Vierte Szene

In Armentieres. Der Obriste Graf Spannheim am Tisch mit seinem

Feldprediger, einem jungen Grafen, seinem Vetter, und dessen

Hofmeister, Haudy, Untermajor, Mary und andern Officiers.

Der junge Graf. Ob wir nicht bald wieder eine gute Truppe werden

herbekommen?

Haudy. Das wÄre zu wÜnschen, besonders für unsere junge Herren. Man

sagt, Godeau hat herkommen wollen.

Hofmeister. Es ist doch in der Tat nicht zu leugnen, daß die

Schaubühne eine fast unentbehrliche Sache für eine Garnison ist,

c'est à dire eine Schaubühne, wo Geschmack herrscht, wie zum Exempel

auf der franzÖsischen.

Eisenhardt. Ich sehe nicht ab, wo der Nutzen stecken sollte.

Obrister. Das sagen Sie wohl nur so, Herr Pastor, weil Sie die

beiden weißen Läppgen unterm Kinn haben, ich weiß, im Herzen denken

Sie anders.

Eisenhardt. Verzeihen Sie, Herr Obriste! ich bin nie Heuchler

gewesen, und wenn das ein notwendiges Laster für unsern Stand wäre,

so dächt' ich, wären doch die Feldprediger davon wohl ausgenommen, da

sie mit vernünftge Leuten zu tun haben. Ich liebe das Theater selber,

und gehe gern hinein, ein gutes Stück zu sehen, aber deswegen glaube

ich noch nicht, daß es ein so heilsames Institut für das Corps

Officiers sei.

Haudy. Aber um Gottes willen, Herr Pfaff oder Herr Pfarr, wie Sie da

heißen, sagen Sie mir einmal, was für Unordnungen werden nicht

vorgebeugt oder abgehalten durch die Komödie. Die Officiers müssen

doch einen Zeitvertreib haben?

Eisenhardt. Mit aller Mäßigung, Herr Major! Sagen Sie lieber, was

für Unordnungen werden nicht eingeführt unter den Officiers durch die

Komödie.

Haudy. Das ist nun wieder so in den Tag hinein räsoniert. Kurz und

gut, Herr, (lehnt sich mit beiden Ellenbogen auf den Tisch) ich

behaupte Ihnen hier, daß eine einzige Komödie, und wenn's die ärgste

Farce wäre, zehnmal mehr Nutzen, ich sage nicht unter den Officiers

allein, sondern im ganzen Staat, angerichtet hat, als alle Predigten

zusammengenommen, die Sie und Ihresgleichen in Ihrem ganzen Leben

gehalten haben und halten werden.

Obrister (winkt Haudy unwillig). Major!

Eisenhardt. Wenn ich mit Vorurteilen für mein Amt eingenommen wäre,

Herr Major, so würde ich böse werden. So aber wollen wir alles das

beiseite setzen, weil ich weder Sie noch viele von den Herren für

fähig halte, den eigentlichen Nutzen unsers Amts in Ihrem ganzen

Leben beurteilen zu können, und wollen nur bei der Komödie bleiben,

und den erstaunenden Nutzen betrachten, den sie für die Herren vom

Corps haben soll. Ich bitte Sie, beantworten Sie mir eine einzige

Frage, was lernen die Herren dort?

Mary. Ei was, muß man denn immer lernen, wir amüsieren uns, ist das

nicht genug.

Eisenhardt. Wollte Gott, daß Sie sich bloß amüsierten, daß Sie nicht

lernten! So aber ahmen Sie nach, was Ihnen dort vorgestellt wird,

und bringen Unglück und Fluch in die Familien.

Obrister. Lieber Herr Pastor, Ihr Enthusiasmus ist löblich, aber er

schmeckt nach dem schwarzen Rock, nehmen Sie mir's nicht übel.

Welche Familie ist noch je durch einen Officier unglücklich geworden?

Daß ein Mädchen einmal ein Kind kriegt, das es nicht besser haben

will.

Haudy. Eine Hure wird immer eine Hure, sie gerate unter welche Hände

sie will; wird's keine Soldatenhure, so wird's eine Pfaffenhure.

Eisenhardt. Herr Major, es verdrießt mich, daß Sie immer die Pfaffen

mit ins Spiel mengen, weil Sie mich dadurch verhindern, Ihnen

freimütig zu antworten. Sie könnten denken, es mische sich

persönliche Bitterkeit in meine Reden, und wenn ich in Feuer gerate,

so schwöre ich Ihnen doch, daß es bloß die Sache ist, von der wir

sprechen, nicht Ihre Spöttereien und Anzüglichkeiten über mein Amt.

Das kann durch alle dergleichen witzige Einfälle weder verlieren noch

gewinnen.

Haudy. Na, so reden Sie, reden Sie, schwatzen Sie, dafür sind wir ja

da, wer verbietet es Ihnen?

Eisenhardt. Was Sie vorhin gesagt haben, war ein Gedanke, der eines

Nero oder Oglei Oglu Seele würdig gewesen wäre, und auch da bei

seiner ersten Erscheinung vielleicht Grausen würde verursacht haben.

Eine Hure wird immer eine Hure. Kennen Sie das andere Geschlecht so

genau?

Haudy. Herr, Sie werden es mich nicht kennen lehren.

Eisenhardt. Sie kennen es von den Meisterstücken Ihrer Kunst

vielleicht; aber erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, eine Hure wird

niemals eine Hure, wenn sie nicht dazu gemacht wird. Der Trieb ist

in allen Menschen, aber jedes Frauenzimmer weiß, daß sie dem Triebe

ihre ganze künftige Glückseligkeit zu danken hat, und wird sie die

aufopfern, wenn man sie nicht drum betrügt?

Haudy. Red ich denn von honetten Mädchen?

Eisenhardt. Eben die honetten Mädchen müssen zittern vor Ihren

Komödien, da lernen Sie die Kunst, sie malhonett zu machen.

Mary. Wer wird so schlecht denken.

Haudy. Der Herr hat auch ein verfluchtes Maul über die Officiers.

Element, wenn mir ein anderer das sagte. Meint Er Herr denn, wir

hören auf Honettehommes zu sein, sobald wir in Dienste treten.

Eisenhardt. Ich wünsche Ihnen viel Glück zu diesen Gesinnungen.

Solang ich aber noch entretenierte Mätressen und unglückliche

Bürgerstöchter sehen werde, kann ich meine Meinung nicht zurücknehmen.

Haudy. Das verdiente einen Nasenstüber.

Eisenhardt (steht auf). Herr, ich trag einen Degen.

Obrister. Major, ich bitt Euch--Herr Eisenhardt hat nicht unrecht,

was wollt Ihr von ihm. Und der erste, der ihm zu nahe kommt--setzen

Sie sich, Herr Pastor, er soll Ihnen Genugtuung geben. (Haudy geht

hinaus.) Aber Sie gehen auch zu weit, Herr Eisenhardt, mit alledem.

Es ist kein Officier, der nicht wissen sollte, was die Ehre von ihm

fodert.

Eisenhardt. Wenn er Zeit genug hat, dran zu denken. Aber werden ihm

nicht in den neuesten Komödien die gröbsten Verbrechen gegen die

heiligsten Rechte der Väter und Familien unter so reizenden Farben

vorgestellt, den giftigsten Handlungen so der Stachel genommen, daß

ein Bösewicht dasteht, als ob er ganz neulich vom Himmel gefallen

wäre. Sollte das nicht aufmuntern, sollte das nicht alles ersticken,

was das Gewissen aus der Eltern Hause mitgebracht haben kann. Einen

wachsamen Vater zu betrügen, oder ein unschuldig Mädchen in Lastern

zu unterrichten, das sind die Preisaufgaben, die dort aufgelöst

werden.

Haudy (im Vorhause mit andern Officiers: da die Tür aufgeht). Der

verfluchte Schwarzrock-Obrister. Laßt uns ins Kaffeehaus gehn,

Pfarrer, Sie sind mir die Revanche im Schach schuldig--und Adjutant!

wollten Sie doch den Major Haudy für heut bitten, nicht aus seiner

Stube zu gehen. Sagen Sie ihm, ich werde ihm morgen früh seinen

Degen selber wiederbringen.

Die Soldaten · 第 8 / 50 题