»Non vi si pensa quanto sangue costa.«
Dante
Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck und der zweite dann
Größe. Auch sein Schicksal scheint anfangs dem flüchtigen Blick so
grausam und gemein, wie sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst
empfindet man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen
Instrumenten der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen
Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem Alter die Süße
weg, die Säge des körperlichen Schmerzes knirscht in sein Gebein, die
Schraube der Entbehrung wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die
brennenden Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch seine
Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich seine
Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine Marter vergessen. Eine
sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige Feindseligkeit scheint dies
Schicksal vorerst. Rückschauend nur begreift man, daß es sich so hart
zum Hammer geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß es
gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein. Denn nichts mißt es
dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends ähnelt sein Lebensgang dem gut
gepflasterten breiten Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten
Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes
Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. Alttestamentarisch,
heroisch und in nichts neuzeitlich und bürgerlich ist Dostojewskis
Schicksal. Ewig muß er mit dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen
Gott empören und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn sicher
werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren, der ihn straft, weil
er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er rasten im Glück, damit sein Weg
bis ins Unendliche gehe. Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals
schon innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie alle
anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber immer wieder reckt
sich die gewaltige Hand und stößt ihn ins Dickicht zurück, in die
brennenden Dornen. Schleudert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in
tiefere Abgründe hinabzustürzen, ihn die ganze Weite der Ekstase und
Verzweiflung zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo
andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in Schlünde
des Leidens, wo alle andern zerschellen in Schmerz: und eben wie
Hiob zerschmettert es ihn immer in den Augenblicken der höchsten
Sicherheiten, nimmt ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und
schändet ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit Gott
zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung und seine
unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen sei. Es ist, als hätte
sich diese Zeit lauer Menschen gerade diesen einen aufgespart, um
zu zeigen, welche titanischen Maße in Lust und Qual auch unserer Welt
noch möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen
Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt er sich gegen sein
Schicksal, niemals hebt er die Faust. Der Körper, der wunde, bäumt sich
konvulsivisch in Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal wie
Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, zwingt die
Revolte nieder. Der mystisch Wissende in Dostojewski spürt das Heilige
dieser Hand, den tragisch fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem
Leid wird Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner Qual
umflammt er seine Zeit, seine Welt.
Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt es ihn nieder. Früh
schon atzt es ihn mit der süßen Speise des Ruhms: sein erstes Buch
schenkt ihm einen Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und
schleudert ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die
Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker und mutiger,
empor: seine Memoiren aus dem Totenhause reißen Rußland in einen
Taumel. Der Zar selbst netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische
Jugend steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift, seine
Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane entstehen. Da bricht im
Wettersturz seine materielle Existenz zusammen, Schulden und Sorgen
peitschen ihn aus dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein
Nomade, irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. Aber
zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, taucht er aus
den grauen Gewässern namenloser Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis
bezeugt ihn als den ersten Dichter, den Propheten seines Landes.
Unauslöschlich ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn die
eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung seines ganzen
Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen Sarg. Das Schicksal bedarf seiner
nicht mehr, der grausam weise Wille hat alles erreicht, aus seiner
Existenz das Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es nun
die leere Hülse des Körpers hin.
Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis Leben zum
Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. Und in wundervoller Symbolik
nimmt sein künstlerisches Werk die typische Form des eigenen Schicksals
an. Es gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge,
wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und zu erklären sind.
Schon der Anbeginn seines Lebens ist Symbol: Fedor Michailowitsch
Dostojewski wird im Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so
schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im Abseits, im
Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens und doch mitten im
menschlichen Schicksal, nachbarlich von Leiden, Schmerz und Tod.
Niemals bis zum letzten Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in
einer Winkelwohnung des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung
entronnen, alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines Lebens
bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung im Armenhaus
des Lebens. Sein Vater, Militärarzt wie der Schillers, ist adliger
Abstammung, seine Mutter aus Bauernblut: beide Quellen des russischen
Volkstums strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen,
strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit zur
Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in einem engen Verschlag, den
er mit seinem Bruder teilt, hat er die ersten Jahre seines Lebens
verbracht. Die ersten Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit,
denn dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen. Niemals
hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis Schweigen war immer Scham
oder stolze Angst vor fremdem Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort
in seiner Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd
aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. Und doch
meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in die brennenden Augen der
Kindergestalten, die er schuf. Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif,
phantasievoll bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren
Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen und knabenhaften
Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen und »für die ganze
Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er
kelchvoll gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst,
sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des betrunkenen
Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten und den Jammer der
Entbehrungen, aber doch immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu
verteidigen.
Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt vortritt, ist die
Kindheit schon weggelöscht. In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten,
das Asyl der Vernachlässigten ist er geflohen, in die bunte und
gefährliche Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem
Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für Nacht -- schon damals
trieb er, der Unersättliche, jede Neigung bis zum Laster empor --, und
diese phantastische Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit.
Voll stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins
Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und Eis zugleich, ein
Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine Leidenschaft tappt wirr
umher, geht in diesen »Kellerjahren« alle dunklen Wege der Ausschweifung,
aber immer einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem Glück
und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, nur um der paar Rubel
willen, geht er zum Militär: auch dort findet er keinen Freund. Ein paar
dumpfe Jünglingsjahre kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt er
in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, sinnend, mit allen
geheimen Lastern des Denkens und der Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch
keinen Weg, er lauscht auf sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er
spürt sie mit Wollust und Grauen tief unten gären, er liebt sie und
fürchtet sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden nicht
zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem schwarzen, formlosen
Puppenstand von Einsamkeit und Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an,
eine mystische Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor
sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in der eigenen Brust.
In den Nächten übersetzt er, um seinen verwirrten Finanzen aufzuhelfen
(sein Geld zerfloß, typisch genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in
Almosen und Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers Don
Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen sich langsam eigene
Formen, und endlich reift aus diesem vernebelten traumhaften Zustand von
Angst und Ekstase sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman »Arme
Leute«.
1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte Menschenstudie
geschrieben, er, der Einsamste, »mit leidenschaftlicher Glut, ja fast
unter Tränen«. Seine tiefste Demütigung, die Armut, hat es gezeugt,
seine höchste Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es
gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen Blätter. Er ahnt
darin eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung, und nur mühsam
entschließt er sich, Nekrasoff, dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung
anzuvertrauen. Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam grüblerisch sitzt
er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe verqualmt. Plötzlich um vier
Uhr morgens wird heftig an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem
erstaunt Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt ihn und
jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam das Manuskript
gelesen, die ganze Nacht gehorcht, gejubelt und geweint, und am Ende
hielt es beide nicht: sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste
Lebenssekunde, diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den
hellen Morgen tauschen die Freunde Glück und Ekstase in heißen Worten.
Dann eilt Nekrasoff zu Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands.
»Ein neuer Gogol ist erstanden«, ruft er schon an der Türe, das
Manuskript wie eine Fahne schwingend. »Bei euch wachsen die Gogols wie
die Pilze«, brummt der Mißtrauische, durch so viel Begeisterung
verärgert. Aber als Dostojewski ihn am nächsten Tag besucht, ist er
verwandelt. »Ja, begreifen Sie denn selbst, was Sie da geschaffen
haben«, schreit er voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an.
Grauen überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen
plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe hinab, an der
Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum erstenmal fühlt er und wagt
doch nicht, es zu glauben, daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm
das Herz auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das »Große«, von
dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit, das Leiden für
die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung, Stolz und Demut schwanken
wirr durch seine Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll.
Trunken taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen sich
Glück und Schmerz.
So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung zum Dichter. Auch
hier ahmt die Form seines Lebens die seiner Werke geheimnisvoll nach.
Hier wie dort haben die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik
eines Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives,
und nur die innere Größe und Wahrheit reißt sie empor zum Grandiosen.
In Dostojewskis Leben ist oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es
zur Tragödie. Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne Sekunden,
ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert, mit zehn oder
zwanzig solcher Sekunden der Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes
Schicksal fixiert. Epileptische Ausbrüche des Lebens -- eine Sekunde
Ekstase und ohnmächtiger Zusammenbruch -- könnte man sie nennen.
Hinter jeder Ekstase steht schon drohend die graue Dämmerung des
erschlaffenden Gefühls, und aus langem Gewölk ballt sich behutsam
der neue mörderische Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt
durch Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit vielen
hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung. Der Ruhm,
dieser funkelnde Reif, den ihm Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt
drückt, ist auch gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an
der Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel der Arbeit
schleppt. Die »Hellen Nächte«, sein erstes Buch, bleibt auch das
letzte, das er als freier Mann einzig um der schöpferischen Freude
willen schuf. Dichten besagt für ihn von nun ab auch: erwerben,
zurückerstatten, abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist
vor der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch ungeborene
Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft. Für immer ist er jetzt in
das Bagno der Literatur gemauert, ein Leben lang gellen die verzweifelten
Schreie des Eingesperrten nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine
Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der ersten Lust. Ein
paar Novellen sind rasch vollendet, und schon plant er einen neuen
Roman.
Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will nicht, sein wachsamer
Dämon, daß ihm das Leben zu leicht werde. Und damit er es erkennen
lerne in allen seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine
Prüfung.
Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, Dostojewski öffnet
erstaunt, aber diesmal ists nicht die Stimme des Lebens, ein jubelnder
Freund, Botschaft des Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und
Kosaken dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, seine
Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in einer Zelle der
Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen zu ahnen, dessen man ihn
beschuldigt: Teilnahme an den Diskussionen einiger aufgeregter Freunde,
die man übertrieben die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat,
ist sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis.
Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder zur härtesten Strafe,
zum Tode durch Pulver und Blei.
Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, die engste und
reichste seiner Existenz, eine unendliche Sekunde, in der sich Tod und
Leben die Lippen reichen zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er
mit neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd ihm
umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und die Augen verbunden.
Er hört sein Todesurteil lesen und die Trommeln knattern -- sein ganzes
Schicksal ist zusammengepreßt in eine Handvoll Erwartung, unendliche
Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges Molekül Zeit. Da
hebt der Offizier die Hand, winkt mit dem weißen Tuche und verliest die
Begnadigung, das Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd.
In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus seinem ersten
jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen fünfzehnhundert eichene Pfähle
seinen ganzen Horizont. An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag
um Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine Genossen
sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit Alabasterschleifen,
Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die Bibel wird das einzig verstattete
Buch, ein räudiger Hund und ein flügellahmer Adler seine einzigen
Freunde. Vier Jahre weilt er im »Totenhaus«, in der Unterwelt, Schatten
zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm dann die Kette
von den wunden Füßen abschmieden und die Pfähle hinter ihm liegen, eine
braune morsche Mauer, ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört,
sein Ruhm zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust
bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt aus dem
schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers die heiße Flamme der
Ekstase. Ein paar Jahre noch muß er in Sibirien verbleiben, halbfrei
und ohne die Verstattung, eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der
Verbannung, in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene
seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken und eigenartigen,
die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert. Irgendeine dunkle Tragödie
der Aufopferung ist in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und
Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in den »Erniedrigten
und Beleidigten« vermag man den schweigsamen Heroismus dieser
phantastischen Opfertat zu ahnen.
Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine literarischen
Gönner haben ihn fallen gelassen, seine Freunde sich verloren. Aber
mutig und kraftvoll ringt er sich aus der Welle, die ihn niederwarf,
wieder ans Licht. Seine »Erinnerungen aus dem Totenhause«, diese
unvergängliche Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland aus der
Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen entdeckt die ganze
Nation, daß ganz atemnah unter der flachen Schicht ihrer ruhigen Welt
eine andere waltet, ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml
empor schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über dem Buche,
von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. In einem einzigen Jahr ist
sein Ruhm wieder erbaut, höher und dauerhafter als je. Gemeinsam mit
seinem Bruder gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst
fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, der
Politiker, der »Praeceptor Russiae«. Stürmisch tönt der Widerhall, die
Zeitschrift hat weiteste Verbreitung, ein Roman wird vollendet,
heimtückisch, mit vielen blinzelnden Blicken lockt ihn das Glück.
Dostojewskis Schicksal scheint für immer gesichert.
Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem Leben waltet:
Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist ihm noch fremd, die Marter
des Exils und die fressende Angst der täglichen, erbärmlichen
Nahrungssorgen. Sibirien und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung
Rußlands, sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll er noch die
Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte kennen lernen um der urmächtigen
Liebe zum eigenen Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose,
noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der Herold seiner
Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz nieder, eine Sekunde der
Vernichtung: die Zeitschrift wird verboten. Wieder ist es ein
Mißverständnis und gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt,
Wetterschlag auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. Seine
Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig sein bester
Freund und Helfer. Zweier Familien Schulden hängen sich bleiern an ihn
und krümmen sein Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich
verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt, redigiert,
druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre, die Existenz zu
retten, aber das Schicksal ist stärker als er. Wie ein Verbrecher
flüchtet er vor seinen Gläubigern eines Nachts hinaus in die Welt.
Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch das europäische
Exil, jene grauenhafte Abschnürung von Rußland, dem Blutquell seines
Lebens, die ärger seine Seele beengte als die Pfähle der Katorga.
Furchtbar ist es auszudenken, wie der größte russische Dichter, der
Genius seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos,
heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe findet er Herbergen
in kleinen niederen Zimmern, die der Dunst der Armut füllt, der Dämon
der Epilepsie krallt sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel,
Verpflichtungen peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und
Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in sein
Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle Wolken vor. Ein
junges Mädchen, seine Stenographin, war seine zweite Frau geworden,
aber das erste Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung,
die Not des Exils schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das
Purgatorium, der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich, Deutschland,
Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt man sich diese tragische
Existenz zu vergegenwärtigen. Aber immer in Dresden, wenn ich durch die
Straßen gehe, vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus, so
faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen kleinen
sächsischen Krämern und Handlangern, oben im vierten Stock, einsam,
unendlich einsam in dieser fremden Geschäftigkeit. Keiner hat ihn
gekannt in all diesen Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt
Friedrich Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard
Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen sind da,
aber er weiß von ihnen nichts und sie nichts von ihm. Wie ein großes
gefährliches Tier, struppig und in abgetragenen Kleidern, schleicht
er aus seiner Arbeitshöhle scheu auf die Straße, immer den gleichen
Weg, in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um nur
russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, Heimat, den
bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den flüchtigen Atem des
heimischen Wortes. Manchmal setzt er sich, nicht aus Liebe zur Kunst
(ewig blieb er der byzantinische Barbar, der Bilderstürmer), sondern
um sich zu wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen,
die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind, haßt die
Deutschen in Deutschland, die Franzosen in Frankreich. Sein Herz horcht
nach Rußland, nur sein Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden
Welt. Kein Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen,
französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im Bankhaus
kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den Schalter kommt und mit
vor Erregung zitternder Stimme fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus
Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach
in Worten vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. Schon
lachen die Angestellten über den armen Narren und seine ewige Erwartung.
Auch im Pfandleihhaus ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt,
einmal sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach Petersburg
senden zu können, einen jener markerschütternden Schreie, wie sie immer
wieder gellend in seinem Briefe wiederkehren. Das Herz krampft sich
zusammen, liest man die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe
dieses Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen fünfmal
den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die keuchen, heulen und
winseln für eine erbärmliche Handvoll Geld. Die Nächte hindurch arbeitet
er und schreibt, während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während
die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben aus der Kehle zu
pressen, während die Hausfrau mit der Polizei um ihre Miete droht und
die Hebamme um ihre Bezahlung keift -- schreibt er »Raskolnikoff«, den
»Idioten«, die »Dämonen«, den »Spieler«, diese monumentalen Werke des
neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen Gestaltungen unserer ganzen
seelischen Welt. Die Arbeit ist seine Rettung und seine Qual. In ihr
lebt er in Rußland, in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa,
in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine Werke hinein.
Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, sie sind das Spiel,
das seine Nerven, die gepeinigten, zu höchster Lust anspannt. Und
zwischendurch zählt er, wie einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig
die Tage: Heimkehren können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland,
Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber noch darf er
nicht zurück, noch muß er der Namenlose bleiben um des Werkes willen,
der Märtyrer all dieser fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei
und Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen, ehe er aufsteigt
in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. Schon ist sein Körper
ausgehöhlt von den Entbehrungen, immer häufiger schmettern die
Keulenschläge der Krankheit auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt
liegen bleibt, mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft
taumelnd wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre ist
Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden erlebt.
Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick sein Schicksal: Es
ist genug. Gott wendet Hiob wieder sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig
Jahren darf Dostojewski wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben
für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. Rußland blickt
nur mehr auf ihn. Das »Tagebuch eines Schriftstellers« macht ihn zum
Herold seines Volkes, und mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet
er sein Testament an die Zukunft der Nation: »Die Karamasoff«. Und nun
entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den Sinn und schenkt dem
Geprüften eine Sekunde höchsten Glücks, die ihm weisen soll, daß der
Same seines Lebens in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in
einem Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt wie einst
seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein Gott, aber diesmal nicht einen,
der ihn niederschlägt, sondern einen, der ihn wie seine Propheten mit
feurigem Wagen ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins
sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede zu halten.
Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der ein Leben lang ihm den Ruhm
usurpierte, hat den Vorrang und spricht unter lauer und freundlicher
Zustimmung. Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und er
faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. Mit Flammen
der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren Stimme plötzlich wie
ein Gewitter bricht, verkündet er die heilige Mission der russischen
Allversöhnung, wie hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal
erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm die Hände,
ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen, alle anderen Redner
verzichten auf das Wort. Ins Unendliche wächst die Begeisterung und
feurig entbrennt die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone.
Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden Minute die
Erfüllung seiner Mission, den Triumph des Werkes zeigen. Dann wirft es
-- die reine Frucht ist gerettet -- die verdorrte Hülse seines Körpers
hin. Am 10. Februar 1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch
Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann flutets heran, aus
den fernsten Städten reisen gleichzeitig und doch ohne Vereinbarung
Deputationen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der
tausendhäuserigen Stadt schäumt jetzt -- zu spät! zu spät! -- die
ekstatische Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den sie
ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der er aufgebahrt ist,
braust schwarz von Menschen, finstere Massen schwemmen in schauerndem
Schweigen die Stiegen des Arbeiterhauses empor und füllen die engen
Räume bis hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck
verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil hundert Hände sich
einzelne Blüten als kostbare Reliquie mitnehmen. So stickig wird die
Luft des engen Raumes, daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und
verlöschen. Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf Welle
gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt der Sarg und will
hinstürzen: mit den Händen müssen ihn die Witwe, die erschreckten
Kinder aufrecht halten. Der Polizeipräsident will das öffentliche
Leichenbegängnis verbieten, bei dem die Studenten die Ketten des
Sträflings hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es
schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit Waffen sich
die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem Leichenzuge wird plötzlich
Dostojewskis heiliger Traum für eine Stunde zum Geschehnis: das einige
Rußland. Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle Klassen
und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende hinter dem Sarg durch
ihren Schmerz eine einzige Masse; junge Prinzen, prunkvolle Popen,
Arbeiter, die Studenten, Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter
einem wehenden Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer Stimme um
den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn eingesegnet, ist ein
einziger Blumenhain, und vor seinem offenen Grabe vereinigen sich
alle Parteien zu einem Schwur der Liebe und Bewunderung. So schenkt er
seiner Nation mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung
und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei gespannten
Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und wie ein grandioser Salut für den
Toten springt hinter seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die
Revolution. Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der Donner des
Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken das Land: Wie
Beethoven stirbt Dostojewski im heiligen Aufruhr der Elemente, im
Gewitter.