Ansorge

Wie Ansorge mit dem Vornamen hieß, wußte in Altenroda kaum ein Mensch.

Etwa bis zum vierzehnten Jahre wurde er »Ansorgerle« gerufen; vom

vierzehnten bis dreißigsten Lebensjahre hieß er »der junge Ansorge«,

von da an schlechtweg »Ansorge« und über das fünfundfünfzigste

Lebensjahr hinaus »Vater Ansorge«.

»Ansorge« ist ein unvollkommener Name. Man weiß nicht, ob der Mann, der

ihn trägt, reich oder arm »an Sorge« ist. Ist er reich daran, dann ist

er natürlich arm; ist er arm daran, so ist er gewöhnlich reich. Eine

nur scheinbar verzwickte Geschichte, deren Richtigkeit jeder leicht

einsehen wird. Vielleicht kann »Ansorge« auch »Ohnesorge« heißen, wie

kluge Sprachler behaupten, aber das trifft auf unseren Mann nicht zu.

Mit diesem Ansorge war die Sache überhaupt nicht so einfach wie mit den

Ansorges insgemein; er war nämlich reich an Geldmitteln und trotzdem

auch reich an Sorgen. Und die Angelegenheit gestaltet sich noch

seltsamer, wenn man hört, daß Ansorge persönliche Sorgen nur viermal

im Leben hatte: einmal in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre eine

ungetreue Liebste, einmal im siebenunddreißigsten Lebensjahre eine

falsch behandelte Zahnfistel, einmal in seinem dreiundvierzigsten

Lebensjahre die Kündigung seines Prokuristen und einmal im siebzigsten

Lebensjahre die Sorge um die Gesundheit seines Trauergefolges.

Ansorges Sorgen galten immer anderen Menschen. Weil er sich selber

nicht wichtig vorkam, hatte er auch um sich selbst keine Sorgen; aber

weil ihm die Schicksale anderer Menschen am Herzen lagen, kam er sein

Lebtag aus dem Kummer nicht heraus.

Als Knabe machte sich Ansorgerle Schmerzen darüber, daß Paul Distelfink

keinen Springkreisel besaß, da er doch wußte, wie sehr sich der Junge

ein solches Spielzeug wünschte. Da bot er eilig und freundlich dem

Knaben seinen eigenen Kreisel an. Distelfink aber war ein Ruppsack,

sagte, er sei kein Betteljunge, und mochte den Kreisel nicht. Darauf

legte Ansorgerle den Kreisel auf Distelfinks Schulweg und paßte, hinter

einem Strauche versteckt, auf, ob er ihn finden werde. Distelfink fand

den Kreisel und schrie: »Den alten Kreisel trag' ich aufs Fundbüro!«

Das war eine der fremden Sorgen, von denen Ansorge sehr früh erkannte,

es sei gar nicht so leicht, ihnen abzuhelfen.

* * * * *

Eine schlimme Sache war das mit der verunglückten Liebe. Ansorge hatte

Emma Rillek von seinem siebzehnten Jahre an geliebt und sich mit ihr in

seinem zwanzigsten Jahre heimlich verlobt. Emmas Mutter, die Witwe war,

durfte nichts wissen. Sie ahnte auch wirklich dann noch nichts, diese

strenge Frau, als der junge Ansorge ihrer Tochter zum Geburtstag eine

Wäscheaussteuer schenkte, in der allein zwei Schock leinene Handtücher

waren, und nächste Weihnachten eine Zimmerausstattung und einen

Silberkasten. Die Witwe Rillek war arm. Wie soll eine arme Frau auch

gleich auf den Gedanken kommen, ein junger Mann habe mit der Tochter

etwas vor, wenn er ihr einmal einige Sachen schenkt? Ansorge freute

sich unbändig, daß die Frau so ahnungslos war, und schenkte Kleider,

Pelzwaren, Küchengeräte, Halsbänder, eine goldene Uhr und solche Dinge

mehr. Die Mutter blieb immer gleich ahnungslos.

Am 6. Mai wollte Ansorge um Emma anhalten. Dann war er fast

dreiundzwanzig und sie eben sechsundzwanzig geworden. Das rechte Alter

und Verhältnis zum Heiraten.

Am 3. Mai traf sich Ansorge mit Emma im Eulenwalde. Er hatte immer

Angst, die strenge Mutter könne hinter diese heimlichen Stelldicheine

kommen. Wie schrecklich, wenn sie ihm dann die paar Geschenke, die er

Emma gemacht hatte, zurückschickte!

An diesem 3. Mai merkte Ansorge seiner Emma eine gewisse Beklemmung an.

Er redete ihr liebevoll zu, sich doch ja keine Sorgen zu machen und ihm

alles anzuvertrauen, was sie drücke. Da brachte Emma endlich heraus:

»Ansorge, du könntest mir einmal einen Gefallen tun.«

Er sagte, daß er sich gern gefällig zeigen werde.

»Aber es ist ein großer, schwerer Gefallen!«

»Das tut nichts,« sagte Ansorge und lachte sie aufmunternd an.

Da schluckte sie ein paarmal, wurde knallrot und sagte dann stockend:

»Ich möchte -- daß du einwilligst -- daß ich den Paul Distelfink

heirate.«

Erst verstand er sie nicht.

»Wie?« fragte er. »Bitte, sage es noch einmal!«

Da ergoß sich eine Flut von Worten über ihn. Es sei ja bloß deshalb

so gekommen, weil sie doch eben Nachbarskinder gewesen seien,

der Distelfink und sie, beide -- wie er ja wohl wisse -- in der

Gerbergasse aufgewachsen. Da komme halt so was. Und dann, er solle ihr

doch den Gefallen tun und einwilligen -- es ginge überhaupt nicht mehr

anders.

Er schritt ganz still neben ihr her. Eine große Sorge, ein schwerer

Herzenskummer war plötzlich über sein eigenes Leben gekommen. Sie

redete immer weiter, weinte, sagte, daß sie todunglücklich würde, wenn

er nicht nachgäbe.

Da gab er nach. Beim Abschiede war er freundlich, er tröstete sie und

wollte ihr sogar -- wie immer -- ein Goldstück für »kleine Ausgaben«

schenken. Aber stolz -- wie ehedem der Knabe Distelfink den Kreisel --

schlug sie das Goldstück aus.

Noch in der Nacht desselben Tages wurde der junge Ansorge sehr krank.

+Dr.+ Schicketanz betreute ihn. Schicketanz hatte in Prima

gesessen, als Ansorge in der Untertertia sitzen blieb, hatte es aber

nicht verschmäht, sich von dem reichlichen Taschengelde des so tief

unter ihm stehenden Mitschülers damals immer das Tabaksgeld zu leihen,

das er bis heutigen Tags nicht wiedergegeben hatte. Nun war Schicketanz

Arzt in Altenroda, Ansorge der Besitzer der von seinen frühverstorbenen

Eltern ererbten Fabrik, und nun saß +Dr.+ Schicketanz an dem

Krankenlager des Ansorge.

Sie siezten sich. Einer, der schon in Prima war, da der andere in

Untertertia kleben blieb, kann unmöglich zu ihm »du« sagen, wenn nicht

etwa das Leben es später so besonders eigentümlich gefügt hat.

»Lieber Herr Ansorge,« sagte +Dr.+ Schicketanz nach achttägiger

Behandlung, »organisch sind Sie gesund. Ihr ganzes Übelbefinden -- daß

Sie nicht essen und schlafen können, daß Sie natürlich dadurch abmagern

und schlaff werden, sich elend fühlen -- beruht auf nervöser Grundlage.

Zunächst müssen Sie mal erst etwas zu Kräften kommen, dann schicken wir

Sie auf Reisen.«

Er ist ein guter Arzt, dachte Ansorge. Was der Grund zu den nervösen

Grundlagen seines Todkrankseins war, erzählte er dem Doktor nicht. Das

war auch nicht nötig. Ganz Altenroda wußte Bescheid.

In dieser sorgenvollen Zeit seines Lebens quälte sich der junge

Ansorge besonders mit der einen Frage: Ob sie mir wohl meine Geschenke

zurückschicken werden?

Die Geschenke kamen nicht zurück. Da freute sich Ansorge und sagte zu

sich selber: »Es sind doch rücksichtsvolle Menschen. Das tun sie mir

nicht an.«

Auch an Distelfink dachte er nun freundlicher. Damals mit der Abweisung

des Kreisels hatte ihn Distelfink gekränkt. Nun nahm er -- was ihm

gewiß schwer wurde -- die mancherlei Sachen, die er der Emma verehrt

hatte, an. Das war nett von dem Distelfink. Überhaupt -- alles hätte er

haben können, nur gerade die Emma hätte er ihm nicht nehmen sollen.

Über die Bitternis dieses Gedankens kam Ansorge wochenlang nicht

hinweg, und +Dr.+ Schicketanz hatte zu tun, ihn aufrecht zu

erhalten.

Dann ging der junge Ansorge zwei Jahre auf Reisen.

Als er gesund und kräftig zurückgekommen war, erschien eines Tages Paul

Distelfink in seinem Privatkontor und sagte:

»Alter Freund, ich komme mit einer Bitte. Emma und ich haben gestern

das dritte Kind bekommen. Es ist unser erster Junge. Nun wollen wir

dich herzlich bitten, Pate zu sein. Es soll ja Glück bedeuten und eine

Ehre sein, wenn man beim ersten Jungen aus einer Ehe Pate ist. Nun,

Ehre und Glück hast du ja wohl nicht nötig, aber uns nähmst du halt

eine Sorge ab, wenn du Pate wärst.«

Ansorge sah den Bittsteller mit seinen stillen Augen an. Er überlegte.

Er überlegte lange. Dann sagte er sich: »Warum soll ein kleiner

unschuldiger Junge keinen Paten haben?« Und er sagte zu.

Zwei Tage nach der Taufe kam die Mutter Emmas, die Witwe Rillek, ins

Privatkontor, flennte und sagte:

»Ach, Herr Ansorge, Sie sind gewiß der beste Mensch von der Welt. Meine

Emma, meine Emma, nein, diese schreckliche Gans. Ich muß mich einmal

aussprechen zu Ihnen, Herr Ansorge, sonst drückt es mir noch das Herz

ab. Ich denke immer, Sie könnten eine schlechte Meinung von mir haben.

Aber ich war unschuldig, Herr Ansorge, ganz unschuldig. Ich habe schon,

als Sie siebzehn Jahre alt waren und die Emma zwanzig, gemerkt, daß Sie

wohl dem Mädel gewogen waren, und es war mein Stolz. Aber das dumme

Ding, das vermaledeit dumme Ding, und der Kerl, der Distelfink, der

keine drei Taler in der Tasche hat -- o, Herr Ansorge, wenn Sie wüßten,

wie oft ich das dumme Mädel gehauen und ihr immer gesagt habe: daß du

ja den Ansorge nimmst, der ein so anständiger Mensch ist und dir so

noble Geschenke macht! Sie hat's nicht getan!«

Ansorge saß ganz still da. Das war also die gestrenge Mutter, vor der

er sich gefürchtet hatte!

»Womit könnte ich Ihnen denn dienen, Frau Rillek?«

»Ach Gott, Herr Ansorge, sehen Sie mal, wie halt doch das Leben teuer

ist, und dann die vielen Krankheiten! Die Älteste von der Emma, die

Pauline, hat dreimal Zahnkrämpfe gehabt. Die zweite, die Meta, haben

wir impfen lassen müssen, Distelfink war drei Wochen in Behandlung

wegen eines Nackengeschwürs, und ich mußte auch ein paarmal zum Arzt

wegen meines Reißens. So haben sich halt beim +Dr.+ Schicketanz

-- er verteuert ja die Leute -- hundertzehn Mark angesammelt, und nun,

wo wir schon wieder das dritte haben -- die Hebamme, das unverschämte

Weib, hat zwanzig Mark verlangt -- wer soll nun die hundertzehn Mark an

Schicketanz bezahlen?«

»Die bezahle ich!« sagte Ansorge.

»Ich danke!« sagte Frau Rillek und flennte.

So war die Geschichte von Ansorges Liebe zu Ende und seine erste

persönliche Sorge vorbei.

* * * * *

Die zweite persönliche Sorge hatte Ansorge im siebenunddreißigsten

Lebensjahr durch ein Zahngeschwür. Er hatte einen Freund, der ein guter

Zahnarzt war. Doktor Neumann hieß er. Als Ansorge aber eines Tages

heftige Zahnschmerzen bekam, überlegte er tagelang, ob er zu +Dr.+

Neumann gehen solle. Es wohnte nämlich an der nächsten Straßenecke ein

Dentist, ein junger Anfänger, mit dem es nicht vorwärts ging und der

Ansorge auf der Straße immer mit einem demütig bittenden Blick ansah,

aus dem deutlich zu lesen war: »Sei doch so gut, du reicher Mann,

kriege einmal Zahnschmerzen und komme dann zu mir!« Also, +Dr.+

Neumann hatte eine große Praxis und war wohlhabend, der Dentist war

ein armer Teufel. Vertrauen hatte Ansorge zu dem jungen Manne nicht,

aber die Menschenliebe gebot ihm, den armen Anfänger zu unterstützen.

Er ging mit seinen verschleppten Zahnschmerzen zu ihm.

Am dritten Tage, an dem der Dentist den sehr schwierig liegenden Fall

Ansorges behandelte, geriet der Patient in Lebensgefahr. Es trat

schwere Blutvergiftung ein. +Dr.+ Neumann und eine eiligst aus

der Hauptstadt herbeigerufene medizinische Größe hatten Mühe, das

Leben Ansorges zu erhalten. Furchtbare Qualen hatte der Arme bereits

ausgestanden; nun wurde ihm durch eine Operation der Kiefer zerstemmt,

die Wange geschlitzt.

Wochenlang war Ansorge schwer krank. Als er genas und im Spiegel sein

verunstaltetes Gesicht sah, das bisher immer so hübsch rund und so

glatt rasiert gewesen war, beschloß er, sich einen Vollbart wachsen

zu lassen. Er hatte sein Lebtag Vollbärte nicht ausstehen mögen, aber

nun war es nötig, das Wundmal durch einen Bart zu verdecken, damit die

Leute nicht immer an den Mißerfolg des Dentisten erinnert wurden und

der arme Schlucker am Ende seine geringe Praxis ganz einbüßte.

Der Dentist aber war so wie so pleite. Kein Mensch suchte ihn mehr auf;

denn ganz Altenroda sprach von dem schweren Unfall Ansorges. Da kam der

Zahnheilkünstler eines Tages zu Ansorge und bat ihn ganz zerknirscht um

Verzeihung.

»Ich bin selber halb gestorben vor Angst um Sie, Herr Ansorge! Ich habe

mich zu zeitig selbständig gemacht; daran liegt's. Ich hätte lieber,

was die Zahnheilkunde betrifft, noch manches dazu lernen sollen.«

»Ja!« sagte Ansorge leise.

»Von Altenroda muß ich weg,« fuhr der Dentist betrübt fort. »Die Leute

haben das Vertrauen zu mir verloren. In Magdeburg könnte ich eine

Gehilfenstelle bekommen und vieles lernen; aber ich habe Schulden. Wenn

ich jetzt meine Instrumente verkaufe, kann ich später nicht mehr neu

anfangen; denn diese Sachen werden von Tag zu Tag teurer.«

»Wie viel haben Sie denn Schulden?« fragte Ansorge nebenher.

»Tausend Mark,« sagte der Dentist und errötete.

»Und dann brauchen Sie ja wohl noch Geld für die Übersiedelung nach

Magdeburg?«

Der Dentist nickte und seufzte.

»Ja, das ist schlimm,« sagte Ansorge und stand auf. Er setzte sich aufs

Sofa, wo, wie immer, sein Dachshund lag, und kraute in Gedanken dem

Hunde die Kehle. Der knurrte nach dem Dentisten hinüber. Das sollte

heißen:

»Wenn du willst, beiße ich ihn hinaus!«

Ansorge steckte dem Köter ein Stück Zucker ins Maul, das er für solche

und ähnliche Fälle immer in der Rocktasche hatte, trat ans Fenster

und sah auf die Straße. Die Höllenqualen, die er ausgestanden hatte,

fielen ihm ein, die schwere Operation, die Verunstaltung des Gesichtes,

der Vollbart, der spitz, lückig und unschön um seinen Mund sproßte,

schließlich auch die hohe Rechnung, die die medizinische Größe aus der

Großstadt geschickt hatte. »Lieber Herr Dentist Hornriegel,« wollte er

sagen, »ich trage Ihnen nichts nach. Für Magdeburg wünsche ich Ihnen

viel Glück; weiter kann ich aber nichts für Sie tun.«

Als er sich jedoch umwandte und das zerknirschte Gesicht des jungen

Mannes sah, sagte sich Ansorge, es sei unrecht, in einem solchen

Falle hartherzig zu sein. So sagte er etwas ganz anderes, als er sich

vorgenommen hatte:

»Na, in Gottes Namen, Herr Hornriegel, da werde ich Ihnen halt

tausendfünfhundert Mark leihen; da wird's wohl reichen.«

Aus Hornriegels vielen mit Tränen betauten Dankesworten blieb Ansorge

nur die ständig wiederkehrende Beteuerung im Sinn:

»Sie werden sehen, Herr Ansorge, ich bin kein Unwürdiger. Ich bin

strebsam; ich werde noch ein tüchtiger Dentist werden. Und Ihr Geld

kriegen Sie wieder!«

Als Hornriegel mit den tausendfünfhundert Mark abgezogen war, setzte

sich Ansorge wieder zu seinem Dackel aufs Sofa. Das Vieh drehte ihm den

Schwanz hin. Das war das schlimmste Zeichen seiner Verachtung. Nicht

einmal ein Stück Zucker nahm der erzürnte Vierbeiner an.

* * * * *

Jahre vergingen. An seinem vierzigsten Geburtstag, als die Festgäste

alle gegangen waren, saß Ansorge abermals bei seinem Dackel, der

unterdes eine weiße Schnauze bekommen hatte.

»Dackel,« sagte er; »jetzt sind wir vierzig Jahre alt geworden. Ins

Schwabenalter sind wir gekommen. Meinst du, daß wir jetzt weise werden?«

Der Hund schüttelte den Kopf, daß ihm die Ohren klatschten. Er will

sagen, dachte Ansorge: ich war schon immer weise, du wirst es nie. Und

in diesem Augenblicke fiel ihm der Dentist ein, von dem er nie wieder

etwas gehört hatte, von dem er gar nicht wußte, ob er überhaupt nach

Magdeburg gezogen war.

Eine halbe Stunde der Träumerei verging. Der Hund knurrte und bellte

leise im Schlaf. Vielleicht träumte ihm von dem Dentisten, den er

einmal hatte hinausbeißen wollen, dieses aber damals nicht gedurft

hatte ...

Am nächsten Tage bekam Ansorge einen Brief.

»Verehrter Herr Ansorge!

Bitte um Verzeihung, daß ich mich nicht eher gemeldet habe. Mir

ist es indes sehr unterschiedlich, meist recht schlecht ergangen.

Aber nun habe ich es geschafft. Ich bin selbständiger Dentist in

einer hannoverischen Mittelstadt, und mein Kundenkreis wächst von

Woche zu Woche. Mißerfolge habe ich nicht mehr gehabt; ich habe in

den Jahren viel gelernt. Seit einem Vierteljahr bin ich glücklich

verheiratet. Die Neueinrichtung hat viel gekostet, sonst könnte

ich Ihnen die tausend Mark, mit denen Sie mir aus bitterster Not

geholfen haben, bald zurückzahlen. So muß ich Sie bitten, heute mit

der ersten Ratenzahlung von fünfhundert Mark zufrieden zu sein. Das

andere und die aufgelaufenen Zinsen folgen binnen einem Jahre nach. Im

»Altenrodaer Stadtblatt«, das ich immer noch mithalte, las ich, daß

der so hochbeliebte Bürger der Stadt, Herr Ansorge, seinen vierzigsten

Geburtstag feiert. Bitte, nehmen Sie auch einen herzlichen Glückwunsch

an von Ihrem fürs ganze Leben dankbaren

~Hornriegel~, Dentist.«

Mit diesem Briefe in der Hand stand Ansorge lange still da. Er sagte

sich:

»Da war nun wieder einmal so etwas wie eine Sorge in mein Leben

gekommen. Und nun ist sie zu nichts geworden; sie ist durch eine große

Freude aufgewogen worden.«

Dann schlug er den Dackel, der auf dem Sofa lag, auf den Buckel und

sagte mit einem glücklichen Lachen:

»Ach, Dackel, was bist du doch für ein dummer Kerl!«

Der Hund brummte.

Er will sagen, dachte sich Ansorge, es hätte ja auch anders kommen

können. Aber es blieb eine große Freude in ihm. Und seine zweite

persönliche Sorge war aus.

* * * * *

Ansorge war ein tüchtiger Kaufmann. Er verstand es, mit seiner

Arbeiterschaft und seiner Kundschaft ganz ausgezeichnet umzugehen, und

wenn sich sein Reichtum trotz hoher Einnahmen nicht vermehrte, so lag

das daran, daß die klugen Stadtväter von Altenroda Herrn Ansorge zum

Armendirektor gewählt hatten. Die Stadtväter wußten genau, so lange

Ansorge Direktor war, brauchten sie den Armenetat nicht zu erhöhen;

denn Ansorge leistete Riesenzuschüsse aus eigener Tasche. Dabei lebte

er selbst äußerst bescheiden, ja, er schränkte sich ein. Als er aber

einmal aus irgend einem Anlaß eine gute Flasche Wein für drei Mark

trank, drohte ihm der Stadtkämmerer mit dem Finger und sagte:

»Direktorchen, Direktorchen, leben Sie nicht über die Verhältnisse der

Stadt!«

Am meisten kosteten Ansorge die Kinder, zumal zu Weihnachten. Dieses

liebliche Fest plünderte seine Kasse meist vollständig aus. Vom

fünfundfünfzigsten Lebensjahre an bekam der Wohltäter den Namen »Vater

Ansorge«, den er, der nie eigene Kinder gehabt hatte, mit Stolz trug.

Der Apotheker, der manchmal gebildete Reden führte, sagte einmal im

»Goldenen Löwen«, Ansorge sei der stärkste Altruist, der ihm begegnet

sei. Alle Stammtischgäste nickten ihm Beifall zu, obwohl keiner wußte,

was ein Altruist sei. Ansorge schüttelte den Kopf. Er sagte nichts,

aber er dachte sich: Wenn Ihr nur wüßtet, was ich für ein Egoist bin.

Wer etwas Gutes unterlassen hat, ist in schlechter Stimmung. Das Essen

und die Zigarre schmecken ihm nicht, er ist unfroh und fühlt sich

elend. Wie anders fühlt sich der Mensch nach einer guten Tat. Ganz

herrlich ist das Hochgefühl, das er hat. Es ist, als ob die Seele ein

Bad genommen und sich darauf an etwas ganz Gutem satt gegessen und satt

getrunken hätte. Und dieses Wohlgefühl geht auf den Körper über. Wer

Gutes tut, tut es in erster Linie sich selber.

Ganz und gar unzufrieden mit Herrn Ansorges Wohltätigkeitssinn war der

Prokurist seines Geschäfts, Herr Sperlich. Mit Ingrimm sah Sperlich,

wie die hohen Reinerträgnisse, die er, der langjährige treue Beamte,

aus dem Unternehmen herauswirtschaftete, aus Ansorges allezeit offenen

Händen verrannen. Man hätte die Anlage vergrößern, das Geschäft

verdoppeln können, wenn eben nicht diese unselige Verschwendungssucht

des Chefs gewesen wäre.

Der Ruf von Ansorges Wohltätigkeitssinn war inzwischen weit über die

Grenzen von Altenroda hinausgedrungen. Von weither kamen Bittbriefe.

Einmal kam ein solcher aus Hamburg. »+Dr.+ Meier, Schriftsteller,«

war er unterzeichnet. Was sich alles unter dem ehrlichen Namen

»Schriftsteller« verbirgt, ist schauerlich. Aber das wußte Ansorge

nicht, auch flößte ihm der Doktortitel Vertrauen ein. Der Brief

erschütterte ihn. Er gab das Bild einer menschlichen Lebenstragödie,

herzbewegender, unverschuldeter Leiden, und endete in dem Hilferuf:

»Sie, edler Herr, sind meine letzte Hoffnung. An Ihnen liegt es, ob

ich weiter leben, weiter schaffen kann, oder ob ich untergehen muß.

Nächsten Freitag abends sechs Uhr schlägt meine Schicksalsstunde.

Habe ich dann nicht sechshundert Mark in der Hand, so ist es aus mit

mir. Es bleibt mir dann nichts übrig, als mich noch am selben Abend

aufzuhängen. Einen Revolver besitze ich nicht, kann auch keinen

kaufen. Meine arme, unschuldige Familie muß ich dann ihrem Schicksal

überlassen. Nun entscheiden Sie, was geschehen soll.«

Dieses Schreiben zeigte Ansorge seinem Prokuristen. Sperlich pfiff

leise durch die Zähne und legte den Brief auf den Schreibtisch.

»Nun?« fragte Ansorge.

Aber Sperlich war schon wieder in seine Arbeit vertieft, und Ansorge

wollte ihn nicht stören. Also ging er leise hinaus. Er hatte ohnehin zu

tun. Draußen vor der Stadt lebte eine Witwe, die sich durch Weißnähen

ernährte. Sie hatte einen einzigen Sohn, einen hübschen, intelligenten

Bengel, an dem sie in abgöttischer Liebe hing. An was sollte auch das

arme Weib, das nichts auf der Welt besaß als dieses Kind, sein Herz

sonst hängen? Ansorge hatte dem Jungen eine gute Lehrlingsstelle bei

einem Optiker verschafft. Was tat der Lumpazius? Bestahl seinen Chef

um hundertfünfzig Mark. Da war er denn hinausgeworfen worden, und der

empörte Optiker drohte außerdem mit Anzeige.

Der Fall hatte Eile. War der Anzeigebrief erst beim Gericht, so war

nichts mehr zu wollen. Also hin zum Optiker! +Dr.+ Meier in

Hamburg mußte warten. Es war erst Montag, und Meiers Schicksalsstunde

schlug erst Freitag abend um sechs. Hier galt es zunächst, dem

Optiker die hundertfünfzig Mark zu ersetzen, die der schreckliche

Junge verlumpt hatte. Allein fünfunddreißig Mark für eine Busennadel

mit Brillanten hatte der Kerl ausgegeben. Ansorge mußte lachen, wenn

er an dieses Schmuckstück dachte. Am besten wäre es natürlich, der

Optiker nähme den Jungen, der bittere Reuetränen vergoß, wieder auf.

Ein deutlicher Denkzettel würde dem Bürschlein genügen. War aber der

Optiker harthörig, nun, so blieb Ansorge wohl nichts übrig, als den

jungen Fant zunächst im eigenen Betriebe zu beschäftigen und ihn im

Auge zu behalten, natürlich, ohne sein ohnehin verletztes Ehrgefühl

weiter zu kränken.

Gegen elf Uhr kam Ansorge nach Hause. Er war hundertfünfzig Mark los

geworden und hatte den diebischen Jungen auf dem Halse. Etwas nervös

trat er ins Büro.

»Wir wollen jetzt den Hamburger Brief erledigen,« sagte er.

»Ist schon erledigt,« brummte der Prokurist Sperlich.

»Ah, Sie haben die sechshundert Mark hingeschickt?«

»Nein, das nicht; ich habe was ganz anderes hingeschickt?«

»Was denn?«

»Einen Strick. Der Mann will sich ja doch aufhängen; da wollte ich ihm

gefällig sein.«

»Herr Sperlich, Sie erlauben sich einen merkwürdigen Scherz.«

»Es ist kein Scherz, Herr Ansorge. Ich habe tatsächlich einen neuen

hanfenen Strick an diesen +Dr.+ Meier nach Hamburg geschickt. Und

zwar als Eilpaket.«

»Herr -- Herr Sperlich -- wenn das wahr ist ...«

»Es ist wahr!«

»Dann -- dann sind Sie entlassen!«

»Wie sagten Herr Ansorge?«

»Wenn das wahr ist, daß Sie nach Hamburg den -- den Strick gesandt

haben, sind Sie entlassen.«

»Schön!« sagte der Prokurist. Er legte seine Schreibsachen pedantisch

gerade, wischte die Feder sorgsam am Tintenputzer ab, stand dann

langsam auf, rückte den Schreibtischstuhl zurecht, nahm seinen Hut vom

Kleiderhaken, sagte: »Guten Tag, Herr Ansorge,« und ging nach Hause.

Das geschah alles in so großer Gelassenheit, daß Ansorge wie in

Betäubung dastand. Erst allmählich wachte er auf.

Ungeheuerliches war geschehen. Er hatte jemand gekündigt, nein, nicht

gekündigt, sondern Knall und Fall entlassen. Sperlich! War denn

das möglich? Aber der Mann hatte ja ein Verbrechen begangen, hatte

einem Verzweifelten den letzten Mut genommen, einen mit dem Tode des

Ertrinkens Ringenden vollends unter Wasser getaucht. Und die Familie,

die arme Familie des Doktor Meier!

Ein dringendes Telegramm wurde aufgesetzt. Tausend Mark gingen

telegraphisch nach Hamburg, dazu die Bemerkung: »Eilpaket

bedauerlichstes Mißverständnis. Fassen Sie Mut, helfe Ihnen weiter.

Ansorge.«

Als Ansorge dieses Telegramm persönlich abgegeben und seine tausend

Mark losgeworden war, fühlte er sich wohler. Gegen Sperlich hatte er

großen Groll. Solche Gemütsroheit hätte er dem Manne nie und nimmer

zugetraut. Sperlich war Vorsitzender des Tierschutzvereins. Wer konnte

von einem solchen Manne auch nur eine Unzartheit erwarten? Und dieses

Benehmen, dieses Absenden eines Strickes an einen Menschen, der in

Verzweiflung war! Ein Rätsel, ein unerforschbares Rätsel! Außerdem

war Sperlich ein schlechter Geschäftsmann. Mit sechshundert Mark wäre

der Fall zu erledigen gewesen, nun, nach der furchtbaren Kränkung,

die Doktor Meier in Hamburg erlitten hatte, mußte natürlich eine Art

Sühnegeld gezahlt werden. (Das waren also die vierhundert Mark, die

Ansorge über die geforderte Summe geschickt hatte.) Diesen Verlust von

vierhundert Mark hatte er Herrn Sperlich zu verdanken.

Eine unruhige Nacht verging. Am nächsten Morgen Punkt acht war

Ansorge im Büro. Sperlichs Platz war leer. Sperlich war als der

Gewissenhafteste aller Angestellten sonst schon immer um drei Viertel

acht da. Also, da er um drei Viertel acht nicht gekommen war, kam er

überhaupt nicht. Er hatte die Kündigung ernst genommen.

Herrn Ansorge faßte eine leise Übelkeit an. Vierundzwanzig Jahre war

Sperlich im Geschäft. Eine Perle von Ehrlichkeit und Tüchtigkeit!

Dukatengold von Charakter! Nächstes Jahr sollte Sperlich sein

fünfundzwanzigstes Geschäftsjubiläum feiern, und Ansorge zerbrach sich

schon wochenlang den Kopf über das Festprogramm. Und nun? Kündigte ihm!

Nein, warf ihn hinaus!

Ansorge war überzeugt, daß ihn ganz Altenroda als einen rohen,

undankbaren Patron ansehen würde, wenn dieser Hinauswurf des allgemein

geschätzten Herrn Sperlich bekannt wurde. Vielleicht würden die

Arbeiter in einen Proteststreik treten. Dann -- das nahm sich Ansorge

vor -- würde er unter jeder nur irgend annehmbaren Bedingung seine

Fabrik verkaufen, seine Vaterstadt verlassen, um irgendwo auf der Welt

einsam und fremd sein Leben zu beschließen.

So nervös geworden -- schickte Ansorge einen Boten in Sperlichs Wohnung

mit der Anfrage, ob etwa Herr Sperlich nicht wohl wäre, da er nicht

im Geschäft sei. Der Bote kam zurück und meldete: »Herr Sperlich ist

verreist.« Das ganze Personal machte erstaunte Augen. Ansorge las aus

diesem Erstaunen schweres Mißtrauen und heftige Vorwürfe gegen sich

selbst.

Zwei Tage später saß Ansorge entgeistert vor einem Briefe.

»Auskunftei Spürvogel, Hamburg.

Auf die von Ihrer Firma an uns gerichtete Anfrage erwidern wir

ergebenst folgendes:

›Schriftsteller‹ +Dr.+ Meier ist ein sogenanntes verbummeltes

Genie. Er ist ein total verlumptes Individuum, das wegen

Eigentumsvergehen und Schwindeleien aller Art schon oft mit dem

Strafrichter Bekanntschaft gemacht hat. Neuerdings verlegt er sich

berufsmäßig auf die Herstellung wirksamer Bettelbriefe, die er an

Personen verschickt, die als besonders wohltätig gelten. Meier erzielt

durch seine Manipulationen oft größere Beträge. Er sucht in seinen

Briefen immer besonderes Mitleid mit seiner bedrohten Familie zu

erwecken. Meier hat aber keine Familie; er ist alter Junggeselle.

Auch ist ein besonderer Trick Meiers, mit Selbstmord zu drohen, falls

er bis zu einer gewissen Stunde die geforderte Summe nicht erhält.

Darüber macht er dann beim Weine seine besonderen Scherze. Wenn er

einen größeren Erfolg gehabt hat, lädt er seine intimsten Freunde und

Freundinnen zum Weine und sagt beim ersten Glase: ›Na, prosit auf das

dumme Luder!‹ Es ist nicht weiter notwendig zu warnen, dem Schwindler

auch nur die geringste Summe leih- oder geschenkweise zu gewähren.«

* * * * *

Hab' einer tausend Mark abgeschickt und krieg' einer einen solchen

Brief!

Ansorge las die »Auskunft«, die ja wohl Herr Sperlich von der Firma aus

noch veranlaßt hatte, immer aufs neue.

So ein Lump! So ein Lump!

Dem hatte er tausend Mark geschickt!

Und der merkwürdige Toast, der in der »Auskunft« erwähnt war, der war

ja nun in Hamburg wohl längst auf ihn -- Herrn Ansorge -- ausgebracht

worden. Vielleicht war er zweimal ausgebracht worden, weil Ansorge ja

mehr geschickt hatte, als von ihm verlangt worden war.

Ein dummes ...

Danke schön!

Ansorge war kreideweiß. Er stand auf, zerriß den Brief der Auskunftei

in hundert Fetzen und ging krank nach Hause.

In der Nacht bekam er Schüttelfröste. In einem fiebrigen Traume sah er

Herrn Sperlich, seinen unersetzlichen Prokuristen, vor einem Hamburger

Großhandelsherrn stehen, der ihm die Hand reichte und sagte:

»Also, Herr Sperlich, ich engagiere Sie! Wir hier in Hamburg wissen um

+Dr.+ Meier und Konsorten Bescheid.«

* * * * *

Wie eine weiße, angeschossene Taube war Ansorges Seele. Rund um seine

reine Menschenliebe sah er die wilden Jäger roher Selbstsucht lauern.

Und da kam ihm ein Gottesgeschenk an Trost.

Ein kleines Mädelchen lebte in der Vorstadt, das Kind eines

Eisenbahners, der in seinem Beruf zu Tode verunglückt war. Das Kind

war vier Jahre alt, seine verwitwete Mutter fünfundzwanzig. Das Weib

sah dem jäh dahingerafften Gatten in verzehrender Trauer nach. Ihr

einziges Lebensglück war das vierjährige Mädchen. Das fiel beim Spielen

in den durch Gewitter hochgeschwollenen Fluß. Und es wurde gerettet.

Durch den einzigen fähigen Kerl gerettet, der zufällig in der Nähe war.

Und dieser einzige zu einer Lebensrettung fähige Kerl war der Sohn

der Weißnäherin, der Lumpazius, der seinem Chef hundertfünfzig Mark

gestohlen hatte und zurzeit nur darum nicht weit weg von Altenroda in

einer Besserungsanstalt war, weil ihn Ansorge davor bewahrt hatte.

Ansorge ging zu der Mutter des geretteten Kindes. Sie sagte ihm: »Ach,

Herr Ansorge, wenn Ihr Lehrling, der junge Schmiedecke, nicht gewesen

wäre, da wäre ja alles, alles dahin! Ich habe ihm meinen goldenen

Fingerring angeboten, aber er hat ihn nicht gewollt.«

Ansorge ging in sein Geschäft, nahm sich den »Lumpazius« vor und führte

folgende Unterhaltung mit ihm:

»Schmiedecke, du weißt, daß du einmal ein Lump gewesen bist.«

»Ja,« sagte Schmiedecke beklommen.

»Schmiedecke, ich sage dir, das mit der kleinen Trudel, das war

eine Edeltat, und daß du den Fingerring nicht angenommen hast, war

vielleicht noch mehr. Schmiedecke, ich hoffe, du wirst Karriere machen!«

Da fing der Junge so an zu weinen, daß Ansorge flink hinausging.

* * * * *

Es war abends neun Uhr. Ansorge saß an seinem Schreibtisch, hatte einen

Briefbogen vor sich und grübelte. Der Prokurist Sperlich!

Ansorge hatte sich überwunden, nochmals zu Frau Sperlich geschickt

und sich nach ihrem Gatten erkundigen lassen. Er sei in einer

Sommerfrische, es gehe ihm gut, ließ Frau Sperlich sagen, und sie danke

für die freundliche Nachfrage.

Was tut der Chef eines Unternehmens mit einem Angestellten, der auf

eigene Faust ohne Urlaub wochenlang in die Sommerfrische geht, der

sagen läßt, es ergehe ihm gut da, und er danke für die freundliche

Nachfrage?

Entläßt ihn! Jawohl, aber das ging hier nicht an; denn Sperlich war

schon entlassen. War bei Lichte besehen ein Mann, der von der Firma

Ansorge aus tun und lassen konnte, was er wollte.

Was sollte man so einem Manne schreiben?

Ansorge saß drei Stunden lang vor dem leeren Briefbogen. Es war nicht

der geschäftliche Verlust, der ihn bewegte. Einen neuen tüchtigen

Prokuristen, der sich voraussichtlich rasch einarbeiten würde, hatte

ihm ein Geschäftsfreund empfohlen. Er brauchte nur zuzugreifen. Aber

er wollte den alten, treuen Menschen, den Dukatencharakter zurückhaben.

Um elf ging Ansorge schlafen. Um eins stand er wieder auf. Er schrieb

auf den Briefbogen:

»Lieber Herr Sperlich!

Was zwischen uns geschehen ist, geschah von mir aus im Affekt. Ich

weigere mich nicht, über mein damaliges Verhalten mein Bedauern

auszusprechen. In der Sache selbst hatten Sie nämlich recht. Wenn Sie

die Kündigung als nicht geschehen ansehen und die alten für meine

Firma wertvollen Beziehungen aufrechterhalten wollen, so bitte ich um

bezüglich Nachricht. Für den Fall Ihres Wiedereintritts in die Firma

gebe ich Ihnen weitere drei Wochen Urlaub.«

Dieser Brief ging am 3. August von Altenroda ab. Am 5. August, früh

drei Viertel acht, saß der Prokurist Sperlich in seinem Büro und

arbeitete, ohne vom Pult aufzusehen.

Drei Tage später sagte Ansorge zu Sperlich:

»Was meine Wohltätigkeitsbestrebungen anlangt, so mögen, Herr Sperlich,

in Zukunft ~Sie~ die auswärtigen Angelegenheiten erledigen.

Natürlich immer nach gerechter und wohlwollender Prüfung. Ich

glaube, daß es in solchen Fällen gut ist, vorher vertrauenswürdige

Erkundigungen einzuziehen.«

»Jawohl, Herr Ansorge,« sagte Sperlich, »ich werde alles gewissenhaft

besorgen.«

Ein Mißtrauen aber blieb bei Ansorge doch. Der Strick -- der Strick!

Das war doch gar zu drastisch. Schließlich schickte Sperlich einem

armen Mädel, das sich zu vergiften drohte, eine Schachtel »Rattentod«,

einer anderen, die sich ertränken wollte, eine Badekappe. Zuzumuten

wäre es ihm -- dem Rauhbein. Und so einer hieß Sperlich. Rabe müßte er

heißen oder Uhu!

Schön aber war es, daß Sperlich wieder da war. Und seltsam war das

Folgende.

Sperlich kam eines Tages zu Ansorge und sagte:

»Herr Ansorge! Ich habe ja wohl die Bearbeitung der Fälle für

auswärtige Wohltätigkeit übertragen bekommen; aber nun ist ein Fall

da, wo ich Sie doch um Ihr ganz spezielles Einverständnis bitten

muß. In unserer Nachbarstadt Wilmershofen wird eine Heilanstalt für

unbemittelte Lungenkranke errichtet. Die Firma ist angegangen worden,

einen Beitrag zu zeichnen. Wie hoch soll er sein?«

Ansorge trat ans Fenster. Das tat er immer, wenn er tief nachdenken

wollte, obwohl es -- so fiel ihm einmal ein -- unlogisch ist, bei

tiefem Nachdenken auf die Straße zu sehen.

Jetzt waren seine Gedankengänge so: Ein junger Mann von

siebenundzwanzig Jahren kriegt die Schwindsucht -- Frau, zwei kleine

Kinder -- denkt sich: Hätt' ich Rettung! Hätt' ich Rettung, daß ich

bei euch bleiben könnte, ihr lieben drei! Hat keine Rettung. Dann eine

junge Witwe -- Mann an Schwindsucht gestorben -- sie sich angesteckt --

zwei Kinder -- muß auch hinüber -- die Kinder Waisen -- furchtbar!

Also dreißigtausend Mark müßten es anstandshalber sein. Das letzte Jahr

war schlechter als die vorigen; dreißigtausend Mark waren viel Geld

für die Firma. Zudem: der ganze Umkreis, die Provinz, der Staat mußten

mitwirken an dem unbedingt notwendigen Werke.

Die Hauptsache aber: Sperlich! Was würde Sperlich sagen, wenn er

dreißigtausend Mark für eine Lungenheilanstalt verlangte, von ihm, der

ehedem wegen sechshundert Mark einen Strick absandte?

Trotzdem: in so heiliger Liebeshilfe durfte keine Feigheit sein! Mochte

schließlich selbst Herr Sperlich wieder ins Gebirge gehen.

Ansorge wandte sich am Fenster um. Sein Gesicht war blaß, gefaßt, ja

bestimmt.

»Herr Sperlich,« sagte er, »bei einem so dringenden Liebeswerk wird

sich meine Firma mit einem ansehnlichen Betrage beteiligen. Ich werde

die Zeichnung keinesfalls unter -- unter fünfzehntausend Mark halten.«

Sperlich saß auf seinem Stuhl, den Körper vornüber geneigt, die Hände

zwischen die Knie geklemmt.

»Nun? Sind Sie mit der Summe einverstanden?«

»Nein!« sagte Sperlich mit rauher Stimme.

Ansorge trat wieder ans Fenster. Was ihm die da unten reifentreibenden

Kinder und der einen Prellstein beschnubbernde Hund sowie das eine

Markttasche tragende Weib in seinen Fragen zu offenbaren hatten, wußte

Ansorge nicht. Aber er sah immer, wenn er tief in Gedanken war, auf die

Straße.

Also, mit den fünfzehntausend Mark war Sperlich nicht einverstanden.

Was wollte der Knicker? Wie weit reichte eigentlich seine

Menschlichkeit?

Abermals wandte sich Ansorge um. Sein Gesicht war noch um einen Schein

blasser, gefaßter, bestimmter geworden.

»Herr Sperlich, wenn sich unsere Firma an dem Liebeswerk beteiligt,

dann keineswegs unter zehntausend Mark.«

Sperlich erhob sich.

»Herr Ansorge, Ihrem Willen untersteht ja alles. Ich hätte mir bloß

erlauben wollen, einen anderen Vorschlag zu machen.«

»Nun?«

»Ich -- ich wollte -- dreißigtausend Mark vorschlagen. Es wird auch

manchen armen Schlucker aus unserem Betrieb geben, der drüben Zuflucht

suchen muß.«

Ansorge trat abermals ans Fenster.

Der eine Junge hatte der Grünzeugmuttel den Reifen gegen den Bauch

gefahren um dafür eine beträchtliche Ohrfeige in Empfang zu nehmen.

Kreiselnde Welt!

Ansorges Gesicht erhellte sich, wie wenn die Sonne aufgeht über einer

im Nebel schauernden Flur.

Das dritte Mal wandte er sich um.

»Na, Sperlich, ich hatte ja zuerst selber an dreißigtausend gedacht;

ich hatte es doch nur aus Sorge vor Ihrem Widerspruch nicht aussprechen

mögen.«

»Die Entscheidung liegt immer bei Ihnen, Herr Ansorge!«

Das war zwar nicht ganz tatrichtig, aber es war schön gesagt von Herrn

Sperlich.

Ansorge und Sperlich waren für immer treu verbunden. Und so war

Ansorges dritte persönliche Sorge aus der Welt.

* * * * *

Es gibt viele Dichter und Philosophen, die behaupten, das rarste

Pflänzlein auf der Erde sei die Dankbarkeit. Von Herrn Ansorges Leben

läßt sich das nicht sagen. Er hat viele, auch ganz rührende Dankbarkeit

erfahren. Seine weichen Schlapphüte hielten in der Krempe keinen Monat

die Form; denn ganz Altenroda grüßte ihn. In der Schule hatte eine

junge Lehrerin einmal gefragt, ob die Kinder ganz schlechte Menschen

aufzuzählen wüßten. Da war folgende Liste herausgekommen: Kain, Judas,

Herodes, Kaiser Nero, Napoleon und der Kutscher Nimietz aus Altenroda.

(Niemitz hatte ein Pferd so mißhandelt, daß er auf die Anzeige Herrn

Sperlichs, des Vorsitzenden des Tierschutzvereins, einen Monat

Gefängnis bekam.)

Und nun sollten die Kinder die besten Menschen nennen. Das sagte das

eine Mädchen:

»Jesus Christus!«

»Vortrefflich!« lobte die Lehrerin; »er war zwar Gottes Sohn, aber er

war doch auch ein Mensch wie wir! Der Beste von allen Menschen. -- Und

nun nennt noch einen ganz guten Menschen.«

Da meldete sich die halbe Klasse.

»Herr Ansorge!«

Die Lehrerin war verblüfft. Aber sie war ein kluges Mädchen, und so

erkannte sie: hier ist von Kindermund erst der Meister und dann ein

Jünger genannt worden. Sie machte die wehmütige Erfahrung, daß die

Kinder auf die Frage nach anderen ganz guten Menschen sich mühsam den

Kopf zerbrechen mußten, und hatte nichts dagegen, als ein kleines Kind

als dritten in der Reihe der ganz guten Menschen sagte:

»Mein Vatel!«

Diese Schulgeschichte sprach sich herum. Ganz Altenroda freute sich

-- bis auf einen, dem sie außerordentlich peinlich war. Das war Herr

Ansorge selbst. Niemand durfte ihm von dieser Geschichte sprechen,

selbst seine besten Freunde nicht.

Der, der sich am meisten über diese -- so drückte er sich aus --

Abstimmung über gute und böse Geister aufregte, war +Dr.+

Schicketanz.

Im »Löwen«, als Ansorge am Stammtisch fehlte, äußerte sich Schicketanz

also:

»Die Frage nach guten und schlechten Menschen ist im Grunde genommen

Unsinn. Überhaupt Kindern gegenüber, die keine Lebenserfahrung haben.

Aber die Sache mit dem Ansorge, die ist doch bedeutsam. Da ist doch

etwas ins Volksbewußtsein gedrungen, etwas ins Vertrauensvolle,

Gläubige gewachsen. Ich habe lange den Ansorge für einen Narren

gehalten; ich weiß jetzt, daß er ein Weiser ist, der viel mehr

inneres, wahres Glück hat, als wir alle. Und was die Lehrerin anlangt,

die die an sich unsinnigen Fragen gestellt hat, so will ich in der

Stadtverordnetenversammlung beantragen, daß sie die Leitung der

Mädchenschule bekommt. Meine eigenen Enkelkinder lasse ich so wie so

seit jenem Tage von ihr unterrichten.«

Drei Tage später, bei einer ganz unpassenden Gelegenheit, aber unter

vier Augen, machte +Dr.+ Schicketanz mit Ansorge Bruderschaft.

Ansorge, der in Untertertia sitzen geblieben war, als Schicketanz

schon nach Oberprima kam, fühlte sich aufrichtig geehrt. Er war damals

dreiundsechzig, Schicketanz achtundsechzig Jahre alt.

Da starb in Altenroda ein betagtes Weib, das eine so einsame Seele

gewesen war, daß sie keinerlei Verwandte hinterließ.

Die Hinterlassenschaft umfaßte etliches wurmstichiges Möbelzeug, alte

Weiberkleider, einen geringen Bestand an Wäsche und ein Sparkassenbuch

über achtzehnhundertsechsundzwanzig Mark fünfundsechzig Pfennige.

Obwohl nun die Erbschaft ja nicht bedeutend genannt werden konnte,

hatte die alte Frau ein Testament gemacht. Unter dem Kopfkissen, auf

dem sie ihre müden Augen geschlossen hatte, wurde ein Zettel gefunden,

darauf stand handschriftlich:

»Von dem, was ich habe, soll ein ganz einfaches Begräbnis bezahlt

werden. Was übrig bleibt, vermache ich alles Herrn Ansorge in Altenroda.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 46 / 50 题