Mariens Zimmer. Sie sitzt auf ihrem Bette, hat die Zitternadel in
der Hand, und spiegelt damit, in den tiefsten Träumereien. Der Vater
tritt herein, sie fährt auf und sucht die Zitternadel zu verbergen.
Marie. Ach Herr Jesus--Wesener. Na, so mach Sie doch das Kind nicht.
(Geht einigemal auf und ab, dann setzt er sich zu ihr.) Hör, Mariel!
du weißt, ich bin dir gut, sei du nur recht aufrichtig gegen mich,
es wird dein Schade nicht sein. Sag mir, hat dir der Baron was von
der Liebe vorgesagt?
Marie (sehr geheimnisvoll). Papa!--er ist verliebt in mich, das ist
wahr. Sieht Er einmal, diese Zitternadel hat er mir auch geschickt.
Wesener. Was tausend Hagelwetter--Potz Mord noch einmal, (nimmt ihr
die Zitternadel weg) hab ich dir nicht verboten-Marie. Aber, Papa,
ich kann doch so grob nicht sein, und es ihm abschlagen. Ich sag Ihm,
er hat getan, wie wütend, als ich's nicht annehmen wollte, (läuft
nach dem Schrank) hier sind auch Verse, die er auf mich gemacht hat.
(Reicht ihm ein Papier.)
Wesener (liest laut). Du höchster Gegenstand von meinen reinen
Trieben. Ich bet dich an, ich will dich ewig lieben. Weil die
Versicherung von meiner Lieb und Treu, Du allerschönstes Licht, mit
jedem Morgen neu. Du allerschönstes Licht, ha, ha, ha.
Marie. Wart Er, ich will Ihm noch was weisen, er hat mir auch ein
Herzchen geschenkt mit kleinen Steinen besetzt in einem Ring.
(Wieder zum Schrank. Der Vater besieht es gleichgültig.)
Wesener (liest noch einmal). Du höchster Gegenstand von meinen
reinen Trieben. (Steckt die Verse in die Tasche.) Er denkt doch
honett, seh ich. Hör aber, Mariel, was ich dir sage, du mußt kein
Präsent mehr von ihm annehmen. Das gefällt mir nicht, daß er dir so
viele Präsente macht.
Marie. Das ist sein gutes Herz, Papa.
Wesener. Und die Zitternadel gib mir her, die will ich ihm
zurückgeben. Laß mich nur machen, ich weiß schon, was zu deinem
Glück dient, ich hab länger in der Welt gelebt, als du, mein' Tochter,
und du kannst nur immer allesfort mit ihm in die Komödie gehn, nur
nimm jedesmal die Madam Weyher mit, und laß dir nur immer nichts
davon merken, als ob ich davon wüßte, sondern sag nur, daß er's recht
geheimhält, und daß ich sehr böse werden würde, wenn ich's erführe.
Nur keine Präsente von ihm angenommen, Mädel, um Gottes willen!
Marie. Ich weiß wohl, daß der Papa mir nicht übel raten wird. (Küßt
ihm die Hand.) Er soll sehn, daß ich Seinem Rat in allen Stücken
folgen werde. Und ich werde Ihm alles wiedererzählen, darauf kann Er
sich verlassen.
Wesener. Na, so denn. (Küßt sie.) Kannst noch einmal gnädige Frau
werden, närrisches Kind. Man kann nicht wissen, was einem manchmal
für ein Glück aufgehoben ist.
Marie. Aber, Papa, (etwas leise) was wird der arme Stolzius sagen?
Wesener. Du mußt darum den Stolzius nicht so gleich abschrecken, hör
einmal.--Nu, ich will dir schon sagen, wie du den Brief an ihn
einzurichten hast. Unterdessen schlaf Sie gesund, Meerkatze.
Marie (küßt ihm die Hand). Gute Nacht, Pappuschka! (Da er fort ist,
tut sie einen tiefen Seufzer, und tritt ans Fenster, indem sie sich
aufschnürt.) Das Herz ist mir so schwer. Ich glaube, es wird
gewittern die Nacht. Wenn es einschlüge--(Sieht in die Höhe, die
Hände über ihre offene Brust schlagend.) Gott! was hab ich denn Böses
getan?--Stolzius--ich lieb dich ja noch--aber wenn ich nun mein
Glück besser machen kann--und Papa selber mir den Rat gibt, (zieht
die Gardine vor) trifft mich's, so trifft mich's, ich sterb nicht
anders als gerne. (Löscht ihr Licht aus.)