Ein Meister bin ich worden
Zu tragen Lust und Leid,
Und meine Lust zu leiden,
Ward mir zur Seligkeit.
Gottfried Keller
Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal,
eine Art liebevoller Feindschaft. Alle Konflikte spitzt es ihm
schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft
auseinander; es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er liebt
es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt dieser Wissendste
die stärkste Möglichkeit des Gefühls. Nie gibt das Schicksal ihn frei,
immer knechtet es ihn aufs neue, um diesen einen gläubigen Menschen
sich zum ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen.
Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht seines Lebens bis zum
Morgenrot des Todes und läßt ihn nicht aus der Umkrampfung, ehe er es
nicht gesegnet hat. Und Dostojewski, der »Gottesknecht«, begreift die
Größe dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig
Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden Lippen küßt er
sein Kreuz: »Es gibt für den Menschen kein notwendigeres Gefühl, als
sich vor dem Unendlichen beugen zu können.« In die Knie gebrochen unter
der Last seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt die
heilige Größe des Lebens.
In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski durch Demut
und Erkenntnis der große Überwinder alles Leidens geworden, der
mächtigste Meister und Umwerter seit den Tagen des Testaments. Nur
durch die Gewalttätigkeiten seines Schicksals ward er selbst gewaltig,
und die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz fallen,
schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein Körper stürzt, desto
höher schwingt sich sein Glaube, je mehr er als Mensch erleidet, um so
seliger erkennt er den Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. Amor
fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das
fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit
nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als Heil. Wie Bileam verwandelt
jeder Fluch sich dem Auserwählten zum Segen, jede Erniedrigung in
Erhöhung. In Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus an
den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in uns unverständlicher
Demut küßt er immer wieder die Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch
fahl vom Sarge erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit
des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, aus seinen
Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch Schaum vor dem Munde, rafft
er sich auf, den Gott zu lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt.
Alles Leiden zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden,
unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach neuen
Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so stöhnt er, blutend
zusammenstürzend, schon nach neuen Schlägen. Jeden Blitz, der ihn
trifft, fängt er auf und verwandelt, was ihn verbrennen sollte, in
seelisches Feuer und schöpferische Ekstase.
Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert
das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft. Was Strafe und Prüfung
scheint, wird dem Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen
soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen Schwächeren
zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur die Kraft. Das Jahrhundert,
das gern mit Sinnbildern spielt, gibt eine Probe solcher Doppelwirkung
gleichen Erlebnisses. Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde,
streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von Namen,
Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen Sphäre ihrer Existenz
ins Zuchthaus hinab. Aber der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung
zermalmt wie in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst
geformt wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch sozial
empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, fühlt
sich geschändet durch das bürgerliche Brandmal, und das Furchtbarste an
Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter
Edelmannsleib in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte
Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte Klasse, die Kultur der
Gentlemen, schauert in seinem Grauen vor der physischen Vermengung mit
dem Gemeinen. Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, brennt
dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener Seele, zum
Purgatorium seines Stolzes wird ihm das gleiche schmutzige Bad. Und
in der demütigen Hilfeleistung eines schmierigen Tartaren erlebt er
ekstatisch das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in dem der
Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen unter der Furcht,
sie möchten ihn für ihresgleichen nehmen, Dostojewski leidet nur so
lange, als Diebe und Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern,
denn er fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel, als
Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle und Diamant gleiches
Element, so ist dies Doppelschicksal eines und doch ein anderes für
diese beiden Dichter. Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt,
Dostojewski beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke in
gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte formt. Wilde wird
gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich wehrt, Dostojewski triumphiert
über sein Schicksal durch Liebe zu seinem Schicksal.
Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, solch ein
Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur ein härtestes Schicksal ihm
gemäß war. Denn gerade aus den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er
die höchsten inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm
Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen Auftriebe. Sibirien,
die Katorga, die Epilepsie, die Armut, die Spielwut, die Wollüstigkeit,
all diese Krisen seiner Existenz werden durch eine dämonische
Umwertungskraft fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre
kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke, zwischen
den Gefahren schlagender Wetter, tief unter der spaziergängerischen
Fläche des gesicherten Lebens, so gewinnt der Künstler seine
flammendsten Wahrheiten, seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den
gefährlichsten Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen eine
Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine Errungenschaft
ohnegleichen, weil Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine
Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie.
Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft über einen
siechen, gebrestigen Körper. Vergessen wir nicht, daß Dostojewski ein
Kranker war, daß dieses eherne unvergängliche Werk aus geborstenen
hinfälligen Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven
gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes Leiden
gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes Sinnbild des Todes: die
Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker die ganzen dreißig Jahre seiner
Künstlerschaft. Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im
Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des »würgenden Dämons« um seine
Kehle und schmettert ihn so jäh, Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß
der überraschte Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind
spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften psychischen
Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, zum Blitz wird aber »die
heilige Krankheit« erst im Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die
ungeheuere Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie jedes
Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die Körpernot Dostojewski
treu bis in die letzte Stunde. Seltsam aber: niemals lehnt sich der
Gemarterte mit einem Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über
sein Gebrechen wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über seinen
verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, ja nirgends ist
bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen Heilung gesucht habe. Getrost
darf man das Unwahrscheinliche als gewiß nehmen, daß er mit jener
unendlichen Amor fati diese seine Krankheit liebte, als Schicksal
liebte wie jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters
bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird Herr seines Leidens,
indem er es belauscht. Die äußerste Gefahr seines Lebens, die
Epilepsie, er verwandelt sie in ein höchstes Geheimnis seiner Kunst:
eine nie gekannte geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen
Zuständen, die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls
gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur ist hier der
Tod mitten im Leben erlebt und in dieser einen Sekunde vor dem
jedesmaligen Sterben, die stärkste, berauschendste Essenz des Seins,
die pathologisch gesteigerte Anspannung des »Sichselbstempfindens«.
Wie ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer wieder seinen
intensivsten Lebensaugenblick, die Minute am Semenowski-Platz ins Blut
zurück, als sollte er niemals den grausigen Kontrast zwischen dem All
und dem Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt immer
Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus übervoller, gebeugter
Schale die Seele dem Körper aus, schon zittert sie mit gespannten
Flügeln zu Gott empor, schon spürt sie überirdisches Licht auf den
entkörperten Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon
sinkt die Erde, schon tönen die Sphären -- da stürzt ihn der Donner
des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine Leben hinab. Immer wenn
Dostojewski diese eine Minute beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl,
das seine unerhörte Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine
Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick des
Grauens zum Hymnus: »Ihr gesunden Menschen, ihr ahnt nicht,« predigt er
begeistert, »welches Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem
Anfall durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im Paradies
gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte und das Wasser
ausrann, und alle klugen Narrenköpfe behaupten, er sei ein Lügner und
Betrüger. Das ist aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im
Paradies während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an der
er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde Stunden
dauert, aber glaubt mir, alle Freude des Lebens möchte ich nicht dafür
eintauschen.«
In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick über das Einzelne
der Welt hinaus und umfaßt in loderndem Allgefühl die Unendlichkeit.
Aber was er verschweigt, ist die bittere Züchtigung, mit der er jede
dieser krampfhaften Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter
Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende Scherben,
mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen Sinnen stürzt er, ein anderer
Ikarus, in die irdische Nacht zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom
unendlichen Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht,
wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden des Seins, die eben mit
seligen Schwingen Gottes Antlitz umfingen. Dostojewskis Zustand nach
jedem Anfall ist ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen
er sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit
ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, oft zerstoßenen
Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Feder,
mürrisch und niedergeschlagen wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft.
Die Helligkeit des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in
harmonischer Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich der
nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden, der ihn der
Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet, ist zerrissen. Einmal, nach
einem Anfall während der Niederschrift der »Dämonen«, fühlt er mit
Grauen, daß ihm nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der
eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er vergessen. Erst
mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung hinein, treibt die
erschlaffenden Visionen mit drängendem Willen wieder zu voller Glut
auf, bis -- bis ihn eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen
der Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des Todes auf
den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, sind seine letzten, die
gewaltigsten Romane entstanden. Auf der Kippe zwischen Tod und
Wahnsinn, nachtwandlerisch sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig
empor, und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig Auferstandenen
jene dämonische Kraft, das Leben gierig zu umklammern, um ihm sein
Höchstes an Gewalt und Leidenschaft zu entpressen.
Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis dankt Dostojewskis Genie
so viel (Mereschkowski hat die Antithese blendend durchgeführt) als
Tolstoi seiner Gesundheit. Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten
Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden nicht gegeben sind, hat
ihm geheimnisvollen Blick verliehen in die Unterwelt des Gefühles und
die Zwischenreiche der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines
Wesens, dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen des
Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat ihn befähigt,
zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen ihre Metaphysik zu
geben, und voll zu schildern, was sonst das analytische Skalpell der
Wissenschaft nur unvollkommen am abgestorbenen klinischen Fall ertastet.
Wie Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so bringt er,
der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste Beschreibung aus dem Land
der Schatten und Flammen und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten
Schauer seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen Leben
und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das Höchste der Kunst, das
Stendhal einmal formulierte, »d'inventer des sensations inédites«,
Gefühle, die bei uns alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der
kühlen Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, in voller
tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit des Kranken läßt
ihn die letzten Worte der Seele erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt,
die gesteigerte Feinfühligkeit mißt mit stärkstem Ausschlag die
zartesten Vibrationen der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit in
den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische Gabe des zweiten
Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. O wunderbare Verwandlung,
fruchtbar in allen Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt
sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt nur neue
Größe aus neuem Maß. Denn für ihn bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte
des Gefühls, eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den
gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern mit den siedenden
Graden seiner eigenen Phrenesie. Das Maximum an Glück, einem andern ist
es Genuß einer Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer
aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski sind
die Siedepunkte des Empfindens schon im Unerträglichen, im Tödlichen.
Sein Glück ist Spasma, der schäumende Krampf, seine Qual die
Zerschmetterung, der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig
komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine Dauer haben
können, die solche Hitzegrade erreichen, daß kaum eine Sekunde sie in
ihren Händen halten kann und schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben
ständig den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der Normale,
wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere Lust als ein Körper, der
nie die harte Erde ließ. Sein Begriff von Glück meint die Verzückung,
sein Begriff von Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück seiner
Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert
und brennt wie Feuer, es zittert von verhaltenen Tränen und schwült von
Gefahr, es ist ein unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden
mehr als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das den gemeinen
Zustand von dumpfer würgender Angst, von Last und Grauen schon
überbrückt hat, eine eiskalte, beinahe lächelnde Klarheit, eine
teuflische Gier der Bitterkeit, die keine Träne kennt, ein trockenes
kollerndes Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum beinahe
schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles
ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt als
zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits
aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat.
In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, und nur aus
ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das Opfer eines zwiespältigen
Lebens und -- als leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals -- darum
Fanatiker seines Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen
Temperaments entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung dieser
Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose in ihm den
eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander zu Himmel und Hölle:
nie verheilt die klaffende Wunde im brennenden geistigen Fieber des
Schaffens. Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste
Gegensatzprodukt, der größte Dualist der Kunst und vielleicht der
Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen Urwillen seiner
Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte Liebe zum Glücksspiel. Der
Knabe schon ist leidenschaftlicher Kartenspieler, aber erst in Europa
lernt er den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das Rouge et Noir,
das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus so grausam
gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden, die Spielbank in
Monte Carlo sind seine stärksten Ekstasen in Europa: mehr als die
Sixtinische Madonna, die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des
Südens, Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen Nerv. Denn
hier ist Spannung, Entscheidung -- Schwarz oder Rot, gerad oder
ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn oder Verlust -- in eine einzige
Sekunde des rollenden Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener
schmerzhaft-lustvollen Blitzform des springenden Gegensatzes, die
einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, die
Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner fiebrischen Ungeduld
unerträglich, er mag nicht Geld verdienen auf deutsche, auf
»Wurstmacherart«, durch Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt
der Zufall, die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern Schicksals
ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter Herausforderung
bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur der Entscheidungen in eine
einzige Sekunde, die zur Spitze geschärfte Sensation, die ihre glühende
Nadel tief in den Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im
Vorgefühl und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und jener
unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz. Wie das Schicksal mit ihm
spielte, so spielt er nun mit dem Schicksal: er reizt den Zufall zu
künstlichen Spannungen, und gerade wenn er gesichert ist, wirft er
immer mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen Tisch.
Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern aus unerhörtem
»unanständigem«, aus Karamasoffschem Lebensdurst, der alles in den
stärksten Essenzen will, aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit,
aus jenem »Turmgefühl«, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen. Denn
er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das Dämonische des Zufalls,
er liebt in fanatischer Demut die Mächte, die stärker sind als seine
Eigenmacht, und lockt mit ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen
Blitz auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal:
was er einsetzt, ist nicht Geld und immer sein letztes Geld, sondern
damit seine ganze Existenz; was er ihm abgewinnt, ist äußerster
Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl.
Selbst im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach dem
Göttlichen getrunken.
Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede andere über
alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein in das Laster trieb.
Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit waren diesem Titanentemperament
fremd: Ȇberall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich die Grenze
überschritten.« Und dies, Grenzen zu überschreiten, ist künstlerisch
seine Größe wie menschlich seine Gefahr: er macht nicht halt vor den
Zäunen der bürgerlichen Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie
weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat, wieviel von
den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst Tat
geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, doch wohl das Geringere nur. Als
Kind hat er betrogen im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr
Marmeladow in »Schuld und Sühne« aus Gier nach Branntwein die Strümpfe
seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen Geld und ein Kleid
aus dem Schrank, um es im Roulett zu verspielen. Wie weit seine
sinnlichen Ausschweifungen aus den »Kellerjahren« ins Perverse
hinüberzittern, wieviel von den »Spinnen der Wollust« Swidrigailow,
Stawrogin und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen
Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. Seine
Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln jedenfalls in der
geheimnisvollen Kontrastgier von Verderbtheit und Unschuld, aber es ist
nicht wesenhaft, diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind)
zu erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem Heiland, dem
Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow der Gegenspieler des
Wollüstlings, des überreizten Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im
Blute verschwistert war.
Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit
Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht im linden Sinn
Goethes, der einst in dem berühmten Worte sagte, daß er die Anlagen zu
allen Schändlichkeiten und Verbrechen lebendig in sich empfände. Denn
Goethes ganze gewaltige Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige,
ungeheuere Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime in sich
auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine höchste Sehnsucht
ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung des Blutes, die ruhevolle
Schwebe der Kräfte. Er verschneidet die Sinnlichkeit in sich, er rottet
unter stärksten Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime
allmählich um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem Gemeinen
auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski aber, leidenschaftlich
in seinem Dualismus wie in allem, was ihm vom Leben zugefallen, will
nicht empor zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine
Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie auseinander zu
Gott und Teufel und hat dazwischen die Welt. Er will unendliches Leben.
Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des
Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das Schlechte, das
Gefährliche und das Fördernde, muß empor, alles wird an seiner tropischen
Leidenschaft Blüte und Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern,
ungehemmt seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins Leben
jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das Spiel, seine Bosheit
und selbst die Wollust, weil sie eine Metaphysik des Fleisches ist,
ein Wille des Genusses ins Unendliche hinein. Goethe will zum
Antikisch-Apollinischen, Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht
Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch sein. Seine
Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf
Intensität. Richtig leben heißt für ihn: stark leben und alles leben,
beides zugleich, das Gute und das Schlechte, und beides in seinen
stärksten, berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie eine Norm
gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben ihm steht Tolstoi inmitten
seines Werkes beunruhigt auf, hält inne, läßt die Kunst und quält sich
ein Leben lang, was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch.
Tolstois Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet, das
Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein Schicksal. Er handelt
nicht zweckmäßig, nicht bewußt, er prüft sich nicht, er verstärkt sich
nur. Tolstoi klagt sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke.
Dostojewski schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, als alle
Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich nicht beurteilen, nicht
verändern, nicht verbessern, nur immer eines: sich verstärken. Gegen das
Böse, gegen das Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand,
im Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert seine
Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut. Kindlich wäre es
darum, das Dämonische seines Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen
so nahe verschwistert ist), ihn moralisch zu »entschuldigen« und für die
kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten, was die elementare
Schönheit des Maßlosen hat.
Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten aus der »Jugend«,
den Stawrogin der »Dämonen«, den Swidrigailow des »Raskolnikoff«, diese
Fanatiker des Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese
wissenden Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die niedrigsten
Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt, denn eine geistige Liebe zur
Ausschweifung ist vonnöten, um diesen Gestalten ihre grausame Realität
zu geben. Seine unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem
doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit, wo sie in den
Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu ihren feinsten geistigen
Abstiegen, wo sie zur Bosheit, zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie
unter allen ihren Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre
Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo die Liebe
fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft und
stürzende Träne. All diese geheimnisvollen Essenzen waren in ihm und
nicht nur in flüchtigen chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften
Dichter, sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller
Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne ist jede Ausschweifung
bei ihm geschildert und vieles wohl mit Lust erlebt. Damit meine ich
aber nicht (Blutfremde mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein
Wüstling war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann.
Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein Leibeigener des
Triebes, Sklave einer herrischen geistigen und körperlichen Neugier,
die ihn mit Ruten ins Gefährliche hineinpeitschte, ins Dornendickicht
der abseitigen Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen,
sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, das immer
wieder und wieder Empfindenwollen der geheimnisvollen gewitterigen
Schwüle der Epilepsie, Konzentration des Gefühles in ein paar gespannte
Sekunden gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz in die
Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von Gefahr, das Spiel der
Nerven, dies Naturhafte innerhalb des eigenen Körpers, er sucht in
einer seltsamen Mischung von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust
das Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung die Unschuld,
im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis Sinnlichkeit ist ein Labyrinth,
in dem sich alle Wege verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich
in einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das Symbol der
Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der Heilige gerade der Sohn
Fedors, der grausamen »Spinne der Wollust« ist. Wollust zeugt die
Reinheit, das Verbrechen die Größe, Lust das Leiden und das Leiden
wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen Himmel und
Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine Welt.
Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges
Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges
Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben
weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm
Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das
grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig
mystische Leben geliebt. Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit.
Nie wollte er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich
selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie inneren
und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten der Sensation,
Entzündungen des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Guten und des
Bösen, jede Leidenschaft, jedes Laster hat er aufgesteigert durch
Begeisterung und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem
wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als Einsatz an das
leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn nur im Rollen von Schwarz und
Rot, Tod oder Leben, spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner
Existenz. »Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder
hinausführen«, ist mit Goethe seine Antwort an die Natur. »Corriger la
fortune«, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, abzuschwächen, fällt
ihm nicht bei. Nie sucht er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe,
nur Steigerung des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein
Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, sondern
die höchste Summe des Gefühls. Er will nicht wie Goethe zum Kristall
erstarren, kalt mit hundert Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern
Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich
sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter
Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern,
sondern das Leben fühlen. Nicht der Herr sein, sondern der fanatische
Leibeigene seines Schicksals. Und nur so, als der »Gottesknecht«, der
Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden.
Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an das Schicksal
zurückgegeben: dadurch wird sein Leben gewaltig über die zufällige
Zeit. Er ist der dämonische Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in
seiner Gestalt ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht unserer
Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte Dichter mystischer
Zeiten, der Seher, der große Rasende, der Schicksalsmensch. Etwas
Urzeitliches und Heroisches liegt in dieser titanischen Gestalt.
Steigen die anderen literarischen Werke wie beblümte Berge aus den
Niederungen der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar noch, aber
schon gesänftigt in Dauer und zugänglich selbst in ihren Höhen, wo sie
mit weißer Schneekrone ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe
seiner Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares
Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen Brust reicht Glut bis
zum untersten feurig-flüssigen Kern unserer Welt: hier sind noch
Zusammenhänge mit aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der
Urkraft, und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk die
geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit.