Zehnte Szene

Die Gräfin La Roche und Marie, die wieder hereinkommen.

Marie. Sie werden verzeihen, gnädige Frau, es ist hier alles in der

größten Rappuse.

Gräfin. Mein liebes Kind, Sie brauchen mit mir nicht die

allergeringsten Umstände zu machen. (Faßt sie an der Hand, und setzt

sich mit ihr aufs Kanapee.) Sehen Sie mich als Ihre beste Freundin an,

(sie küssend) ich versichere Sie, daß ich den aufrichtigsten Anteil

nehme an allem, was Ihnen begegnen kann.

Marie (sich die Augen wischend). Ich weiß nicht, womit ich die

besondere Gnade verdient habe, die Sie für mich tragen.

Gräfin. Nichts von Gnade, ich bitte Sie. Es ist mir lieb, daß wir

allein sind, ich habe Ihnen viel, vieles zu sagen, das mir auf dem

Herzen liegt, und Sie auch manches zu fragen. (Marie sehr aufmerksam,

die Freude in ihrem Gesicht.) Ich liebe Sie, mein Engel! ich kann

mich nicht enthalten, es Ihnen zu zeigen. (Marie küßt ihr

inbrunstvoll die Hand.) Ihr ganzes Betragen hat so etwas offenes, so

etwas Einnehmendes, daß mir Ihr Unglück dadurch doppelt schmerzhaft

wird. Wissen Sie denn auch, meine neue liebe Freundin, daß man viel,

viel in der Stadt von Ihnen spricht?

Marie. Ich weiß wohl, daß es allenthalben böse Zungen gibt.

Gräfin. Nicht lauter böse, auch gute sprechen von Ihnen. Sie sind

unglücklich; aber Sie können sich damit trösten, daß Sie sich Ihr

Unglück durch kein Laster zugezogen. Ihr einziger Fehler war, daß

Sie die Welt nicht kannten, daß Sie den Unterscheid nicht kannten,

der unter den verschiedenen Ständen herrscht, daß Sie die Pamela

gelesen haben, das gefährlichste Buch, das eine Person aus Ihrem

Stande lesen kann.

Marie. Ich kenne das Buch ganz und gar nicht.

Gräfin. So haben Sie den Reden der jungen Leute zuviel getraut.

Marie. Ich habe nur einem zuviel getraut, und es ist noch nicht

ausgemacht, ob er falsch gegen mich denkt.

Gräfin. Gut, liebe Freundin! aber sagen Sie mir, ich bitte Sie, wie

kamen Sie doch dazu, über Ihren Stand heraus sich nach einem Mann

umzusehen. Ihre Gestalt, dachten Sie, könnte Sie schon weiter führen,

als Ihre Gespielinnen; ach liebe Freundin, eben das hätte Sie sollen

vorsichtiger machen. Schönheit ist niemals ein Mittel, eine gute

Heurat zu stiften, und niemand hat mehr Ursache zu zittern, als ein

schön Gesicht. Tausend Gefahren mit Blumen überstreut, tausend

Anbeter und keinen Freund, tausend unbarmherzige Verräter.

Marie. Ach, gnädige Frau, ich weiß wohl, daß ich häßlich bin.

Gräfin. Keine falsche Bescheidenheit. Sie sind schön, der Himmel

hat Sie damit gestraft. Es fanden sich Leute über Ihren Stand, die

Ihnen Versprechungen taten. Sie sahen gar keine Schwürigkeit, eine

Stufe höher zu rücken, Sie verachteten Ihre Gespielinnen, Sie

glaubten nicht nötig zu haben, sich andre liebenswürdige

Eigenschaften zu erwerben, Sie scheuten die Arbeit, Sie begegneten

jungen Mannsleuten Ihres Standes verächtlich, Sie wurden gehaßt.

Armes Kind! wie glücklich hätten Sie einen rechtschaffenen Bürger

machen können, wenn Sie diese fürtreffliche Gesichtszüge, dieses

einnehmende bezaubernde Wesen, mit einem demütigen

menschenfreundlichen Geist beseelt hätten, wie wären Sie von allen

Ihresgleichen angebetet, von allen Vornehmen nachgeahmt und bewundert

worden. Aber Sie wollten von Ihresgleichen beneidet werden. Armes

Kind, wo dachten Sie hin, und gegen welch ein elendes Glück wollten

Sie alle diese Vorzüge eintauschen? Die Frau eines Mannes zu werden,

der um Ihrentwillen von seiner ganzen Familie gehaßt und verachtet

würde. Und einem so unglücklichen Hazardspiel zu Gefallen Ihr ganzes

Glück, Ihre ganze Ehre, Ihr Leben selber auf die Karte zu setzen. Wo

dachten Sie hinaus? wo dachten Ihre Eltern hinaus? Armes betrogenes

durch die Eitelkeit gemißhandeltes Kind! (Drückt sie an ihre Brust.)

Ich wollte mein Blut hergeben, daß das nicht geschehen wäre.

Marie (weint auf ihre Hand). Er liebte mich aber.

Gräfin. Die Liebe eines Officiers, Marie--eines Menschen, der an

jede Art von Ausschweifung, von Veränderung gewöhnt ist, der ein

braver Soldat zu sein aufhört, sobald er ein treuer Liebhaber wird,

der dem König schwört, es nicht zu sein, und sich dafür von ihm

bezahlen läßt. Und Sie glaubten, die einzige Person auf der Welt zu

sein, die ihn, trotz des Zorns seiner Eltern, trotz des Hochmuts

seiner Familie, trotz seines Schwurs, trotz seines Charakters, trotz

der ganzen Welt, treu erhalten wollten? Das heißt, Sie wollten die

Welt umkehren.--Und da Sie nun sehen, daß es fehlgeschlagen hat, so

glauben Sie, bei andern Ihren Plan auszuführen, und sehen nicht, daß

das, was Sie für Liebe bei den Leuten halten, nichts als Mitleiden

mit Ihrer Geschichte, oder gar was Schlimmers ist. (Marie fällt vor

ihr auf die Knie, verbirgt ihr Gesicht in ihren Schoß, und schluchzt.)

Entschließ dich, bestes Kind! unglückliches Mädchen, noch ist es

Zeit, noch ist der Abgrund zu vermeiden, ich will sterben, wenn ich

dich nicht herausziehe. Lassen Sie sich alle Anschläge auf meinen

Sohn vergehen, er ist versprochen, die Fräulein Anklam hat seine Hand

und sein Herz. Aber kommen Sie mit in mein Haus, Ihre Ehre hat einen

großen Stoß gelitten, das ist der einzige Weg, sie wiederherzustellen.

Werden Sie meine Gesellschafterin, und machen Sie sich gefaßt, in

einem Jahr keine Mannsperson zu sehen. Sie sollen mir meine Tochter

erziehen helfen--kommen Sie, wir wollen gleich zu Ihrer Mutter gehen,

und sie um Erlaubnis bitten, daß Sie mit mir fahren dürfen.

Marie (hebt den Kopf rührend aus ihrem Schoß auf). Gnädige Frau--es

ist zu spät.

Gräfin (hastig). Es ist nie zu spät, vernünftig zu werden. Ich

setze Ihnen tausend Taler zur Aussteuer aus, ich weiß, daß Ihre

Eltern Schulden haben.

Marie (noch immer auf den Knien halb rückwärts fallend, mit

gefaltenen Händen). Ach, gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich

mich drüber bedenke--daß ich alles das meiner Mutter vorstelle.

Gräfin. Gut, liebes Kind, tun Sie Ihr Bestes--Sie sollen

Zeitvertreib genug bei mir haben, ich will Sie im Zeichnen, Tanzen

und Singen unterrichten lassen.

Marie (fällt auf ihr Gesicht). O gar zu, gar zu gnädige Frau!

Gräfin. Ich muß fort--Ihre Mutter würde mich in einem wunderlichen

Zustand antreffen. (Geht schnell ab, sieht noch durch die Tür hinein

nach Marien, die noch immer wie im Gebet liegt.) Adieu, Kind!

(Ab.)

Die Soldaten · 第 29 / 50 题