XVI

Er wäre glücklich gewesen, wenn er noch stärker gewesen wäre; wenn er

nicht in einer Krise seines Geschicks, das der Menschenhaß war, sich der

Künstlerin Fröhlich ausgeliefert hätte. Sie war die Kehrseite seiner

Leidenschaft: sie mußte alles bekommen, in dem Maße, wie die andern

alles verloren. Sie war um so pflegebedürftiger, je mehr alle andern es

verdienten, zerschmettert zu werden. Auf sie hatte sich der überreizte

Zärtlichkeitstrieb des Menschenfeindes geworfen. Das war schlimm für

Unrat: er sagte es sich selbst. Er sagte sich, daß die Künstlerin

Fröhlich nichts hätte sein dürfen als ein Instrument, die Schüler zu

»fassen« und hineinzulegen. Statt dessen stand sie nun gleich neben

Unrat selbst, hoch und heilig im Angesicht der Menschheit, und er war

genötigt, sie zu lieben und zu leiden unter seiner Liebe, die sich

auflehnte gegen den Dienst seines Hasses. Unrats Liebe war dem Schutz

der Künstlerin Fröhlich geweiht und ging für sie auf Raub aus: es war

eine ganz männliche Liebe. Dennoch führte auch diese Liebe zuletzt zur

Schwächung ...

* * * * *

Es kam vor, daß er sich bei ihrer Heimkehr versteckte und bis abends

nicht mehr zum Vorschein kam. Sie verhandelte durch die Tür, mit ihrem

leichten, ein bißchen mitleidigen Stimmchen. Aber er wollte nicht einmal

essen. Er habe wissenschaftlich zu arbeiten. Sie warnte ihn

freundschaftlich, er werde sich krank machen; und entschloß sich mit

einem Seufzer, seinen Anfall vorübergehn zu lassen. Er hatte

wahrscheinlich wieder ihre Garderobe untersucht und in ihrer schmutzigen

Wäsche herumgestochert. Vielleicht hatte er heute morgen das Billett

gelesen. Plötzlich kriegte er dann 'nen Rappel, konnte sie, wenn sie so

zerknüllt nach Haus kam, nicht mehr ansehn, drehte sich, ganz schamrot,

nach allen Ecken und verduftete. Es war ordentlich aufregend. Das heißt,

ganz ernst, na also wirklich im tiefsten Grunde ernst konnte man es doch

nicht nehmen. Dafür spielte man selbst zu viel. Erstens spielte sie

verheiratet: es war ihr unmöglich, es anders aufzufassen. Wie sie ihrem

alten Unrat damals mitten auf der Straße ihre Mimi zugeschickt hatte --

das war fein gewesen, dabei hatte man ordentlich was gefühlt. Und dann

das Getue jetzt mit den Männern, die Fatzkereien, bis es zu was

Richtigem kam, und die Masse Lügen die ganze Zeit über, daß einem bloß

nichts entwischte im Beisein von Unrat -- der doch natürlich ganz genau

Bescheid wußte. Sie war ihm geradezu dankbar, daß er die Komödie

mitspielte und von ihren täglichen kleinen Seitensprüngen noch so viel

Wesens machte. Das brachte doch Leben in die Bude! Komisch, daß er sich

nie daran gewöhnte.

Und dabei lag an dem Ganzen doch ihm viel mehr als ihr selbst. Manchmal

führte er sich auf wie übergeschnappt und wollte von heute auf morgen

irgend einen Gewissen totmachen. Er konnte es gar nicht mehr aushalten.

»Ich empfehle dir den Schüler Vermöhlen. Richte dein Augenmerk -- immer

mal wieder -- auf den Schüler Vermöhlen.« Was hieß denn das, bitte?

Brauchte man danach noch einen Menschen zu fragen? Und wenn er so darauf

brannte, daß sie mit Konsul Breetpoot fertig würde?

Die Künstlerin Fröhlich zuckte die Achseln.

Unrat, den sie nicht begriff, war zuckend entrückt in wahre

Sternenstürze von Leidenschaft. Seine Liebe, die er täglich verwunden

mußte, um seinen Haß zu füttern, reizte diesen Haß zu immer tollerem

Fieber. Haß und Liebe machten einander irr, brünstig und schreckenvoll.

Unrat hatte die lechzende Vision der ausgepreßten, um Gnade flehenden

Menschheit; dieser Stadt, die zerbrach und öde stand; eines Haufens von

Gold und Blut, der zerrann ins Aschgrau des Untergangs der Dinge.

Dann wieder erlitt er die Halluzination der von andern geliebten

Künstlerin Fröhlich. Die Bilder der fremden Umarmungen erstickten ihn:

aber alle geschahen mit dem Gesicht von Lohmann! Das Schlimmste,

Hassenswerteste, was Unrat erleben konnte, war für immer

zusammengedrängt in die Züge von Lohmann -- dieses Schülers, der auf

keine Art zu »fassen«, der nicht einmal mehr in der Stadt war.

Nach solchem Zustand ohnmächtiger Bedrängtheit übermannte ihn Mitleid

mit sich und mit der Künstlerin Fröhlich. Er verhieß ihr tröstend, daß

es nun bald genug sei, und daß sie sich zurückziehen wollten, den Ort

verlassen und das genießen, »was sie dir schuldigermaßen haben abtreten

müssen.«

»Wie viel meinst du woll, daß es is?« fragte sie abweisend. »Du merkst

dir egal bloß, was wir kriegen. Aber was sie uns wieder wegnehmen, is

auch nich übel. Unsere Möbel haben sie uns gepfändet, nich? Glaubst du,

daß wir für die, die wir jetzt haben, auch bloß =eine= Rate bezahlt

haben? Du schneidst dich eklig, wenn du das glaubst. Uns gehört das

Sofakissen da und dann noch der Rahmen von dem ollen Bild: sonst gehört

uns nischt.«

Sie war in grausamer Stimmung, überanstrengt durch die Hetzjagd mit

Männern; hatte das Amüsante ihres Daseins grade ganz aus den Augen

verloren und rächte sich an dem, der der Nächste dazu war. Unrat nahm

dies erschütternd wichtig.

»Es ist meine Pflicht, deinem Wohle vorzustehen. Ich bin nicht gesonnen,

mich dieser Pflicht nicht gewachsen zu zeigen ... Sie sollen es mir

büßen!« setzte er zischend hinzu. Sie hörte gar nicht, sie ging gereizt

umher und preßte sich die Hände.

»Du bildst dir woll hoffentlich nich ein, ich mach dies blödsinnige

Leben dir zu gefallen mit, und damit du deine Männekens klein kriegst.

Nee, wenn nich Mimi wäre -- aber für Mimi muß ich verdienen. Daß Mimi

mal anders wird als ihre Mama. Ach Gott ...«

Dann ward das Kind hereingeholt in seinem weißen Nachthemdchen; und dann

kam eine Tränenkrise. Unrat ließ Arme und Kopf hängen. Er mußte

ausgehen, die Künstlerin Fröhlich legte sich zu Bett. Aber bis zur

Stunde der Gäste war sie wieder auf der Höhe; und an Unrat machte sie

alles wieder gut, sie war zart und freundschaftlich, flüsterte ihm

häufig abseits etwas Vertrauliches zu, daß alle sahen, er blieb ihr die

Hauptperson; machte sich lustig mit ihm, grade über die Herren, mit

denen er sie im Verdacht haben konnte; schmeichelte ihn in die Täuschung

hinein, als sei nie etwas Ernsthaftes vorgefallen. Ja, er war, solch ein

Stündchen lang, nicht weit von dem Wahn, als habe er alle seine Erfolge

ohne Gegenleistung eingeheimst. Er glaubte es ja nicht; aber er hielt

sich vor, was ihn denn hindere, es zu glauben, und wo die Gegenbeweise

seien. So beglückend war der Rückschlag nach seinen vorigen Qualen.

* * * * *

Eines heitern Tages im Frühling, des ersten heitern nach vielen

Seelenkrisen, lustwandelten Unrat und die Künstlerin Fröhlich

miteinander zur Stadt. Unrat ruhte sich gerade auf dem Bewußtsein aus,

daß sie am Ende doch Verbündete waren: die besten, die einzigen. Die

Künstlerin Fröhlich, die mit den griechischen Stunden auch ihren

Ehrgeiz, Unrat zu lieben, aufgegeben hatte, schöpfte ihre Selbstachtung

und ihren guten Mut aus ihrem ehrlichen Freundschaftsgefühl für Unrat.

Darum lächelten sie beide auch nur über Herrn Dröge, den Krämer an der

Ecke ihrer Straße, der bei ihrem Vorübergehn seine Ladentür aufriß, mit

den Fäusten drohte und etwas Schimpfliches nachschrie. Auch die Obstfrau

konnte bei ihrem Anblick nicht ruhig bleiben. Sie hatte Herrn Dröge

sogar schon dazu angestachelt, die Mündung seines Wasserschlauches auf

den vorübergehenden Unrat zu richten. Solche Zwischenfälle ließen sich

bei keinem Ausgang des Ehepaars Unrat mehr vermeiden. Sie schuldeten

aller Welt, obwohl sie kreuz und quer mit Geld umherwarfen; und die

Lieferanten, die ihnen Kredit nicht gewährt, sondern aufgedrängt hatten,

machten den meisten Lärm. Es war die Regel, daß im voraus bezahlte

Toiletten aus Paris eintrafen, und daß die im vorigen Monat gegessenen

Frühstückssemmeln noch immer nicht ihnen gehörten. Dabei glaubte die

Künstlerin Fröhlich zu sparen für ihr Kind, und Unrat für die Künstlerin

Fröhlich zu rauben. So oft der Gerichtsvollzieher kam -- vergebens kam

-- herrschte Bestürzung, Wut und Niedergeschlagenheit. Wie hätte man ihn

schon wieder voraussehen sollen. Die Künstlerin Fröhlich fand sich

längst nicht mehr zurecht in Rechnungen und Schuldscheinen. Unrats

beständiger Trieb galt den Verlusten der andern und nicht der Pflege des

eigenen Wohlstands. Von der Fäulnis, die sie ringsumher in den

Verhältnissen anstifteten, schillerten auch ihre eigenen. Betrogen und

ins Dickicht gehetzt, schwindelten sie sich durch, an der Hand der

unbestimmten Hoffnung auf einen unwahrscheinlich großen Spielgewinn und

auf das endliche Aussterben der Gläubiger. Sie spürten heimlich wohl den

Boden wanken und richteten im Davongerissenwerden noch so viel Schaden

an wie möglich.

In der Siebenbergstraße war eine Begegnung mit dem Möbelhändler

auszuhalten, der behauptete, sie hätten von den noch nicht bezahlten

Möbeln mehrere weiterverkauft, und mit dem Gericht drohte. Unrat

forderte ihn giftig lächelnd auf, er möge doch nachsehn. Die Künstlerin

Fröhlich äußerte:

»Da machen Sie sich man weiter keine Hoffnung drauf. So klug sind wir

allein, daß da nischt Gutes bei zu holen is.«

In diesem Augenblick geschah neben ihr ein Säbelklirren. Sie sah hin und

rasch wieder weg. Eine Stimme sagte rauh:

»Donnerwetter!«

Und eine andere, gelassen verwunderte:

»Sieh mal an.«

Die Künstlerin Fröhlich hörte nicht mehr, was der Möbelhändler redete.

Nach einer Weile ließ sie ihn stehen. Sie ging weiter in einer leichten

Betäubung. Erst gegenüber dem Konditor Mumm fiel ihr auf, daß auch Unrat

nichts mehr sagte. Sie fühlte etwas wie schlechtes Gewissen und fing

harmlos zu sprechen an, im Drang, ihn nach dem, was sie soeben erblickt

hatten, wieder zu versöhnen. Auch er war plötzlich von erregter

Herzlichkeit und lud sie zum Konditor ein. Während er am Büffett

bestellte, ging sie schon ins Nebenzimmer. Da ward an die Scheibe

geklopft. Sie hütete sich, hinzusehn; sie wußte auch so, das waren

wieder Ertzum und Lohmann.

Noch am Abend war Unrat nicht beruhigt. Er schlich hastend zwischen den

Gästen umher, machte Bemerkungen von trockner und wilder Ironie,

wiederholte: »ich bin ein rechter Unrat,« und erklärte:

»Mir gehört hier -- wahrlich doch -- nichts weiter als ein Sofakissen

und der Rahmen jenes Bildes dort.«

Als die Künstlerin Fröhlich einmal ins Schlafzimmer lief, folgte er ihr

und verkündete:

»Der Schüler Breetpoot wird nun endlich in naher Zukunft das Ziel der

Klasse erreicht haben.«

»Kaputt?« fragte sie. »Is nich, Unratchen. Er is wieder ganz ausgestopft

mit braunen Lappen.«

»Mag dem sein wie du sagst. Der eifrigsten Vertiefung wert ist indessen

die Frage: woher kommen diese Lappen.«

»Na?«

Er kam näher, mit einem Lächeln, das geronnen und wie unter der Decke

bebend aussah.

»Ich weiß es; ich habe seinen Kassierer bestochen. Es ist das von

Ertzumsche Mündelgeld, welches der Vormund beraubt.«

Und da er die Künstlerin Fröhlich starr vor Staunen sah:

»Nicht wahr? Da lohnt sich's zu leben? Das ist denn also der zweite der

drei. Der Schüler Kieselack liegt zerschmettert am Erdboden. Der Schüler

von Ertzum wird sogleich mit Rasseln zusammenbrechen. Da erübrigt denn

nur noch der dritte.«

Sie ertrug seinen Blick nicht.

»Ja von wem redst du bloß?« fragte sie wirr.

»Der dritte ist ein noch zu Fassender. Er soll und muß gefaßt werden.«

»Wieso,« machte sie und blickte unsicher auf. Plötzlich, herausfordernd:

»Ich denke, das is der, den du nich verknusen kannst, und ich soll ihn

nich mal ansehn, wenn er die Straße lang kommt. Nich mal das kannst du

verknusen.«

Er senkte den Kopf, atmete kämpfend.

»Zwar bin ich nicht gesonnen --« sagte er dumpf. »Und doch muß -- =muß=

dieser Schüler gefaßt werden. Er ist ein zu Fassender.«

Sie hob die Schultern.

»Was machst du denn für Augen? Du hast ja überhaupt Fieber. Unratchen,

ich sag' dir was, geh' zu Bett und schwitz es aus. Ich schick dir

Kamillentee. So 'ne blödsinnige Aufregung als wie du im Leib hast, die

legt sich auf'n Magen, un denn prost Mahlzeit ... Hörst du mich?... Ich

glaub wahrhaftig, es gibt noch 'n Unglück.«

Unrat hörte nicht. Er sagte:

»Aber nicht du -- nicht du sollst ihn fassen!«

Er sagte es mit einer Art fürchterlichen Flehens, das sie noch nicht

kannte, das sie grausig kitzelte, sie erwartungsvoll ängstete, wie ein

wildes Klopfen, bei Nacht an ihrer Tür.

Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen · 第 19 / 20 题