Als sie in die Stadt zurückkehrten, wurden sie schon erwartet. Im Klub
sagten die Junggesellen:
»Na nu hört die Langeweile, Gott sei dank, bald auf.«
Am Tage nach ihrem Wiedereinzuge gaben sie die erste Gesellschaft, und
die ganze Stadt bekümmerte sich darum, wer hinging, was gegessen ward,
was die Künstlerin Fröhlich Neues anzuziehen hatte. In der folgenden
Zeit bekamen verheiratete Kaufleute noch spät am Abend ungewöhnliche
Nachrichten: es sei etwas vorgefallen am Hafen, auf dem Kontor gebe es
Unerwartetes zu tun; und verschwanden eilig.
Immerhin hielten manche sich fern, vermöge ihrer sittlichen Grundsätze,
oder dank einem kühlen Temperament, oder aus Sparsamkeit. Diese gähnten
zwischen leeren Sesseln im Kasino und der Gesellschaft für Gemeinsinn;
entrüsteten sich zunächst, wurden dann stutzig, weil ihre Zahl sich
immer verringerte; und die letzten fanden sich schlecht weggekommen und
ungerecht benachteiligt.
Das Dasein des Stadttheaters ward durch Unterstützungen gefristet. Es
gab kein ansehnliches Varieté. Die fünf oder sechs, für den Gebrauch
besserer Herren abgerichteten Halbweltdamen waren zum Überdruß bekannt,
und die Freuden, die sie bieten konnten, wurden einem schal gemacht
durch den Gedanken an Haus Unrat und seine Hausfrau.
In dieser altertümlichen Stadt, die einem aus der Langenweile der
Familienehrbarkeit keinen Ausweg ließ, als in ein rohes und langweiliges
Laster, umkleidete sich die Villa vorm Tor, wo hoch gespielt, teuer
getrunken wurde, wo man mit weiblichen Wesen zusammentraf, die nicht
ganz Dirnen und auch keine Damen waren; wo die Hausfrau, eine
verheiratete Frau, die Frau des Professors Unrat, prickelnd sang,
unpassend tanzte und, wenn man es richtig anstellte, sogar für
Dummheiten zu haben sein sollte: -- diese erstaunliche Villa vorm Tor
umkleidete sich mit Fabelschimmer, mit der silberig zitternden Luft, die
um Feenpaläste fließt. Daß es so etwas gab! Man konnte nicht anders, man
ließ keinen Abend verstreichen ohne mehrere Gedanken an das Haus Unrat.
Man sah einen Bekannten um eine Ecke schlüpfen, man hörte eine Uhr
schlagen, man sagte sich: »Jetzt geht es da draußen los.« Man ging zu
Bett, müde, ohne zu wissen, was einen müde gemacht hatte, und seufzte:
»Da draußen ist es im besten Gange.«
Zwar gab es Herren, ganz wenige, wie Konsul Lohmann, die ihre Jugend im
Ausland verbracht hatten, in Hamburg so gut wie heimisch waren, hie und
da nach Paris und London fuhren, und die nicht einmal die flüchtigste
Neugier hinzog zu den Empfängen des alten, aus dem Häuschen geratenen
Schulmeisters und seiner jungen Frau. Aber vermögende Pfahlbürger, die
beim Handel mit Fischen und Butter dreißig Jahre lang durch dieselben
fünf Straßen getrabt waren, diese ahnten auf einmal eine unverhofft
genußreiche Verwendung für ihr Geld. Blendend zeigte sich ihnen der Lohn
ihrer Mühen, und sie wußten nun, wofür sie gelebt hatten. Andere, die
ehemals die Großstadt gekannt hatten und sich ein wenig eingerostet
fühlten, so Konsul Breetpoot, beschlossen anfangs, vorlieb zu nehmen,
und schließlich unterhielten sie sich schlechthin, ohne Vergleiche.
Wieder andere, Studierte, kamen in sentimentaler Erinnerung an die
Damenkneipen ihrer schönsten Jahre; zum Beispiel die Richter aus dem
Hünengrabprozeß samt Pastor Quittjens. Denn auch Pastor Quittjens war
dabei, ganz wie jeder andere Mensch. Sodann fanden kleinere Mitbürger,
wie der Pächter des Café Central und der Zigarrenhändler vom Markt, sich
geschmeichelt und sozial befördert durch den allein bei Unrats möglichen
Verkehr mit den Spitzen. Notwendigerweise waren sie, die Kleinen, in der
Mehrheit und bestimmten den Ton.
Dieser Ton war ungeschickt. Er war nur darum schlecht, weil er
ungeschickt war. Alle diese Leute waren da in der Erwartung besonderer,
zweideutiger Verfeinerungen, eines unerhörten Mittelzustandes, wo die
Liebe nicht gleich bar beglichen wurde, und man sich trotzdem nicht
langweilte. Nur daß eben ihre Anwesenheit die Geselligkeit ohne weiteres
eindeutig machte. Waren sie nicht bieder wie in den Familien, mußten sie
gemein sein wie im öffentlichen Haus. Es ging nicht anders. Wenn sich
einer anfangs wohl bemühte -- bald, nachdem er getrunken, etwas
verloren, sich heimisch gemacht hatte, glitt das Gespräch ihm aus, er
sagte unverschleierte Sachen, nannte eine Dame du, fing Streit an. Der
guten Haltung der Damen wurde dies alles verderblich. Sie gewöhnten sich
an Formlosigkeit im Vergnügen. Die Pielemann war nicht wieder zu
erkennen; sie brachte es fertig, sich aus einem verschlossenen Zimmer,
wo sie eine halbe Stunde mit einem der Gäste verbracht hatte,
heraustrommeln zu lassen und mit dem angeheiterten Trupp anstandslos ins
Spielzimmer zurückzukehren. Die Künstlerin Fröhlich mußte zugeben, daß
die Pielemann in der vorigen Saison das noch nicht fertig gebracht
hätte.
Sie selbst, die Künstlerin Fröhlich, blieb dabei, die Formen ziemlich zu
wahren. Es verstand sich, daß sie es nur mit peinlich Auserlesenen zu
tun hatte, mit Konsul Breetpoot möglichenfalls, vielleicht mit Assessor
Knust: etwas Unzweifelhaftes wußte man nicht. Bei ihr im Hause fiel nie
etwas vor. Die Künstlerin Fröhlich betrieb den Ehebruch mit all der
Umsicht und dem ganzen Zeremoniell der im Ernst verheirateten Frau; mit
doppelten Schleiern, verhängten Wagenfenstern, Stelldicheins auf dem
Lande. Soviel Etikette erhöhte sie im Rang, und niemand hätte sie mit
den andern Damen zu verwechseln gewagt. Dies vermied man schon darum,
weil zu keiner Zeit genau feststand, wer gerade ihr Beschützer war, und
wie viel er geduldet hätte. Auch kam sehr in Betracht, daß Unrat selber
gar nichts duldete. Man hatte erlebt, daß er mitten aus bester
Gemütlichkeit heraus, über einen Herrn hergefallen war, der zufällig
gleich hinter ihm eine Bemerkung über die Hausfrau gemacht hatte. Unrat
hatte gezischt und gepfaucht, war keinen Vorstellungen zugänglich
gewesen, hatte am Schluß eines hitzigen Ringkampfes den großen dicken
Menschen aus der Tür gestoßen; und der Unglückliche war auf immer
verbannt geblieben. Dabei war es ein hoher Pointierer gewesen, und was
er über die Künstlerin Fröhlich gesagt hatte, war bestimmt das
Harmloseste gewesen von allem, was sich über sie sagen ließ. Man wußte
also, woran man bei Unrat war, sobald es die Künstlerin Fröhlich anging;
und hütete sich.
Im übrigen durfte alles drunter und drüber gehen; Unrat war
einverstanden. Er rieb sich die Hände, wenn jemand, der keineswegs er
selbst war, die Bank sprengte, und betroffene, von Gier abgemattete,
nasse und fassungslose Gesichter umherfuhren und vor sich hinstierten.
Er begutachtete wohlgefällig den Zustand eines sinnlos Betrunkenen, gab
einem gänzlich Ausgeleerten Wünsche mit von undurchdringlichem Hohn,
feixte flüchtig, wenn irgendwo ein Liebespaar auf frischer Tat ertappt
ward; und er hatte seine belebtesten Augenblicke, wenn sich jemand als
entehrt herausstellte. Ein junger Mann aus guter Familie spielte falsch.
Unrat bestand darauf, daß er dableibe. Die Wogen der sittlichen Empörung
gingen hoch, einige entfernten sich protestierend. Zwei oder drei Abende
darauf waren sie wieder da, und Unrat schlug ihnen, giftig lächelnd,
eine Partie mit dem jungen Falschspieler vor.
Ein anderer Fall entspann sich noch dramatischer. Es war einem der
Spieler ein Paket Banknoten, das er vor sich hingelegt hatte, abhanden
gekommen. Er erhob ein Geschrei, verlangte, daß die Ausgänge gesperrt
und alle Anwesenden durchsucht würden. Die Menge widersetzte sich, man
beschimpfte einander, drohte dem Bestohlenen mit Prügeln, und
verdächtigte innerhalb fünf Minuten jeden ohne Ausnahme. Unrats Stimme
drang, man wußte nicht wie, aus einem Grabe herauf, durch allen Lärm. Er
erklärte, die angeben zu wollen, die untersucht werden müßten; ob man
sich ihm fügen wolle. Man war neugierig, fühlte sich gedrängt, über
allem Verdacht zu erscheinen; man rief ja. Darauf nannte Unrat, den Hals
vor- und zurückschiebend, Leutnant von Gierschke, den Schüler Kieselack
und Konsul Breetpoot. »Breetpoot? Breetpoot?« Jawohl, Breetpoot. Unrat
blieb dabei, ohne sich weiter zu äußern über das, was er wußte ... Und
Gierschke, ein Offizier? Das habe nichts zu sagen, behauptete Unrat. Und
dem Leutnant, der sich wütend zur Wehr setzte, gab er zu bedenken:
»Die Menge ist gegen Sie und wird Sie entwaffnen. Des Säbels beraubt,
möchten Sie denn wohl Ihrer Ehre verlustig gegangen sein und nichts mehr
besitzen als eine Pistole, vermittelst deren Sie sich -- immer mal
wieder -- entleiben werden. Da ists, traun fürwahr, lustiger, Sie lassen
sich untersuchen.«
Vor diese Wahl gestellt, ergab sich von Gierschke. Unrat hegte nicht den
geringsten Verdacht gegen ihn; er hatte ihn nur bezwingen wollen, seinen
Stolz in den Staub biegen. Übrigens ward im selben Augenblick Kieselack
an einem Fenster festgenommen, wie er das Paket Banknoten eben
hinauswerfen wollte. Sogleich verlangte Konsul Breetpoot nachdrücklich
Rechenschaft von Unrat. Aber Unrat sagte dem Konsul ganz dicht ins
Gesicht und für alle übrigen unhörbar, einen Namen, nur einen Namen; und
Breetpoot ward dadurch besänftigt ... Er kam wieder, gleich nächsten
Tages, und setzte atemlos. Von Gierschke ließ acht Tage verstreichen.
Kieselack zeigte sich noch ein einziges Mal und verspielte einiges.
Darauf erschien seine Großmutter bei der Steuerbehörde, wo Kieselack
einen kleinen Posten bekleidete, und zeigte an, daß ihr Enkel sie
bestohlen habe. Endlich hatte man einen Vorwand, ihn zu entlassen. Wegen
des Spielskandals hatte man es nicht gewagt. Der Schüler Kieselack
versank auf den Grund. Unrat beging dies festlich, ganz für sich allein.
* * * * *
Er benahm sich im Genuß mit tückischer Trockenheit. Im Gewühl der um die
Wette nach dem Bankrott, der Ächtung, dem Galgen Laufenden, schien
Unrat, mit eingeknickten Knien und unerschütterlich, ein alter
Schulmeister, dessen Klasse in wüstes Toben verfallen ist, und der sich
hinter seinen Brillengläsern sämtliche Empörernamen merkt, um später die
Zeugnisse zu verderben. Sie hatten der Herrschergewalt sich zu
widersetzen gewagt; nun mochten sie, losgelassen, sich gegenseitig die
Rippen einschlagen und das Genick umdrehn. Aus dem Tyrannen war
endgültig der Anarchist herausgebrochen.
Und er schien eitel auf seinen neuen Zustand, hatte eine offenkundige
Vorliebe für sein eigenes Gesicht in seiner jetzigen jugendlichen
Färbung. Zwanzigmal am Abend holte er einen Taschenspiegel hervor: der
war in eine kleine Büchse eingelassen, mit der Inschrift »_bellet_«.
Oft gedachte er in dem nächtlichen Lärm, Flitter und Halsbrechen
gewisser ehemaliger Nächte. Er war im Café Central verhöhnt worden und
schlich nach Haus. Von irgend einer finstern Ecke ward ihm sein Name
zugeworfen wie ein Stück Schmutz ... Eine einzige Nacht war's, da hatte
er von den Menschen etwas gewollt. Sie sollten ihm sagen, wer die
Künstlerin Fröhlich sei, wo sie zu finden, wie es -- dies war von
höchster Wichtigkeit -- zu verhindern sei, daß drei Schüler und unter
ihnen der allerschlimmste, Lohmann, ihrer teilhaftig würden. Niemand
hatte ihm Rede gestanden. Nichts war ihm begegnet als breites Grinsen an
Köpfen, auf denen der Hut fest sitzen blieb. Zwischen den kleinen
»Bullerwagen«, die eine steile »Grube« hinunterrasselten, hatte er
umherhüpfen müssen, und von lauter hellen Kinderstimmen seinen Namen um
die Ohren geschlagen bekommen. Keinen Empörer mehr hatte er, an den
erleuchteten Läden hinschleichend, anzusprechen unternommen; er hatte
sich die Häuser -- die Häuser von fünfzigtausend in Aufruhr begriffenen
Schülern entlang gedrückt, mit einem gespannten Gefühl auf dem Scheitel,
weil jeden Augenblick, wie ein Kübel Spülicht, aus einem Fenster sein
Name kommen konnte! An das Ende der stillsten Straße, tief hinunter zum
Stift der alten Fräulein, hatte er sich gerettet vor der
nervenzerstörenden Verfolgung, Anzweiflung, Verhöhnung; hatte die
Fledermäuse um seinen Hut streichen lassen und noch hier, noch hier auf
seinen Namen gewartet.
Sein Name! Jetzt gab er ihn sich selbst; setzte ihn sich auf wie einen
Siegerkranz. Einem Ausgeplünderten klopfte er auf die Schulter und
sagte:
»Ja ja, ich bin ein rechter Unrat.«
Seine Nächte! So sahen sie nun aus. Sein Haus war das hellste in der
Stadt, es war das am wichtigsten Genommene, Schicksalerfüllteste.
Wieviel Angst, wie viel Gier, wieviel Unterwürfigkeit, wieviel
fanatische Selbstvernichtungswut ließ er nun um sich herdampfen! Alles
Opfer, die ihm brannten! Alle drängten sich, sie ihm anzuzünden, sich
selbst ihm anzuzünden. Was sie hertrieb, war die Leere ihrer Gehirne,
der Stumpfsinn der humanistisch nicht Gebildeten, ihre dumme Neugier,
ihre mit Sittlichkeit schlecht zugedeckten Lüsternheiten, ihre Habgier,
Brunst, Eitelkeit und zu alledem hundert verquickte Interessen. Waren es
nicht Unrats Gläubiger, die ihre Verwandten, Freunde, Kunden
herschleppten, in der Absicht, Unrat, ihrem Schuldner, zu Gelde zu
verhelfen? Waren es nicht beutelustige Ehefrauen, die ihre Männer
schickten, damit sie von dem durch die Luft fliegenden Gelde ihren
Anteil herausgriffen? Andere kamen selbst. Unter den Masken, im
Karneval, sollten anständige Frauen gewesen sein. Man hatte mißtrauische
Männergesichter bemerkt, die nach Gattinnen ausspähten. Die jungen
Mädchen wisperten daheim von einem späten Ausgang ihrer Mutter: »nach
dem Haus vorm Tor.« Sie trällerten halblaut Bruchstücke aus Liedern der
Künstlerin Fröhlich. Die Lieder schwirrten verdeckt durch die Stadt. Das
geheimnisvolle Pfänderspiel, bei dem Paare sich auf den Boden und unter
eine Decke legten, es machte seinen Weg durch die Familien; es ward
gespielt, wenn den mannbaren Töchtern junge Tänzer eingeladen waren; und
ein Gekicher ging umher von dem »Haus vorm Tor«.
Bevor der Sommer anbrach, zogen drei Frauen der guten Gesellschaft und
zwei junge Mädchen sich plötzlich zurück, zu einem, wie man fand,
verfrühten Landaufenthalt. Drei neue geschäftliche Zusammenbrüche
erfolgten. Der Zigarrenhändler Meyer am Markt beging Wechselfälschungen
und erhängte sich. Über Konsul Breetpoot ward gemunkelt ...
Und diese Entsittlichung einer Stadt, von keinem zu unterbrechen, weil
zu viele darin verwickelt waren: sie geschah durch Unrat und zu seinem
Triumph. Seiner insgeheim ihn schüttelnden Leidenschaft -- dieser
Leidenschaft, von der sein trockner Körper nichts als hie und da ein
giftig grünes Augenfunkeln, ein blasses Feixen entließ -- ihr frohndete
und unterlag eine Stadt. Er war stark; er mochte glücklich sein.