In Lille. Der Gräfin La Roche Wohnung. Die Gräfin. Ein Bedienter.
Gräfin (sieht nach ihrer Uhr). Ist der junge Herr noch nicht
zurückgekommen?
Bedienter. Nein, gnädige Frau.
Gräfin. Gebt mir den Hauptschlüssel, und legt Euch schlafen. Ich
werde dem jungen Herrn selber aufmachen. Was macht Jungfer
Kathrinchen?
Bedienter. Sie hat den Abend große Hitze gehabt.
Gräfin. Geht nur noch einmal hinein, und seht, ob die Mademoiselle
auch noch munter ist. Sagt ihr nur, ich gehe nicht zu Bett, um ein
Uhr werde ich kommen, und sie ablösen.
(Bedienter ab.)
Gräfin (allein). Muß denn ein Kind seiner Mutter bis ins Grab
Schmerzen schaffen? Wenn du nicht mein einziger wärst, und ich dir
kein so empfindliches Herz gegeben hätte.
(Man pocht. Sie geht heraus, und kommt wieder herein mit ihm.)
Junge Graf. Aber, gnädige Mutter, wo ist denn der Bediente, die
verfluchten Leute, wenn es nicht so spät wäre, ich ließ den
Augenblick nach der Wache gehen, und ihm alle Knochen im Leibe
entzweischlagen.
Gräfin. Sachte, sachte, mein Sohn. Wie, wenn ich mich nun gegen
dich so übereilte, wie du gegen den unschuldigen Menschen.
Junge Graf. Aber es ist doch nicht auszuhalten.
Gräfin. Ich selbst habe ihn zu Bette geschickt. Ist's nicht genug,
daß der Kerl den ganzen Tag auf dich passen muß, soll er sich auch
die Nachtruhe entziehen um deinetwillen. Ich glaube, du willst mich
lehren die Bedienten anzusehen wie die Bestien.
Junge Graf (küßt ihr die Hand). Gnädige Mutter!
Gräfin. Ich muß ernsthaft mit dir reden, junger Mensch! Du fängst
an mir trübe Tage zu machen. Du weißt, ich habe dich nie
eingeschränkt, mich in alle deine Sachen gemischt, als deine Freundin,
nie als Mutter. Warum fängst du mir denn jetzt an, ein Geheimnis
aus deinen Herzensangelegenheiten zu machen, da du doch sonst keine
deiner jugendlichen Torheiten vor mir geheimhieltest, und ich, weil
ich selbst ein Frauenzimmer bin, dir allezeit den besten Rat zu geben
wußte. (Sieht ihn steif an.) Du fängst an lüderlich zu werden, mein
Sohn.
Junge Graf (ihr die Hand mit Tränen küssend). Gnädige Mutter, ich
schwöre Ihnen, ich habe kein Geheimnis für Sie. Sie haben mir nach
dem Nachtessen mit Jungfer Wesenern begegnet, Sie haben aus der Zeit
und aus der Art, mit der wir sprachen, Schlüsse gemacht--es ist ein
artig Mädchen, und das ist alles.
Gräfin. Ich will nichts mehr wissen. Sobald du Ursache zu haben
glaubst, mir was zu verhehlen--aber bedenk auch, daß du hernach die
Folgen deiner Handlungen nur dir selber zuzuschreiben hast. Fräulein
Anklam hat hier Verwandte, und ich weiß, daß Jungfer Wesenern nicht
in dem besten Ruf steht, ich glaube, nicht aus ihrer Schuld, das arme
Kind soll hintergangen worden sein-Junge Graf (kniend). Eben das,
gnädige Mutter! eben ihr Unglück--wenn Sie die Umstände wüßten, ja
ich muß Ihnen alles sagen, ich fühle, daß ich einen Anteil an dem
Schicksal des Mädchens nehme--und doch--wie leicht ist sie zu
hintergehen gewesen, ein so leichtes, offenes, unschuldiges Herz--es
quält mich, Mama! daß sie nicht in bessere Hände gefallen ist.
Gräfin. Mein Sohn, überlaß das Mitleiden mir. Glaube mir, (umarmt
ihn) glaube mir, ich habe kein härteres Herz als du. Aber mir kann
das Mitleiden nicht so gefährlich werden. Höre meinen Rat, folge mir.
Um deiner Ruhe willen, geh nicht mehr hin, reis aus der Stadt, reis
zu Fräulein Anklam--und sei versichert, daß es Jungfer Wesenern hier
nicht übel werden soll. Du hast ihr in mir ihre zärtlichste Freundin
zurückgelassen--versprichst du mir das?
Junge Graf (sieht sie lange zärtlich an). Gut, Mama, ich verspreche
Ihnen alles--Nur noch ein Wort, eh' ich reise. Es ist ein
unglückliches Mädchen, das ist gewiß.
Gräfin. Beruhige dich nur. (Ihm auf die Backen klopfend.) Ich
glaube dir's mehr, als du mir es sagen kannst.