Rauchermärchen

Im Eulenwalde lebte vor ungefähr zweihundertdreizehn Jahren ein

Köhler, der als ein guter Mensch anzusprechen gewesen wäre, wenn er

nicht so lasterhaft geraucht hätte. Und zwar rauchte er Tabakspfeife.

Dieses Teufelsding verbreitete im Eulenwalde auf eine Meile im Umkreis

einen solchen Qualm und Gestank, daß die Rehe und Hasen schwarze

Felle bekamen, der stickende Brodem den Mäusen verheerend in ihre

Erdwohnungen drang und den Eulen und allen Singvögeln des Waldes die

Augen tränten. Die garstige Wirkung kam davon her, daß der Köhler nicht

nur Tag und Nacht die Pfeife kaum ausgehen ließ, sondern, daß auch sein

Tabak von übler Sorte war. Ein Zug, gegen den Wind geblasen, genügte,

einem Wanderer der eine Meile weg arglos und gesund seine Straße

marschierte, plötzlich den Atem zu verschlagen.

Der Tabak hieß Rippentabak. Er bestand aus in Stücke gebrochenen

Stangen, welche die Pestilenz in sich hatten. (Die Gegend, wo dieser

Tabak wuchs, ist im Laufe der Zeiten als Strafe Gottes untergegangen.)

Das Schlimmste war, daß der Köhler diese Pestilenz damals nicht

etwa hübsch behutsam im engsten Kreise behielt, sondern eitel und

leichtfertig in alle Winde blies. Der Köhler war Kunstraucher. Hatte er

sich durch einen abgrundtiefen Zug aus seiner Pfeife die Mund-, Nasen-,

Ohren- und Stirnhöhlen, die Luftröhre, die Lunge, ja den Magensack

voll Dampf gesogen, so ließ er diesen inneren Reichtum langsam und in

kunstvollen Formen wieder an die Außenwelt steigen.

Der Köhler rauchte Ringe: kleine, mittlere, große, auch Ringe, die sich

ineinander verschlangen, er rauchte aber auch Herzen, manchmal eines,

manchmal zwei, die sich miteinander vereinigten; er rauchte eine Mandel

Eier; er rauchte die Rechenaufgabe zwei mal zwei gleich vier in der

Luft; er rauchte einen Reiter; er rauchte Sonne, Mond und Sterne.

Waldkinder, die auf der Suche nach Pilzen und Beeren waren, sahen dem

Köhler manchmal bewundernd zu. Dann sagte er, wenn er wollte, könnte er

das ganze Einmaleins rauchen. Das war aber nicht wahr; rauchen hätte

er's vielleicht können, aber das Einmaleins selber konnte er nicht. Er

konnte nur zwei mal zwei gleich vier.

Am Rande dieses Waldes lebte in einer hohlen Eiche die Baumgöttin

Querka. Sie stand bei den Bürgern von Altenroda in hohem Ansehen;

denn sie beschützte die Stadt vor Blitz und Hagelschlag. Die

Göttin hatte eine empfindliche Nase, also daß sie sich durch die

höllischen Rauchschwaden des Köhlers oft belästigt fühlte. Aus großer

Gutherzigkeit hatte sie lange geschwiegen. Als aber das jüngste

ihrer drei Kinder den Husten bekam, sagte die Göttin: »Da muß etwas

geschehen!« -- machte sich auf und ging zum Köhler. Sie war recht lieb

und artig mit dem alten Brummbart und fragte ihn nebenher, ob er es

denn nicht so einrichten könne, daß er den Rauch zum Himmel hinauf

blase, damit er sich dort zu Wolken zusammenballe und vom Winde auf den

Großen oder Stillen Ozean getragen werde.

Da sagte der Köhler: »Nein, mein Rauch gehört in den Eulenwald!« -- und

da war wohl auch nichts dagegen zu tun.

Die Göttin aber half sich durch eine List. Heimlich sprach sie über die

Tabakspfeife einen Zaubersegen, der bewirken sollte, daß alle Figuren,

die der Köhler rauchte, in der Luft zu Gold wurden.

Richtig, kaum war die Göttin fort, so begann der Zauber zu wirken. Der

Köhler hatte eben einen stattlichen Ring geraucht und sah zu, wie er

langsam davonschwamm -- was zu sehen immer des Köhlers größte Freude

war -- als der Ring plötzlich in der Luft stehen blieb, zu funkeln

anfing und auf einmal -- kling, kling -- auf die Erde fiel. Der Köhler

ging herzu, hob einen riesigen goldenen Ring auf, betrachtete ihn, ließ

ihn an einem Steine klingen und hing ihn sich endlich um den Hals. Dann

setzte er sich auf den Holzblock zurück, auf dem er immer saß, dachte

über das Geschehnis nach und rauchte in Gedanken eine Mandel Eier. Als

die Eier aber kaum bis an die kleine Birke geschwebt waren, blieben

sie stehen, wurden zu Gold und regneten auf die Erde. Der Köhler hob

verwundert die Eier unter der Birke auf und sagte: »Nanu!« Darauf ging

er wieder nach seinem Holzblock und dachte weiter nach, was zur Folge

hatte, daß plötzlich zwei goldene Herzen aus der Luft fielen. Jetzt

sagte der Köhler: »Das scheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen.«

Aber an sich machte ihm die Sache Freude. Also paffte er sich einen

ganzen Berg goldener Ringe, Herzen, Sonnen und Eier zusammen. Nur

mit der Rechenaufgabe war es ein verhextes Ding. Jedesmal fielen die

Ziffern in falscher Reihenfolge aus der Luft, so daß immer im Grase

zu lesen stand: zwei mal vier gleich zwei. Darüber ärgerte sich der

Köhler, und als die Aufgabe immer aufs neue mißriet, kam der Mann

in so großen Zorn, daß er seine Tabakspfeife faßte und sagte: »Du

dummes Ding, wenn du nicht mehr ordentlich rechnen kannst, sollst du

verbrennen!«

Damit schleuderte er die Pfeife ins Feuer des Meilers. Nun konnte der

Köhler eine ganze Nacht lang nicht rauchen, was ihn so verdroß, daß er

nach dem goldenen Berge mit dem Fuße stieß.

Die Göttin drüben am Waldrande aber sagte: »Merkt ihr nicht,

Kinderchen, was heute für gute Luft ist?« Das Kleinste hörte auf zu

husten, und viele Bäume, die in dem Qualm am Verdorren gewesen waren,

schlugen mutig wieder aus.

Am nächsten Morgen, als der Köhler aus seiner Hütte trat, sah er

einen fremden Rittersmann bei seinem Goldhaufen stehen und diesen mit

Aufmerksamkeit betrachten.

»Was willst du mit dem vielen Golde?« fragte der Ritter.

»Das weiß ich selber nicht!« sagte der Köhler.

»So will ich dir einen guten Vorschlag machen, lieber Mann. Leihe mir

das Gold gegen einen Schuldschein. Einen Silbertaler als Zins gebe ich

dir im voraus.«

Der Köhler dachte nach, ob das wohl ein gutes Geschäft sei, und kam zu

dem Schluß, ein Silbertaler sei nicht zu verachten, da er sich doch

eine neue Tabakspfeife kaufen mußte. Also willigte er in den Handel

ein. Der Fremde schrieb etwas auf ein Papier, was der Köhler nicht

lesen konnte, gab ihm einen Silbertaler und lud das Gold in großen

Säcken auf seine Maultiere.

»Leb wohl!« sagte er und stieg auf sein Roß.

»Ach, edler Herr,« sagte der Köhler; »es wäre mir halt lieb, wenn ich

Eure Adresse wüßte.«

»Meine genaue Adresse kann ich dir nicht geben,« sagte der Ritter; »ich

reite nämlich gerade in den Krieg nach Persien.«

»Ach so,« sagte der Köhler und ließ ihn mit dem Golde ziehen.

Hinterher aber ärgerte er sich und sagte sich, der Fremde habe ihn

wohl sicherlich übervorteilt. Doch er tröstete sich, daß er sich ja

jederzeit einen neuen Haufen Goldes zusammenrauchen könne.

Die Sache kam aber anders. Der Köhler hatte sich um drei Groschen

in Altenroda eine neue Pfeife erhandelt und wollte dem Händler sein

goldenes Kunststück vorrauchen. Da kam aber nichts zustande als

Rauchringel, die davon schwebten und die ganze Stadt verpesteten.

Der Rat der Stadt, als er die Sache übel in die Nase bekam, schickte

eilends seine Büttel aus und ließ den gottlosen Raucher festnehmen. Es

war nämlich bei schwerer Strafe verboten, innerhalb von Altenroda bis

zwei Wegstunden über die Stadt hinaus Rippentabak zu rauchen.

Der Köhler wurde vor Gericht gestellt, und es wurde der herbe Spruch

gefällt: ein ganzes Jahr solle der Sünder im Turme schmachten, bis

ein Sommer durch seine Hitze, ein Herbst durch seine Stürme, ein

Winter durch seinen Frost und ein Frühling durch seine Düfte die Stadt

Altenroda von seinem Tabaksgestank wieder gereinigt habe. Nach zwei

Wochen schon kam der Beichtvater des Köhlers zum Rat und bat um Gnade

für den Eingesperrten, der im Turm ohne Rippentabak verschmachten

müsse, wie ein Fisch ohne Wasser. Der Rat von Altenroda, der immer

milde und menschenfreundlich war, bestimmte darauf, man solle dem

Köhler fünfundzwanzig Stockhiebe auf seinen ledernen Hosenboden

verabfolgen und ihn dann als verwarnt entlassen.

Solches geschah. Als der Köhler sich von den fünfundzwanzig Hieben

soweit erholt hatte, daß er wieder laufen konnte, kaufte er sich

einen Zentner Rippentabak, das Pfund zu zwei Pfennigen, und wanderte

heimwärts.

Im Walde war unterdes große Freude gewesen. Glückselig saß Querka, die

Göttin, in ihrem hohlen Baum und atmete köstliche Lüfte, die Mäuse

freuten sich, daß es nicht mehr durch die Ofenröhren ihrer Wohnung

rauchte, die Felle der Hasen färbten sich auffallend heller und die

Augenentzündung der Vögel ließ nach.

»Das habe ich alles mit meinem Zauberspruch getan,« dachte Querka;

»denn goldene Ringe können nicht fliegen.«

An einem Abend aber -- was roch Querka? Was rochen ihre Kinderlein? Was

schnüffelten die Hasen? Wovor schüttelten die Eulen ihr Gefieder?

Rippentabak!

Es schwebten wieder Herzen, Ringe, Eier und Rechenaufgaben durch den

Wald. Die Göttin eilte erschrocken zur Köhlerhütte. Richtig, da saß

er und rauchte; rauchte aber nicht Gold, sondern rauchte Rauch --

Rippentabaksrauch.

Die kluge Göttin machte sich nun wieder recht lieb und artig an den

alten Schlot heran und fragte ihn, wo denn die goldenen Ringe seien.

Hätte er verliehen, sagte der Köhler und besäße ein Testimonium

darüber. Er holte die Quittung des Ritters aus seiner Hütte und zeigte

sie der Göttin. Diese las:

»Ich bestätige, daß der Köhler vom Eulenwalde der guten Stadt Altenroda

der größte Esel der Welt ist.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 35 / 50 题