Verfolgen wir den letzten Punkt, die Entwicklung einer Einheitlichkeit
im Zusammenwirken der Zellen und Gewebe des Zellenstaates, noch etwas
genauer, so finden wir, daß in dieser Beziehung außer dem Prinzip
der Abhängigkeit und der Differenzierung der Zellen noch ein drittes
Prinzip in Betracht kommt: das ist das Prinzip der Zentralisation
der Verwaltung. Aber dieses Prinzip ist mit den beiden andern aufs
engste verbunden, es ist, unter dem Gesichtspunkte der natürlichen
Selektion betrachtet, gewissermaßen eine notwendige Folge der beiden
ersteren Momente, die sich um so mehr geltend macht, je mehr diese sich
entwickeln.
Je weiter die Differenzierung der Zellen geht, je enger das
Abhängigkeitsverhältnis der Zellen voneinander wird, um so mehr
macht sich für ein einheitliches Zusammenwirken die Notwendigkeit
geltend, daß auch entfernter gelegene Zellen, Gewebe, Organe des
Zellenstaates miteinander in Beziehung stehen, ein Verhältnis, das
sich durch Selektion in immer tiefer gehender Weise entwickeln muß, je
komplizierter der Aufbau des Zellenstaates wird. Dadurch ist aber die
Entwicklung einer Zentralisation im Zellenstaate bedingt.
Der erste Schritt in der Richtung zur Zentralisation ist eigentlich
schon durch die Arbeitsteilung getan, indem gewisse Zellgruppen oder
Organe eine bestimmte Funktion für den gesamten Zellenstaat übernehmen.
So wird die betreffende Funktion für den ganzen Körper an einer Stelle
zentralisiert, und es entstehen so viel Zentren, als sich Organe für
bestimmte Funktionen differenzieren. Diesen ersten Schritt im Sinne
einer Zentralisation der Verwaltung finden wir bereits im Zellenstaate
der Pflanze. Hier schon ist die Funktion der Stärkesynthese, von der
die Ernährung der ganzen Pflanze abhängt, in den grünen Blattzellen
zentralisiert. Hier sehen wir ferner die Funktion der Wasseraufnahme,
ohne die kein Leben auf die Dauer existieren kann, in den Wurzeln
allein lokalisiert, und so fort. Im tierischen Zellenstaate sind ganz
entsprechende Lokalisationen vorhanden. So ist die Versorgung der
einzelnen Gewebezellen mit Nahrung und Sauerstoff bei den höheren
Tieren zentralisiert in der Tätigkeit des Herzens, welches das
ernährende und sauerstoffreiche Blut zu allen Zellen der verschiedenen
Gewebe und Organe hintreibt.
Im tierischen Zellenstaate ist aber auch der zweite wichtige Schritt
zur Zentralisation getan, das ist die Verbindung aller einzelnen
Funktionszentra oder Organe untereinander, und zwar durch Entstehung
eines Zentralnervensystems mit allen seinen Leitungsbahnen. Dieses
Prinzip ist es, das in seiner weiteren und weiteren Ausbildung in der
Tierreihe schließlich zu jener weitgehenden Zentralisation führt, wie
wir sie im komplizierten Zellenstaate der Wirbeltiere und besonders
des Menschen entwickelt finden. Im Zentralnervensystem haben wir ein
Zentralorgan, das allein die Funktion ausübt, bestimmte Zellen, Gewebe,
Organe mit der Außenwelt und untereinander so zu verbinden, daß ein
geordnetes Zusammenwirken derselben möglich ist, und je weiter wir
in der Tierreihe aufwärts steigen, um so mehr finden wir, wie das
Zentralnervensystem im Sinne einer einheitlichen Verwaltung seine
Herrschaft allmählich auf nahezu +alle+ Zellen und Zellenkomplexe des
Tierkörpers ausdehnt.
[Illustration: Fig. 311. +Schema des Blutkreislaufs beim Menschen.+
Zentralisation der Ernährung aller Zellen im Blutstrom. Die schwarze
Hälfte ist das venöse, die helle das arterielle Gefäßsystem. Beide
sind durch das Kapillarnetz der Lungen (oben) und der Gewebe (unten)
miteinander verbunden. In den Kapillaren umspült der Blutstrom alle
Gewebe, deren Zellen aus ihm ihre Nahrung nehmen und an ihn ihre
unbrauchbaren Stoffe abgeben. Aus ~Ranke~.]
Um uns das Prinzip, das der Mechanik des Zentralnervensystems zugrunde
liegt, zu veranschaulichen, ist es am zweckmäßigsten, die einfachste
Form seiner Funktion ins Auge zu fassen: den +Mechanismus des Reflexes+.
Das Wesen des Reflexes besteht darin, daß ein den Reiz perzipierendes
und ein den Reiz in zweckmäßiger Weise beantwortendes Element durch
ein zentrales Verbindungsstück so untereinander in Beziehung gesetzt
werden, daß jeder auf das reizperzipierende Element einwirkende
Reiz zum Zentrum und von hier als Impuls für eine Reizreaktion zum
ausführenden Element geleitet wird. Ein solcher Mechanismus, in
dem jeder am sensiblen Ende eintretende Reiz mit maschinenartiger
Sicherheit eine Reaktion am Erfolgsende hervorruft, ist ein
„+Reflexbogen+“.
Die primitivste Form eines Reflexbogens haben wir bereits bei
einzelligen Organismen, deren Zellkörper einerseits sensible,
anderseits motorische Elemente besitzt und selbst als zentrales
Verbindungsstück für beide fungiert. So stellt z. B. ein einzelnes
Individuum von +Poteriodendron+ einen solchen Reflexbogen einfachster
Art vor (Fig. 312 _I_). Der auf einem Myoidfaden am Boden eines
zierlichen Hüllkelches befestigte Zellkörper besitzt eine Geißel, die
außerordentlich sensibel ist. Der geringste Reiz, der auf die Geißel
einwirkt, wird zentripetal zum Zellkörper und von hier aus zentrifugal
zum Myoidfaden geleitet, so daß der Einwirkung des Reizes auf die
Geißel die Kontraktion des Myoidfadens blitzschnell auf dem Fuße
folgt. Ganz analog verhält sich z. B. +Vorticella+, nur daß hier die
sensiblen Elemente in Gestalt der Wimpern des Peristomwimpergürtels
in der Mehrzahl vorhanden sind. Dieselben Verhältnisse haben wir
ferner bei den sogenannten Neuromuskelzellen der Cölenteraten (Fig.
312 _II_). Hier besitzt ebenfalls eine Zelle auf der einen Seite ein
sensibles Element und auf der andern eine kontraktile Faser, die sich
kontrahiert, sobald das sensible Endorganoid gereizt wird. Was aber in
allen diesen Fällen an einer einzigen Zelle differenziert ist, das ist
im Nervensystem der Tiere auf mehrere Zellen verteilt.
[Illustration: Fig. 312. +Primitiver Reflexbogen an der einzelnen
Zelle.+ _I_ +Poteriodendron+, eine Flagellatenzelle in einer
kelchförmigen Hülle auf einem Myoidfaden befestigt. _II_
+Neuromuskelzellen+ von einer Actinie. _II_ Nach ~Hertwig~.]
Als Paradigma kann hier die einfachste Form des Reflexbogens gelten,
die wir im Rückenmark der Wirbeltiere finden. Hier sind es mindestens
zwei zentrale Zellen, die zwischen die peripherische Aufnahmezelle
und die peripherische Erfolgszelle eingeschaltet sind. Von der Haut
entspringt eine sensible Nervenfaser, sei es frei, sei es aus einer
Sinneszelle, und läuft zu einer Ganglienzelle in einem neben dem
Rückenmark gelegenen Spinalganglion. Diese erste zentrale Ganglienzelle
(Fig. 313 _A_) sendet eine andere Nervenfaser ins Rückenmark hinein,
wo sich dieselbe in einen aufsteigenden und einen absteigenden Ast
mit zahllosen Nebenästen aufteilt. Irgendein solcher Ast setzt sich
dann in Verbindung mit einer zweiten zentralen Ganglienzelle, mit
einer motorischen Zelle im Rückenmark, die ihre Nervenfaser dann
wieder aus dem Rückenmark heraus zu einer peripherisch gelegenen
Muskelzelle sendet. So wird also von der sensiblen Ausgangsstation in
der Haut der nervöse Impuls durch eine zentripetale Bahn übertragen
zu einer Spinalganglienzelle und von dieser durch ihre intrazentrale
Bahn zu einer motorischen Ganglienzelle des Rückenmarks, die ihn auf
ihrer zentrifugalen Bahn nach der motorischen Endstation im Muskel
weitersendet.
Ebenso wie motorisch kann die Endzelle der zentrifugalen Bahn im
gegebenen Falle aber auch sekretorisch oder lichtproduzierend oder auch
elektrizitätsentwickelnd sein. So werden auf reflektorischem Wege durch
die Ganglienzellen des Zentralnervensystems ganz verschiedene und weit
auseinander liegende Teile des Zellenstaates miteinander in Verbindung
gesetzt und durch Impulse vom Zentralnervensystem her zur Tätigkeit
veranlaßt.
[Illustration: Fig. 313. +Verbindungen der sensiblen und motorischen
Bahn im Rückenmark+ (Schema). _A_ +Einfachster Reflexbogen+: rechts
die birnförmige, bipolare Spinalganglienzelle, deren zentripetaler
Achsenzylinder sich im Rückenmark in seine Kollateralen mit ihren
Endverzweigungen auflöst. Die letzteren treten hier direkt an die
Dendriten der motorischen Neurone der Vorderhörner des Rückenmarks
und verbinden sich mit ihnen per contiguitatem. _B_ +Komplizierterer
Reflexbogen+: zwischen die Endausbreitungen des Spinalganglienneurons
und die motorischen Neurone der Vorderhörner des Rückenmarks ist noch
ein Schaltneuron eingeschoben, dessen Achsenzylinder sich ebenfalls
in zahlreiche Kollateralen mit ihren Endverzweigungen auflöst und
seinerseits erst durch die letzteren mit den motorischen Neuronen der
Vorderhörner in Kontakt tritt.]
Die weiteren Momente, die beim Mechanismus des Zentralnervensystems in
Betracht kommen, sind, wenn wir vom Schema des Reflexbogens ausgehen,
sehr einfach. Sie bestehen lediglich darin, daß einerseits zwischen
sensibles und motorisches Endorgan noch mehr als zwei zentrale
Ganglienzellen verschiedener Funktion eingefügt sind (Fig. 313 _B_),
und daß anderseits gewisse Ganglienzellen nicht bloß von einer einzigen
Seite, von einer einzigen anderen Ganglienzelle her innerviert
werden, sondern von mehreren, unter Umständen von zahlreichen anderen
Zellen. So treten die Ganglienzellen und weiter die einzelnen
Ganglienzellensysteme vermittels ihrer Nervenfasern in überaus
komplizierte und verwickelte Verbindungen untereinander, so daß ein
scheinbar unentwirrbares Netzwerk von Ganglienzellen und verbindenden
Nervenfasern entsteht, das aber in Wirklichkeit auf das allerfeinste
geordnet ist und immer nur ein ganz bestimmtes und einheitliches
Zusammenwirken der verschiedenen Teile des Organismus vermittelt, die
es untereinander verbindet. Indem einerseits dem Zentralnervensystem
von den Sinnesorganen her auf dem Wege der zentripetalen Nervenfasern
die Vorgänge in der Außenwelt mitgeteilt werden und indem andererseits
vom Zentralnervensystem her, dessen Ganglienzellen bei den Wirbeltieren
hauptsächlich im Gehirn und Rückenmark, sowie im sympathischen
Nervensystem gelegen sind, die verschiedensten Zellen, Gewebe, Organe
des Zellenstaates in zweckmäßiger Weise innerviert werden, entsteht
ein zentrales Verwaltungssystem des ganzen Zellenstaates, das durch
seine langen Leitungsbahnen selbst die entferntesten Teile des
Zellenstaates einer einheitlichen Herrschaft unterwirft (Fig. 314). Man
hat daher das Nervensystem sehr anschaulich mit einem Telegraphennetz
verglichen, dessen Drähte die entferntesten Regionen eines Landes
mit einer zentralen Verwaltungsstelle in Verbindung setzen. In der
Tat ist der Vergleich des Zentralnervensystems mit einer großen
Telegraphenstation und der Nervenfasern mit den Telegraphendrähten in
bezug auf das beiden zugrunde liegende Prinzip der Zentralisation ein
sehr glücklicher. Allein man darf denn doch solche Vergleiche nicht
zu weit ausspinnen und schließlich in den Nerven wirklich nur noch
Leitungsdrähte für Elektrizität erblicken wie das früher vielfach
geschehen ist. Die Nervenfasern sind in Wirklichkeit Ausläufer der
Ganglienzellen und bestehen ebenso aus lebendiger Substanz wie diese,
d. h. sie haben einen Stoffwechsel, mit dem ihr Leben und daher ihre
Funktion untrennbar verknüpft ist. Das geht ohne weiteres aus der
Tatsache hervor, daß die Nervenfaser nach Abtrennung der Ganglienzelle,
zu der sie gehört, als kernlose Protoplasmamasse unfehlbar zugrunde
geht, und daß sie in ihrer Erregbarkeit wie Leitfähigkeit, wenn auch
in geringerem Grade als die Ganglienzelle, von der Anwesenheit des
Sauerstoffs abhängig ist.
[Illustration: Fig. 314. +Nervensystem des Menschen.+ Vom Gehirn und
Rückenmark aus verlaufen die Nervenstränge, welche zentripetale und
zentrifugale Leitungsbahnen enthalten, nach allen Körperteilen und
verbinden sie so durch das Zentralnervensystem zu einem einheitlichen
Ganzen. Nach ~Ranke~.]
[Illustration: Fig. 315. +Schema eines Neuron.+ _a_ Freier
Achsenzylinder; _b_ Achsenzylinder, nur vom Neurilemm umgeben; _c_
Achsenzylinder, nur vom Nervenmark umgeben; _d_ Achsenzylinder, vom
Nervenmark und Neurilemm umgeben und durch ~Ranvier~sche Schnürringe in
Segmente geteilt. Aus ~Stöhr~.]
[Illustration: Fig. 316. +~Purkinje~sche Ganglienzelle aus der grauen
Rindenschicht des Gehirns mit reich entwickelten Dendriten.+ Aus
~Stöhr~.]
Die Art und Weise, wie anatomisch und funktionell die Elemente des
Nervensystems untereinander verbunden sind, verdient noch unsere
besondere Aufmerksamkeit, da die neueren Untersuchungen über den
feineren Bau des Zentralnervensystems, welche durch die namentlich von
~Golgi~, ~His~, ~Retzius~, ~Kölliker~, ~Ramón y Cajal~, ~Weigert~,
~Apáthy~, ~Nissl~, ~Bethe~, ~Harrison~ und anderen so außerordentlich
hochentwickelte mikroskopische Technik ermöglicht worden sind, hier
ganz eigentümliche, gesetzmäßige Verhältnisse aufgedeckt haben. Wir
wissen jetzt, daß der elementare Baustein des Nervensystems das
„+Neuron+“ ist, d. h. die Ganglienzelle mit allen ihren Fortsätzen.
Von dem Zellkörper der Ganglienzelle gehen nämlich, je nach ihrer
Funktion, mehr oder weniger zahlreiche Fortsätze aus, unter denen
sich zwei verschiedene Arten voneinander unterscheiden. Die eine
Art bildet ein mehr oder weniger reichverästeltes Gezweig und wird
daher zweckmäßig als „Dendriten“ bezeichnet (Fig. 316). Es sind die
sogenannten „Protoplasmafortsätze“, wie sie die älteren Histologen
nannten. Die andere Art bildet den „Nervenfortsatz“ oder die
„Nervenfortsätze“. Soviel wir bisher wissen, gibt es nach der Anzahl
der letzteren nur zwei verschiedene Arten von Ganglienzellen, unipolare
(früher multipolare wegen der zahlreichen Dendriten) mit nur einem
Nervenfortsatz (Fig. 313), und bipolare mit zwei Nervenfortsätzen
(Fig. 313). Diese Nervenfortsätze sind nichts anderes als die Anfänge
der Nervenfasern, die bisweilen eine Länge von 1 m und mehr erreichen.
Durch die wichtigen Untersuchungen der letzten Jahre, namentlich
durch die Studien ~Ramón y Cajal~s und die Experimente ~Harrison~s
über die Entwicklung des Neurons ist jetzt der alte Streit, ob die
Nervenfaser eine Kette von selbständigen Zellen oder nur ein Fortsatz
der Ganglienzelle sei, endgültig in dem Sinne entschieden worden,
daß die Nervenfasern tatsächlich besonders differenzierte Ausläufer
der Ganglienzellen sind. Diese Nervenfortsätze der Ganglienzellen
nun sind es, welche die entferntesten Zellen des Tierkörpers mit
den Ganglienzellen in leitende Verbindung setzen und die Impulse,
die von den Ganglienzellen oder den Sinnesapparaten der Peripherie
ausgehen, den betreffenden Gewebezellen oder im gegebenen Falle anderen
Ganglienzellen übermitteln. In seinem Verlauf vom Ganglienzellkörper
bis zu der Zelle, die er innerviert, zeigt der Nervenfortsatz an
verschiedenen Punkten aber ein sehr verschiedenes Verhalten. Er sendet
hier und dort kollaterale Aeste ab und umgibt sich bald nach seinem
Ursprung mit einer aus Myelin bestehenden Hülle, dem „Nervenmark“, die
durch die sogenannten ~Ranvier~schen Schnürringe in einzelne Segmente
geteilt ist und erst wieder kurz vor der Zelle verschwindet, die
der Nerv versorgt. Das Nervenmark selbst, in dem der Nervenfortsatz
als „Achsenzylinder“ verläuft, ist meist von einer membranartigen
Scheide, dem „Neurilemm“, umgeben. Das Ende des Nerven schließlich
zeigt je nach der Art der Zelle, die er innerviert, sehr mannigfache
Differenzierungen. So bildet die Ganglienzelle mit ihren Dendriten und
ihrem Nervenfortsatz den zellularen Baustein des ganzen Nervensystems,
den ~Waldeyer~ in zweckmäßiger Weise mit dem kurzen Wort „+Neuron+“
bezeichnet hat (Fig. 315). Die Gesamtheit der zahllosen Neurone in
ihrer Verbindung untereinander stellt das Nervensystem der Tiere
vor, wenigstens in seinen wesentlichen Bestandteilen. Alle anderen
Bestandteile des Nervensystems sind Stütz- oder Schutzeinrichtungen
für die Neurone. Nach den neueren Untersuchungen von ~Golgi~, ~Ramón
y Cajal~, ~van Gehuchten~, ~Kölliker~, ~Retzius~, ~His~ und anderen
scheint die Verbindung der Neurone untereinander überall derartig zu
sein, daß die Dendriten der Ganglienzelle die Reizimpulse aufnehmen,
während der Nervenfortsatz die Impulse von einer Ganglienzelle her auf
die Dendriten einer anderen überträgt (Fig. 313). Nur die bipolaren
Ganglienzellen, die in den zu beiden Seiten des Rückenmarks gelegenen
Spinalganglien enthalten sind, besitzen in dem peripherischen
Nervenfortsatz eine Bahn, die von der Peripherie her in Form von
äußeren Reizen Impulse aufnimmt und auf ihren Ganglienzellkörper
in zentripetaler Richtung überträgt, von wo der Impuls dann durch
den zentralen Nervenfortsatz und seine Kollateralen mit ihren
Endverzweigungen zu anderen Neuronen fortgepflanzt wird. Man kann
aber auch hier das allgemeine Gesetz, daß der Nervenfortsatz der
Ganglienzelle die Erregung stets in zentrifugaler, die Dendriten
der Ganglienzelle stets in zentripetaler Richtung in bezug auf
den Ganglienzellkörper fortleiten, als gültig ansehen, wenn man,
wie das vielfach geschehen ist, den peripherischen Fortsatz der
Spinalganglienzelle nur als einen ungeheuer langen Dendriten
betrachtet. Dann wäre die physiologische Richtung der Erregungsleitung
im Neuron überall der gleichen Gesetzmäßigkeit unterworfen. Die
Dendriten der Ganglienzellen zeigen in manchen Fällen, wie z. B. in
den ~Purkinje~schen Ganglienzellen der grauen Hirnrinde, eine ganz
erstaunlich reiche Entwicklung (Fig. 316, 317), und bieten damit der
Zuleitung der Erregung zum Ganglienzellkörper eine Fülle von Wegen.
[Illustration: Fig. 317. +Schnitt durch die Kleinhirnrinde eines
Kalbes.+ Die großen verästelten Zellen sind ~Purkinje~sche
Ganglienzellen. Nach ~Schiefferdecker~.]
[Illustration: Fig. 318. +Riechzellen.+ _A_ vom Frosch, _B_ vom
Menschen. Die schmalen, spindelförmigen Zellen sind die Riechzellen,
an die der Nerv tritt, die breiten, unten verzweigten sind epitheliale
Stützzellen. Nach ~Frey~.]
[Illustration: Fig. 319. +Motorische Nervenplatte+ im quergestreiften
Muskel, von der Seite gesehen. Aus ~Lang~.]
In bezug auf die Frage nach der Verbindungsweise der Neurone
untereinander sind die Ansichten der Histologen noch geteilt. Während
die einen sich durch die ~Golgi~sche Imprägnationsmethode überzeugt zu
haben glauben, daß die Nervenendausbreitungen der einen Neurone mit
den Dendriten resp. dem Ganglienzellkörper der anderen Neurone nur
durch innigen Kontakt zusammenhängen, finden die anderen, daß eine
volle Kontinuität besteht, die durch den Uebergang feinster fibrillärer
Differenzierungen durch ganze Ketten von Neuronen hindurch vermittelt
wird. Wie dem auch sein mag, jedenfalls muß eine Einrichtung vorhanden
sein, welche die Kontinuität der physiologischen Erregungsleitung
gestattet[785].
Die Art schließlich, wie die Nervenfasern in die peripherischen
Endzellen übergehen, die sie innervieren, oder aus denen sie
entspringen, ist eine sehr mannigfaltige. Die von der Peripherie
des Körpers her zentripetal leitenden (sensiblen) Nerven sowohl wie
die zentrifugal nach der Peripherie hin leitenden (motorischen,
sekretorischen, elektrischen etc.) Nerven sind je nach dem Organ, in
dem sie endigen, verschieden. Unter den zentripetal leitenden, d. h.
sensiblen Nerven, gibt es welche, die, ohne mit einer Sinneszelle in
Verbindung zu stehen, frei in der Haut endigen. Die anderen entspringen
direkt von einer Sinneszelle, die speziell für die Aufnahme des Reizes
entwickelt ist, wie z. B. die Stäbchen- und Zapfenzellen des Auges, die
Härchenzellen des Ohres, die Riechzellen der Nase (Fig. 318) etc. Unter
den zentrifugal leitenden Nervenendigungen sind die der motorischen
Nerven in den quergestreiften Muskeln am meisten charakteristisch.
Hier wird der Uebergang der Nervenfaser in die Muskelsubstanz durch
ein besonders differenziertes Nervenendorgan, die „motorische
Nervenendplatte“, vermittelt, eine platten- oder geweihförmige
Ausbreitung des Achsenzylinders im Sarkoplasma. Das letztere, das an
dieser Stelle sehr körnig und durch viele Zellkerne charakterisiert
ist, wird vom Sarkolemm der Muskelfaser bedeckt, welches hier direkt in
das Neurilemm des Nerven übergeht (Fig. 319). Viel weniger kompliziert
scheint die Endigungsweise der zentrifugalen Nerven in anderen Organen,
wie glatten Muskelzellen, Drüsenzellen, Leuchtzellen etc., zu sein,
aber diese Verhältnisse bedürfen zum Teil noch genauerer Untersuchung.
Durch die zentrale Verwaltung aller Funktionen des ganzen Organismus im
Nervensystem allein ist es möglich, daß der Zellenstaat des Tierkörpers
sich in so weitgehender Weise differenzieren konnte. Nur wenn im
geeigneten Augenblick dieses oder jenes Organ in Tätigkeit tritt oder
in Ruhe bleibt, nur wenn in zweckmäßiger Weise dieses oder jenes
Organ auf eine Einwirkung an dieser oder jener Körperstelle reagiert,
nur wenn in feinster Harmonie diese oder jene Zellen, Gewebe, Organe
zusammenwirken, kann sich ein so überaus komplizierter Mechanismus
entwickeln, wie wir ihn im Zellenstaat der Wirbeltiere und vor allem
des Menschen vor uns haben.
* *
*
Hier mündet die allgemeine Physiologie in die spezielle Physiologie
des tierischen und pflanzlichen Zellenstaates und seiner verschiedenen
Entwicklungsformen ein. Es ist die Aufgabe der speziellen Physiologie,
die besonderen Mechanismen, die sich aus dem Zusammenleben der
Zellen im Zellenstaat ergeben, im einzelnen zu untersuchen und ihr
Zusammenwirken zu erforschen. Das Gebiet der allgemeinen Physiologie
ist hier zu Ende, denn die allgemeine Physiologie reicht nur so
weit, als es sich um den Mechanismus derjenigen Lebensäußerungen
handelt, die +allen+ Organismen gemeinsam sind. Objekt der allgemeinen
Physiologie bleiben daher die elementaren Lebensäußerungen der Zelle;
denn die Zelle ist dasjenige Bauelement, das +aller+ lebendigen
Substanz zugrunde liegt. +Es gibt keine lebendige Substanz, die nicht
zu Zellen angeordnet wäre, und es gibt keine Funktion der lebendigen
Substanz, die nicht im Lebensprozeß der Zelle ihren Ursprung hätte.
Wenn daher die Physiologie in der Erklärung der Lebensäußerungen
ihre Aufgabe sieht, so kann die+ =allgemeine= +Physiologie nur eine
Zellularphysiologie sein.+
Sachverzeichnis.