REALISMUS UND PHANTASTIK

»Was kann für mich phantastischer

sein als die Wirklichkeit?«

Dostojewski

Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten Seins sucht

der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, die unmittelbare Wesenheit des

Alls der Künstler Dostojewski selbst. Er ist Realist und ist es so

konsequent -- immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen

ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich werden --, daß

diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß gewöhnten täglichen Blick

phantastisch anmutet. »Ich liebe den Realismus bis dorthin, wo er an

das Phantastische reicht,« sagt er selbst, »denn was kann für mich

phantastischer und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als die

Wirklichkeit?« Die Wahrheit -- dies entdeckt man bei keinem Künstler

zwingender als bei Dostojewski -- steht nicht hinter, sondern gleichsam

gegen die Wahrscheinlichkeit. Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen,

des psychologisch unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen das

unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das Mikroskop aber

wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos von Infusorien schaut, eine

Welt, wo jene nur eine Einzelform bemerkten, so erkennt der Künstler

mit dem höheren Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen

die offenbaren.

Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, die gleichsam

tief unter der Haut der Dinge liegt und schon nah dem Herzpunkt aller

Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft. Er will gleichzeitig den

Menschen als Einheit und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften

gleich wahr erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender

Realismus, der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke des

Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden von dem, was die

Franzosen als erste Wirklichkeitskunst und Naturalismus benannten. Denn

obzwar Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht als

irgendeiner von denen, die sich »konsequente Naturalisten« nannten

(womit sie meinten, daß sie bis an das Ende gingen, während Dostojewski

jedes Ende noch überschreitet), ist seine Psychologie gleichsam aus

einer anderen Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus

von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft her. Umgestülpte

Experimentalpsychologie, ist er irgendwie an Fleiß und Schweiß, an

Studium und Erfahrung gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte

seines Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, um das

Naturkolorit der »Tentation« oder der »Salambo« zu finden, Zola läuft

drei Monate, ehe er seine Romane schreibt, wie ein Reporter mit dem

Notizbuch auf die Börse, in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle

abzuzeichnen, Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen

Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende Substanz. Sie

sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, tarierenden Blick des

Photographen. Sie sammeln, ordnen, mischen und destillieren, kühle

Wissenschaftler der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und

betreiben eine Art Chemie der Bindung und Lösung.

Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen ist vom

Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft jenen anderen Kunst, so

ist die seine Schwarzkunst. Er treibt nicht experimentelle Chemie,

sondern Alchimie der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie

der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant starrt

er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen dämonischen Angsttraum.

Aber doch, seine sprunghafte Vision ist vollkommener als jener

geordnete Betrachtung. Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er

berechnet nicht, und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die

hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen

Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. Etwas von hellsichtiger

Traumerkenntnis ist in seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst.

Zauberisch durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von seinen

süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick nur aus der eigenen

Tiefe seines freilich allwissenden Seins, aus dem Mark und Nerv

dämonischer Natur und übertrifft doch an Wahrhaftigkeit, an Realität,

alle Realisten. Mystisch erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß,

und schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon wird er zum

Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht die Kärrnerarbeit des

Details zu leisten. Er zeichnet mit Magie. Man besinne einmal die großen

Gestalten dieses Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff,

Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich sind im Gefühl.

Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht umreißt er ihr Antlitz

mit einer Art zeichnerischer Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam

nur ein Merkwort, umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten

Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die

Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar so

Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß stenographischer Kürze

festgehalten. Und doch, wie glüht jede dieser Figuren uns im Blut. Man

vergleiche nun mit diesem magischen Realismus die exakte Schilderung

eines konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten anfängt,

ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er verfaßt (man kann sie

heute noch nachsehen, diese merkwürdigen Dokumente) einen regelrechten

Steckbrief, einen Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des

Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er hoch ist,

notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die Warzen auf seinen

Wangen, streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift jeden

Pickel auf der Haut ab, tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme,

den Atem seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung,

schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre Einnahmen zu wissen. Er

mißt, was man von außen überhaupt nur messen kann. Und doch, kaum daß

die Gestalten in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit der

Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend Scherben. Es

bleibt ein seelisches Ungefähr, kein lebendiger Mensch.

Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen Naturalisten

schildern exakt die Menschen zu Anfang des Romanes in ihrer Ruhe,

gleichsam in ihrem seelischen Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von

der nutzlosen Treue der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur,

nicht das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet, beginnt

erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis. Seine Menschen

werden plastisch erst in der Erregtheit, in der Leidenschaft, im

gesteigerten Zustand. Während jene versuchen, die Seele durch den

Körper darzustellen, bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn

die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und spannt, das Auge

sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske der bürgerlichen Stille, die

Seelenstarre, von ihnen abfällt, wird sein Bild erst bildhaft. Erst

wenn seine Menschen glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das

Werk, sie zu formen.

Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski die anfänglich

dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen der ersten Schilderung.

In seine Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht

nur Umrisse, hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie

zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf

den Rembrandtschen Gemälden beginnt aus einer tiefen Dämmerung das

feine seelische Fluidum in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in

die Leidenschaft geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß der

Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden, seine Nerven müssen

gespannt sein bis zum Zerreißen, um zu klingen: »Um eine Seele formt

sich bei ihm nur der Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.« Jetzt

erst, da sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige

Fieberzustand beginnt -- alle Menschen Dostojewskis sind ja wandelnde

Fieberzustände --, setzt sein dämonischer Realismus ein, beginnt jene

zauberische Jagd nach den Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der

kleinsten Bewegung nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen

Fuchslöcher der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer Gedanken

bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede Bewegung zeichnet sich

plastisch ab, jeder Gedanke wird kristallen klar, und je mehr sich die

gejagten Seelen ins Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von

innen, um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten,

die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die hypnotischen, die

ekstatischen, die epileptischen haben bei Dostojewski die Präzision

einer klinischen Diagnose, den klaren Umriß einer geometrischen Figur.

Nicht die feinste Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste

Schwingung entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade dort,

wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet vom

übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, dort wird Dostojewskis

Realismus am sichtbarsten. Und diese Augenblicke, wo der Mensch die

äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast

Wahnwitz wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch die

unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir uns das Bild

Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn nicht als schlendernde

Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, als einen jungen Mediziner von

25 Jahren, als Menschen von diesen und jenen äußeren Eigenheiten,

sondern in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren

Leidenschaft, wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf der

Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe des Hauses

hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller Trance, um

seine Qualen noch einmal sinnlich zu genießen, die blecherne Klingel an

der Türe der Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den

Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend vor Leidenschaft,

den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden Fäusten. Immer sehen wir bei

Dostojewski den Menschen erst bildhaft im Zustande der höchsten

Erregtheit, am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen

grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität des

Physischen zeichnet, dort, wo sie über die gemeine Form hervordrängt,

so faßt Dostojewski die Seele des Menschen im Augenblick des

Überschwangs, gleichsam in den Sekunden, wo sich der Mensch über den

äußersten Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere Zustand

ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, verhaßt: nur das

Außerordentliche, das Unsichtbare, das Dämonische reizt seine

künstlerische Leidenschaft zum äußersten Realismus. Er ist der

unvergleichlichste Plastiker des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der

reizbaren und kranken Seele, den die Kunst je gekannt.

Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski in diese

Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. Goethe schildert alles

durch den Blick. Er ist -- Wagner hat diese Unterscheidung am

glücklichsten ausgesprochen -- Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er

muß seine Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir sie

als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski in seiner

genialen Analyse der beiden russischen Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi

hören wir, weil wir sehen, bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören.

Seine Menschen sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen.

Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: sie tun

im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf, zeigen ihre

Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. In der Diskussion erhitzen sie

sich, wachen sie auf aus ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen,

gegen den leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet

sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt ihnen das Wort

aus der Seele, um dann die Seele selbst zu fassen. Jene dämonische

psychologische Scharfsichtigkeit des Details bei Dostojewski ist

im letzten nichts anderes als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die

Weltliteratur kennt keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die

Aussprüche der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung ist symbolisch,

die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, jede abgebrochene

Silbe, jeder weggesprungene Ton die Notwendigkeit selbst. Jede Pause,

jede Wiederholung, jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich,

denn immer hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte

Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze heimliche Erregung der

Seele auf. Man weiß aus der Rede bei Dostojewski nicht nur, was jeder

einzelne Mensch sagt und sagen will, sondern auch, was er verschweigt.

Und dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos mit in

die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die sumpfige, stockende

Fläche des trunkenen Irreredens, in die beflügelte, keuchende Ekstase

des epileptischen Anfalles, in das Dickicht der lügnerischen

Verworrenheit. Aus dem Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus

der Seele kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man es

selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch den Haschischrauch

der Rede bei Dostojewski die Vision des Sprechenden im körperlichen Bild

aufzusteigen. Was die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch

die Farbe, Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei ihm

visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski hellseherisch seine

Menschen, sobald man sie sprechen hört. Dostojewski kann es sich

ersparen, sie graphisch zu zeichnen, denn wir selber werden in der

Hypnose ihrer Rede zum Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im

»Idioten« geht der alte General, der pathologische Lügner, neben dem

Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er beginnt zu lügen,

gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein und verstrickt sich gänzlich

darin. Er redet, redet, redet. Über Seiten flutet seine Lüge hin.

Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, aber aus

seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem Stocken, seiner nervösen Hast

spüre ich, wie er neben Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat,

sehe, wie er aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt,

ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend, der Fürst

würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der Schweiß auf seiner Stirne

perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst begeisterte, nun sich immer

mehr verkrampft in Angst, sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein

Hund, der fürchtet, Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der

selbst alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält.

Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, nicht in einer

einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen in seinem Gesicht mit

leidenschaftlicher Klarheit. Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären

in der Rede, im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch

ist diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche

Verdickung, die ja jede Übertragung in eine fremde Sprache darstellt,

noch die ganze Seele seiner Menschen schwingt. Der ganze Charakter

des Menschen ist bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese

Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in einer winzigen

Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn Fedor Karamasoff auf das

Briefkuvert der Gruschenka zu ihrem Namen schreibt: »Mein Küchelchen!«

so sieht man das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten

Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden Lippen rinnt.

Und wenn in den »Erinnerungen aus dem Totenhaus« der sadistische Major

beim Stockprügeln »Hie-be, Hie-be« schreit, so ist in diesem winzigen

Apostroph sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein Keuchen von

Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht, das Keuchen der bösen

Lust. Diese kleinen realistischen Details bei Dostojewski, die sich wie

spitze Angelhaken ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins

fremde Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und

gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus über den

programmatischen Naturalismus. Dostojewski verschwendet durchaus nicht

diese seine Details. Er setzt ein einziges ein, wo andere Hunderte

applizieren, aber er spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten

der letzten Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht

mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase, wo man sie am

wenigsten erwartet. Immer gießt er mit unerbittlicher Hand den

Galletropfen Irdischkeit in den Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt

wirklich und wahrhaftig sein: antiromantisch und antisentimental wirken.

Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen, nicht nur der

Gefangene seines Kontrastes, sondern auch sein Prediger. Es ist seine

Leidenschaft, auch in der Kunst die beiden Enden des Lebens, die

grausamste, nackteste, kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den

edelsten sublimsten Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem

Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische, im

Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das bittere Salz der Erde und

immer all dies gleichzeitig. Er will, daß wir zwiespältig genießen, wie

er selber zwiespältig empfindet, er will auch hier keine Harmonie,

keinen Ausgleich. Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden

Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die sublimsten Sekunden

aufsprengt und dem Heiligsten des Lebens seine Banalität entgegengrinst.

Ich erinnere nur an die Tragödie des »Idioten«, um einen solchen

Augenblick des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat Nastassja

Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, den Bruder. Er findet ihn

auf der Straße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brauchen nicht

miteinander zu sprechen, furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie

gehen über die Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein

ungeheueres Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt sich in einem

auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde eines Lebens, Brüder im

Gefühl, schreiten in das Zimmer zur Ermordeten. Nastassja Philipowna

liegt tot. Man spürt, diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen,

wie sie einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie

entzweite. Und dann kommt das Gespräch -- und alle Himmel sind

zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend irdischen, teuflisch

geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen davon als erstes, als einziges --

ob die Leiche riechen wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender

Sachlichkeit, er habe »gute amerikanische Wachsleinwand« gekauft und

»vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit« darauf gegossen.

Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, die

satanischen nenne, weil hier der Realismus mehr ist als ein bloßer

Kunstgriff der Technik, weil er eine metaphysische Rache ist, Ausbruch

geheimnisvoller Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung.

»Vier Fläschchen!« das Mathematische der Zahl, »amerikanische

Wachsleinwand!« die grauenhafte Präzision des Details -- das sind

absichtliche Zerstörungen der seelischen Harmonie, grausame Revolten

gegen die Einheit des Gefühls. Hier wird Wahrheit über sich selbst

hinaus schon Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen

Niederstürze aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen Steinbrüche

der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich machen, wäre die

gleiche Gewalt des Kontrastes nicht auch im Gegenspiel vorhanden,

entstünde nicht immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei

ihm aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere sich

nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial genommen, ein

Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens, immer in den dumpfesten

Sphären der Armut und Kläglichkeit. Mit absichtlicher Bewußtheit (er

ist der Antiromantiker, wie er der Antisentimentale ist) stellt er

seine Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale,

stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge »Särge« von Zimmern, nur

abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, Hotels, Paläste, Kontore.

Und mit Absicht sind seine Menschen äußerlich »uninteressant«,

schwindsüchtige Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender,

Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. Aber gerade in diese

dumpfe Alltäglichkeit stellt er die größten Tragödien der Zeit. Aus dem

Erbärmlichen steigt das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt

dämonischer bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und

seelischer Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung des Herzens.

In Schnapszimmern verkünden trunkene Menschen die Wiederkehr des

Dritten Reiches, sein Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende,

während ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und

Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und Verkündung,

und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, wo der Mörder sich niederwirft

und vor dem Leiden der ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im

Zimmerwinkel einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow.

Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber

nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, durchblutet seine Leidenschaft

das Leben. In einer Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier

das Erhabene mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe zu

Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät man darum bei den

Romanen Dostojewskis zur Rast, nie in die sanfte, musikalische Rhythmik

des Lesens, nie läßt er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man

wie unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender,

unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange wir in seiner

dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm selber ähnlich. Wie in sich

selbst, dem ewigen Dualisten, dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts,

wie in seinen Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die

Einheit des Gefühls.

Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre Herabwürdigung,

sie mit dem Handwerkerwort »Technik« zu benennen, denn diese Kunst

kommt mitten aus Dostojewskis Persönlichkeit, aus dem brennenden

Urzwiespalt seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und

Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, Wissen

und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich, das Verständlichste

unfaßbar: beugen sich die Probleme schon über den äußersten Rand der

Möglichkeiten hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab.

Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten seine

Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine ins Schattenhafte hinüber.

Wen Dostojewski schildert, dessen Wesen hat er visionär inne bis in die

letzte Wirrnis seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den

Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, durchsiebt

seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug seelischer Substanz bei ihm

verloren, wird ein Gedanke übersprungen. Glied um Glied hämmert er die

psychologische Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt bei ihm

keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung, die sein visionärer

Intellekt, seine hellseherische Logik nicht durchleuchtete. Nie einen

Fehler, einen Verstoß gegen die innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des

Geistes und der Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar!

Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch mit Raskolnikoff,

die Architektonik der Verbrechen, das logische Labyrinth der Karamasoff,

das ist geistige Architektonik ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und

doch berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte des

Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, tieferen Wahrheit,

als die Menschheit sie vordem gekannt.

Aber doch -- die Frage muß beantwortet sein --, warum wirkt trotz

solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit Dostojewskis Werk, dieses

irdischeste aller Werke, doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt

zwar, aber doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht sie

selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten Gefühl und sind

doch irgendwie befremdet? Warum brennt in allen seinen Romanen etwas

wie künstliches Licht und ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen

und Träumen? Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten,

immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der Wirklichkeit? Warum

ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit doch nicht fruchtbare

Sonnenwärme darin, sondern irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig

und blendend, warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des Lebens,

die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als das Leben selbst? Als

unser eigenes Leben?

Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche ist für

Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, am Unvergänglichsten

der Weltliteratur können sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie

der Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die

Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle, diese

Werke, sind sogar einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich,

weniger zukunftsträchtig als die Dostojewskis. Aber sie sind doch

irgendwie weicher und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des

Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich glaube: diese

ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so menschlich, nur menschlich

sind. Sie haben um sich einen heiligen Rahmen von strahlendem Himmel,

von Welt, einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von

Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt hinflüchtet und

befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten, im blutigsten Gemetzel der

Menschen stehen ein paar Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen

Wind vom Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die

Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden Kampf der

Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn gegen das Ewige der Dinge. Und

man atmet auf, man ist erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust

hat seinen Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete

Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der Welt. In allen diesen

Werken erlöst die Natur von der Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die

Landschaft, fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt,

sondern nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, stumpf

für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit gegen die Natur,

gegen die Kunst ist sein unergründliches, sein unvergleichliches Wissen

um den Menschen bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe von

Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele, nicht auch in den

Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn Pantheismus, das die deutschen,

das die hellenischen Werke so selig und so befreiend macht. Seine,

Dostojewskis, Werke, sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben,

in rußigen Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche, allzu

menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend durchwühlt wird vom

Wind aus den Himmeln und dem Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch

einmal sich zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei »Raskolnikoff«,

dem »Idioten«, bei den »Karamasoffs«, dem »Jüngling«, in welcher

Jahreszeit, in welcher Landschaft sie spielen. Ist es Sommer, Frühling

oder Herbst? Vielleicht ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht.

Man atmet es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie

spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die Blitzschläge

der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren Hohlraum des Hirnes,

ohne Sterne und Blumen, ohne Stille und Schweigen. Großstadtrauch

verdunkelt den Himmel ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der

Erlösung vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen, die besten des

Menschen, wenn er den Blick von sich selbst und seinen Leiden gegen die

fühllose, leidenschaftslose Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in

seinen Büchern: wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit heben

sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und klar in einer

wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit bloß des Gefühls. Seine

Sphäre ist Seelenwelt und nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit.

Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig jeder

einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus, auch sie ist

in ihrer Gesamtheit in einem gewissen Sinne unwirklich: etwas von

Gestalten aus Träumen haftet ihnen an, und ihr Schritt geht im

Raumlosen wie der von Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie

irgendwie unwahr wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn

Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen sind

nicht plastisch, sondern sublim gesehen und durchfühlt, weil sie einzig

aus Seele gestaltet sind und nicht aus Körperlichkeit. Dostojewskis

Menschen kennen wir alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl,

Wesen aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß dieses

Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen körperlich

an. Auf den zwanzigtausend Seiten seines Werkes ist nie geschildert,

daß einer seiner Menschen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer

fühlen, sprechen oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn,

daß sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie im

Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, tierisch,

stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt, und immer, immer wach. Wach

und sogar überwach. Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie

die seelische Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher,

Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und alle durchtränkt

bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von psychologischer Wissenschaft.

Im gemeinen, im banalen Leben stehen -- erinnern wir uns nur -- die

meisten Menschen im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig darum,

weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß irdischen Verstand

haben. Shakespeare, der andere große Psychologe der Menschheit, baut die

Hälfte seiner Tragödien auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses

Fundament von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch als Verhängnis,

als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut seiner Tochter, denn

er ahnt ihren Edelmut nicht, die Größe der Liebe, die sich hier in

Schamhaftigkeit verschanzt, Othello wiederum nimmt sich Jago als

Einflüsterer, Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie

dem wahren Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei

Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis, die irdische

Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, die Quelle aller Konflikte.

Die Menschen Dostojewskis aber, diese Überwissenden, sie kennen kein

Mißverstehen. Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen

einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich das Wort

aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den Gedanken noch aus dem

Mutterleib der Empfindung. Sie wittern, sie ahnen einander alle im

voraus, nie enttäuschen sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen

Seele umfaßt in geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das

Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt, alle sind sie

Propheten, alle Ahnende und Visionäre, überladen von Dostojewski mit

seiner eigenen mystischen Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich

will ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja Philipowna

wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es vom ersten Tage, da sie ihn

erblickt, weiß es in jeder Stunde, in der sie ihm angehört, daß er sie

ermorden wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet

zurück, weil sie ihr eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer

sogar Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin weiß

es, auch er kennt das Messer und ebenso Myschkin. Seine Lippen zittern,

wenn er einmal im Gespräch zufällig Rogoschin mit diesem Messer

spielen sieht. Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das

Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die Knie, weil er

das Verbrechen wittert, selbst der Spötter Rakitin weiß diese Zeichen zu

deuten. Aljoscha küßt seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied

nimmt, auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. Iwan

fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des Verbrechens zu sein. Der

Schmutzfink Smerdjakoff sagt es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen

sie es, und den Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit

mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in ihrer

Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, alle

Allesversteher.

Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache Form aller

Wahrheit für den Künstler. Obwohl Dostojewski den Menschen tiefer kennt

als irgendeiner vor ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als

Kenner der Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, das

Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, wo Dostojewski

einen jeden ins Unendliche steigert. Shakespeare hat die Welt im

Fleisch erkannt, Dostojewski im Geist. Seine Welt ist vielleicht die

vollkommenste Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer

Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit noch überflügelt:

aber Realismus, der über sich selbst hinaus ins Phantastische reicht.

Der Überrealist Dostojewski, der Überschreiter aller Grenzen, er hat

die Wirklichkeit nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus

gesteigert.

Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt in Kunst

gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst. Diese Art von Kunst,

die tiefste und menschlichste aller, hat keine Vorfahren in der

Literatur, weder in Rußland noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat

nur Brüder in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt manchmal

der Krampf und die Not, dieses Übermaß von Qual in den Menschen, die

unter dem Griff des übermächtigen Schicksales sich krümmen, an

Michelangelo manchmal durch die mystische, steinerne, unerlösbare

Traurigkeit der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch die

Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem Leben von Mühsal,

Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene der Irdischkeit, gepeitscht von

den Bütteln des Geldes in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins

hinab. Beide wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den

ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine Schönheit

tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der Nüchternheit des

Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski seine Heiligen aus russischen

Bauern, Verbrechern und Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine

biblischen Figuren von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den

niedersten Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue Schönheit

verborgen, beide finden sie ihren Christus im Abhub des Volks. Beide

wissen sie von dem ständigen Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von

Licht und Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten

waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem letzten Dunkel des

Lebens genommen. Je mehr man in die Tiefe der Bilder Rembrandts,

der Bücher Dostojewskis blickt, sieht man das letzte Geheimnis der

weltlichen und geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und

wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit zu

schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit erkennender Lust

entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz, der als Märtyrerkrone über

den letzten Dingen des Lebens liegt.

Drei Meister: Balzac, Dickens, Dostojewski · 第 12 / 22 题