Altenroda, den 23. Mai 1910. Anna Lüdke.«

Es war kein Zweifel, das Testament war rechtsgültig. Ein paar alberne

Spötter wollten Witze machen; aber sie verstummten bald. Alle Leute

fühlten, daß hier eine dankbare Seele ihren letzten Willen kundgetan

hatte. Alle Leute waren aber auch neugierig, wie sich Herr Ansorge zu

der an ihn gefallenen Erbschaft verhalten werde.

Nun, das Begräbnis der Frau Anna Lüdke wurde wirklich ganz einfach

gehalten, so wie sie es bestimmt hatte. Es kostete alles in allem

zweihundertachtzig Mark. Einige Weiber in Altenroda rechneten nun

damit, daß Ansorge den Rest der Erbschaft unter sie verteilen werde.

Aber sie verrechneten sich. Ansorge ließ alles Mobilar und alle anderen

Gegenstände in sein Haus bringen, wo er ein eigenes Zimmer damit

ausstattete und ein Bild der Anna Lüdke aufhängen ließ. Er saß öfters

in diesem Zimmer, arbeitete auch manchmal dort. Das Sparkassengeld hob

er für seine eigene Kasse ab. Er achtete die Erbschaft; er trat sie

an. Der Anna Lüdke ließ er ein Denkmal setzen. Es war nach Meinung der

Leute lange nicht das »schönste« auf dem Friedhof von Altenroda; aber

es war das wertvollste, auch bei weitem das teuerste. Ein wirklicher

Künstler hatte es geschaffen.

* * * * *

Auch der reinste Tag geht zu Ende. Als Ansorge siebzig Jahre alt war,

kam das Sterben an ihn heran. Das Sterben gilt ja für die Menschen alle

als die letzte Not. Auch an Ansorge trat die letzte Not, die letzte

Sorge heran.

Es wäre auch alles milde und in Frieden verlaufen, wenn +Dr.+

Schicketanz nicht gewesen wäre. Der war schuld, daß Ansorge seine

vierte und letzte Sorge schwer wurde. Nicht nur, daß er mit allen

medizinischen Künsten und Listen Ansorge das Sterben von Woche zu Woche

vereitelte, er griff auch zu absonderlichen Mitteln anderer Art.

Da saß der alte Eisbart an Ansorges Krankenlager und sagte:

»Also, sterben möchtest du, Freundchen? Möchte dir wohl passen! So

gar nichts mehr tun als immerfort auf dem Rücken liegen und die

Augen zuhaben. Das gibt's aber nicht! Du bist siebzig, ich bin

fünfundsiebzig. Du bist in Untertertia kleben geblieben, als ich nach

Oberprima versetzt wurde. Nachtragen will ich dir das ja heute nicht

mehr; der Fall ist schließlich verjährt, und du hast ja doch die Schule

durchgemacht. Aber Komment ist Komment! Erst die Prima, dann die

Tertia! Erst ich, dann du! Ich mache mit meinen fünfundsiebzig Jahren

noch die Leute gesund, im Hause für zwei Mark und fünfzig Pfennige und

in der Sprechstunde für eine Mark. Und du willst einfach so losgehen?

Nein! Erst die Prima, dann die Tertia! Erst wird von mir gestorben,

dann von dir! Verstanden? Du bist erst fünf Jahre nach mir an der

Reihe. Vordrängeln gilt nicht!«

Ansorge lächelte auf seinem Krankenlager und dachte: Er ist ein guter

Arzt. Dann sagte er matt:

»Ja, lieber Freund, der Herrgott hat wohl für seine Versetzungen einen

anderen Modus als die Oberlehrer. Du wirst es schon nicht ändern

können, daß ich das große Abitur ~vor~ dir mache.«

»Das werde ich ändern!« zürnte Schicketanz; »das gebe ich nicht zu!«

Am nächsten Tage sah Schicketanz, daß an Ansorges Schicksal kaum noch

etwas zu ändern sei. Und er pflanzte die vierte, die letzte Sorge in

Ansorges Leben.

Es war im April, und es herrschte ständig wechselndes, meist böses

Wetter. Da sagte +Dr.+ Schicketanz zu seinem Patienten:

»Guck zum Fenster hinaus! Kannst du es verantworten, bei solchem Wetter

zu sterben? Was würde dann geschehen? Ganz Altenroda würde mit dir

zu Grabe gehen. Du weißt, daß der letzte Teil des Weges zum Friedhof

ungepflastert ist. Ich habe mir ihn gestern in deinem Interesse

angesehen. Ein Sumpf -- sage ich dir! Na also, was geschieht, wenn du

jetzt stirbst? Ganz Altenroda geht mit zu Grabe, und halb Altenroda

wird krank. Erkältet sich auf den Tod. Wieviel -- glaubst du -- werden

allein an Lungenentzündung deines Begräbnisses wegen sterben?«

Und Ansorge fiel wirklich auf die Praktik dieses geistigen +Dr.+

Eisenbart hinein. Er sagte sich: Es ist richtig, wenn ich jetzt sterbe,

ist es ein Unglück oder doch für viele ein schweres Ungemach und für

manche eine Gefahr. Wenn ich auch noch letztwillig wünschte, es möge

niemand mit mir zu Grabe gehen, es würde nichts nützen. Unheil gäbe es

sicher.

So war Ansorges letzte persönliche Sorge die um die Gesundheit seines

Leichengefolges.

Doch die Lösung kam.

Schon am nächsten Tage erschien +Dr.+ Schicketanz nicht mehr. Er

war an einem Herzschlag verschieden.

»Erst die Prima -- dann die Untertertia,« murmelte Ansorge unter

Tränen. »Komment ist Komment!«

Ansorge lebte noch fünf Tage. Er beobachtete immer das Wetter. Ein

Barometer wurde auf seinen Befehl an seinem Bette aufgehängt. Er sah

oft nach dem schwarzen Zeiger, ob er vorrücke. Der Zeiger blieb stehen.

Endlos spritzte der Regen; hart stieß der Nordwind ans Haus. Vier Tage

nach +Dr.+ Schicketanz' Tode fing der schwarze Zeiger an Ansorges

Barometer langsam an, auf »Schön Wetter« zuzugehen. Ansorge sah es mit

wehmütiger Befriedigung.

Bald stand der schwarze Zeiger auf »Beständig«.

In der Morgenstunde ging die Frühlingssonne auf. Auf der goldenen

Straße ihrer Strahlen ging Ansorges Seele heim.

Seine letzte persönliche Sorge und alle anderen Sorgen seines Lebens

waren vorbei.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 47 / 50 题