taktfest scholl es herauf: man eröffnete den Tanz mit einer Polonaise.
Tonio Kröger saß noch eine Weile still und lauschte. Als er aber
vernahm, wie das Marschtempo in Walzertakt überging, machte er sich auf
und schlich geräuschlos aus seinem Zimmer.
Von dem Korridor, an dem es gelegen war, konnte man über eine
Nebentreppe zu dem Seiteneingang des Hotels und von dort, ohne ein
Zimmer zu berühren, in die Glasveranda gelangen. Diesen Weg nahm er,
leise und verstohlen, als befinde er sich auf verbotenen Pfaden, tastete
sich behutsam durch das Dunkel, unwiderstehlich angezogen von dieser
dummen und selig wiegenden Musik, deren Klänge schon klar und ungedämpft
zu ihm drangen.
Die Veranda war leer und unerleuchtet, aber die Glastür zum Saale, wo
die beiden großen, mit blanken Reflektoren versehenen Petroleumlampen
hell erstrahlten, stand geöffnet. Dorthin schlich er sich auf leisen
Sohlen, und der diebische Genuß, hier im Dunkeln stehen und ungesehen
Die belauschen zu dürfen, die im Lichte tanzten, verursachte ein
Prickeln in seiner Haut. Hastig und begierig sandte er seine Blicke nach
den beiden aus, die er suchte ...
Die Fröhlichkeit des Festes schien schon ganz frei entfaltet, obgleich
es kaum seit einer halben Stunde eröffnet war; aber man war ja bereits
warm und angeregt hierhergekommen, nachdem man den ganzen Tag
miteinander verbracht, sorglos, gemeinsam und glücklich. Im
Klavierzimmer, das Tonio Kröger überblicken konnte, wenn er sich ein
wenig weiter vorwagte, hatten sich mehrere ältere Herren rauchend und
trinkend beim Kartenspiel vereinigt; aber andere saßen bei ihren
Gattinnen im Vordergrunde auf den Plüschstühlen und an den Wänden des
Saales und sahen dem Tanze zu. Sie hielten die Hände auf die gespreizten
Knie gestützt und bliesen mit einem wohlhabenden Ausdruck die Wangen
auf, indes die Mütter, Kapotthütchen auf den Scheiteln, die Hände unter
der Brust zusammenlegten und mit seitwärts geneigten Köpfen in das
Getümmel der jungen Leute schauten. Ein Podium war an der einen
Längswand des Saales errichtet worden, und dort taten die Musikanten ihr
Bestes. Sogar eine Trompete war da, welche mit einer gewissen zögernden
Behutsamkeit blies, als fürchtete sie sich vor ihrer eigenen Stimme, die
sich dennoch beständig brach und überschlug ... Wogend und kreisend
bewegten sich die Paare umeinander, indes andere Arm in Arm den Saal
umwandelten. Man war nicht ballmäßig gekleidet, sondern nur wie an einem
Sommersonntag, den man im Freien verbringt: die Kavaliere in
kleinstädtisch geschnittenen Anzügen, denen man ansah, daß sie die ganze
Woche geschont wurden, und die jungen Mädchen in lichten und leichten
Kleidern mit Feldblumensträußchen an den Miedern. Auch ein paar Kinder
waren im Saale und tanzten untereinander auf ihre Art, sogar wenn die
Musik pausierte. Ein langbeiniger Mensch in schwalbenschwanzförmigem
Röckchen, ein Provinzlöwe mit Augenglas und gebranntem Haupthaar,
Postadjunkt oder dergleichen und wie die fleischgewordene komische Figur
aus einem dänischen Roman, schien Festordner und Kommandeur des Balles
zu sein. Eilfertig, transpirierend und mit ganzer Seele bei der Sache,
war er überall zugleich, schwänzelte übergeschäftig durch den Saal,
indem er kunstvoll mit den Zehenspitzen zuerst auftrat und die Füße, die
in glatten und spitzen Militärstiefeletten steckten, auf eine verzwickte
Art kreuzweis übereinander setzte, schwang die Arme in der Luft, traf
Anordnungen, rief nach Musik, klatschte in die Hände, und bei all dem
flogen die Bänder der großen, bunten Schleife, die als Zeichen seiner
Würde auf seiner Schulter befestigt war und nach der er manchmal
liebevoll den Kopf drehte, flatternd hinter ihm drein.
Ja, sie waren da, die beiden, die heute im Sonnenlicht an Tonio Kröger
vorübergezogen waren, er sah sie wieder und erschrak vor Freude, als er
sie fast gleichzeitig gewahrte. Hier stand Hans Hansen, ganz nahe bei
ihm, dicht an der Tür; breitbeinig und ein wenig vorgebeugt, verzehrte
er bedächtig ein großes Stück Sandtorte, wobei er die hohle Hand unters
Kinn hielt, um die Krümel aufzufangen. Und dort an der Wand saß Ingeborg
Holm, die blonde Inge, und eben schwänzelte der Adjunkt auf sie zu, um
sie durch eine ausgesuchte Verbeugung zum Tanze aufzufordern, wobei er
die eine Hand auf den Rücken legte und die andere graziös in den Busen
schob; aber sie schüttelte den Kopf und deutete an, daß sie zu atemlos
sei und ein wenig ruhen müsse, worauf der Adjunkt sich neben sie setzte.
Tonio Kröger sah sie an, die beiden, um die er vor Zeiten Liebe gelitten
hatte, -- Hans und Ingeborg. Sie waren es nicht so sehr vermöge
einzelner Merkmale und der Ähnlichkeit der Kleidung, als kraft der
Gleichheit der Rasse und des Typus, dieser lichten, stahlblauäugigen und
blondhaarigen Art, die eine Vorstellung von Reinheit, Ungetrübtheit,
Heiterkeit und einer zugleich stolzen und schlichten, unberührbaren
Sprödigkeit hervorrief ... Er sah sie an, sah, wie Hans Hansen so keck
und wohlgestaltet wie nur jemals, breit in den Schultern und schmal in
den Hüften, in seinem Matrosenanzug dastand, sah, wie Ingeborg auf eine
gewisse übermütige Art lachend den Kopf zur Seite warf, auf eine gewisse
Art ihre Hand, eine gar nicht besonders schmale, gar nicht besonders
feine Klein-Mädchenhand, zum Hinterkopfe führte, wobei der leichte Ärmel
von ihrem Ellenbogen zurückglitt, -- und plötzlich erschütterte das
Heimweh seine Brust mit einem solchen Schmerz, daß er unwillkürlich
weiter ins Dunkel zurückwich, damit niemand das Zucken seines Gesichtes
sähe.
Hatte ich euch vergessen? fragte er. Nein, niemals! Nicht dich, Hans,
noch dich, blonde Inge! Ihr wart es ja, für die ich arbeitete, und wenn
ich Applaus vernahm, blickte ich heimlich um mich, ob ihr daran
teilhättet ... Hast du nun den Don Carlos gelesen, Hans Hansen, wie du
es mir an eurer Gartenpforte versprachst? Tu's nicht! ich verlange es
nicht mehr von dir. Was geht dich der König an, der weint, weil er
einsam ist? Du sollst deine hellen Augen nicht trüb und traumblöde
machen vom Starren in Verse und Melancholie ... Zu sein wie du! Noch
einmal anfangen, aufwachsen gleich dir, rechtschaffen, fröhlich und
schlicht, regelrecht, ordnungsgemäß und im Einverständnis mit Gott und
der Welt, geliebt werden von den Harmlosen und Glücklichen, dich zum
Weibe nehmen, Ingeborg Holm, und einen Sohn haben wie du, Hans Hansen,
-- frei vom Fluch der Erkenntnis und der schöpferischen Qual leben,
lieben und loben in seliger Gewöhnlichkeit!... Noch einmal anfangen?
Aber es hülfe nichts. Es würde wieder so werden, -- alles würde wieder
so kommen, wie es gekommen ist. Denn Etliche gehen mit Notwendigkeit in
die Irre, weil es einen rechten Weg für sie überhaupt nicht gibt.
Nun schwieg die Musik; es war Pause, und Erfrischungen wurden gereicht.
Der Adjunkt eilte persönlich mit einem Teebrett voll Heringssalat umher
und bediente die Damen: aber vor Ingeborg Holm ließ er sich sogar auf
ein Knie nieder, als er ihr das Schälchen reichte, und sie errötete vor
Freude darüber.
Man begann jetzt dennoch im Saale auf den Zuschauer unter der Glastür
aufmerksam zu werden, und aus hübschen, erhitzten Gesichtern trafen ihn
fremde und forschende Blicke; aber er behauptete trotzdem seinen Platz.
Auch Ingeborg und Hans streiften ihn beinahe gleichzeitig mit den Augen,
mit jener vollkommenen Gleichgültigkeit, die fast das Ansehen der
Verachtung hat. Plötzlich jedoch ward er sich bewußt, daß von
irgendwoher ein Blick zu ihm drang und auf ihm ruhte ... Er wandte den
Kopf, und sofort trafen seine Augen mit denen zusammen, deren Berührung
er empfunden hatte. Ein Mädchen stand nicht weit von ihm, mit blassem,
schmalem und feinem Gesicht, das er schon früher bemerkt hatte. Sie
hatte nicht viel getanzt, die Kavaliere hatten sich nicht sonderlich um
sie bemüht, und er hatte sie einsam mit herb geschlossenen Lippen an der
Wand sitzen sehen. Auch jetzt stand sie allein. Sie war hell und duftig
gekleidet, wie die anderen, aber unter dem durchsichtigen Stoff ihres
Kleides schimmerten ihre bloßen Schultern spitz und dürftig, und der
magere Hals stak so tief zwischen diesen armseligen Schultern, daß das
stille Mädchen fast ein wenig verwachsen erschien. Ihre Hände, mit
dünnen Halbhandschuhen bekleidet, hielt sie so vor der flachen Brust,
daß die Fingerspitzen sich sacht berührten. Gesenkten Kopfes blickte sie
Tonio Kröger von unten herauf mit schwarzen, schwimmenden Augen an. Er
wandte sich ab ...
Hier, ganz nahe bei ihm, saßen Hans und Ingeborg. Er hatte sich zu ihr
gesetzt, die vielleicht seine Schwester war, und umgeben von anderen
rotwangigen Menschenkindern aßen und tranken sie, schwatzten und
vergnügten sich, riefen sich mit klingenden Stimmen Neckereien zu und
lachten hell in die Luft. Konnte er sich ihnen nicht ein wenig nähern?
Nicht an ihn oder sie ein Scherzwort richten, das ihm einfiel und das
sie ihm wenigstens mit einem Lächeln beantworten mußten? Es würde ihn
beglücken, er sehnte sich danach; er würde dann zufriedener in sein
Zimmer zurückkehren, mit dem Bewußtsein, eine kleine Gemeinschaft mit
den beiden hergestellt zu haben. Er dachte sich aus, was er sagen
könnte; aber er fand nicht den Mut, es zu sagen. Auch war es ja wie
immer: sie würden ihn nicht verstehen, würden befremdet auf das horchen,
was er zu sagen vermöchte. Denn ihre Sprache war nicht seine Sprache.
Nun schien der Tanz aufs neue beginnen zu sollen. Der Adjunkt entfaltete
eine umfassende Tätigkeit. Er eilte umher und forderte alle Welt zum
Engagieren auf, räumte mit Hilfe des Kellners Stühle und Gläser aus dem
Wege, erteilte den Musikern Befehle und schob einzelne Täppische, die
nicht wußten wohin, an den Schultern vor sich her. Was hatte man vor? Je
vier und vier Paare bildeten Karrees ... Eine schreckliche Erinnerung
machte Tonio Kröger erröten. Man tanzte Quadrille.
Die Musik setzte ein, und die Paare schritten unter Verbeugungen
durcheinander. Der Adjunkt kommandierte; er kommandierte, bei Gott, auf
Französisch und brachte die Nasallaute auf unvergleichlich distingierte
Art hervor. Ingeborg Holm tanzte dicht vor Tonio Kröger, in dem Karree,
das sich unmittelbar an der Glastür befand. Sie bewegte sich vor ihm hin
und her, vorwärts und rückwärts, schreitend und drehend; ein Duft, der
von ihrem Haar oder dem zarten Stoff ihres Kleides ausging, berührte ihn
manchmal, und er schloß die Augen in einem Gefühl, das ihm von je so
wohl bekannt gewesen, dessen Arom und herben Reiz er in all diesen
letzten Tagen leise verspürt hatte und das ihn nun wieder ganz mit
seiner süßen Drangsal erfüllte. Was war es doch? Sehnsucht,
Zärtlichkeit? Neid? Selbstverachtung?... _Moulinet des dames!_ Lachtest
du, blonde Inge, lachtest du mich aus, als ich _moulinet_ tanzte und
mich so jämmerlich blamierte? Und würdest du auch heute noch lachen, nun
da ich doch so etwas wie ein berühmter Mann geworden bin? Ja, das
würdest du und würdest dreimal recht daran tun! Und wenn ich, ich ganz
allein, die neun Symphonien, die Welt als Wille und Vorstellung und das
Jüngste Gericht vollbracht hätte, -- du würdest ewig recht haben zu
lachen ... Er sah sie an, und eine Verszeile fiel ihm ein, deren er sich
lange nicht erinnert hatte und die ihm doch so vertraut und verwandt
war: »Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.« Er kannte sie so gut,
die melancholisch-nordische, innig-ungeschickte Schwerfälligkeit der
Empfindung, die daraus sprach. Schlafen ... Sich danach sehnen, einfach
und völlig dem Gefühle leben zu dürfen, das ohne die Verpflichtung, zur
Tat und zum Tanz zu werden, süß und träge in sich selber ruht, -- und
dennoch tanzen, behend und geistesgegenwärtig den schweren, schweren und
gefährlichen Messertanz der Kunst vollführen zu müssen, ohne je ganz des
demütigenden Widersinnes zu vergessen, der darin lag, tanzen zu müssen,
indes man liebte ...
Auf einmal geriet das Ganze in eine tolle und ausgelassene Bewegung. Die
Karrees hatten sich aufgelöst, und springend und gleitend stob alles
umher: man beschloß die Quadrille mit einem Galopp. Die Paare flogen zum
rasenden Eiltakt der Musik an Tonio Kröger vorüber, schassierend,
hastend, einander überholend, mit kurzem, atemlosem Gelächter. Eines kam
daher, mitgerissen von der allgemeinen Jagd, kreisend und vorwärts
sausend. Das Mädchen hatte ein blasses feines Gesicht und magere, zu
hohe Schultern. Und plötzlich, dicht vor ihm, entstand ein Stolpern,
Rutschen und Stürzen ... Das blasse Mädchen fiel hin. Sie fiel so hart
und heftig, daß es fast gefährlich aussah, und mit ihr der Kavalier.
Dieser mußte sich so gröblich weh getan haben, daß er seiner Tänzerin
ganz vergaß, denn, nur halbwegs aufgerichtet, begann er unter Grimassen
seine Knie mit den Händen zu reiben; und das Mädchen, scheinbar ganz
betäubt vom Falle, lag noch immer am Boden. Da trat Tonio Kröger vor,
faßte sie sacht an den Armen und hob sie auf. Abgehetzt, verwirrt und
unglücklich sah sie zu ihm empor, und plötzlich färbte ihr zartes
Gesicht sich mit einer matten Röte.
»_Tak! O, mange Tak!_« sagte sie und sah ihn von unten herauf mit
dunklen, schwimmenden Augen an.
»Sie sollten nicht mehr tanzen, Fräulein,« sagte er sanft. Dann blickte
er sich noch einmal nach =ihnen= um, nach Hans und Ingeborg, und ging
fort, verließ die Veranda und den Ball und ging in sein Zimmer hinauf.
Er war berauscht von dem Feste, an dem er nicht teil gehabt, und müde
von Eifersucht. Wie früher, ganz wie früher war es gewesen! Mit
erhitztem Gesicht hatte er an dunkler Stelle gestanden, in Schmerzen um
euch, ihr Blonden, Lebendigen, Glücklichen, und war dann einsam
hinweggegangen. Jemand müßte nun kommen! Ingeborg müßte nun kommen,
müßte bemerken, daß er fort war, müßte ihm heimlich folgen, ihm die Hand
auf die Schulter legen und sagen: Komm herein zu uns! Sei froh! Ich
liebe dich!... Aber sie kam keineswegs. Dergleichen geschah nicht. Ja,
wie damals war es, und er war glücklich wie damals. Denn sein Herz
lebte. Was aber war gewesen während all der Zeit, in der er das
geworden, was er nun war? -- Erstarrung; Öde; Eis; und Geist! Und
Kunst!...
Er entkleidete sich, legte sich zur Ruhe, löschte das Licht. Er
flüsterte zwei Namen in das Kissen hinein, diese paar keuschen,
nordischen Silben, die ihm seine eigentliche und ursprüngliche Liebes-,
Leides- und Glücksart, das Leben, das simple und innige Gefühl, die
Heimat bezeichneten. Er blickte zurück auf die Jahre seit damals bis auf
diesen Tag. Er gedachte der wüsten Abenteuer der Sinne, der Nerven und
des Gedankens, die er durchlebt, sah sich zerfressen von Ironie und
Geist, verödet und gelähmt von Erkenntnis, halb aufgerieben von den
Fiebern und Frösten des Schaffens, haltlos und unter Gewissensnöten
zwischen krassen Extremen, zwischen Heiligkeit und Brunst hin- und
hergeworfen, raffiniert, verarmt, erschöpft von kalten und künstlich
erlesenen Exaltationen, verirrt, verwüstet, zermartert, krank -- und
schluchzte vor Reue und Heimweh.
Um ihn war es still und dunkel. Aber von unten tönte gedämpft und
wiegend des Lebens süßer, trivialer Dreitakt zu ihm herauf.
9.
Tonio Kröger saß im Norden und schrieb an Lisaweta Iwanowna, seine
Freundin, wie er es ihr versprochen hatte.
Liebe Lisaweta dort unten in Arkadien, wohin ich bald zurückkehren
werde, schrieb er. Hier ist nun also so etwas wie ein Brief, aber er
wird Sie wohl enttäuschen, denn ich denke, ihn ein wenig allgemein zu
halten. Nicht, daß ich so gar nichts zu erzählen, auf meine Weise nicht
dies und das erlebt hätte. Zu Hause, in meiner Vaterstadt, wollte man
mich sogar verhaften ... aber davon sollen Sie mündlich hören. Ich habe
jetzt manchmal Tage, an denen ich es vorziehe, auf gute Art etwas
allgemeines zu sagen, anstatt Geschichten zu erzählen.
Wissen Sie wohl noch, Lisaweta, daß Sie mich einmal einen Bürger, einen
verirrten Bürger nannten? Sie nannten mich so in einer Stunde, da ich
Ihnen, verführt durch andere Geständnisse, die ich mir vorher hatte
entschlüpfen lassen, meine Liebe zu dem gestand, was ich das Leben
nenne; und ich frage mich, ob Sie wohl wußten, wie sehr Sie damit die
Wahrheit trafen, wie sehr mein Bürgertum und meine Liebe zum »Leben«
eins und dasselbe sind. Diese Reise hat mir Veranlassung gegeben,
darüber nachzudenken ...
Mein Vater, wissen Sie, war ein nordisches Temperament: betrachtsam,
gründlich, korrekt aus Puritanismus und zur Wehmut geneigt; meine Mutter
von unbestimmt exotischem Blut, schön, sinnlich, naiv, zugleich
fahrlässig und leidenschaftlich und von einer impulsiven Liederlichkeit.
Ganz ohne Zweifel war dies eine Mischung, die außerordentliche
Möglichkeiten -- und außerordentliche Gefahren in sich schloß. Was
herauskam, war dies: ein Bürger, der sich in die Kunst verirrte, ein
Bohemien mit Heimweh nach der guten Kinderstube, ein Künstler mit
schlechtem Gewissen. Denn mein bürgerliches Gewissen ist es ja, was mich
in allem Künstlertum, aller Außerordentlichkeit und allem Genie etwas
tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes erblicken läßt,
was mich mit dieser verliebten Schwäche für das Simple, Treuherzige und
Angenehm-Normale, das Ungeniale und Anständige erfüllt.
Ich stehe zwischen zwei Welten, bin in keiner daheim und habe es infolge
dessen ein wenig schwer. Ihr Künstler nennt mich einen Bürger, und die
Bürger sind versucht, mich zu verhaften ... ich weiß nicht, was von
beidem mich bitterer kränkt. Die Bürger sind dumm: ihr Anbeter der
Schönheit aber, die ihr mich phlegmatisch und ohne Sehnsucht heißt,
solltet bedenken, daß es ein Künstlertum gibt, so tief, so von Anbeginn
und Schicksals wegen, daß keine Sehnsucht ihm süßer und empfindenswerter
erscheint als die nach den Wonnen der Gewöhnlichkeit.
Ich bewundere die Stolzen und Kalten, die auf den Pfaden der großen, der
dämonischen Schönheit abenteuern und den »Menschen« verachten, -- aber
ich beneide sie nicht. Denn wenn irgend etwas imstande ist, aus einem
Literaten einen Dichter zu machen, so ist es diese meine Bürgerliebe zum
Menschlichen, Lebendigen und Gewöhnlichen. Alle Wärme, alle Güte, aller
Humor kommt aus ihr, und fast will mir scheinen, als sei sie jene Liebe
selbst, von der geschrieben steht, daß Einer mit Menschen- und
Engelszungen reden könnte und ohne sie doch nur ein tönendes Erz und
eine klingende Schelle sei.
Was ich getan habe, ist nichts, nicht viel, so gut wie nichts. Ich werde
Besseres machen, Lisaweta, -- dies ist ein Versprechen. Während ich
schreibe, rauscht das Meer zu mir herauf, und ich schließe die Augen.
Ich schaue in eine ungeborene und schemenhafte Welt hinein, die geordnet
und gebildet sein will, ich sehe in ein Gewimmel von Schatten
menschlicher Gestalten, die mir winken, daß ich sie banne und erlöse:
tragische und lächerliche und solche, die beides zugleich sind, -- und
diesen bin ich sehr zugetan. Aber meine tiefste und verstohlenste Liebe
gehört den Blonden und Blauäugigen, den hellen Lebendigen, den
Glücklichen, Liebenswürdigen und Gewöhnlichen.
Schelten Sie diese Liebe nicht, Lisaweta; sie ist gut und fruchtbar.
Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig
Verachtung und eine ganze keusche Seligkeit.
[Illustration: FINIS]
Werke von Thomas Mann
Buddenbrooks
Verfall einer Familie
Zwei Bände. 118. Auflage
Tristan
Novellen. 26. Auflage
Fiorenza
Drei Akte. 9. Auflage
Königliche Hoheit
Roman. 70. Auflage
Der Tod in Venedig
Novelle. 43. Auflage
Friedrich und die große Koalition
38. Auflage
Betrachtungen eines Unpolitischen
18. Auflage
Herr und Hund
Gesang vom Kindchen
Zwei Idyllen. 20. Auflage
In »Fischers Romanbibliothek«:
Der kleine Herr Friedemann
Novellen
Das Wunderkind
Novellen
In Vorbereitung:
Rede und Antwort
Gesammelte Abhandlungen und kleine Aufsätze
Buddenbrooks
Dieser Roman bleibt ein unzerstörbares Buch. Er wird wachsen mit der
Zeit und noch von vielen Generationen gelesen werden. Eines jener
Kunstwerke, die wirklich über den Tag und das Zeitalter erhaben sind,
die nicht im Sturme mit sich fortreißen, aber mit sanfter Überredung
allmählich und unwiderstehlich überwältigen.
Berliner Tageblatt
Tristan
Die »Buddenbrooks« haben Thomas Mann berühmt gemacht. Was er in Wahrheit
kann, das zeigen erst diese Novellen. Menschen treten auf, die geistig
oder körperlich gezeichnet, vom Leben so derb angestoßen werden, daß sie
in Ekel und Resignation beiseite flüchten. Diese Psychologie beherrscht
Mann mit einer Feinheit und Sicherheit, die sich wohl schon ankündigte,
aber doch erst hier ganz persönliche Form gefunden hat.
Der Kunstwart
Königliche Hoheit
Dieses Werk stellt eine so tiefgründige, umfassende und bedeutende
Arbeit dar, es gibt eine solche Summe kultureller Schilderungen,
gesellschaftskritischer Einsichten, poesievoller Stimmungen, ironischer
Randglossen, unausgesprochener Tragik, völligster Menschenkenntnis, daß
man in der Überfülle des Erlebens begreifen muß, das Buch ist eine
ungewöhnliche Tat.
Hamburger Nachrichten
Der Tod in Venedig
Die Novelle öffnet uns die Werkstatt eines Geistes: Konfessionen eines
Künstlers, der sein eigenes Schaffen inbrünstig belauscht. Die Sprache
gibt jedem Satz, jedem Ausdruck eine klassische Gebärde. Eine auf
Denkensgrund erblühte Rhetorik von vornehmster Exklusivität. Des Autors
Werk lebt intensiv in seiner sprachlichen Gekröntheit, in der tiefen
Innerlichkeit eines enthusiastisch Gläubigen, dem die Kunst Religion
ist.
Der Tag, Berlin
Betrachtungen eines Unpolitischen
Dem Künstler Thomas Mann ist das Bewußtsein der Sonderstellung des
deutschen Volkes zum Erlebnis geworden. Durch drei Kriegsjahre setzt er
sich mit der deutschen Problematik auseinander. Ein in jeder Hinsicht
außerordentliches Buch. Ungewöhnlich als Leistung schlechthin,
außerordentlich in der Tiefe des Erkennens, in der europäischen
Komplexheit seiner Bildung.
Leipziger Neueste Nachrichten
Herr und Hund
Gesang vom Kindchen
Welches Behagen vermittelt uns seine musikalische Prosa, wie ist das
alles von einer feinen, idyllischen Ironie eingehüllt, welche subtile
Zeichnung und liebevolle Darstellung der Landschaft. Ein geistiger
Ausflug nur, der aber über den Ausdruck persönlichen Bekennens hinaus
zwei erlesene kleine Kunstwerke bereitete.
Berliner Tageblatt
Fischers illustrierte Bücher:
Hermann Hesse
In der alten Sonne
Erzählung
16. bis 23. Auflage
Illustriert von Wilhelm Schulz
Ein feiner Humor verklärt die Darstellung dieses eigenartigen Stückes
Leben. Nicht lautes Lachen wird geweckt, sondern stilles, sinnendes
Lächeln.
Weser-Zeitung, Bremen
E. von Keyserling
Harmonie
Novelle
13. bis 17. Auflage
Illustriert von Karl Walser
Ein Gesellschaftsbild, in dem hinter der gelassenen Haltung, die bis in
den Stil hinein gewahrt ist, das warme Mitleid des Verfassers zu spüren
ist.
Baseler Nachrichten
[ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
steht.
Klammern und Fäden gelöst, mit der sie ihn hielt. Die alte Familie der
Klammern und Fäden gelöst, mit denen sie ihn hielt. Die alte Familie der
ihrer Stirne spüren und fühlen, daß es niemandem entgeht. Ich kannte
Ihrer Stirne spüren und fühlen, daß es niemandem entgeht. Ich kannte
ansehen, wie sie nicht notwendig angesehen zu werden brauchen ...
ansehen, wie sie nicht notwendig angesehen zu werden brauchen ...«
»So?« sagte der Polizist ...« »Gar keine? -- Wie ist Ihr Name?«
»So?« sagte der Polizist ... »Gar keine? -- Wie ist Ihr Name?«
»Was haben Sie denn da?« fragte der Polizist. Da, in dem Porteföhch?«
»Was haben Sie denn da?« fragte der Polizist. »Da, in dem Porteföhch?«
der reif und ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhüllte und einen
der frei und ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhüllte und einen
niedriger Häuschen stand und mit seinem holzgedeckten Turm auf den Sand
niedriger Häuschen stand und mit seinem holzgedeckten Turm auf den Sund