Der katholische Pfarrer von Altenroda predigte einmal:
»Es gibt kein Laster, gegen das so schwer anzukämpfen ist wie gegen
den Geiz. Wenn ich gegen die Unzucht predige, so wird gar mancher und
gar manche erröten; denn sie fühlen sich getroffen; den Trunkenbolden
braucht man kaum erst zu sagen, daß sie Süfflinge sind, sie wissen
es, und wenn sie einmal das graue Elend kriegen, heulen sie über sich
selber; dem Hochmütigen, der sonst stolzen Sinnes glaubt, er sei
überhaupt nicht sündhaft, sondern sich eben nur seines rechten Wertes
bewußt, wird bei einer Armenseelenpredigt, bei der Schilderung von
Grab und Vergängnis doch einmal weich und demütig zu Mute werden, wenn
auch nur vorübergehend -- der Geizige allein bleibt immer unbewegt;
sein Herz ist von Stein. Jedes göttliche Samenkorn verdorrt auf diesem
felsigen Ackerlande. Was der Geizige Gutes tut, tut er aus Berechnung;
niemals ist seine Hand milde im stillen; die Not der Brüder läßt ihn
ungerührt; das goldene Kalb ist der Götze, den er anbetet; wenn er
könnte, machte er auf dem Sterbebette noch Geschäfte und feilschte mit
dem Tischler um den Preis des eigenen Sarges. Er ist so verblendet, daß
er sein jämmerliches Laster, das ihn zum Sklaven des Geldes erniedrigt,
nicht erkennt, sondern sich nur für einen Mann hält, der eben sparsamer
und klüger ist als die anderen. So schreibt er einen Gewinnposten
zum anderen; der Teufel aber zieht sein Notizbuch und schreibt die
Gegenrechnung; denn eher wird ein Tau durch ein Nadelöhr gehen, als
ein Geiziger ins Himmelreich.«
Als der Geistliche so predigte, saß unten im Kirchenschiff Herr
Birnbaum und dachte: »O, wie predigt er wieder gut; o, wie hat
er wieder recht!« Daß er selbst der ärgste Geizkragen der ganzen
Pfarrgemeinde war, daß die Predigt hauptsächlich auf ihn zielte, daran
dachte er nicht.
Sein Herz war von Stein.
Birnbaum war Beamter, hatte sich durch Streberei und rücksichtsloses
Vordrängen hochgearbeitet und es trotz seines nicht bedeutenden
Gehaltes zum Besitzer mehrerer Häuser gebracht. Den Grundstock
zu seinem Vermögen, das er durch Spekulationen und Wucher eifrig
vermehrte, hatte die Mitgift seiner Ehefrau gebildet, die ihm in jungen
Jahren sechsunddreißigtausend Mark zubrachte, die höchste Summe, auf
die Birnbaums Ehrgeiz damals gerichtet sein konnte. Diese Frau war so
mordshäßlich, daß der Spiegel erblindete, wenn sie hineinsah, und die
Vögel davonflogen, wenn sie auf die Straße trat, auch alle Säuglinge
in den Kinderwagen zu brüllen anfingen, wenn sie vorüber ging. Frau
Birnbaum hatte eine einzige Tochter, die fast ebenso häßlich war wie
sie und die zum Unglück Helene hieß, so daß sie in ganz Altenroda »die
schöne Helena« genannt wurde. Um dieses Mädchen tat es vielen Leuten
leid; denn sie hatte nicht das harte Herz ihres Vaters und führte ein
freudloses Dasein. Sie hatte fast nie freie Zeit, mußte Tag für Tag
Handarbeiten machen, die an ein Geschäft in der Hauptstadt geliefert
wurden, besaß keine Bücher, durfte nie zum Tanze gehen und trug immer
unschöne, aber »unverwüstliche« Kleider.
An Sommerabenden, wenn Helene noch über der Handarbeit saß und die
Mutter im Hause wie eine Magd tätig war, beschäftigte sich Herr
Birnbaum manchmal damit, Streichhölzer in zwei Teile zu spalten, damit
von jedem Streichholz zweimal Feuer gewonnen werden könne. Im Winter
gingen alle der Lichtersparnis wegen mit den Hühnern zu Bett.
Als Helene vierundzwanzig Jahre alt geworden war (das ist gewöhnlich
der Zeitpunkt, wo unvermählt und unverlobt gebliebene Mädchen anfangen,
unruhig zu werden), dachte der Vater daran, ihr einen Mann zu besorgen.
Er ging zunächst nur auf Geld aus, mußte aber bald zu seinem Leid
erkennen, daß vermögende junge Männer zwar gegen Vermögen auf der
anderen Seite im allgemeinen nichts einzuwenden haben, daß sie aber
auf negative Reize der Braut um so weniger Wert legen, auch wenn
ihnen gesagt wird, daß es sich um ein sehr sparsames, häusliches und
bescheidenes Mädchen handle. Der junge Windikus Bomüller, der Sohn des
Bankiers, war sogar so frivol, zu sagen: »Ach was, wenn sie häuslich,
sind sie scheußlich«. Deswegen brach Herr Birnbaum seine geschäftlichen
Beziehungen zu dem Bankhause aber doch nicht ab, erstens weil der
Verkehr mit einer auswärtigen Bank sich kostspieliger gestaltet hätte,
schon wegen des vielen Portos, und dann, weil bei Bomüller ein junger
Mann war, der Herrn Birnbaum manchmal wertvolle Tips für An- oder
Verkauf von Wertpapieren gab.
Es erging Herrn Birnbaum bei seinem Männerfang so wie dem hoffärtigen
Fischreiher, der am Flußrande saß und es durchaus unter einem Hechte
nicht tun wollte, die Karpfen, Schleien, Weißfische aber verschmähte.
Als jedoch alle Karpfen, Schleien, Weißfische davongeschwommen waren,
blieb dem Fischreiher nur ein Schlammpeizger übrig.
Der Schlammpeizger Herrn Birnbaums hieß Rillmann und war der bewußte
junge Mann aus dem Bankhause. Der Bengel war hübsch und in seinem Fache
nicht unbegabt, besaß aber keinerlei Vermögen, offenbar auch keinen
Sparsamkeitssinn; denn er brauchte nach Birnbaums Erkundungen sein
Jahresgehalt von zweitausendvierhundert Mark glatt auf.
Birnbaum überlegte, bis die schöne Helena sechsundzwanzig Jahre alt
geworden war. Dann sagte sich der kluge Vater: Nun ist's hohe Zeit;
die Verschwendungssucht werde ich dem Rillmann schon abgewöhnen,
und was ihm an Vermögen fehlt, kann er mir, der Bescheid auf dem
Geldmarkte weiß, der sogar manches Geheimnis erspüren kann, durch seine
Fingerzeige ersetzen.
Birnbaum machte sich an Rillmann heran, und als dieser endlich
merkte, was der Geldmann mit ihm vorhatte, wurde er sehr bedenklich.
Er kam in Zwiespalt mit sich selbst. Wenn er Birnbaums letzten
Jahres-Bankabschluß immer und immer wieder las, sagte sich Rillmann
jedesmal: »Ich nehm' sie!« Sah er aber das Mädchen selbst nur von fern,
so schwur er bei sich: »Ich nehme sie nie und nimmer!« Als die Zeit
schon auf Helenas achtundzwanzigsten Geburtstag zu marschierte, kam
Rillmann zu dem endgültigen Entschlusse, die schöne Helena zu heiraten.
Ein Freund, dem er sich anvertraute, hatte ihm dazu geraten.
»Aber sie ist so fürchterlich häßlich!« seufzte Rillmann.
»I was, häßlich!« sagte der Freund; »mit den zunehmenden Jahren wirst
du kurzsichtig, da ist's dann nicht mehr so schlimm.«
So kam die Sache ins Rollen, zum seligen Entzücken Helenas, die den
hübschen, lustigen Rillmann unsäglich liebte.
Vor dem Sonntag, an dem Rillmann bei Birnbaums einen »offiziellen
Besuch in persönlicher Angelegenheit« angemeldet hatte, sagte der Mann
zur Frau:
»Weib, es nützt nichts, wir müssen Wein geben, wenigstens mal zum
Anstoßen auf das Brautpaar.«
Birnbaum hatte einmal bei einer Zwangsversteigerung, die einen armen
Vorstadtrestaurateur betraf, zehn halbe Flaschen Moselwein gekauft,
eine saure Sorte, von der aber Herr Birnbaum behauptete, sie würde
mit jedem Jahre besser und lasse sich überdies durch einen Zuguß von
Zuckerwasser veredeln. Nach Neujahr, wenn der Pfarrer, der Kaplan und
der Küster zur Einsegnung der Wohnung kamen, wurde immer eine halbe
Flasche geopfert. Die drei Herren nahmen zwar stets eine ablehnende
Haltung an, aber Herr Birnbaum ließ es sich als der reichste Mann der
Pfarrei nicht nehmen, die Geistlichkeit samt dem Küster gastfreundlich
zu bewirten. Die Sache wurde dann so gemacht, daß Frau Birnbaum mit
einem Tablett erschien, auf dem vier gefüllte Gläser standen, und daß
sie jedem der drei Herren eines in die Hand gab, das vierte aber dem
Gatten. Da die halbe Flasche nämlich nur drei Gläser abwarf, wurde
Herrn Birnbaums Glas mit Wasser gefüllt, was nicht auffiel, da die
Weingläser von grünlicher Färbung waren. Nach dem ersten Schluck, den
er aus seinem Glase genommen hatte, schnalzte Herr Birnbaum allemal
mit der Zunge und sagte:
»Es ist eine bekömmliche Sorte. Ich hab' den Wein von einer guten
Firma, direkt aus der Originalkellerei. Er heißt ›Edelmarke‹.« Dann
lächelten die Herren fein und tranken voll Mut und Gottvertrauen
den Quietscher hinunter. Die Frage, ob noch ein Gläschen gefällig
sei, verneinten sie eifrig und einstimmig und empfahlen sich. Das
wiederholte sich in ungefähr derselben Weise zu jedem Neujahr.
»Weib, wir müssen Wein geben,« sagte Birnbaum vor dem Verlobungssonntag
zu seiner Frau. »Und diesmal trinken wir mit. Man verlobt schließlich
seine einzige Tochter nicht alle Tage.«
»Aber es sind nur drei Gläser in der Flasche,« warf Frau Birnbaum ein.
»Richtig!« sagte der Mann; »nun, da muß eben doch wieder eines an
Wasser glauben, und das ist, meine ich, Helena. Wer weiß, wie ihr der
Wein bekäme, und außerdem gehen wir doch wohl als Eltern vor.«
»Daß es nur kein Unglück bringt, wenn Helena mit Wasser anstößt.«
Da wurde Birnbaum, der wie alle Geizhälse sehr abergläubisch war,
bedenklich und beschloß heroisch, auch diesmal selber der Wassertrinker
zu sein. Der Frau wolle er den Vorrang lassen. Sie sollte, wie immer,
den Wein selber präsentieren, indem sie jedem sein Glas zureichte.
Der Sonntag kam. Der Freier erschien, der in Todesangst seinen
auswendig gelernten Spruch herunterjagte, wie einer, der fürchtet,
stecken zu bleiben.
Papa Birnbaum spielte den Gerührten und Überraschten, sprach von den
Talenten des jungen Mannes, von den Tugenden der Tochter, von eifrigem
Streben, von weisem, sparsamem Haushalten, von damit verbundener
gesicherter Zukunft, vom Zusammenarbeiten von Schwiegervater und
Schwiegersohn und berief sich bei all diesen Ausführungen fleißig auf
den lieben Gott. Nur von einem, auf das Rillmann am gespanntesten
wartete, sprach Birnbaum nicht -- von einer Mitgift. Da faßte der
Freiersmann Mut und sagte:
»Ja, Herr Birnbaum, ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß ich von
Haus aus ohne Vermögen bin, und von meinem kleinen Gehalte habe ich
Ersparnisse nicht machen können. Jetzt beziehe ich jährlich im ganzen
zweitausendsechshundert Mark; davon kann ich natürlich eine Frau und
eventuell eine Familie nicht standesgemäß ernähren.«
Birnbaum lächelte.
»Mein Lieber,« sagte er, »das Wort ›standesgemäß‹ hat es in sich.
Manche Leute leben über ihren Stand, die werden pleite; manche Menschen
leben ihrem Stande gemäß, die machen keine Schulden, kommen aber auch
zu nichts; manche Leute leben unter ihrem Stande, die werden reich.«
»Das ist wohl richtig,« sagte Rillmann; »aber mit
zweitausendsechshundert Mark Jahreseinkommen kann ich keinen Haushalt
gründen.«
»Sie wollen also über Ihren Stand leben?«
Rillmann antwortete nicht; aber sein Gesicht bekam einen verbissenen
Ausdruck, und er warf einen Blick nach der Tür. Da wurde Birnbaum
ängstlich. Er erwog blitzschnell, daß er eine jetzt gegebene Zusage
nach der Hochzeit ja wieder zurücknehmen könne.
»Herr Rillmann, Sie wissen, ich halte das Meinige zusammen. Vermögen
bekommt Helena jetzt nicht. Das Mädchen will nicht ihres Geldes,
sondern um ihrer selbst willen geheiratet sein. Schließen meine Frau
und ich mal unsere müden Augen, wir sind ja immerhin beide schon
dreiundfünfzig, so ist Helena die einzige Erbin. Das wissen Sie wohl.
Ich schaffe nur für mein Kind. Immerhin gefällt es mir, daß Sie als
Geschäftsmann auch an die materielle Seite der Sache denken. Ich will
Ihnen entgegenkommen und zahle Ihnen monatlich einen Zuschuß von -- nun
sagen wir -- von fünfundzwanzig Mark.«
Als sich die Gesichtsform des jungen Mannes bei Nennung der Ziffer zu
einem Grinsen verzerrte, setzte Birnbaum rasch hinzu:
»Oder, wenn Ihnen das erforderlich erscheint, von fünfzig Mark. Sie
werden sehen, Herr Rillmann, Sie kommen glänzend aus. Helena ist nicht
umsonst mein Kind. Im übrigen ordnen wir das alles später.«
Damit ging Birnbaum zur Tür, rief Frau und Tochter herein, um dem
Freier weiter keine Zeit zur Überlegung und zu Einwendungen mehr zu
lassen, umarmte die Frauensleute und sagte voll tiefer Rührung:
»Denke dir, Helena, Herr Rillmann hat um deine Hand bei mir angehalten.«
Das Mädchen stand mit sanft gerötetem Gesichte da; ein überirdisches
Strahlen brach aus ihren kleinen, sonst so farblosen Augen, der
Widerschein tiefinnersten Glückes verschönte sie.
Die Mutter heuchelte auch ihrerseits freudige Überraschung, und Herr
Rillmann führte nun den Entschluß aus, den er sich in schweren Kämpfen
einsamer Nachtstunden abgerungen und für den er sich vor der Werbung
in Gesellschaft seines Freundes bei einer Flasche edlen Weines Mut
angetrunken hatte: er reichte Helena die Hand und küßte sie flüchtig
auf den Mund. Über diesen feierlichen Akt vergoß Frau Birnbaum eine
Menge von Tränen.
Als aber nach dem Kuß eine Pause verlegenen Schweigens eintrat,
klatschte Birnbaum in die Hände und sagte:
»Nun aber genug des Weinens und der Abküsserei. Hole Wein, liebe Frau!
Das müssen wir feiern!«
Frau Birnbaum entfernte sich und kam ungeschickterweise schon nach kaum
einer Minute mit vier Gläsern, die draußen gefüllt bereit gestanden
hatten, zurück. Herr Birnbaum warf ihr für diese Tölpelei, die alles
verriet, einen so zornigen Blick zu, daß die Frau verwirrt wurde und
die Gläser klirrten. Herrn Rillmann aber war die eine Minute in der
Gesellschaft seiner Braut schon so lang geworden, daß er von dem
verunglückten Manöver nichts merkte.
Frau Birnbaum reichte jetzt jedem ein Glas, nahm sich das letzte, und
nun rief Birnbaum aus:
»Wir trinken auf das Wohl des jungen Brautpaares. Wir wünschen euch,
liebe Kinder, daß eure Ehe so glücklich werden möge, wie die unsere
immer war. Das Brautpaar lebe hoch -- hoch -- hoch!«
Alle tranken. Aber schon nach dem Ansetzen sah Birnbaum seine Frau
erschreckt an. Das, was er trank, war nicht Wasser -- es war Wein.
Was war das? Was bedeutete das?
Nun sah Birnbaum auf den Bräutigam. Der stand mit einem so verdatterten
Gesicht da, blickte so entgeistert in sein Weinglas, daß dem Brautvater
eine grausige Ahnung aufstieg.
Die Frau hatte die Gläser verwechselt, dem Bräutigam das Glas mit dem
Wasser gereicht.
Betroffen saßen alle im Kreise. Der Bräutigam stierte immer in sein
Glas, als ob er einen verhexten Pokal in der Hand halte. Plötzlich
stand er auf und sagte in Verwirrung:
»Meine Herrschaften, ich muß mich jetzt empfehlen. Ich muß erst mal
nach Hause.«
Keine Widerrede half. Rillmann ging.
Birnbaum tobte mit seiner Frau wie ein Berserker; die Frau weinte,
Helena hatte Herzkrämpfe.
Am Nachmittag schon kam Rillmanns Absage.
* * * * *
Die Geschichte der armen Helena ist sehr traurig ausgegangen. Das
Mädel, dem ein einziges Mal im Leben die große goldene Sonne des
Glückes aufgegangen war, konnte es nicht verwinden, daß diese Sonne
so bald wieder unterging. Im Herbste begann sie zu husten. Als der
Husten den Hausmitteln, die angewendet wurden, nicht wich, machte
Frau Birnbaum schüchtern den Vorschlag, man möge doch mal +Dr.+
Schicketanz befragen. Sie wurde rauh abgewiesen.
»+Dr.+ Schicketanz! Was der für Rechnungen schreibt. Wegen einer
Erkältung gleich zum Doktor laufen! Ich hab' wohl mein Geld auf der
Straße gefunden?«
So blieb es. Erst im Frühjahr, als sich ihr Zustand immer mehr
verschlimmerte, wurde Helena zum Arzte geschickt.
+Dr.+ Schicketanz, der ein guter Arzt, aber ein etwas
rücksichtslos offener Mann war, sagte zu der Mutter:
»Es ist ein Skandal, daß Sie mit dem Mädchen erst jetzt zu mir kommen.
Nun aber dalli in die Lungenheilanstalt! Ob's noch was helfen kann,
steht dahin. Ich glaube nicht!«
Nein, es half nicht mehr. Schon nach drei Monaten schickte die Anstalt
die Kranke nach Hause. Hoffnungslos. In ihren letzten Leidenstagen
sprach Helena öfters in Traum und Fieber laute Worte, denen Vater und
Mutter erschüttert lauschten:
»Ich bin nicht mehr häßlich ... ich bin schön ... ich habe große Augen
und glänzende braune Haare ... ich habe ein gutes seidenes Kleid und
eine goldene Kette ... ich habe Lackschuhe und ich kann tanzen ... ich
habe einen Fächer ...«
»O, er kommt, er kommt wieder und sieht, wie schön ich bin. Und er
liebt mich. Wir trinken den ganzen Abend guten Wein.«
Schmerzlos neigte die arme Schattenblume, der Zeit ihres Lebens Schmelz
und Glanz versagt geblieben waren, eines Abends das Köpfchen und starb.
Einen Tag nach dem Begräbnis stand Birnbaum vor seinem Geldschrank,
schlug mit den Fäusten an die stählerne Tür und schrie in Verzweiflung:
»Wofür? -- Wofür?«