Er war ein kluger Mann und sagte: »Ja.«

* * * * *

Einfach war die Sache durchaus nicht. Auch wenn wir von allen inneren

Widerständen, die wir in der Gemeinde gegen solch ein Abenteuer finden

mußten, absahen, machte uns der »Fahrplan« viel Schmerzen. Unser Dorf

lag von Breslau in der Luftlinie etwa vierzig Kilometer entfernt,

aber wir durften für den Ausflug nur einen Tag in Anspruch nehmen und

verzweifelten an der Aufgabe, an einem Tage vierzig Kilometer hin und

her zu machen und noch einige Stunden Zwischenpause herauszubringen.

Endlich gelang es. Wenn wir morgens früh zwei Uhr mit der ganzen

Schar aufbrachen, konnten wir abends zwischen zehn und elf, also nach

zwanzigstündiger Reise zurück sein und behielten noch einige Stunden

für die Besichtigung von Breslau. Die »Verbindung« war nicht glänzend;

heute fährt man in derselben Zeit von Berlin bis nach Serbien.

Der Pfarrer, der Ortsschulinspektor war, stand unserem Plan freundlich

gegenüber; er sagte, er möchte sich selbst gern beteiligen, wolle aber

die Messe nicht ausfallen lassen. Schließlich vermeldete er am nächsten

Sonntag von der Kanzel: »Eines Schülerausflugs wegen ist die heilige

Messe nächsten Dienstag nachts ein Uhr.« Die Gemeinde horchte auf, und

die ganze beträchtliche Oppositionspartei, die sich inzwischen gegen

den Ausflug gebildet hatte, löste sich schon in den Kirchenbänken

stillschweigend auf.

Der, dem's am meisten zu Herzen ging, war der Schneider Dierschke. Ich

sah ihn auf seinem Platz sitzen und in tiefer Betrübnis den grauen Kopf

schütteln. Nach dem Gottesdienst machte ich mich im Kirchgängerstrom an

Dierschke heran.

»Nu, Meister Dierschke, Sie werden doch ihren Enkelsohn auch mit fahren

lassen?«

Er schüttelte unwillig den Kopf.

»Wilhelm fährt nicht mit.«

»Warum denn nicht?«

»Es hat keinen Zweck. Ich bin siebzig Jahre alt; ich bin bloß einmal

im Leben in die Stadt gekommen. Da habe ich eine Eisenbahn gesehen. Es

saßen vier Männer oben drauf, aber sie hatte sechsundfünfzig Wagen.

Weiter bin ich nicht gekommen. Ich bin siebzig Jahre alt, der Junge ist

erst elf Jahre. Er kann noch lange warten.«

»Fahren Sie doch selber auch mit. Es fahren viele Eltern mit.«

»Ich werd' mich schön hüten.«

»Aber warum denn?«

»Das da, da außen, das ist alles bloß Gaukelei.«

Nun schwoll mir aber das Herz. Die »Kulturmission« überkam mich,

diesem Hinterwäldler, der im Leben nur einen Güterzug gesehen hatte,

ganz gehörig den Text zu lesen, ihm sein eigenes Leben so erbärmlich

wie möglich hinzustellen und die Fremde zu preisen, die er mit ihren

milliardengestaltigen Schönheiten und Reichtümern nicht kannte und

darum haßte. Er bilde sich ein, ein sehr guter Großvater zu sein, aber

er sei ein sehr schlechter; denn er verwehre seinem Enkel den Einblick

in eine Welt, wo dieser einmal ein viel besseres Fortkommen finden

könne als in diesem entlegenen Dorf.

Dierschke hatte verschiedene Male meinen Redestrom unterbrechen wollen,

aber es gelang ihm nicht; ich sprach ... ich sprach ... nun etwa im

Stile Possarts als Richard III.

Am Schluß lachte der Schneider, und ich ärgerte mich schwer über diese

Wirkung meiner rednerischen Leistung. Nach einem Weilchen aber lächelte

Dierschke und sagte:

»Herr Lehrer, ich werd' Ihnen was sagen: Wir waren drei Brüder, alle

drei Schneider. Der Vater war Schneider, was sollten wir anders werden?

Zwei von meinen Brüdern sind in die Welt gegangen. Einer ist ein Lump

geworden, der andere hat in Breslau ein schönes Schneidergeschäft

gehabt; das ist so lange schön gewesen, bis sein Erspartes weg war und

mein Erspartes, was ich ihm geborgt hatte, auch. Und nun bin ich alt,

und meine Frau ist tot, und meine einzige Tochter ist auch tot, und ich

hab' nur noch den Wilhelm. Der soll zu Hause bleiben.«

Da verstummte meine weltmännische Beredsamkeit.

»Nun, Meister Dierschke,« sagte ich, »es zwingt Sie ja natürlich

niemand; aber ich hätt' halt den Wilhelm gern mitgehabt, weil ich ihm

gut bin.«

»Ich weiß schon, Herr Lehrer,« nickte der Schneider freundlich.

Da kam der Bauer Puder vorbei.

»Schneider,« sagte er, »ich laß meinen Jungen auch nicht mit; ich denk'

gar nicht dran! Solche Faxen machen wir nicht mit!«

Der Bauer Puder vertrug sich fast mit niemanden aus der Gemeinde,

natürlich auch nicht mit der Schule. Der handelte aus purer

Widerspruchslust, und seine Worte gingen an mir vorbei.

* * * * *

Draußen lag die warme, dunkle Sommernacht, aber in der Kirche war es,

als sei Christnachtsfeier. Die Altarkerzen leuchteten in den dunklen

Raum, große Schatten stiegen an den Wänden hinauf, hie und da war ein

goldenes oder silbernes Aufblinken von einem Leuchter oder einer

Figur; die Kirche war bis zum letzten Platz gefüllt, vor jedem Beter

stand ein Wachsstöcklein, das mit zarter gelber Flamme leuchtete,

oben auf dem Orgelchor sangen die Schulkinder; zu zweien oder dreien

standen sie um ein Lichtstümpflein zusammen, die jungen Gesichter

waren rot beleuchtet, die alten frommen Lieder klangen, diesmal mit

ein wenig aufgeregten Stimmen, und ich saß auf der Orgelbank und war

nicht weniger erregt als die Kinder. -- Das ist ein Bild, das in meiner

Erinnerung blieb und mir auch heute noch den Gedanken nahelegt: mit

Künstleraugen gesehen, gibt es kaum einen lieberen Beruf als den eines

Dorfschullehrers; er ist sehr arm an äußeren Genüssen, aber unendlich

reich an inneren Freuden, und die Freude steht so hoch über dem Genuß

wie das Gold über dem Kupfer; jede reine Freude, die du genossen,

ist wie ein goldener Schmuck, den du erworben, bleibt unveränderlich

und unvergänglich im Wert, setzt keinen Grünspan giftiger Reue an

und rettet in armen Tagen vor bitterster Not. Wie ich als junger

Mann da so die Orgel spielte in dem nächtlichen Gottesdienst und die

frischen Kinder, die einem großen Augenblick, dem Einblick in die

Welt, entgegensahen, singen hörte, dachte ich: solche Freuden, solche

Schmuckstücke will ich mir sammeln. Vielleicht, daß ich in Kriegszeiten

des Lebens manches von ihnen unter die Ackerfurche des Daseins

vergraben muß -- aber ich weiß, wo alles liegt, und grabe aus, was ich

brauche.

Die Orgel verstummte, die Lichter wurden eilig ausgepustet, die

Kinderschar drängte die Chortreppe hinab; draußen auf der Straße,

zwischen Kirche und Schule, warteten die mit Reisern geschmückten

Leiterwagen, die uns nach der Kreisstadt, bis an den Oderfluß bringen

sollten. Wir hatten nämlich -- großzügig, wie wir nun mal waren --

mit einem Dampfschiff ein Abkommen getroffen, nach dem uns dieses um

viereinhalb Uhr verladen und auf dem Wasserwege nach Breslau befördern

wollte. Nun sagte der Schulze: um viereinhalb in der Kreisstadt sein,

das bedeute, spätestens um zwei Uhr zu Hause wegfahren; denn sechzehn

Kilometer in zweieinhalb Stunden zurückzulegen, sei keine Kleinigkeit.

--

Wer diese Rosse vor den Leiterwagen auf der nächtlichen Landstraße

stehen sah, gab dem Schulzen ohne weiteres Recht. Denn diese Rosse

rechneten so: wenn man einen Pflug zieht, braucht man zu einer Furche,

die hundert Schritt lang ist, fünf Minuten. Nun kann man ja einen Wagen

etwas schneller ziehen, aber wie kommt diese verrückte Gesellschaft

überhaupt dazu, uns jetzt aus dem Stall zu zerren, wo wir doch gar

noch nicht ausgeschlafen haben? Die Rosse waren wie der Bauer Puder,

sie waren nicht für solche »Faxen«. Als aber die Kinder mit einem

ungeheuren Lärm auf die Wagen drängten, spitzten sie die Ohren, und

Lehmanns Schimmel schüttelte wild die Mähne, worauf Lehmann dringend

mahnte, »ganz stille« zu sein; denn sein Schimmel sei ein junges

feuriges Tier, das ginge leicht durch.

Gerade als wir abfahren wollten, kam der Schneider Dierschke an mich

heran. Er brachte seinen Enkelsohn und sagte:

»Der Wilhelm soll doch mitfahren.«

»Es ist recht, Meister. Wir passen schon auf ihn auf. Aber wollen Sie

nicht selbst mitfahren?«

Sein altes kluges Auge glimmte auf.

»Es mag schon sehr schön sein,« sagte er; »aber ich will doch zu Hause

bleiben.«

Und er sah seinen Enkel noch einmal stumm, aber mit liebender Sorge an,

als ob er ihn auf eine unendlich weite Reise schicke, und ging seiner

Wege.

Fort ging die Fahrt zum Dorf hinaus. Die Kinder saßen ganz stumm.

Schon gleich hinter der Dorftafel spähten sie mit großen Augen, ob

etwas Neues zu sehen sei. Es waren aber die alten, bekannten Felder

und Wiesen, umhüllt von den Schleiern der dunklen Nacht. Ein frischer

Morgenwind blies von Osten her, es war ganz still, nur die Wagen

knarrten den Weg entlang.

Eine Stunde verging, ein fremdes Dorf tauchte auf. Was mag das sein?

wisperten die Kinder. Einer nannte den Namen. Nun waren alle in großer

Erwartung. Ach, es war ein Dorf wie das unsere, aber es wurde sehr

bewundert.

Auf der Dorfstraße stand der Nachtwächter, sichtlich ein Bild krassen

Erstaunens. Wie ein Hexenspuk fuhren die buntgeschmückten Wagen an

ihm vorbei. Ich saß auf dem letzten Wagen, und als ich an dem Wächter

vorbeikam, brachte er heraus:

»Was .. was .. ist das? Wo fahrt Ihr hin?«

»Wir fahren ins Morgenland,« rief ich ihm zu.

»Ins Morgenland!« schrie er und streckte fassungslos den Spieß in die

Luft. Der gute Mann hatte noch eine Stunde Dienst und hat gewiß in

dieser Nacht nicht mehr einschlafen können.

Die Sonne kündigte sich an. Schon wehten ihre königlichen Purpurfahnen

am Himmelstor. Da sangen die Kinder das freundliche Geibellied:

»~Wer recht in Freuden wandern will,

der geh' der Sonn entgegen.~«

Zwischendurch merkte ich, daß die meisten Kinder ihre Proviantpakete

ausgepackt und schon in der ersten Reisestunde den größten Teil der

Vorräte verputzt hatten. Wenn ein gesunder Mensch aufgeregt ist, fängt

er an zu essen, und diese Kinder waren aufgeregt.

* * * * *

Wir gingen zu Fuß durch die morgendlich beleuchteten Straßen der

kleinen Stadt. Die Kinder bestaunten die hohen Häuser und tauschten

Vermutungen, daß in ihnen lauter Millionäre wohnten. Beim ersten

Uhrmacherladen kamen wir nicht vorbei, die ganze Klasse machte vor

dem Schaufenster Halt, drängte sich und reckte die Hälse, starrte

in ein Wunderland von Reichtum. Beim Bäckerladen kam einer auf den

Gedanken, sich ein Stück Kuchen zu kaufen, was zur Folge hatte,

daß die ganze Herde ihm nachlief und der Bäcker seinen Laden wegen

zu großen Andranges des Publikums zeitweilig schließen mußte. Er

dienerte dann auch noch lange mit seinem dicken Bauch hinter uns her.

Dieselbe Szene wiederholte sich vor einer Wurstmacherei, die aus

irgend einem Grunde schon geöffnet war, und es schmerzte mich, daß

die Kinder sich so viel mehr für materielle Genüsse begeisterten, als

für einen prächtigen alten Straßenwinkel, auf den ich ganz vergebens

aufmerksam machte. Streuselkuchen und Knoblauchwurst, welch ein Genuß

für lebenshungriges Volk! Von wertvollen Baulichkeiten machte nur

der Kirchturm wegen seiner Höhe und ein Springbrunnen wegen einiger

komischer Figuren Eindruck, alles Alte kam den Naturkindern schäbig

und wertlos vor; dagegen riefen einige kitschige moderne Villen einen

gewaltigen Eindruck hervor. Und der Oderstrom! Ein paar riefen Ah! und

Oh!, als sie ihn sahen, den meisten merkte man eine leise Enttäuschung

an -- sie hatten sich ihn größer vorgestellt. Unübersehbar breit und

unergründlich tief, schäumend und zischend, von tausend Schiffen

belebt. O, die Wirklichkeit hat Mühe, der Phantasie von Dorfkindern

gerecht zu werden. Als aber der kleine Oderdampfer kam, der uns

aufnehmen sollte, kannte die Verwunderung keine Grenzen. Dem wirklich

Großen kommt naives Volk nicht nahe, das Kleine, das es versteht und

für groß hält, ist es, was ihm dient.

Dieser Dampfer war ein merkwürdiges Schiff. Er machte mit seinem

Triebrad einen Mordslärm, er dampfte, tutete, klingelte, ratterte,

rasselte mit Ketten, stampfte, er fuhr angeblich sogar, aber er kam

nicht vorwärts. Ob er das auch nicht beabsichtigte, weiß ich nicht,

aber es wäre gegen die Verabredung gewesen, da wir doch nach Breslau

wollten. Jedenfalls torkelte dieses Schiff immer von einem Ufer zum

anderen, immer hinüber und herüber, und ein Mann, welcher als der

Kapitän des Schiffes galt, erklärte uns, es seien so viele Haltestellen

da. Anfangs glaubte ich dem Schiffer nicht, aber nach einer Stunde

sah ich ein, daß wir uns tatsächlich vorwärts bewegt hatten --

wahrscheinlich durch die Flußströmung -- denn die Türme der Kreisstadt

waren nicht mehr zu sehen.

Bei so mäßiger Schiffsbewegung ist es verwunderlich, daß ein paar

Kinder seekrank wurden. Streuselkuchen, Knoblauchwurst und nun auf dem

Dampfer eine Himbeerlimonade nach der anderen -- es war schlimm! Der

Kapitän schüttelte den Kopf und sagte, sein Schiff »schlingere nicht«.

Ich hätte auch wissen mögen, wie es das fertig gebracht hätte.

Zu sehen war nicht viel Neues. Felder und Wiesen wie daheim. Nur wenn

einmal ein Stück schöner Eichenwald auftauchte, wurden die Kinder

still und nachdenklich. Und als sie Flößer sahen, die auf ihrem

luftigen Fahrzeug eine kleine Strohhütte hatten und davor ein offenes

Feuerchen brannten, schrien die Jungen: »Indianer! Indianer!« Einer

von den Slowaken, die da von ihrer Beskidenheimat den langen Oderstrom

hinunterfuhren gen Stettin, trat an den Rand des Floßes und rief ein

paar polnische Worte herüber.

»Ein Seeräuber!« sagte ein Junge.

Ein »guter« Lehrer hätte wohl nun augenblicklich einen lehrreichen

Vortrag über die Flößerei gehalten, über den Holzhandel vom

karpatischen Waldgebirge nach der Ostsee hin, aber die Kinder sahen mit

so großen Augen nach den vermeintlichen Indianern und dem Seeräuber,

daß ich lieber ein schlechter Lehrer war und schwieg, bis das Floß

mit dem Strohhäuslein und dem flackernden Feuerchen den staunenden

Kinderaugen entschwand.

Einer mied beständig meine Nähe. Das war Wilhelm Dierschke. Da merkte

ich auch die Ursache; er war barfuß. »Junge«, sagte ich, »wo hast

du denn deine Stiefel? Du kannst doch nicht wie ein Gänserich durch

Breslau latschen!«

»Im Sommer drücken mich die Stiefel,« entgegnete Wilhelm, »da hab' ich

sie heute früh ausgezogen und an der Oder versteckt.«

»Wo hast du sie versteckt?«

»An der Oder in einen Strauch, ehe wir eingestiegen sind.«

»Und wenn sie jemand sieht und stiehlt?«

Seine Augen zogen Wasser.

»Sie kosten elf Mark,« sagte er voller Angst, »und drei Mark ist der

Großvater beim Schuster noch schuldig.«

Die Stiefel waren so gut wie verloren. Da wir die Rückfahrt mit der

Bahn machten, kamen wir gar nicht mehr an die Oder. Und das mußte

gerade dem Enkel des Weltverächters Dierschke passieren. Aber ich

tröstete den Jungen. Mitreisende wohlhabende Bauern steckten mir so

viel Geld für die Kinder zu, daß ich, um nicht alle seekrank zu machen,

auf Überschüsse sinnen mußte, die ja schließlich dem Stiefelverlust

gegenüber zu verwenden waren.

Wie es möglich war, weiß ich nicht, aber wir kamen richtig nach Breslau

und zwar noch am Vormittag desselben Tages, an dem wir früh 2 Uhr

abgefahren waren.

»Es sind vier Meilen,« sagte der Kapitän mit Wichtigkeit, und die

Kinder horchten auf und dachten nach, wie weit sie nun von Zuhause

entfernt seien. Am Zoologischen Garten landeten wir.

Für Kinder gibt es in Zoologischen Gärten nur fünf Arten von Tieren,

die wirkliches Interesse bieten: erstens die Affen, zweitens der

Elefant, drittens die Bären, viertens das Nilpferd, fünftens der Löwe.

Alles andere und seien es auch die größten Seltsamkeiten, wird nur

nebenher mit halbem Auge betrachtet. Wir standen an jenem Tage volle

drei Viertelstunden vor dem Affenhause. Das Vergnügen endete mit einem

groben Scherz. Ein Bauer neckte einen Affen dadurch, daß er ihm statt

eines Stückes Zucker ein Stück Kreide gab. Als nun der Bauer demselben

Affen ein rohes Ei durchs Gitter reichte, warf es ihm das erboste

Tier, in der Meinung abermals gefoppt zu sein, an den Kopf. Dieses

Attentat löste sowohl bei den Affen als auch bei den Kindern ungeheure

Heiterkeit aus; der übel zugerichtete Bauer aber knurrte, er mache

nicht mehr mit, und verließ uns.

Von Käfig zu Käfig ging es. Manchmal hörten die Kinder auf meine

Erklärung, aber nur, wenn sie ein wenig romantisch oder anekdotenhaft,

nie, wenn sie lehrhaft trocken war. Immer langsamer lief der Zug,

die erste Müdigkeit stellte sich ein. In einem Wirtsgarten, wo wir

einkehrten, stürzten sich die Kinder wieder auf die materiellen

Genüsse, aber sie naschten mehr, als sie aßen. Einige saßen ganz still

auf ihren Stühlen, nutschten an grellfarbenen Zuckerstangen und sahen

stumm vor sich hin, und ein alter Bauer seufzte tief auf und sagte:

»Wie wird nur jetzt alles zu Hause sein?«

Ich glaube, der Alte hatte eine Anwandlung von Heimweh, er sehnte sich

von den fremden Tieren weg nach dem heimischen Stall. Und ich sagte zu

ihm:

»Sehen Sie, Vater Schulz, der Löwe, der uns so verachtungsvoll

angesehen hat, der denkt auch an seine Heimat. Er denkt an das

Felsengebirge in der Wüste, von dem herab seine Eltern nach Beute

schauten; er hat nichts vergessen; er hat es im Instinkt; er denkt

immer: Wie mag nur jetzt alles zu Hause sein? Und er ist in fremdem

Lande eingesperrt bis an sein Ende.«

»Es kann einem eigentlich leid tun um die Tiere,« sagte der Alte.

»Ja,« sagte ich, »mir tut es auch leid. Es ist unendlich viel Qual,

ungestillte heiße Sehnsucht nach Heimat und Freiheit in solch einem

Garten. Man sagt, sie seien der Wissenschaft halber da; aber das ist

nicht wahr, sie sind nur der Schaulust, der plumpen Unterhaltungslust

wegen geschaffen.«

So setzte ich mich selbst ins Unrecht. Aber ich konnte nicht anders;

ich hatte wieder zu viel Trübsinn aus der Tierseele leuchten sehen, und

ich sagte es ja auch nur zu Vater Schulz.

Das Siegesgewisse meiner Laune sank überhaupt merklich. Was konnte

ich den Kindern von der großen Stadt zeigen, wieviel Einblick

ihnen gewähren in einen solchen Riesenorganismus? Straßenverkehr,

Straßenlärm, ein Vorbeigehen an glitzernden Schauläden, ein kurzes

Verweilen am Stadtgraben, wo die Schwäne schwammen, das war eigentlich

alles. Zweiundachtzig weltfremde, ungeschickte Kinder im Gewühl der

Großstadt zusammenzuhalten, war wahrlich keine Kleinigkeit für uns,

die wir die Verantwortung hatten. Die Kinder gingen ängstlich und

gänzlich stumm vor Staunen durch die Stadt. Nur hin und wieder war es

möglich, ihnen eine Erklärung zuzurufen; aber ihre Gesichter waren

so unbeweglich, daß man nicht wissen konnte, ob sie etwas besonders

interessiere oder nicht. Soldaten marschierten vorbei, das war das

Schönste. Wenn ich aber den Kindern sagte: hier ist das Rathaus,

eines der schönsten Gebäude der Welt, so verstanden sie nicht, warum

dies alte Haus so schön sein sollte, und wenn ich sagte, das ist das

Theater, wußten sie nicht, was das sei. Die Schauläden zogen wie

Kaleidoskopbilder schnell vorüber; denn wir durften ja nicht stehen

bleiben, und so entschieden sich die Kinder später bei der Beantwortung

der Frage, was auf der Hauptstraße von Breslau am schönsten gewesen

sei, zur Hälfte für die Soldaten, zur anderen Hälfte für einen Mann,

der bunte Gummiballons zu verkaufen gehabt hatte.

So durften wir ja nicht nach Hause fahren! Ich führte die Kinder

truppweise auf den Aussichtsturm der Liebichshöhe, von der man das

Häusermeer Breslaus überschauen kann. Da wurde den Kindern die Größe

einer solchen Stadt klar. Sie rissen die Augen auf und atmeten

schwerer. Aber es war doch eben nur ein totes Häusermeer, was sie

sahen, und es hätte gar keinen Zweck gehabt, ihnen ein Dutzend Namen

von Kirchen und anderen Baulichkeiten zu nennen. So fing ich an zu

reden: »Seht ihr dort draußen das große Gebäude? Es ist eine Fabrik.

Zweitausend Menschen arbeiten jetzt darin im Schweiße ihres Angesichts.

Das erscheint euch viel. Aber seht euch diese unzähligen Dächer an.

Unter fast allen wird gearbeitet von hunderttausenden von Menschen.

Dort oder dort stirbt vielleicht jetzt gerade ein Mensch; denn alle

Tage sterben in einer solchen Stadt viele Menschen; da oder dort

freut sich gerade eine Mutter, daß sie ein neues Kind bekommen hat;

dort steht ein großes Krankenhaus, hunderte von Menschen leiden darin

Schmerzen; von dorther tönt Musik, da freuen sich lustige Leute. Und

seht, wie die Lastwagen fahren, jeder nach seinem Ziel, jeder mit

einem bestimmten Zweck, und wie die Leute unten auf der Straße wimmeln,

jeder mit anderen Gedanken, jeder mit anderem Zweck und Ziel. Das weite

Land, das ihr seht, versorgt die Stadt täglich mit Mehl und Fleisch,

Obst und Gemüse, und die Stadt schickt hinaus Geräte und Kleider und

Möbel und Uhren. Und dort fährt die Eisenbahn.«

Da starrten die Augen.

»Wo fährt sie hin?«

»Sie fährt wohl nach Berlin; aber mancher, der drin sitzt, reist weiter

bis an den Rhein oder gar hinüber nach Amerika und kommt niemals

wieder. Da fährt er hin, und da drüben ist der Bahnhof, und da steht

jetzt noch eine Frau, die hat das Taschentuch vor den Augen und weint.«

»Es ist viel in der Stadt,« sagte ein Kind.

»Seht ihr das rote Haus dort? Das ist das Gefängnis. Da sitzen

unglückliche Menschen, die das Gesetz nicht achteten, und zählen die

Tage, bis sie wieder einmal frei unter anständigen Leuten gehen können.

Dort ist der Dom, daneben wohnt der Fürstbischof; in jenem Hause wohnt

der oberste General.«

»Und wo wohnen wir?« fragte ein Kind.

»Dort ist der Zobtenberg, den wir auch zu Hause sehen, nur daß er hier

etwas anders ausschaut, und wenn ihr links an ihm vorbei in die Ferne

seht, da liegt hinter der Himmelslinie unser Dorf.«

Die Kinder bohrten die Blicke in den Dämmerdunst der Ferne, und ob sie

natürlich auch nichts von ihrem Dörflein erspähen konnten, sie schauten

immer wieder hin und winkten mit den Händen.

»Es ist viel in der Stadt!« hatte ein Kind gesagt. Das war mir genug.

Die Kinder hatten einen Eindruck empfangen, wir fuhren nicht leer nach

Hause.

Und ein gewaltiges Neues kam noch: die Kinder fuhren mit der Eisenbahn.

Auch mancher Erwachsene aus unserer Schar fuhr zum ersten Male mit

der Bahn. Wer lächelt darüber? Wie lange fliegen heute schon unsere

Luftschiffe? Wer flog mit? Und wer würde heute nicht mit ebenso

feierlichem, die Angst schlecht verhehlendem Gesichte im Luftfahrzeug

sitzen, wie damals diese Kinder im Eisenbahnzuge? Dem Neuen gegenüber

sind wir alle Kinder.

Der Zug flog donnernd dahin, und als wir schon nach kurzer Zeit auf dem

Bahnhof der heimischen Kreisstadt anlangten, stiegen alle mit einem

frohen Lächeln aus:

»Es ist vorbei! Es ist gut gegangen!« Und sie fingen an zu lärmen und

sahen mutig um sich.

Wir suchten den Gasthof wieder auf, in dem uns die Wagen erwarteten,

und ich hielt einen Generalappell. Ich zählte die Kinder.

Einundachtzig!

Ich zählte nochmals. Wieder einundachtzig! Da brach mir der Schweiß

aus, und ich zählte zum dritten Mal einundachtzig. Mit zweiundachtzig

Schülern waren wir fortgefahren, zweiundachtzig hatten wir noch

in Breslau in die Eisenbahnwagen hineingezählt, jetzt waren nur

einundachtzig.

»Es fehlt jemand. Wer fehlt?« fragte ich.

»Ich nicht! Ich nicht!« schrien etwa zwanzig. Da fuhr ich nervös

dazwischen:

»Ihr Schafsköpfe, ich frage nicht, wer ~nicht~ fehlt, ich frage,

wer fehlt!«

Der aber, der fehlte, meldete sich nicht. Ich brüllte über den Hof:

»Es fehlt ein Kind!« Der Hauptlehrer, der Pfarrer, die Bauern eilten

herbei, regten sich auf und suchten. Vergebens!

»Wer fehlt?«

»Ich nicht!« sagte noch einer; der kriegte ein Kopfstück.

Plötzlich kam mir die Erleuchtung.

»Ist Wilhelm Dierschke da? Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!«

Keine Antwort. Nun wußte ich, wer fehlte. Wilhelm Dierschke hatte

sich vom Bahnhofe weggeschlichen, um am Oderfluß seine versteckten

Stiefel zu suchen. Es ward schon dunkel, die Kinder mußten nach Hause;

es war ja noch ein Weg von 2-1/2 Stunden zurückzulegen. Da ließ ich

die neunundneunzig in der Wüste, ich ließ sie nach Hause fahren und

ging das verlorene Schäflein suchen. Als »guter Hirt« kam ich mir

aber gar nicht vor. Ganz im Gegenteil. Ich wußte, daß der Junge seine

Stiefel versteckt hatte, ich hätte mir denken müssen, daß er sie suchen

würde, da er sie doch wiederhaben wollte, und ich hätte am Bahnhof auf

Wilhelm Dierschke besonders aufpassen sollen. Ich hatte es aber unter

einundachtzig anderen Sorgen vergessen, und der Junge hatte sich auch

so heimlich entfernt, daß nicht ein einziger seiner Kameraden darauf

aufmerksam geworden war.

Ich stürmte durch die Stadt, dem Oderstrom zu. Meine Phantasie malte

mir gräßliche Bilder. Der täppische Junge ist in der Abenddämmerung

an den Fluß gekommen, die Böschung ist steil, er hat gesucht, nicht

gefunden, ist ausgeglitten, schwimmt vielleicht jetzt schon weit den

Fluß hinunter, und der alte Mann, dessen einziges Lebensglück er ist,

wartet daheim, und ich habe den Jungen übernommen.

Einmal mußte ich auf dem kurzen Wege stehen bleiben, um Luft zu

schöpfen. Dann endlich war ich am Oderfluß. Ich erkannte die

Landungsstelle.

»Wilhelm Dierschke! Wilhelm Dierschke!« rief ich.

Es kam keine Antwort. Ich rief, ich schrie, ich schlängelte mich durch

das Ufergebüsch.

Ich lugte ins Wasser.

Ruhig floß der Strom; der Wind wehte durch die Bäume. Immer wieder rief

ich -- den Fluß hinauf und hinunter rannte ich -- es war alles umsonst.

Nach einer langen Zeit fragte eine Stimme:

»Wer ruft denn hier?«

Es war ein Fischer. Er sagte, er sei seit vielen Stunden am Fluß, noch

lange vor Abend, aber er habe keinen Knaben gesehen. Ob er denn nicht

den Fluß absuchen könne, fragte ich in meiner Verwirrung. Er schüttelte

lächelnd den Kopf.

»Wenn er hineingefallen ist,« sagte er mit der rücksichtslose Offenheit

so einfacher Leute, »dann ist er hin. Denn es ist hier tief und

reißend.«

Tränen würgten mich. Da schüttelte er wieder den Kopf und sagte:

»Gehn Sie doch mal zur Polizei. Ich werd' Ihnen den Weg zeigen.«

Das war ein Rat, der mir einleuchtete. Ich ging mit dem Schiffer nach

der Stadt zurück, nicht ohne wiederholt stehen zu bleiben und laut zu

rufen. Der Schiffer führte mich einen Weg durch enge Gassen. Und in

der allerengsten Gasse, wohin ich selber niemals gefunden hätte --

fand ich Wilhelm Dierschke. Er verteidigte heldenmütig sich und seine

kanonenrohrartigen Stiefel gegen eine Schar von Gassenjungen, die das

Dorfkind belagerten.

Selig rief ich »Wilhelm! Wilhelm!« und hielt ihn in den Armen samt

seinen Stiefeln.

Wir gingen dann miteinander durch die Stadt. Ich fand kein Wort des

Vorwurfs; ich sagte dem Jungen nur, die anderen seien schon nach Hause,

da es doch bereits spät sei; wir beide würden nun in einem Gasthaus

übernachten und morgen früh um 3-1/2 Uhr aufbrechen, da seien wir noch

vor Schulanfang zu Haus. Wilhelm schluckte an seinen Tränen, preßte mit

jedem Arm einen Stiefel an seine Brust und sagte gar nichts.

Da fiel mir der Großvater ein. Was für ein furchtbarer Jammer, wenn die

anderen heimkehrten und allein sein Wilhelm fehlte! Eine telegraphische

Nachricht jetzt während der Nacht zu geben, war ganz ausgeschlossen. Da

sagte ich: »Wilhelm, wir müssen noch heute Nacht nach Hause gehen; es

ist wegen deinem Großvater.«

Der Junge nickte gehorsam, aber ich merkte, er war todmüde. Und ich

war auch müde. Da fragte ich den Schiffer, der noch bei uns war, ob er

uns wohl eine Fuhre nach dem Dorfe J. besorgen könne. Er fragte, wo J.

liege; ich beschrieb es ihm.

»Oh, wer wird jetzt in der Nacht so weit über Land fahren,« sagte er

abweisend.

Ich sagte, es müsse sein, und bot zehn Mark Fuhrlohn. Zehn Mark waren

damals sehr viel Geld. Da sagte der Schiffer, er habe einen Bruder, der

Droschkenkutscher und ein sehr gefälliger Mensch sei; wenn es dieser

nicht täte, täte es keiner. Ehe dieser Bruder gefunden war, ehe er

eingespannt hatte, vergingen abermals dreiviertel Stunden, viel zu viel

Zeit für meine Unruhe.

Endlich fuhr das Wäglein die dunkle Landstraße entlang. Das Kind

schlief ein, der Nachtwind kühlte meine heiße Stirn, und ich war

glücklich.

Wohl noch eine halbe Meile vor unserem Dorfe hörte ich plötzlich

eine Stimme durch die Nacht rufen: »Wilhelm! Wilhelm! Großer Gott!

Barmherziger Gott!«

Es war der alte Großvater, der sein Enkelkind suchte. Ich rief zurück,

sprang vom Wagen herunter und lief auf ihn zu. Er sah aus wie ein

Irrsinniger, das lange weiße Haar flatterte um seinen bloßen Kopf.

»Ist er da? Lebt er?«

»Es ist alles gut, Meister. Da auf dem Wagen sitzt der Wilhelm.«

Der Schneider trat heran.

»Junge!«

»Ich hatte meine Stiefel verloren,« sagte der Kleine mit weinerlicher

Stimme.

Ich setzte den Großvater zu dem Jungen in den Wagen und mich beiden

gegenüber.

»Ich werd' alles vergelten, Herr Lehrer,« sagte der Schneider mit

bebender Stimme.

»Davon ist gar keine Rede, Meister! Sie müssen mir nur versprechen, daß

Sie nicht böse sind auf mich.«

Er schüttelte den Kopf und weinte leise. Nach einer Weile sagte er:

»Es ist alles gut. Der Junge ist da.«

»Und«, sagte der Junge, »wir fahren in einem so schönen Wagen, und die

Stiefel sind auch da. Ach, Großvater, es war so schön, so sehr schön,

daß ich mitgefahren bin.«

Der Alte wollte heftig widersprechen, aber er sah mich an, wollte mich

nicht kränken und sagte:

»Ja, es war wohl schön, daß du mitgefahren bist.«

Im Dorfe waren noch alle Leute munter, alle in Aufregung. Wir wurden

mit herzlicher Freude empfangen.

* * * * *

Das war der einzige Ausflug, den ich mit Schulkindern als

Dorfschullehrer gemacht habe. Schon nach acht Monaten rief mich meine

Behörde in eine größere Stadt, wo ich an der Lehrervorbildung mithelfen

mußte. Einmal bekam ich einen anonymen Brief, dessen Poststempel leider

auch nicht zu entziffern war. In dem Briefe war nichts enthalten als

ein Zehnmarkschein. Ich habe noch heute den Verdacht, daß der Brief vom

Schneider Dierschke war.

Das Königl. Seminartheater — Altenroda — Grünlein · 第 13 / 50 题