»Nun, das genügt!« sagte Herr Seehaase mit Entschluß, raffte die Blätter

zusammen, faltete sie und gab sie ihm zurück. »Das muß genügen,

Petersen!« wiederholte er kurz, indem er verstohlen die Augen schloß und

abwinkend den Kopf schüttelte. »Wir dürfen den Herrn nicht länger

aufhalten. Der Wagen wartet. Ich bitte sehr, die kleine Störung zu

entschuldigen, mein Herr. Der Beamte hat ja nur seine Pflicht getan,

aber ich sagte ihm sofort, daß er auf falscher Fährte sei ...«

So? dachte Tonio Kröger.

Der Polizist schien nicht ganz einverstanden; er wandte noch etwas ein

von ›Individium‹ und ›vorweisen‹. Aber Herr Seehaase führte seinen Gast

unter wiederholten Ausdrücken des Bedauerns durch das Vestibül zurück,

geleitete ihn zwischen den beiden Löwen hindurch zum Wagen und schloß

selbst unter Achtungsbezeugungen den Schlag hinter ihm. Und dann rollte

die lächerlich hohe und breite Droschke stolpernd, klirrend und lärmend

die steilen Gassen hinab zum Hafen ...

Dies war Tonio Krögers seltsamer Aufenthalt in seiner Vaterstadt.

7.

Die Nacht fiel ein, und mit einem schwimmenden Silberglanz stieg schon

der Mond empor, als Tonio Krögers Schiff die offene See gewann. Er stand

am Bugspriet, in seinen Mantel gehüllt vor dem Winde, der mehr und mehr

erstarkte, und blickte hinab in das dunkle Wandern und Treiben der

starken, glatten Wellenleiber dort unten, die umeinander schwankten,

sich klatschend begegneten, in unerwarteten Richtungen auseinanderschossen

und plötzlich schaumig aufleuchteten ...

[Illustration: NACH DAENEMARK]

Eine schaukelnde und still entzückte Stimmung erfüllte ihn. Er war ein

wenig niedergeschlagen gewesen, daß man ihn daheim als Hochstapler hatte

verhaften wollen, ja, -- obgleich er es gewissermaßen in der Ordnung

gefunden hatte. Aber dann, nachdem er sich eingeschifft, hatte er, wie

als Knabe zuweilen mit seinem Vater, dem Verladen der Waren zugesehen,

mit denen man, unter Rufen, die ein Gemisch aus Dänisch und Plattdeutsch

waren, den tiefen Bauch des Dampfers füllte, hatte gesehen, wie man

außer den Ballen und Kisten auch einen Eisbären und einen Königstiger in

dick vergitterten Käfigen hinabließ, die wohl von Hamburg kamen und für

eine dänische Menagerie bestimmt waren; und dies hatte ihn zerstreut.

Während dann das Schiff zwischen den flachen Ufern den Fluß entlang

glitt, hatte er Polizist Petersens Verhör ganz und gar vergessen; und

alles, was vorher gewesen war, seine süßen, traurigen und reuigen Träume

der Nacht, der Spaziergang, den er gemacht, der Anblick des

Walnußbaumes, war wieder in seiner Seele stark geworden. Und nun, da das

Meer sich öffnete, sah er von fern den Strand, an dem er als Knabe die

sommerlichen Träume des Meeres hatte belauschen dürfen, sah die Glut des

Leuchtturms und die Lichter des Kurhauses, darin er mit seinen Eltern

gewohnt ... Die Ostsee! Er lehnte den Kopf gegen den starken Salzwind,

der frei und ohne Hindernis daherkam, die Ohren umhüllte und einen

gelinden Schwindel, eine gedämpfte Betäubung hervorrief, in der die

Erinnerung an alles Böse, an Qual und Irrsal, an Wollen und Mühen träge

und selig unterging. Und in dem Sausen, Klatschen, Schäumen und Ächzen

rings um ihn her glaubte er das Rauschen und Knarren des alten

Walnußbaumes, das Kreischen einer Gartenpforte zu hören ... Es dunkelte

mehr und mehr.

[Illustration]

»Die Sderne, Gott, sehen Sie doch bloß die Sderne an,« sagte plötzlich

mit schwerfällig singender Betonung eine Stimme, die aus dem Innern

einer Tonne zu kommen schien. Er kannte sie schon. Sie gehörte einem

rotblonden und schlicht gekleideten Mann mit geröteten Augenlidern und

einem feuchtkalten Aussehen, als habe er soeben gebadet. Beim Abendessen

in der Kajüte war er Tonio Krögers Nachbar gewesen und hatte mit zagen

und bescheidenen Bewegungen erstaunliche Mengen von Hummer-Omelette zu

sich genommen. Nun lehnte er neben ihm an der Brüstung und blickte zum

Himmel empor, indem er sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger erfaßt

hielt. Ohne Zweifel befand er sich in einer jener außerordentlichen und

festlich-beschaulichen Stimmungen, in denen die Schranken zwischen den

Menschen dahinsinken, in denen das Herz auch Fremden sich öffnet und der

Mund Dinge spricht, vor denen er sich sonst schamhaft verschließen

würde ...

»Sehen Sie, Herr, doch bloß die Sderne an. Da sdehen sie und glitzern,

es ist, weiß Gott, der ganze Himmel voll. Und nun bitt' ich Sie, wenn

man hinaufsieht und bedenkt, daß viele davon doch hundertmal größer sein

sollen als die Erde, wie wird einem da zu Sinn? Wir Menschen haben den

Telegraphen erfunden und das Telephon und so viele Errungenschaften der

Neuzeit, ja, das haben wir. Aber wenn wir da hinaufsehen, so müssen wir

doch erkennen und versdehen, daß wir im Grunde Gewürm sind, elendes

Gewürm und nichts weiter, -- hab' ich recht oder unrecht, Herr? Ja, wir

sind Gewürm!« antwortete er sich selbst und nickte demütig und

zerknirscht zum Firmament empor.

Au ... nein, der hat keine Literatur im Leibe! dachte Tonio Kröger. Und

alsbald fiel ihm etwas ein, was er kürzlich gelesen hatte, der Aufsatz

eines berühmten französischen Schriftstellers über kosmologische und

psychologische Weltanschauung; es war ein recht feines Geschwätz

gewesen.

Er gab dem jungen Mann etwas wie eine Antwort auf seine tief erlebte

Bemerkung, und dann fuhren sie fort, miteinander zu sprechen, indem sie,

über die Brüstung gelehnt, in den unruhig erhellten, bewegten Abend

hinausblickten. Es erwies sich, daß der Reisegefährte ein junger

Kaufmann aus Hamburg war, der seinen Urlaub zu dieser Vergnügungsfahrt

benutzte ...

»Sollst,« sagte er, »ein bißchen mit dem _steamer_ nach Kopenhagen

fahren, denk' ich, und da sdeh ich nun, und es ist ja so weit ganz

schön. Aber das mit den Hummer-Omeletten, das war nicht richtig, Herr,

das sollen Sie sehn, denn die Nacht wird sdürmisch, das hat der Kapitän

selbst gesagt, und mit so einem unbekömmlichen Essen im Magen ist das

kein Sbaß ...«

Tonio Kröger lauschte all dieser zutunlichen Torheit mit einem

heimlichen und freundschaftlichen Gefühl.

»Ja,« sagte er, »man ißt überhaupt zu schwer hier oben. Das macht faul

und wehmütig.«

»Wehmütig?« wiederholte der junge Mann und betrachtete ihn verdutzt ...

»Sie sind wohl fremd hier, Herr?« fragte er plötzlich ...

»Ach ja, ich komme weit her!« antwortete Tonio Kröger mit einer vagen

und abwehrenden Armbewegung.

»Aber Sie haben recht,« sagte der junge Mann; »Sie haben, weiß Gott,

recht in dem, was Sie von wehmütig sagen! Ich bin fast immer wehmütig,

aber besonders an solchen Abenden wie heute, wenn die Sderne am Himmel

sdehn.« Und er stützte wieder sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger.

Sicherlich schreibt er Verse, dachte Tonio Kröger, tief ehrlich

empfundene Kaufmannsverse ...

Der Abend rückte vor, und der Wind war nun so heftig geworden, daß er

das Sprechen behinderte. So beschlossen sie, ein wenig zu schlafen, und

wünschten einander gute Nacht.

Tonio Kröger streckte sich in seiner Koje auf der schmalen Bettstatt

aus, aber er fand keine Ruhe. Der strenge Wind und sein herbes Arom

hatten ihn seltsam erregt, und sein Herz war unruhig wie in ängstlicher

Erwartung von etwas Süßem. Auch verursachte die Erschütterung, welche

entstand, wenn das Schiff einen steilen Wogenberg hinabglitt und die

Schraube wie im Krampf außerhalb des Wassers arbeitete, ihm arge

Übelkeit. Er kleidete sich wieder vollends an und stieg ins Freie

hinauf.

Wolken jagten am Monde vorbei. Das Meer tanzte. Nicht runde und

gleichmäßige Wellen kamen in Ordnung daher, sondern weithin, in bleichem

und flackerndem Licht, war die See zerrissen, zerpeitscht, zerwühlt,

leckte und sprang in spitzen, flammenartigen Riesenzungen empor, warf

neben schaumerfüllten Klüften zackige und unwahrscheinliche Gebilde auf

und schien mit der Kraft ungeheurer Arme in tollem Spiel den Gischt in

alle Lüfte zu schleudern. Das Schiff hatte schwere Fahrt; stampfend,

schlenkernd und ächzend arbeitete es sich durch den Tumult, und manchmal

hörte man den Eisbären und den Tiger, die unter dem Seegang litten, in

seinem Innern brüllen. Ein Mann im Wachstuchmantel, die Kapuze überm

Kopf und eine Laterne um den Leib geschnallt, ging breitbeinig und

mühsam balancierend auf dem Verdecke hin und her. Aber dort hinten

stand, tief über Bord gebeugt, der junge Mann aus Hamburg und ließ es

sich schlecht ergehen. »Gott,« sagte er mit hohler und wankender Stimme,

als er Tonio Kröger gewahrte, »sehen Sie doch bloß den Aufruhr der

Elemente, Herr!« Aber dann wurde er unterbrochen und wandte sich eilig

ab.

Tonio Kröger hielt sich an irgend einem gestrafften Tau und blickte

hinaus in all den unbändigen Übermut. In ihm schwang sich ein Jauchzen

auf, und ihm war, als sei es mächtig genug, um Sturm und Flut zu

übertönen. Ein Sang an das Meer, begeistert von Liebe, tönte in ihm. Du

meiner Jugend wilder Freund, so sind wir einmal noch vereint ... Aber

dann war das Gedicht zu Ende. Es ward nicht fertig, nicht rund geformt

und nicht in Gelassenheit zu etwas Ganzem geschmiedet. Sein Herz

lebte ...

Lange stand er so; dann streckte er sich auf einer Bank am

Kajütenhäuschen aus und blickte zum Himmel hinauf, an dem die Sterne

flackerten. Er schlummerte sogar ein wenig. Und wenn der kalte Schaum in

sein Gesicht spritzte, so war es ihm im Halbschlaf wie eine Liebkosung.

Senkrechte Kreidefelsen, gespenstisch im Mondschein, kamen in Sicht und

näherten sich; das war Möen, die Insel. Und wieder trat Schlummer

dazwischen, unterbrochen von salzigen Sprühschauern, die scharf ins

Gesicht bissen und die Züge erstarren ließen ... Als er völlig wach

wurde, war es schon Tag, ein hellgrauer, frischer Tag, und die grüne See

ging ruhiger. Beim Frühstück sah er den jungen Kaufmann wieder, der

heftig errötete, wahrscheinlich vor Scham, im Dunkeln so poetische und

blamable Dinge geäußert zu haben, mit allen fünf Fingern seinen kleinen

rötlichen Schnurrbart emporstrich und ihm einen soldatisch scharfen

Morgengruß zurief, um ihn dann ängstlich zu meiden.

Und Tonio Kröger landete in Dänemark. Er hielt Ankunft in Kopenhagen,

gab Trinkgeld an jeden, der sich die Miene gab, als hätte er Anspruch

darauf, durchwanderte von seinem Hotelzimmer aus drei Tage lang die

Stadt, indem er sein Reisebüchlein aufgeschlagen vor sich her trug, und

benahm sich ganz wie ein besserer Fremder, der seine Kenntnisse zu

bereichern wünscht. Er betrachtete des Königs Neumarkt und das »Pferd«

in seiner Mitte, blickte achtungsvoll an den Säulen der Frauenkirche

empor, stand lange vor Thorwaldsens edlen und lieblichen Bildwerken,

stieg auf den Runden Turm, besichtigte Schlösser und verbrachte zwei

bunte Abende im Tivoli. Aber es war nicht so recht eigentlich all dies,

was er sah.

An den Häusern, die oft ganz das Aussehen der alten Häuser seiner

Vaterstadt mit geschwungenen, durchbrochenen Giebeln hatten, sah er

Namen, die ihm aus alten Tagen bekannt waren, die ihm etwas Zartes und

Köstliches zu bezeichnen schienen, und bei alldem etwas wie Vorwurf,

Klage und Sehnsucht nach Verlorenem in sich schlossen. Und allerwegen,

indes er in verlangsamten, nachdenklichen Zügen die feuchte Seeluft

atmete, sah er Augen, die so blau, Haare, die so blond, Gesichter, die

von eben der Art waren, wie er sie in den seltsam wehen und reuigen

Träumen der Nacht geschaut, die er in seiner Vaterstadt verbracht hatte.

Es konnte geschehen, daß auf offener Straße ein Blick, ein klingendes

Wort, ein Auflachen ihn ins Innerste traf ...

Es litt ihn nicht lange in der munteren Stadt. Eine Unruhe, süß und

töricht, Erinnerung halb und halb Erwartung, bewegte ihn, zusammen mit

dem Verlangen, irgendwo still am Strande liegen zu dürfen und nicht den

angelegentlich sich umtuenden Touristen spielen zu müssen. So schiffte

er sich aufs neue ein und fuhr an einem trüben Tage (die See ging

schwarz) nordwärts die Küste von Seeland entlang gen Helsingör. Von dort

setzte er seine Reise unverzüglich zu Wagen auf dem Chausseewege fort,

noch drei Viertelstunden lang, immer ein wenig oberhalb des Meeres, bis

er an seinem letzten und eigentlichen Ziele hielt, dem kleinen weißen

Badehotel mit grünen Fensterläden, das inmitten einer Siedelung

niedriger Häuschen stand und mit seinem holzgedeckten Turm auf den Sund

und die schwedische Küste hinausblickte. Hier stieg er ab, nahm Besitz

von dem hellen Zimmer, das man ihm bereit gehalten, füllte Bord und

Spind mit dem, was er mit sich führte, und schickte sich an, hier eine

Weile zu leben.

[Illustration]

8.

Schon rückte der September vor: es waren nicht mehr viele Gäste in

Aalsgaard. Bei den Mahlzeiten in dem großen, balkengedeckten Eßsaal zu

ebener Erde, dessen hohe Fenster auf die Glasveranda und die See

hinausführten, führte die Wirtin den Vorsitz, ein bejahrtes Mädchen mit

weißem Haar, farblosen Augen, zartrosigen Wangen und einer haltlosen

Zwitscherstimme, das immer seine roten Hände auf dem Tafeltuche ein

wenig vorteilhaft zu gruppieren trachtete. Ein kurzhalsiger alter Herr

mit eisgrauem Schifferbart und dunkelbläulichem Gesicht war da, ein

Fischhändler aus der Hauptstadt, der des Deutschen mächtig war. Er

schien gänzlich verstopft und zum Schlagfluß geneigt, denn er atmete

kurz und stoßweise und hob von Zeit zu Zeit den beringten Zeigefinger zu

einem seiner Nasenlöcher empor, um es zuzudrücken und dem anderen durch

starkes Blasen ein wenig Luft zu verschaffen. Nichtsdestoweniger sprach

er beständig der Aquavitflasche zu, die sowohl beim Frühstück als beim

Mittag- und Abendessen vor ihm stand. Dann waren nur noch drei große

amerikanische Jünglinge mit ihrem Gouverneur oder Hauslehrer zugegen,

der schweigend an seiner Brille rückte und tagüber mit ihnen Fußball

spielte. Sie trugen ihr rotgelbes Haar in der Mitte gescheitelt und

hatten lange, unbewegte Gesichter. »_Please give me the wurst-things

there!_« sagte der eine. »_That's not wurst, that's schinken!_« sagte

ein anderer, und dies war alles, was sowohl sie als der Hauslehrer zur

Unterhaltung beitrugen; denn sonst saßen sie still und tranken heißes

Wasser.

Tonio Kröger hätte sich keine andere Art von Tischgesellschaft

gewünscht. Er genoß seinen Frieden, horchte auf die dänischen Kehllaute,

die hellen und trüben Vokale, in denen der Fischhändler und die Wirtin

zuweilen konversierten, wechselte hie und da mit dem ersteren eine

schlichte Bemerkung über den Barometerstand und erhob sich dann, um

durch die Veranda wieder an den Strand hinunterzugehen, wo er schon

lange Morgenstunden verbracht hatte.

Manchmal war es dort still und sommerlich. Die See ruhte träge und

glatt, in blauen, flaschengrünen und rötlichen Streifen, von silbrig

glitzernden Lichtreflexen überspielt, der Tang dörrte zu Heu in der

Sonne, und die Quallen lagen da und verdunsteten. Es roch ein wenig

faulig und ein wenig auch nach dem Teer des Fischerbootes, an welches

Tonio Kröger, im Sande sitzend, den Rücken lehnte, -- so gewandt, daß er

den offenen Horizont und nicht die schwedische Küste vor Augen hatte;

aber des Meeres leiser Atem strich rein und frisch über alles hin.

Und graue, stürmische Tage kamen. Die Wellen beugten die Köpfe wie

Stiere, die die Hörner zum Stoße einlegen, und rannten wütend gegen den

Strand, der hoch hinauf überspielt und mit naßglänzendem Seegras,

Muscheln und angeschwemmtem Holzwerk bedeckt war. Zwischen den

langgestreckten Wellenhügeln dehnten sich unter dem verhängten Himmel

blaßgrün-schaumig die Täler; aber dort, wo hinter den Wolken die Sonne

stand, lag auf den Wassern ein weißlicher Sammetglanz.

Tonio Kröger stand in Wind und Brausen eingehüllt, versunken in dies

ewige, schwere, betäubende Getöse, das er so sehr liebte. Wandte er sich

und ging fort, so schien es plötzlich ganz ruhig und warm um ihn her.

Aber im Rücken wußte er sich das Meer; es rief, lockte und grüßte. Und

er lächelte.

Er ging landeinwärts, auf Wiesenwegen durch die Einsamkeit, und bald

nahm Buchenwald ihn auf, der sich hügelig weit in die Gegend erstreckte.

Er setzte sich ins Moos, an einen Baum gelehnt, so, daß er zwischen den

Stämmen einen Streifen des Meeres gewahren konnte. Zuweilen trug der

Wind das Geräusch der Brandung zu ihm, das klang, wie wenn in der Ferne

Bretter aufeinander fallen. Krähengeschrei über den Wipfeln, heiser, öde

und verloren ... Er hielt ein Buch auf den Knien, aber er las nicht eine

Zeile darin. Er genoß ein tiefes Vergessen, ein erlöstes Schweben über

Raum und Zeit, und nur zuweilen war es, als würde sein Herz von einem

Weh durchzuckt, einem kurzen, stechenden Gefühl von Sehnsucht oder Reue,

das nach Namen und Herkunft zu fragen er zu träge und versunken war.

So verging mancher Tag; er hätte nicht zu sagen vermocht, wie viele, und

trug kein Verlangen danach, es zu wissen. Dann aber kam einer, an

welchem etwas geschah; es geschah, während die Sonne am Himmel stand und

Menschen zugegen waren, und Tonio Kröger war nicht einmal so

außerordentlich erstaunt darüber.

Gleich dieses Tages Anfang gestaltete sich festlich und entzückend.

Tonio Kröger erwachte sehr früh und ganz plötzlich, fuhr mit einem

feinen und unbestimmten Erschrecken aus dem Schlafe empor und glaubte,

in ein Wunder, einen feenhaften Beleuchtungszauber hineinzublicken. Sein

Zimmer, mit Glastür und Balkon nach dem Sunde hinaus gelegen und durch

einen dünnen, weißen Gazevorhang in Wohn- und Schlafraum geteilt, war

zartfarbig tapeziert und mit leichten, hellen Möbeln versehen, so daß es

stets einen lichten und freundlichen Anblick bot. Nun aber sahen seine

schlaftrunkenen Augen es in einer unirdischen Verklärung und

Illumination vor sich liegen, über und über getaucht in einen unsäglich

holden und duftigen Rosenschein, der Wände und Möbel vergoldete und den

Gazevorhang in ein mildes, rotes Glühen versetzte ... Tonio Kröger

begriff lange nicht, was sich ereignete. Als er aber vor der Glastür

stand und hinausblickte, sah er, daß es die Sonne war, die aufging.

Mehrere Tage lang war es trüb und regnicht gewesen; jetzt aber spannte

sich der Himmel wie aus straffer, blaßblauer Seide schimmernd klar über

See und Land, und durchquert und umgeben von rot und golden

durchleuchteten Wolken, erhob sich feierlich die Sonnenscheibe über das

flimmernd gekrauste Meer, das unter ihr zu erschauern und zu erglühen

schien ... So hub der Tag an, und verwirrt und glücklich warf Tonio

Kröger sich in die Kleider, frühstückte vor allen anderen drunten in der

Veranda, schwamm hierauf von dem kleinen hölzernen Badehäuschen aus eine

Strecke in den Sund hinaus und tat dann einen stundenlangen Gang am

Strande hin. Als er zurückkehrte, hielten mehrere omnibusartige Wagen

vorm Hotel, und vom Eßsaal aus gewahrte er, daß sowohl in dem

anstoßenden Gesellschaftszimmer, dort, wo das Klavier stand, als auch in

der Veranda und auf der Terrasse, die davor lag, Menschen in großer

Anzahl, kleinbürgerlich gekleidete Herrschaften, an runden Tischen saßen

und unter angeregten Gesprächen Bier mit Butterbrot genossen. Es waren

ganze Familien, ältere und junge Leute, ja sogar ein paar Kinder.

Beim zweiten Frühstück (der Tisch trug schwer an kalter Küche,

Geräuchertem, Gesalzenem und Gebackenem) erkundigte sich Tonio Kröger,

was vor sich gehe.

»Gäste!« sagte der Fischhändler. »Ausflügler und Ballgäste aus

Helsingör! Ja, Gott soll uns bewahren, wir werden nicht schlafen können,

diese Nacht! Es wird Tanz geben, Tanz und Musik, und man muß fürchten,

daß das lange dauert. Es ist eine Familienvereinigung, eine Landpartie

nebst Reunion, kurzum, eine Subskription oder dergleichen, und sie

genießen den schönen Tag. Sie sind zu Boot und zu Wagen gekommen und

jetzt frühstücken sie. Später fahren sie noch weiter über Land, aber

abends kommen sie wieder, und dann ist Tanzbelustigung hier im Saale.

Ja, verdammt und verflucht, wir werden kein Auge zutun ...«

»Das ist eine hübsche Abwechslung«, sagte Tonio Kröger.

Hierauf wurde längere Zeit nichts mehr gesprochen. Die Wirtin ordnete

ihre roten Finger, der Fischhändler blies durch das rechte Nasenloch, um

sich ein wenig Luft zu verschaffen, und die Amerikaner tranken heißes

Wasser und machten lange Gesichter dazu.

Da geschah dies auf einmal: =Hans Hansen und Ingeborg Holm gingen durch

den Saal.= --

Tonio Kröger lehnte, in einer wohligen Ermüdung nach dem Bade und seinem

hurtigen Gang, im Stuhl und aß geräucherten Lachs auf Röstbrot; -- er

saß der Veranda und dem Meere zugewandt. Und plötzlich öffnete sich die

Tür, und Hand in Hand kamen die beiden herein, -- schlendernd und ohne

Eile. Ingeborg, die blonde Inge, war hell gekleidet, wie sie in der

Tanzstunde bei Herrn Knaak zu sein pflegte. Das leichte, geblümte Kleid

reichte ihr nur bis zu den Knöcheln, und um die Schultern trug sie einen

breiten, weißen Tüllbesatz mit spitzem Ausschnitt, der ihren weichen,

geschmeidigen Hals freiließ. Der Hut hing ihr an seinen

zusammengeknüpften Bändern über dem einen Arm. Sie war vielleicht ein

klein wenig erwachsener als sonst, und trug ihren wunderbaren Zopf nun

um den Kopf gelegt; aber Hans Hansen war ganz wie immer. Er hatte seine

Seemanns-Überjacke mit den goldenen Knöpfen an, über welcher auf

Schultern und Rücken der breite, blaue Kragen lag; die Matrosenmütze mit

den kurzen Bändern hielt er in der hinabhängenden Hand und schlenkerte

sie sorglos hin und her. Ingeborg hielt ihre schmal geschnittenen Augen

abgewandt, vielleicht ein wenig geniert durch die speisenden Leute, die

auf sie schauten. Allein Hans Hansen wandte nun gerade und aller Welt

zum Trotz den Kopf nach der Frühstückstafel und musterte mit seinen

stahlblauen Augen Einen nach dem Anderen herausfordernd und

gewissermaßen verächtlich; er ließ sogar Ingeborgs Hand fahren und

schwenkte seine Mütze noch heftiger hin und her, um zu zeigen, was für

ein Mann er sei. So gingen die beiden, mit dem still blauenden Meere als

Hintergrund, vor Tonio Krögers Augen vorüber, durchmaßen den Saal seiner

Länge nach und verschwanden durch die entgegengesetzte Tür im

Klavierzimmer.

Dies begab sich um halb zwölf Uhr vormittags, und noch während die

Kurgäste beim Frühstück saßen, brach nebenan und in der Veranda die

Gesellschaft auf und verließ, ohne daß noch jemand den Eßsaal betreten

hätte, durch den Seitenzugang, der vorhanden war, das Hotel. Man hörte,

wie draußen unter Scherzen und Gelächter die Wagen bestiegen wurden, wie

ein Gefährt nach dem anderen auf der Landstraße sich knirschend in

Bewegung setzte und davonrollte ...

»Sie kommen also wieder?« fragte Tonio Kröger ...

»Das tun sie!« sagte der Fischhändler. »Und Gott sei's geklagt. Sie

haben Musik bestellt, müssen Sie wissen, und ich schlafe hier überm

Saale.«

»Das ist eine hübsche Abwechslung,« wiederholte Tonio Kröger. Dann stand

er auf und ging fort.

Er verbrachte den Tag, wie er die anderen verbracht hatte, am Strande,

im Walde, hielt ein Buch auf den Knien und blinzelte in die Sonne. Er

bewegte nur einen Gedanken: diesen, daß sie wiederkehren und im Saale

Tanzbelustigung abhalten würden, wie es der Fischhändler versprochen

hatte; und er tat nichts, als sich hierauf freuen, mit einer so

ängstlichen und süßen Freude, wie er sie lange, tote Jahre hindurch

nicht mehr erprobt hatte. Einmal, durch irgend eine Verknüpfung von

Vorstellungen, erinnerte er sich flüchtig eines fernen Bekannten,

Adalberts, des Novellisten, der wußte, was er wollte, und sich ins

Kaffeehaus begeben hatte, um der Frühlingsluft zu entgehen. Und er

zuckte die Achseln über ihn ...

Es wurde früher als gewöhnlich zu Mittag gegessen, und das Abendbrot

nahm man ebenfalls zeitiger als sonst, im Klavierzimmer, weil im Saale

schon Vorbereitungen zum Balle getroffen wurden: auf so festliche Art

war alles in Unordnung gebracht. Dann, als es schon dunkel war und Tonio

Kröger in seinem Zimmer saß, ward es wieder lebendig auf der Landstraße

und im Hause. Die Ausflügler kehrten zurück; ja, aus der Richtung von

Helsingör trafen zu Rad und zu Wagen noch neue Gäste ein, und bereits

hörte man drunten im Hause eine Geige stimmen und eine Klarinette

näselnde Übungsläufe vollführen ... Alles versprach, daß es ein

glänzendes Ballfest geben werde.

Tonio Kröger [Erstausgabe; Illustrationen von Erich M. Simon] · 第 4 / 6 段