Der evangelische Geizhals wurde später Dissident, und sein Abfall von
der ursprünglichen Religion hing mit seinem Geiz zusammen. Er hieß
Leonhard Fahrig. Fahrig war Kolonialwarenhändler. Solange der Pastor
der Gemeinde von seinem geringen Einkommen für seine Familie Kaffee,
Zucker, Mehl und Reis, den bescheidenen Tabaksbedarf, sowie jedes
Weihnachtsfest eine Flasche Zeltinger bei Leonhard Fahrig kaufte, saß
der Kaufmann jeden Sonntag in der Predigt. »Leben und leben lassen!«
sagte er manchmal. Kam ein offener Opferteller, so daß der Nachbar vom
Nachbar sah, was der auflegte, so warf Fahrig klirrend einen geputzten
Nickel auf den Teller, kam aber der verschwiegene Klingelbeutel, so
steckte er einen Hosenknopf hinein. Der Glöckner Krause, der ein
kluger Mann war, sagte einmal in der Sakristei, als der Ertrag des
Klingelbeutels ausgezählt wurde:
»Vier Mark, dreizehn Pfennige und ein Knopf. Herr Pastor, der
Hosenknopf ist vom Kaufmann Fahrig. Der Mann macht immer so fummelige
Finger, wenn er über den Klingelbeutel greift, und steckt die Hand so
tief rein, daß ich nie eine Münze sehen kann. Er ist von Fahrig, der
Knopf, da verlasse sich der Herr Pastor darauf!«
»Ausgeschlossen!« sagte der Pastor. »Denken Sie doch, der wohlhabende
Mann! Und dann, Hosenknöpfe sind auch etwas Brauchbares. Ich habe zu
Hause hundertzwanzig Stück liegen. Wenn Sie einmal Bedarf haben, lieber
Krause ...«
Krause schüttelte den Kopf. Er war wieder einmal unzufrieden mit seinem
Pastor. Am nächsten Sonntag, als er mit dem Klingelbeutel ging, paßte
er vor Fahrigs Kirchenstand auf wie ein Detektiv. Aber Fahrig machte
»fummelige Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel, und der
Detektiv war geprellt.
Krause, der ein kleine Ackerwirtschaft besaß, dachte während dreier
Tage, da er mit seinem Kuhgespann pflügte, an nichts anderes als an den
Hosenknopf im Klingelbeutel. Mittwoch abends gegen halb sechs rief er
sein »Heureka!« Das hieß diesmal in deutscher Sprache: »Warte, du Lump,
ich hab' dich!« Krause erschrak über den erleuchteten Gedanken, der ihm
gekommen war, so, daß er mitten in der Furche den leichten Schälpflug
wegwarf und sich zitternd vor Aufregung auf den Feldrain setzte. Die
Kühe guckten sich verwundert nach ihm um, steckten dann die nassen
Schnauzen zusammen und kamen nach einigem Brummgetuschel überein,
den Schälpflug hinter sich herzuschleifen und sich an des Nachbars
Stoppelklee den Bauch vollzufressen. Krause merkte davon nichts. Er
saß auf dem Feldraine, fuchtelte mit den Händen und strampelte mit den
Beinen, so daß man solch lebhafte Bewegungen einem würdigen Glöckner
nimmermehr hätte zutrauen sollen.
Am nächsten Sonntag saß Leonhard Fahrig auf seinem Stand in der Kirche.
(Nebenbei gesagt, es ist nicht ganz richtig, etwas als »Stand« zu
bezeichnen, wo man sitzt.) Also Fahrigs »Stand« war in der vierten
Reihe der erste Platz, dicht unter der Kanzel. Der Pastor predigte, und
als die Einleitung vorbei war, erschien Krause mit dem Klingelbeutel.
Leise bimmelte das Glöcklein zu den belehrenden und ermahnenden
Worten des Predigers. Als Krause drei Bänke abgesammelt hatte und
Leonhard Fahrig als der Nächste sich nun für seine Opfergabe rüstete,
hielt der Glöckner plötzlich inne, griff sich an den Kopf, als ob
er in der Sakristei etwas vergessen habe, und verschwand. Er ging
leise, auf Zehenspitzen, was aber den Pastor doch so störte, daß er
einen Bibelvers als aus Galater stammend bezeichnete, während er in
Wirklichkeit bei Korinther steht. Bald kam Krause mit dem Klingelbeutel
zurück und heischte Leonhard Fahrigs Gabe. Fahrig machte seine
»fummeligen Finger«, steckte die Hand tief in den Klingelbeutel und
ließ seine Gabe in diese Höhle der Mildtätigkeit hineinsinken.
Plötzlich griff sich der Glöckner Krause abermals an den Kopf und
verschwand wieder nach der Sakristei. Den Pastor auf der Kanzel störte
das so, daß er in der Predigt stecken blieb, was ihm noch nie passiert
war. Auch die Gemeinde machte lange Hälse, zumal als Krause zurückkam,
sich zu Leonhard Fahrig beugte und ihm etwas in die Hand drückte. Dann
aber ging der Glöckner weiter und sammelte die Gaben der Gemeinde
ein. Eine richtige Andacht kam während dieser Predigt weder bei dem
Pastor noch bei der Gemeinde mehr auf, zumal alle sahen, daß der sonst
so sanfte Glöckner ein feuerrotes Gesicht und wild rollende Augen
sowie einen zappeligen Gang hatte, auch aus Versehen des öfteren die
Andächtigen mit dem Klingelbeutel ans Ohr oder an die Nase stieß.
In der Sakristei fragte der Pastor streng:
»Krause, was war das heute während der Predigt für allerhand Störung?«
»Bitte um Verzeihung, Herr Pastor, ich mußte es tun; ich mußte ihn
entlarven.«
»Entlarven? Wen?«
»Den Geizkragen -- den Fahrig. Er ist der Knopfgeber. Ich hab's
rausgekriegt. Erst habe ich die drei ersten Bänke abgesammelt, dann bin
ich in die Sakristei gegangen und habe den Klingelbeutel ausgeschüttet,
dann bin ich zu Fahrig zurück und habe ihn ganz allein was in den
leeren Klingelbeutel stecken lassen, dann wieder nach der Sakristei,
und da war der Knopf. Ich habe dem Fahrig den Knopf zurückgegeben und
ihm gesagt: Solche Münze nehmen wir nicht an!«
»Ja, Sie haben das ziemlich laut gesprochen. Die Umsitzenden werden es
verstanden haben.«
»Ich hatte leiser sprechen wollen, Herr Pastor; aber ich war zu
aufgeregt.«
»Hm,« sagte der Pastor nachdenklich, »eigentlich soll man wegen eines
Hosenknopfes die Verkündigung des Wortes nicht stören. Aber einen argen
Geizhals haben Sie entlarvt, das stimmt. Ich werde Herrn Fahrig heute
noch hundertzwanzig Hosenknöpfe zurückschicken.«
Das geschah und wurde zum Anlaß, daß Leonhard Fahrig aus der
evangelischen Landeskirche Preußens austrat und Dissident wurde. Sein
Auge strahlte, als er bedachte, daß er dadurch ja die Kirchensteuer
spare, die für ihn immerhin drei Mark und fünfundzwanzig Pfennig für
das Jahr betrug. Außerdem kamen die Nickel für den Opferteller in
Wegfall; die Hosenknöpfe waren auch nicht ganz umsonst gewesen. Mochte
der Pastor sein bißchen Kram immerhin bei dem jungen Konkurrenten
kaufen, diesen Verlust würde die Firma Fahrig verschmerzen.
Es kauften von nun an aber sehr viele bei dem jungen Konkurrenten und
zwar nicht nur die Angehörigen jener Gemeinde, sondern auch viele Leute
anderer Konfession, denen der Filz zuwider geworden war.
Umsonst beteuerte Fahrig, daß ihm zufällig ein Hosenknopf losgegangen
sei, er diesen in sein Portemonnaie gesteckt und aus Versehen für
den Klingelbeutel ergriffen habe. Niemand glaubte ihm; niemand hörte
ihm gern zu, wenn er wetterte, die gläubigen Christen würden durch
die Habgier der Pfaffen aus der Kirche hinausgedrängt. Als aber der
Zorn über den argen Rückgang seines Geschäftes ihn zu solcher Torheit
hinriß, daß er eines Tages einen Zettel an sein Schaufenster klebte:
»Ausverkauf von hundertundzwanzig hochehrwürdigen Hosenknöpfen«, da
hatte er in Altenroda vollständig verspielt.
Wutschnaubend verkaufte Leonhard Fahrig sein Geschäft und zog in die
Fremde. Die Altenrodaer Bürger lachten und ließen ihn ziehen. Sie waren
einen ihrer drei Geizhälse los.
Nutzanwendung: Geiz ist die Wurzel alles Übels! Das wahre Sprichwort,
das durch diese und die zwei folgenden Geschichten beleuchtet werden
soll, sei aufs neue allen denen eingeschärft, die geizig sind oder es
zu werden beabsichtigen.