»Das ist die Quittung?« fragte die Göttin, »die Quittung für all' Euer
Gold?«
»Ja,« sagte der Köhler stolz; »es hat alles seine Richtigkeit.«
Die Göttin ließ ihn bei dieser fröhlichen Auffassung und fragte
schmeichelnd, ob er sich denn nicht etwas gedacht habe, als er
plötzlich goldene Ringe rauchen konnte.
»Ja,« nickte der Köhler, »das habt Ihr getan.«
»Und wo ist die verzauberte Tabakspfeife hingekommen?«
Der Köhler wies mit dem Daumen nach dem Meiler.
»Da! Verbrannt! Das dumme Ding konnte nicht mehr rechnen. Es rechnete
zwei mal vier gleich zwei. Und das ist falsch. Das ärgerte mich!«
Nun redete die Fee in den lieblichsten Worten auf den Köhler ein, er
möge sich doch auch über seine neue Tabakspfeife einen Segen sprechen
lassen; aber der Köhler hielt die Pfeife abwehrend beiseite und sagte:
»Nein, ich mag nicht! Meine Ringe und Herzen können fliegen; aber deine
goldenen Ringe purzeln auf die Erde. Daß sie fliegen können, das ist
das Schöne bei den Ringen. Was habe ich vom Golde, das mir ja doch
wieder ein Ritter abborgt, der damit nach Persien reitet.«
Da schlug die Fee trostlos die weißen Hände zusammen.
Nach einiger Zeit fragte sie: »Was ist denn in dem schrecklich großen
Ballen da?«
»Rippentabak!« sagte der Köhler. »Ein Zentner. Ich hatte bloß noch
einen kleinen Vorrat. Wenn der aufgeraucht ist, kommt der neue Ballen
dran.«
Da liefen der Fee heimlich Tränen über das Gesicht. Als aber der Köhler
einmal nach der Hütte verschwand, weil er sein kostbares »Testimonium«
dort wieder bergen wollte, erhellte sich das Gesicht der Fee; sie trat
an den Tabakssack und sprach heimlich und schnell eine Zauberformel,
wodurch sich der Rippentabak in Tabak so edler Art verwandelte, wie er
nur in den Gärten des Kalifen gedeiht.
»Müssen wir schon Tabaksrauch schlucken, dann doch edlen!« sagte sich
die Fee.
Drei Tage später öffnete der Köhler den neuen Tabaksballen. Er
verwunderte sich über das Aussehen des Tabaks, der ein krümeliges
braunes Gewuschele darstellte, gar keine starken reellen Rippen,
stopfte sich aber eine Pfeife, rauchte sie bis zu Ende und spuckte
während der Zeit seinen ganzen Meiler aus. Nach der zweiten Pfeife
wurde ihm so übel, daß er die kleine Birke, an der er sich festgehalten
hatte, umbrach und mit ihr zu Boden fiel. Als er sich erholt hatte,
erfaßte ihn großer Zorn. Er nahm den wildesten Eichenprügel, den er
besaß, eilte nach Altenroda hinunter, immer schimpfend: »Zwei Pfennige
für das Pfund hat mir der Betrüger abgenommen!« kam in den Laden des
Kaufherrn, der ihm den Tabak verkauft hatte, und prügelte den mit dem
Eichenknüppel, bis er halbtot am Boden lag. Nur den Bemühungen des
gelahrten Medikus der Stadt unter Beiziehung des Baders gelang es, den
schwerverletzten Kaufmann am Leben zu erhalten.
Dieser mißhandelte Kaufmann aber war eine gewichtige Persönlichkeit.
Er besaß ein Grundstück von siebenhundert Gulden im Wert und hatte
die Tochter des Bürgermeisters zur Frau. Hauptsächlich aus letzterem
Grunde verurteilte der Rat der Stadt den missetäterischen Köhler zum
Tode durch den Strick. Der Beichtvater kam zwar wieder und bemühte sich
mit ängstlicher Fürsprache, aber das nützte gar nichts; der Köhler
sollte hängen.
Waldkinder jedoch, die nach Beeren und Pilzen suchten, erzählten sich
von dem traurigen Schicksal, das dem Köhler bevorstand. Und das hörte
die Fee. Sie erschrak bis in die Tiefe ihres lichten, lieben Herzens
und eilte auf ihren goldenen Schuhen nach Altenroda. Dort trat sie vor
den Rat der Stadt und erzählte alles.
»Ihr Herren, ich allein hab' Schuld, ich allein!«
Da traten die Ratsherrn zusammen und sagten sich nach kurzer Beratung:
»Mit der Göttin Querka können wir es nicht verderben. Wer weiß, was
sonst, wen das nächste schwere Wetter zwischen Ochsenkopf und Eulenwald
hereindringt.«
Also gingen sie wieder in den Sitzungssaal und sagten:
»Hohe Göttin, wir haben beschlossen, dir den argen Sünder zu
überantworten. Du selbst fälle das Urteil. Fälle es aber nicht zu
milde, fälle es gerecht. Der Rat der Stadt behält sich vor, seine
Einwände zu machen.«
Die Göttin ließ sich zu dem Gefangenen führen.
Der saß wie ein Verhungerter und Verdursteter auf dem Boden seiner
Zelle.
»Kennst du mich?«
»Ja.«
»Willst du etwas von mir?«
»Ja.«
»Was?«
»Rippentabak!«
»Das geht nicht. Aber was anderes kann ich dir schenken.«
»Was?«
»Das Leben!«
Der Köhler kratzte sich hinter dem Ohr.
»Was ist das Leben ohne Rippentabak!« sagte er trostlos.
Die Göttin staunte diesen Menschen an. Dann kam ihr ein guter Gedanke.
»Sag mir, Köhler, mußt du durchaus im Eulenwalde wohnen, oder könntest
du auch anderswo rauchen?«
»Auch anderswo,« sagte der Köhler. »Bloß Rippentabak muß es sein, aber
nicht solcher, der runterfällt, sondern solcher, der fliegt.«
Die Göttin fällte den Spruch:
»Der Köhler Jakobus aus dem Eulenwalde der würdigen Stadt Altenroda ist
zur Strafe dafür, daß er den ehrenwerten Bürger Bartholomäus Schnürle
fast bis zum leiblichen Tode mißhandelt hat, zu lebenslänglicher
Verbannung verurteilt. Diese Verbannung soll er auf dem mit
›Ochsenkopf‹ benannten Berge verbüßen, der im Süden der Stadt liegt,
gerade auf der Gegenseite der Stadt, wo bisher seine Hausung war.
Der Verbrecher ist berechtigt, jede Woche einmal nach Altenroda
hinabzusteigen, sich alldorten zehn Pfund Rippentabak sowie sonst zum
Leben Zubehör zu kaufen.«
Der Rat von Altenroda bestätigte dieses Urteil, tat aber auch seine
Wünsche kund: »Die Köhlerhütte ist ganz auf dem Gipfel des Ochsenkopfes
zu errichten, wo der meiste Luftzug ist; auch ist zum Schutze für die
Gemarkungen Altenrodas eine steinerne Rauchfeste zu errichten, eine
keilförmige Schanze, durch die jeweils der Rauch aus Jakobi Pfeife
hinunter nach Wenighofen zieht.«
So geschah es. Wenighofen -- eine feindnachbarliche Stadt von Altenroda
-- ist ausgestorben. Wer das nicht glaubt, sehe auf der Landkarte nach.
Er wird Wenighofen nicht finden.
Was aus dem Köhler weiter geworden ist, weiß niemand. Aber wenn er
nicht gestorben ist, raucht er heute noch.
Rippentabak!
* * * * *
Anmerkung.
Du bekehrst eher zehn Türken zum Christentum als einen Raucher zur
Vernunft.