In Armentieres. Der Obriste Graf Spannheim am Tisch mit seinem
Feldprediger, einem jungen Grafen, seinem Vetter, und dessen
Hofmeister, Haudy, Untermajor, Mary und andern Officiers.
Der junge Graf. Ob wir nicht bald wieder eine gute Truppe werden
herbekommen?
Haudy. Das wÄre zu wÜnschen, besonders für unsere junge Herren. Man
sagt, Godeau hat herkommen wollen.
Hofmeister. Es ist doch in der Tat nicht zu leugnen, daß die
Schaubühne eine fast unentbehrliche Sache für eine Garnison ist,
c'est à dire eine Schaubühne, wo Geschmack herrscht, wie zum Exempel
auf der franzÖsischen.
Eisenhardt. Ich sehe nicht ab, wo der Nutzen stecken sollte.
Obrister. Das sagen Sie wohl nur so, Herr Pastor, weil Sie die
beiden weißen Läppgen unterm Kinn haben, ich weiß, im Herzen denken
Sie anders.
Eisenhardt. Verzeihen Sie, Herr Obriste! ich bin nie Heuchler
gewesen, und wenn das ein notwendiges Laster für unsern Stand wäre,
so dächt' ich, wären doch die Feldprediger davon wohl ausgenommen, da
sie mit vernünftge Leuten zu tun haben. Ich liebe das Theater selber,
und gehe gern hinein, ein gutes Stück zu sehen, aber deswegen glaube
ich noch nicht, daß es ein so heilsames Institut für das Corps
Officiers sei.
Haudy. Aber um Gottes willen, Herr Pfaff oder Herr Pfarr, wie Sie da
heißen, sagen Sie mir einmal, was für Unordnungen werden nicht
vorgebeugt oder abgehalten durch die Komödie. Die Officiers müssen
doch einen Zeitvertreib haben?
Eisenhardt. Mit aller Mäßigung, Herr Major! Sagen Sie lieber, was
für Unordnungen werden nicht eingeführt unter den Officiers durch die
Komödie.
Haudy. Das ist nun wieder so in den Tag hinein räsoniert. Kurz und
gut, Herr, (lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf den Tisch) ich
behaupte Ihnen hier, daß eine einzige Komödie, und wenn's die ärgste
Farce wäre, zehnmal mehr Nutzen, ich sage nicht unter den Officiers
allein, sondern im ganzen Staat, angerichtet hat, als alle Predigten
zusammengenommen, die Sie und Ihresgleichen in Ihrem ganzen Leben
gehalten haben und halten werden.
Obrister (winkt Haudy unwillig). Major!
Eisenhardt. Wenn ich mit Vorurteilen für mein Amt eingenommen wäre,
Herr Major, so würde ich böse werden. So aber wollen wir alles das
beiseite setzen, weil ich weder Sie noch viele von den Herren für
fähig halte, den eigentlichen Nutzen unsers Amts in Ihrem ganzen
Leben beurteilen zu können, und wollen nur bei der Komödie bleiben,
und den erstaunenden Nutzen betrachten, den sie für die Herren vom
Corps haben soll. Ich bitte Sie, beantworten Sie mir eine einzige
Frage, was lernen die Herren dort?
Mary. Ei was, muß man denn immer lernen, wir amüsieren uns, ist das
nicht genug.
Eisenhardt. Wollte Gott, daß Sie sich bloß amüsierten, daß Sie nicht
lernten! So aber ahmen Sie nach, was Ihnen dort vorgestellt wird,
und bringen Unglück und Fluch in die Familien.
Obrister. Lieber Herr Pastor, Ihr Enthusiasmus ist löblich, aber er
schmeckt nach dem schwarzen Rock, nehmen Sie mir's nicht übel.
Welche Familie ist noch je durch einen Officier unglücklich geworden?
Daß ein Mädchen einmal ein Kind kriegt, das es nicht besser haben
will.
Haudy. Eine Hure wird immer eine Hure, sie gerate unter welche Hände
sie will; wird's keine Soldatenhure, so wird's eine Pfaffenhure.
Eisenhardt. Herr Major, es verdrießt mich, daß Sie immer die Pfaffen
mit ins Spiel mengen, weil Sie mich dadurch verhindern, Ihnen
freimütig zu antworten. Sie könnten denken, es mische sich
persönliche Bitterkeit in meine Reden, und wenn ich in Feuer gerate,
so schwöre ich Ihnen doch, daß es bloß die Sache ist, von der wir
sprechen, nicht Ihre Spöttereien und Anzüglichkeiten über mein Amt.
Das kann durch alle dergleichen witzige Einfälle weder verlieren noch
gewinnen.
Haudy. Na, so reden Sie, reden Sie, schwatzen Sie, dafür sind wir ja
da, wer verbietet es Ihnen?
Eisenhardt. Was Sie vorhin gesagt haben, war ein Gedanke, der eines
Nero oder Oglei Oglu Seele würdig gewesen wäre, und auch da bei
seiner ersten Erscheinung vielleicht Grausen würde verursacht haben.
Eine Hure wird immer eine Hure. Kennen Sie das andere Geschlecht so
genau?
Haudy. Herr, Sie werden es mich nicht kennen lehren.
Eisenhardt. Sie kennen es von den Meisterstücken Ihrer Kunst
vielleicht; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, eine Hure wird
niemals eine Hure, wenn sie nicht dazu gemacht wird. Der Trieb ist
in allen Menschen, aber jedes Frauenzimmer weiß, daß sie dem Triebe
ihre ganze künftige Glückseligkeit zu danken hat, und wird sie die
aufopfern, wenn man sie nicht drum betrügt?
Haudy. Red ich denn von honetten Mädchen?
Eisenhardt. Eben die honetten Mädchen müssen zittern vor Ihren
Komödien, da lernen Sie die Kunst, sie malhonett zu machen.
Mary. Wer wird so schlecht denken.
Haudy. Der Herr hat auch ein verfluchtes Maul über die Officiers.
Element, wenn mir ein anderer das sagte. Meint Er Herr denn, wir
hören auf Honettehommes zu sein, sobald wir in Dienste treten.
Eisenhardt. Ich wünsche Ihnen viel Glück zu diesen Gesinnungen.
Solang ich aber noch entretenierte Mätressen und unglückliche
Bürgerstöchter sehen werde, kann ich meine Meinung nicht zurücknehmen.
Haudy. Das verdiente einen Nasenstüber.
Eisenhardt (steht auf). Herr, ich trag einen Degen.
Obrister. Major, ich bitt Euch--Herr Eisenhardt hat nicht unrecht,
was wollt Ihr von ihm. Und der erste, der ihm zu nahe kommt--setzen
Sie sich, Herr Pastor, er soll Ihnen Genugtuung geben. (Haudy geht
hinaus.) Aber Sie gehen auch zu weit, Herr Eisenhardt, mit alledem.
Es ist kein Officier, der nicht wissen sollte, was die Ehre von ihm
fodert.
Eisenhardt. Wenn er Zeit genug hat, dran zu denken. Aber werden ihm
nicht in den neuesten Komödien die gröbsten Verbrechen gegen die
heiligsten Rechte der Väter und Familien unter so reizenden Farben
vorgestellt, den giftigsten Handlungen so der Stachel genommen, daß
ein Bösewicht dasteht, als ob er ganz neulich vom Himmel gefallen
wäre. Sollte das nicht aufmuntern, sollte das nicht alles ersticken,
was das Gewissen aus der Eltern Hause mitgebracht haben kann. Einen
wachsamen Vater zu betrügen, oder ein unschuldig Mädchen in Lastern
zu unterrichten, das sind die Preisaufgaben, die dort aufgelöst
werden.
Haudy (im Vorhause mit andern Officiers: da die Tür aufgeht). Der
verfluchte Schwarzrock-Obrister. Laßt uns ins Kaffeehaus gehn,
Pfarrer, Sie sind mir die Revanche im Schach schuldig--und Adjutant!
wollten Sie doch den Major Haudy für heut bitten, nicht aus seiner
Stube zu gehen. Sagen Sie ihm, ich werde ihm morgen früh seinen
Degen selber wiederbringen.