Ich bin einmal acht Monate lang Dorfschullehrer gewesen, und daß ich
es gleich sage: diese stillen, einförmigen acht Monate stehen immer
noch frisch im Felde meiner Erinnerung, während vieles andere nachher,
was nach Meinung der Welt größer und bunter war, ausgelöscht ist ...
verweht ... verloren.
Wenn die jungen Männer nach der ersten Lehrerprüfung das Seminar
verlassen, kriegt irgendein Regierungsrat die Liste, und aus ihr greift
er einen beliebigen Kandidaten heraus, wenn irgendwo eine Stelle zu
besetzen ist. Ohne Wahl zuckt der Strahl! Ich kam unter allen meinen
Kursusgenossen in das allereinsamste, weltverlorenste Dörflein. Es lag
ganz im Flachlande; nur aus dämmernder Ferne her schimmerten die blauen
Schlesierberge, die ich aus meiner Kindheit her kannte und liebte.
Rings ums Dorf fette Felder und Wiesen, aber ohne alle Romantik, nur
ein wenig Ufergebüsch war am Bach. Die Bauern waren fromme, stille
Leute, ohne die Laune und den Schalk, den die Gebirgler haben. Es war
ein wohlgeordnetes Bauerndorf. Wochentags Arbeit von Sonnenaufgang bis
zur herandämmernden Nacht; Sonntag Vormittag waren alle Bewohner ohne
auch nur eine einzige Ausnahme in der Kirche, Sonntag Nachmittag alle
Männer in der Schenke (auch ohne eine allereinzige Ausnahme). Wenn die
Abendglocke erklang, flogen alle Kartenblätter hin, und alle Hände
falteten sich; wenn der letzte Ton eben verstummte, donnerten alle
höchsten Trümpfe auf die Tische.
»Und ich da mitten still und stumm!« Da sagten die Bauern: Er hat
wahrscheinlich die Schwindsucht. Schade um ihn!
Das sagte sich auch meine kreuzbrave Frau Hauptlehrerin, und sie
pflegte und fütterte mich deshalb mit rührender Sorgfalt. Ihr ebenso
braver Gatte erklärte mich aber für kerngesund und gab mir von seinen
besten Zigarren. Dieser Hauptlehrer war ein munterer Geist, eigentlich
auch ein Verschlagener. Der Mann war auf sieben Blätter abonniert,
das waren die sieben fetten Kühe für ihn und mich am Nilfluß dieser
Einsamkeit.
Das Dorf lag über zwei deutsche Meilen von der Kreisstadt entfernt.
Diese Kreisstadt war ja selbst klein und ohne reges Leben. Sie zählt
etwa siebentausend Bewohner. Aber es war doch eine Stadt. Es gab sogar
Soldaten dort und einen Bahnhof, auf dem allerdings die Schnellzüge
nicht hielten, es war vor allen Dingen dort der breite, tiefe Oderfluß.
Gegen unser Dorf war diese Stadt ein tumultuarisches Großgemeindewesen
voll Glanz, Abwechslung, Sehenswürdigkeiten, Vergnügungen und Gefahren.
Man wisperte bei uns von dieser Stadt, wie man anderwärts von Berlin
oder Hamburg wispert.
Unsere Dorfleute kamen fast niemals nach der Kreisstadt. Es war »zu
weit«. Selbst für die reichen Bauern, die sechs Pferde im Stall hatten
und die einen Glaswagen besaßen, war es »zu weit«. Wer einem Bauern
eine Spazierfahrt zumutet, wenn es nicht gerade ganz offiziellen
Lustbarkeiten gilt, wie: Hochzeit, Kindtaufen, Begräbnis oder
Gerichtstermin, der täuscht sich. Nur bei solchen Anlässen »spannt der
Bauer ein«, sonst nicht. Wie sollten die Leute nach der Kreisstadt
oder gar darüber hinaus kommen? Es war noch ein näher gelegener
Marktflecken da; der hatte zwar keine Eisenbahn, und die Bürger
sprangen dort auf die Straße, wenn ein so modernes Wunder durchkam, wie
es ein Radler ist, aber unsere Leute konnten in diesem Marktflecken
alles kaufen, was zum Leben gehörte und was sie nicht unmittelbar
selbst aus Landwirtschaft und Viehzucht beziehen konnten. Was sollten
sie in der Kreisstadt? Wie sollten sie dahin gelangen? Zu Fuß gehen,
drei Stunden hin, drei Stunden her, für nichts und wider nichts, als
dort Geld auszugeben und sich vielleicht hänseln lassen? Nein! Sie
brauchten die Kreisstadt nicht! Sie brauchten die Welt nicht! Sie waren
sich selbst genug, sie waren die unabhängigsten Leute, die ich in
meinem Leben kennen gelernt habe.
Manchmal kam mir das Große solch wurzelstarken, selbstsicheren Lebens
schon damals zum Bewußtsein; aber ich war blutjung, eben zwanzig Jahre
alt, ich kam aus der Großstadt Breslau, wo meine Studiengenossen
Heilgans und Böttger und ich es unter unserer Würde gehalten hätten,
in der »Freistunde« von was anderem zu reden, als von Alvary als
Siegfried, von Possart als Richard III., von d'Andrade als Don
Juan, ich kam von Breslau, wo schon damals (+anno+ 1893) die
Pferdebahnen rasselten und die Droschkenkutscher lackierte Zylinder
hatten.
Oh, und ein Mensch, der den Wagner- und den Shakespearestil inne
hatte, mußte nun abends vor diesem Schulhaus sitzen und zusehen, wie
unser Dackel, der von meinem Hauptlehrer auf den Namen des englischen
Staatsmannes »Pitt« getauft war, der schnurrbärtigen Therese,
einer alten Schachtel, den Rock zerriß und wie der Hauptlehrer die
Geschädigte mit den Worten beschwichtigte: »Pitt, der Kerl, kann eben
wirklich kein hübsches, junges Mädel vorbeigehen lassen.«
»+In minimis natura maxima+« hatte auch mich der alte, große Linné
gelehrt; aber ich wußte das damals nicht aufs Leben anzuwenden -- ich
war zu jung, ich hatte Heimweh nach der Welt. Ich sah nach den Bergen,
über die Berge hinaus in die große bunte Weite ...
Ein Junge zeigte in der Schulpause einem Mädel einen alten Kalender,
und sagte: »Siehst du, so sieht eine Eisenbahn aus!« Ich besah das
Bild. Es war eine Darstellung der ersten Eisenbahn, die im Jahre
1835 von Fürth nach Nürnberg fuhr, mit der bekannten Stephensonschen
Lokomotive mit dem hohen Schornstein und den Wagen, die wie mit Planen
überspannte Reisekutschen aussahen.
»Habt ihr wirklich noch keine richtige Eisenbahn gesehen?« fragte
ich. Aus den erstaunten Augen der Kinder las ich das Überflüssige
meiner Frage. Am Abend jenes Tages sagte ich zu meinem Hauptlehrer:
»Wir wollen etwas tun. Wir wollen mit den Schulkindern einen Ausflug
unternehmen, aber nicht nur bis zur Kreisstadt, nein, bis nach Breslau;
wir wollen ihnen die Oder zeigen, die Eisenbahn und eine große Stadt.«