Dritte Szene

In Lille. Ein Gärtchen an der Gräfin La Roche Hause.

Die Gräfin (in einer Allee). Was das Mädchen haben mag, daß es so

spät in den Garten hinausgegangen ist. Ich fürchte, ich fürchte, es

ist etwas Abgered'tes. Sie zeichnet zerstreut, spielt die Harfe

zerstreut, ist immer abwesend, wenn ihr der Sprachmeister was

vorsagt--still, hör ich nicht jemand--ja, sie ist oben im Lusthause,

und von der Straße antwortet ihr jemand. (Lehnt ihr Ohr an die grüne

Wand des Gartens.)

(Hinter der Szene.)

Marys Stimme. Ist das erlaubt, alle Freunde, alles, was Ihnen lieb

war, so zu vergessen?

Mariens Stimme. Ach lieber Herr Mary, es tut mir leid genug, aber es

muß schon so sein. Ich versichere Ihnen, die Frau Gräfin ist die

scharmanteste Frau, die auf Gottes Erdboden ist.

Mary. Sie sind ja aber wie in einem Kloster da, wollen Sie denn gar

nicht mehr in die Welt? Wissen Sie, daß Desportes geschrieben hat,

er ist untröstlich, er will wissen, wo Sie sind, und warum Sie ihm

nicht antworten?

Marie. So?--Ach ich muß ihn vergessen, sagen Sie ihm das, er soll

mich nur auch vergessen.

Mary. Warum denn?--Grausame Mademoiselle! ist das erlaubt, Freunden

so zu begegnen.

Marie. Es kann nun schon nicht anders sein--Ach Herr Gott, ich höre

jemand im Garten unten. Adieu, Adieu--Flattieren Sie sich nur

nicht--(Kommt herunter.)

Gräfin. So, Marie! ihr gebt euch Rendezvous?

Marie (äußerst erschrocken). Ach, gnädige Frau--es war ein

Verwandter von mir--mein Vetter, und der hat nun erst erfahren, wo

ich bin-Gräfin (sehr ernsthaft). Ich habe alles gehört.

Marie (halb auf den Knien). Ach Gott! so verzeihen Sie mir nur

diesmal.

Gräfin. Mädchen, du bist wie das Bäumchen hier im Abendwinde, jeder

Hauch verändert dich. Was denkst du denn, daß du hier unter meinen

Augen den Faden mit dem Desportes wieder anzuspinnen denkst, dir

Rendezvous mit seinen guten Freunden gibst. Hätt' ich das gewußt,

ich hätte mich deiner nicht angenommen.

Marie. Verzeihen Sie mir nur diesmal!

Gräfin. Ich verzeih es dir niemals, wenn du wider dein eigen Glück

handelst. Geh. (Marie geht ganz verzweiflungsvoll ab.)

Gräfin (allein). Ich weiß nicht, ob ich dem Mädchen ihren Roman fast

mit gutem Gewissen nehmen darf. Was behält das Leben für Reiz übrig,

wenn unsre Imagination nicht welchen hineinträgt, Essen, Trinken,

Beschäftigungen ohne Aussicht, ohne sich selbst gebildetem Vergnügen

sind nur ein gefristeter Tod. Das fühlt sie auch wohl, und stellt

sich nur vergnügt. Wenn ich etwas ausfindig machen könnte, ihre

Phantasei mit meiner Klugheit zu vereinigen, ihr Herz, nicht ihren

Verstand zu zwingen, mir zu folgen.

Die Soldaten · 第 33 / 50 题