

Innigbewegt: denn einen verwundeten Krieger zu schauen,

Wähnt' er, und, ach, ihm kroch, aufheulend, der treue Amino

Sarno's entgegen, und leckt' ihm die Hand! Er streichelt' ihm freundlich

Rücken und Haupt, und lockt' ihn fort, enteilend, und kehrend;

Doch er schleppte sich langsam zurück, und senkt' auf die Pfoten

Hin sein müdes Haupt; dann winselt' er sterbend am Grab noch

Seines getödteten Herrn. Heiß rann an den Wangen des Kaisers

Jetzo die Thräne herab; er kehrte beklommen in's Lager.

Abendlich zitterten schon die riesigen Schatten der Krieger

Auf dem glühenden Sand; schon hauchte die schimmernde Meersfluth

Kühlere Luft, und es blickte die scheidende Sonne noch einmal

Ueber der Flammenbahn endloser Fluthen herüber --

Nickt', und sank in ihr Wogenbett im rosigen Westen.

Aber sie hauchte noch lang, mit sanftverglühendem Antlitz,

Purpurröthlichen Duft nach Osten: des kommenden Morgens

Heitre verkündend, und, sieh', in langen Zügen der Hochlust,

Sog ein jeglicher Mann im Heere die liebliche Kühlung

Ein, und jubelte laut: denn schnell versiegte der Schweiß ihm

Jetzt an seinen, vom Abendwind umsäuselten Gliedern!

Diese besorgten das Mahl, unzählige Flammen empörend;

Jene gruben die blitznachahmenden Weg' in dem Zickzack,

Sonst Laufgräben genannt, die Erde zur schirmenden Brustwehr

Gegen die Vest' aufdämmend, und dort, dem Ziele genahet,

Gruben sie auch die Schanzen umher, und führten Geschütz ein.

Furchtbarer drönte die Erd'; aufheulte der flammende Luftkreis:

Denn von neuem begann der vestenzertrümmernde Donner.

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 9 / 20 段