4. Die Interferenz von Reizwirkungen.

Eine Frage, die ein ganz besonderes Interesse verdient, ist die Frage

nach den Interferenzwirkungen zweier verschiedener Reize. Leider

beginnt man erst auf diesem Gebiete mit einer methodischen Behandlung

der Probleme, und es ist zurzeit nur möglich, einige wenige Andeutungen

zu machen, die auf den Zusammenhang dieser Frage mit gewissen Tatsachen

aus den verschiedenen Gebieten der Physiologie hinweisen.

Da der Biotonus durch die verschiedenen Reize in sehr verschiedener

Weise beeinflußt werden kann, je nachdem diese oder jene Glieder

desselben von dem betreffenden Reiz erregt oder gelähmt werden, so muß

bei einer methodischen Untersuchung der Interferenzwirkungen zweier

Reize die Frage, wie jeder einzelne derselben wirkt, den Ausgangspunkt

bilden. +Vor allen Dingen ist für das Verständnis einer jeden

Interferenzwirkung die Frage zu entscheiden, ob die beiden Reize im

gleichen Sinne, d. h. erregend resp. lähmend wirken oder nicht, und auf

welche Glieder des Biotonus sich ihre Wirkung primär erstreckt, ob auf

Assimilation oder Dissimilation. Nur durch Beantwortung dieser Fragen

ist daran zu denken, allgemeine Gesetze der Interferenzwirkungen zu

gewinnen.+

Haben wir zwei untermaximale Reize, die beide in gleichem Sinne, also

beispielsweise erregend, und die beide auf die gleichen Glieder des

Biotonus, also beispielsweise auf die Dissimilationsphase wirken, so

werden wir im allgemeinen eine Summation der Erregungen haben, die

allerdings in bezug auf Einzelheiten sich zunächst nicht ohne weiteres

vorausbestimmen läßt, weil die Intensität der Reize, ihre Dauer, der

Zeitmoment ihrer Einwirkung, der Erregbarkeitsgrad der betreffenden

Zelle, ihr Refraktärstadium die verschieden starke Beeinflussung der

einzelnen D-Glieder, die Tatsache der Selbststeuerung des Stoffwechsels

etc. Faktoren sind, die eine entscheidende Rolle beim Zustandekommen

des Enderfolges spielen. Hierher gehört z. B. die ganze Fülle der

Tatsachen, die namentlich in der Nerven- und Muskelphysiologie als

Fälle der „+Erregbarkeitssteigerung+“ bekannt geworden sind. Durch die

Einwirkung eines erregenden Reizes, sagen wir z. B. eines thermischen

Reizes, auf einen Nerven kann seine Erregbarkeit für einen zweiten,

sagen wir für einen galvanischen Reiz erhöht sein, und der letztere

erzielt eine stärkere Reizwirkung als wenn er allein einwirkte. Auch

wenn die Intensität der beiden Reize dicht unter der Reizschwelle

liegt, so daß jeder einzeln für sich keine wahrnehmbare Wirkung

ausübt, können beide zusammenwirkend einen deutlichen Reizerfolg durch

Summation erzielen. Man hat hier sehr unzweckmäßig von einer „Bahnung“

gesprochen und durch diese Ausdrucksweise zu vielen Mißverständnissen

Anlaß gegeben, da man unter Bahnung im Nervensystem ursprünglich einen

ganz anderen Vorgang, nämlich das eben besprochene „Ausschleifen der

Bahnen“ verstand. Im vorliegenden Falle dagegen handelt es sich einfach

um eine Summationswirkung zweier Reize.

Ein Gegenstück dazu liefern die Wirkungen, welche resultieren,

wenn zwei Reize auf die lebendige Substanz einwirken, die beide in

entgegengesetztem Sinne, also der eine lähmend, der andere erregend,

auf die gleichen Glieder des Biotonus wirken. Hier haben wir

gewöhnlich eine „+Erregbarkeitsherabsetzung+“ als Resultat. Lassen wir

beispielsweise auf eine Zelle ein Narcoticum wirken, oder lähmen wir

sie durch Ueberreizung, so wird jeder erregende Reiz einen geringeren

Reizerfolg erzielen, als wenn er allein einwirkte, die Zelle wird unter

Umständen vollständig unerregbar sein.

Hierher gehört nun, wie endlich durch neuere Untersuchungen entschieden

werden konnte, die höchst wichtige und interessante Gruppe der

+Hemmungsvorgänge+, die bei aller lebendigen Substanz beobachtet werden

können, die aber eine ganz fundamentale Bedeutung haben für das gesamte

Leben des Nervensystems.

+Unter „Hemmung“ verstehen wir die Tatsache, daß die Erregung, die

ein Reiz hervorruft, durch die Einwirkung eines zweiten an sich

ebenfalls erregenden Reizes unterdrückt oder verhindert werden kann.+

Als typisches Paradigma kann uns die Hemmung der antagonistischen

Muskeln in unserem Körper dienen, die in den ihnen zugehörigen

Ganglienzellen des Zentralnervensystems sich abspielt. Unter normalen

Verhältnissen ist es uns nicht möglich, zwei antagonistische Muskeln

gleichzeitig in Kontraktion zu erhalten. Sind z. B. die Beugemuskeln

des Arms kontrahiert und kontrahieren wir jetzt die Streckmuskeln

des Arms, so erschlaffen gleichzeitig die Beuger und umgekehrt. Der

Impuls, den wir entsenden, um die Streckmuskeln zu kontrahieren,

hemmt gleichzeitig die in den Zentren der Beuger bestehende Erregung.

Ein solches Verhältnis finden wir auf Schritt und Tritt im Leben

unseres Nervensystems und auf ihm beruht zum großen Teil die Feinheit

der Koordination in dem Zusammenarbeiten der Teile unseres Körpers.

Ueberall, wo Antagonisten vorhanden sind, ist dieses Verhältnis

realisiert. Aber nicht bloß im motorischen Gebiet, sondern auch im

sensorischen Gebiete finden wir solche Hemmungsvorgänge. So kann

z. B. eine Sinnesempfindung eine andere, eine neu auftretende die

vorhergehende hemmen. Wir können nicht gleichzeitig ein Buch lesen

und eine Oper hören, ja, wir können nicht einmal zwei Vorstellungen

gleichzeitig im Bewußtseinsfelde haben, sondern immer nur nacheinander.

Darin liegt eine Grundbedingung alles logischen Denkens, das nur

zustande kommen kann durch gesetzmäßige +Aufeinanderfolge+ von

einzelnen Vorstellungen und das ausgeschlossen wäre bei einem

Nebeneinanderbestehen zahlreicher Vorstellungen. So haben die

Hemmungsvorgänge für unser ganzes Leben eine ebenso grundlegende

Bedeutung wie die Erregungsvorgänge. Es ist daher begreiflich,

daß die Physiologie ein ganz besonderes Interesse haben muß, den

Mechanismus dieser Hemmungsvorgänge zu analysieren. Allein obwohl

man die Hemmungsvorgänge bereits seit der ersten Hälfte des vorigen

Jahrhunderts kennt und obwohl mehrfach Versuche unternommen sind, das

Prinzip der Hemmungsvorgänge zu ermitteln, ist doch eine endgültige

Aufklärung des ganzen Gebietes erst in den letzten Jahren gelungen.

Zwar hatte schon ~Schiff~ sich eine im wesentlichen zutreffende

Anschauung über das Zustandekommen der Hemmungsvorgänge gebildet, aber

er verwarf selbst diese Anschauung wieder, weil er sie mit anderen

Erfahrungen seiner Zeit nicht in Einklang bringen konnte.

Fragt man sich, wie etwa die Hemmung einer bestehenden

dissimilatorischen Erregung auf Grund unseres Schemas vom Stoffwechsel

mechanisch verständlich wäre, so liegt von vornherein die Antwort nahe:

durch die Entstehung der antagonistischen Stoffwechselprozesse. Zu

einer dissimilatorischen Erregung sind aber zwei Antagonismen denkbar:

entweder eine assimilatorische Erregung oder eine dissimilatorische

Lähmung. Der hemmende Reiz könnte also entweder die bestehende

dissimilatorische Erregung zum Verschwinden bringen, indem er die

Assimilationsphase des Stoffwechsels erregt und so steigert, daß sie

die Dissimilation überwiegt, oder er könnte so wirken, daß er die

dissimilatorische Erregung lähmt, so daß eine dissimilatorische Lähmung

entsteht.

Die erstere Ansicht ist in der Tat von ~Gaskell~[618], ~E.

Hering~[619], ~Meltzer~[620] und anderen vertreten worden und man muß

gestehen, daß sie auf den ersten Blick sehr plausibel erscheint. Bei

genauerem Zusehen aber erheben sich beträchtliche Schwierigkeiten.

Es ist nämlich trotz eifrigsten Suchens nicht möglich gewesen, Reize

aufzufinden, die primär die assimilatorischen Prozesse der Zelle

momentan zu erregen imstande wären. Die Assimilation überwiegt

immer nur über die Dissimilation entweder primär bei gesteigerter

Nahrungszufuhr oder sekundär nach dissimilatorischer Erregung. Nervöse

Impulse aber, die primär und momentan die Assimilation erregen, sind

bisher nicht bekannt geworden und wir wissen auch, daß im Nervensystem

nur dissimilatorische Erregungen fortgeleitet werden[621], daß also

alle nervösen Impulse dissimilatorische Erregungsvorgänge sind, von

denen man sich schwer vorstellen könnte, wie sie in irgendeiner

Ganglienzelle primär assimilatorisch erregende Wirkungen hervorrufen

sollten.

Dagegen hat sich gezeigt, daß die zweite Annahme die Hemmungsvorgänge

ohne Schwierigkeit zu erklären imstande ist. Die Grundtatsache,

die zur Annahme geführt hat, daß die Hemmungsvorgänge auf einer

dissimilatorischen Lähmung, und zwar auf einer Arbeitslähmung beruhen,

liefert das Verhalten des Strychninfrosches. Durch Strychninvergiftung

wird die Erregbarkeit der sensiblen Ganglienzellen des Rückenmarks[622]

so gesteigert, daß sie auf den leisesten Reiz hin eine maximale

Impulsentladung geben. Dadurch wird die Arbeitslähmung beschleunigt und

das Refraktärstadium, wie wir gesehen haben, nach jeder Impulsentladung

infolge des relativen Sauerstoffmangels länger[623]. Lassen wir nun

während dieses Zustandes einen einzelnen Reiz auf eine Hautstelle

einwirken, so liefert derselbe eine einzelne Zuckung, also eine

dissimilatorische Entladung der von ihm erregten Ganglienzellen. Lassen

wir dann einen zweiten Reiz folgen in einem Intervall, das länger ist

als das Refraktärstadium in diesem Zeitpunkt, so liefert auch dieser

zweite Reiz wieder eine Zuckung. Lassen wir aber den zweiten Reiz in

einem Intervall folgen, das kürzer ist als das Refraktärstadium, so

bleibt der Reizerfolg aus[624]. In diesem Fall also hat der erste Reiz

die Wirkung des zweiten gehemmt. Und lassen wir rhythmische Reize in

Intervallen aufeinander folgen, die kürzer sind als die Dauer des

Refraktärstadiums, so bleiben die Ganglienzellen dauernd refraktär,

weil jeder folgende Reiz von neuem ihre Erholung verhindert. So hemmt

jeder vorhergehende Reiz die Wirkung jedes folgenden Reizes. Hier

liegen also die Verhältnisse vollkommen klar. Dieser Fundamentalversuch

der Lehre von den Hemmungsvorgängen ist kürzlich von Herrn ~Tiedemann~

in einer noch nicht veröffentlichten Untersuchungsreihe weiter verfolgt

worden, die über die Beteiligung der einzelnen Ganglienzellstationen am

Zustandekommen der mitgeteilten Tatsachen noch speziellere Aufklärung

geben wird. Inzwischen hat ~Fröhlich~[625] in einer Reihe von Arbeiten

nachweisen können, daß in der Tat die verschiedenen Arten von

Hemmungsvorgängen sämtlich auf das gemeinsame Prinzip der Entwicklung

eines Refraktärstadiums, also einer dissimilatorischen Lähmung,

zurückführbar sind. Untersuchungen an dem Oeffnungs- und Schließmuskel

der Krebsschere haben ~Fröhlich~ dabei gezeigt, daß man zwei Typen

von Hemmungsvorgängen unterscheiden kann. Hier besteht nämlich das

eigentümliche Verhältnis, daß der Schließmuskel, wenn er kontrahiert

ist, durch ganz schwache Reize gehemmt wird, während umgekehrt zur

Hemmung des kontrahierten Oeffnungsmuskels nur starke Reize wirksam

sind. Die Hemmung des Schließmuskels beruht auf der bereits erwähnten

Tatsache, daß manche Formen der lebendigen Substanz besonders leicht

für ganz schwache Reize ermüden, die in der Nähe der Reizschwelle

liegen. Es handelt sich also hier um die Entwicklung eines „+relativen

Refraktärstadiums+“, bei der Hemmung des Oeffnungsmuskels dagegen um

die Entwicklung eines „+absoluten Refraktärstadiums+“. ~Fröhlich~

hat nun zeigen können, daß im Leben unseres Nervensystems gerade die

Hemmungsvorgänge eine besondere Rolle spielen, denen das Prinzip des

„relativen“ Refraktärstadiums zugrunde liegt. Demgegenüber sind die

oben beschriebenen Hemmungsvorgänge am Strychninfrosch der Ausdruck

eines „absoluten“ Refraktärstadiums, denn hier sind die Entladungen

der Ganglienzellen maximal und die Reize in keiner Intensität wirksam.

+In allen Fällen aber beruhen die Hemmungsvorgänge immer auf einer

dissimilatorischen Lähmung, welche die Wirkung dissimilatorisch

erregender Reize verhindert.+

Es sei hier aber darauf hingewiesen, daß nicht alles in Wirklichkeit

Ausdruck von Hemmungsvorgängen ist, was als solcher angesprochen

worden ist. So sind z. B. die merkwürdigen Tatsachen, die man

fälschlich als „tierische Hypnose“ bezeichnet hat, nicht, wie vielfach

angenommen wurde, Ausdruck von Hemmungs-, sondern vielmehr im

Gegenteil Ausdruck von Erregungsvorgängen. Das bekannte „Experimentum

mirabile de imaginatione gallinae“ des Pater ~Kircher~ gehört hierher.

Ergreift man ein Huhn, wenn es noch so erregt ist und schreit,

plötzlich mit sicherem Griff und legt man es vorsichtig auf den

Rücken, indem man seine Lagekorrektionsbewegungen mit sanftem Druck

unterdrückt, so bleibt das Tier nach wenigen kurzen Versuchen, sich

zu erheben, bewegungslos liegen (Fig. 268) und ebenso verhalten sich

Meerschweinchen (Fig. 167, p. 422), Kaninchen, Tauben, Frösche,

Eidechsen und zahllose andere Tiere. Bei allen diesen Experimenten aber

handelt es sich in erster Linie, wie wir bereits an anderer Stelle

sahen, um ein Tonischwerden des Lagereflexes, wie die dauernd in der

Lagekorrektionsstellung innervierten Muskeln zeigen. Das Großhirn ist

bei diesem eigentümlichen Verhalten gar nicht aktiv beteiligt, wie

sich daraus ergibt, daß auch großhirnlose Hühner sich genau ebenso

verhalten. Ob bei normalen Tieren neben dem durch das Kleinhirn

vermittelten tonischen Lagereflex noch Hemmungsvorgänge im Großhirn

vorhanden sind, dafür existiert keinerlei Anhaltspunkt.

[Illustration: Fig. 268. _I_ +Naja haje+ (ägyptische Brillenschlange).

+Experiment der ägyptischen Schlangenbeschwörer.+ Links oben die Haje

in erregter Angriffsstellung (Schildstellung). Rechts oben dieselbe

durch einen Druck in die Nackengegend bewegungslos gemacht und auf den

Rücken gelegt. Unten dieselbe bewegungslos gemacht gradeausgestreckt

auf dem Bauch liegend. _II_ +Huhn, durch sicheres Zugreifen

bewegungslos gemacht und auf den Rücken gelegt. Experimentum mirabile

des Pater+ ~Kircher~.]

Im Gegensatz zu dieser Gruppe von Vorgängen liegen dem uralten

Experiment der ägyptischen Schlangenbeschwörer, das schon vor mehr als

3000 Jahren ~Moses~ und ~Aaron~ vor dem ägyptischen Pharao ausführten

und das die Schlangenzauberer in Aegypten noch heute dem staunenden

Volke demonstrieren, in der Tat echte Hemmungsvorgänge zugrunde.

Durch einen leichten Druck in die Nackengegend gelingt es, die wild

erregte, zischende, hochaufgerichtete +Haje+ (Brillenschlange)

plötzlich bewegungslos zu machen, so daß man das gefährliche Tier

ohne seinen todbringenden Biß fürchten zu müssen, nunmehr in jede

beliebige Stellung bringen kann (Fig. 268). Hierbei handelt es sich,

wie experimentell nachgewiesen werden konnte[626], um eine totale

Hemmung der vorher stark kontrahierten Muskeln des ganzen Körpers. Der

Druckreiz in der Nackengegend hemmt die Erregung der motorischen Zentra.

Schließlich beruhen auf einer dissimilatorischen Lähmung wahrscheinlich

auch die hemmenden Wirkungen, die der galvanische Strom an gewissen

Formen der lebendigen Substanz an einem Pole entfaltet. Wie wir an

anderer Stelle[627] sahen, wird ein tonisch kontrahierter Muskel,

durch den man einen konstanten galvanischen Strom hindurchfließen

läßt, bei der Schließung des Stromes an der Anode erschlafft.

Dementsprechend findet am Nerven beim Durchgang des Stromes an

der Anode eine Herabsetzung der Erregbarkeit statt. Eine Amöbe,

durch die ein konstanter Strom hindurchgelassen wird, erschlafft

dagegen an der Kathode und fließt mit breitem Pseudopodium in dieser

Richtung vor[628]. Alle diese hemmenden Wirkungen des Stromes, die

~Hering~ im Sinne seiner Auffassung der Hemmungsvorgänge als Ausdruck

assimilatorischer Erregung gedeutet hat, dürften sich vielmehr im

Sinne der oben entwickelten Theorie der Hemmungsvorgänge ebenfalls als

Ausdruck dissimilatorischer Lähmung erweisen, und das gleiche gilt

für die Deutung der antagonistischen Farbenempfindungen, bei denen

gleichfalls immer die eine Farbe einer dissimilatorischen Erregung, die

andere einer dissimilatorischen Lähmung entsprechen wird.

5. Die polaren Veränderungen des Biotonus und der Mechanismus der

Achseneinstellung bei einseitiger Reizung.

Wir haben bisher nur die Veränderungen des Biotonus bei +allgemeiner+

Reizung der lebendigen Substanz ins Auge gefaßt. Die Veränderungen, die

bei +lokaler+ Reizung auftreten, sind aber wert, besonders betrachtet

zu werden, weil sie in gewissen Fällen zu ganz charakteristischen

äußeren Folgen Anlaß geben. Das sind die bewegungsrichtenden Wirkungen

der Reize an frei beweglichen Organismen, die wir als Chemotaxis,

Barotaxis, Thermotaxis, Phototaxis und Galvanotaxis kennen gelernt

haben. Diese interessanten Reaktionen werden, wie wir sahen, sämtlich

durch Differenzen in der Reizstärke an verschiedenen Stellen der

Körperoberfläche hervorgerufen und kommen zustande durch Beeinflussung

der Tätigkeit kontraktiler Elemente. Es handelt sich also in diesen

Fällen von Reizwirkungen um die Veränderungen derjenigen Glieder

der A- und D-Reihe des Biotonus, die der Kontraktion und Expansion

der kontraktilen Elemente zugrunde liegen. Nur wo Differenzen des

Kontraktions- und des Expansionszustandes an zwei verschiedenen Stellen

des Zellkörpers bestehen, kann eine bestimmt gerichtete Wirkung

zustande kommen. Da in bezug auf den Bewegungseffekt Kontraktion (_c_)

und Expansion (_e_) zwei antagonistische Phasen des Bewegungsvorganges

sind, so können wir uns das Verhältnis dieser beiden Glieder des

Biotonus in analoger Weise wie den Biotonus selbst durch einen Bruch

veranschaulichen. Wir können uns dann die Zustände, die in einer

ruhenden Zelle an zwei verschiedenen Partien des Körpers bestehen,

schematisch in folgender Weise versinnlichen:

_c_ _c_

------------------

_e_ _e_

wobei _c_/_e_ das Verhältnis von Kontraktion zu Expansion bezeichnet,

das an zwei gegenüberliegenden Polen eines einzelligen Organismus

herrscht.

+Denken wir uns einen Zustand der Zelle, in dem _c_ und _e_ gleich groß

sind, und in dem allseitig eine gleich starke Neigung zur Kontraktion

und Expansion besteht, so kann nach keiner Seite hin eine Bewegung

erfolgen. Das ändert sich aber sofort, wenn an zwei Stellen der

Oberfläche Differenzen im Biotonus auftreten, wenn _c_ oder _e_ unter

dem Einfluß eines einseitig wirkenden Reizes an einem Pol größer oder

kleiner wird, als am andern. In diesem Falle ist die Bedingung für eine

einseitig gerichtete Bewegung gegeben.+

Da die merkwürdigen Tatsachen der Chemotaxis, Barotaxis, Thermotaxis,

Phototaxis und Galvanotaxis noch bis in unsere Zeit vielfach als ganz

rätselhafte „Anziehungen“ und „Abstoßungen“ der einzelligen Organismen

von seiten der Reizquelle betrachtet worden sind, deren Zustandekommen

noch nicht mechanisch erklärt werden konnte, so ist es von großem

Interesse, zu sehen, wie sich auf Grund von polaren Differenzen im

Biotonus der Mechanismus dieser eigentümlichen Reizreaktionen mit

zwingender Notwendigkeit aus der speziellen Bewegungsart einer jeden

Zellform von selbst ergibt. Eine derartige Betrachtung muß um so mehr

Interesse fordern, als viele der genannten Reizwirkungen, vor allem die

Chemotaxis der Bakterien und Leukocyten, auch in der Pathologie des

menschlichen Körpers eine weitgehende Bedeutung besitzen.

Wenn man folgende drei Faktoren: die spezielle Bewegungsart eines jeden

Organismus (Protoplasma-, Geißel-, Flimmerbewegung etc.), dann die

Veränderung dieser Bewegung unter dem Einfluß der Reize und schließlich

die Stelle des Körpers, an der bei einseitiger Reizung das Maximum der

Wirkung in jedem Fall lokalisiert ist, ins Auge faßt, dann erscheint

der Mechanismus dieser durch ihre große Gesetzmäßigkeit imponierenden

Reizwirkungen so einfach, daß seine Analyse sich jedem, der sich

überhaupt Bewegungsmechanismen im Geiste in ihre Teile zu zerlegen

gewöhnt ist, geradezu von selbst aufdrängen muß.

Stellen wir uns vor, ein einzelliger Organismus, der nach einer

Längsachse differenziert ist, bewege sich ungestört nach beliebigen

Richtungen durch das Medium, in dem er sich befindet, und es wirke

plötzlich von irgendeiner Seite her ein Reiz auf ihn ein, so wäre

zum Zustandekommen einer Annäherung an die Reizquelle oder einer

Entfernung von derselben vor allem eine bestimmte Achseneinstellung des

Organismus erforderlich, so daß er mit dem vorderen oder hinteren Pol

seiner Längsachse nach der Reizquelle gerichtet würde. Nun ist es eine

allgemeine Regel, daß alle einachsig differenzierten Organismen sich in

völlig ungestörtem Zustande in der Richtung ihrer Längsachse bewegen.

Ist daher diese Achseneinstellung einmal ausgeführt, so muß bei

vollständigem Fehlen aller anderweitigen Impulse durch die gewöhnliche

Lokomotionsart des Organismus eine Bewegung nach der Reizquelle hin

oder von ihr fort zustande kommen, und die weitere Einwirkung des

Reizes verhindert oder korrigiert nur gelegentliche Abweichungen

von dieser Bewegungsrichtung, die etwa durch anderweitige Impulse

erzeugt werden. Das wesentliche Moment bei allen bewegungsrichtenden

Reizwirkungen ist also die Achseneinstellung des Zellkörpers, und der

Kernpunkt der Mechanik dieser Reizreaktion liegt in der Erklärung

der Achseneinstellung. Verfolgen wir daher den Mechanismus der

Achseneinstellung bei verschiedenen Typen freilebender Zellen etwas

genauer.

[Illustration: Fig. 269. +Schema der Achseneinstellung einer Amöbe bei

kontraktorischer Erregung von rechts her.+ Die Dicke des Konturs deutet

die Erregung an. Die Pfeile bezeichnen die Kriechrichtung.]

Die einfachsten und durchsichtigsten Verhältnisse haben wir wie immer

bei den nackten Protoplasmamassen, wie sie z. B. die Zellen der

+Amöben+ und +Leukocyten+ vorstellen. Denken wir uns eine +Amöbe+ in

Kugelform, die im Begriff ist, zu kriechen, und stellen wir uns vor,

daß an einer Stelle infolge eines einseitig wirkenden Reizes eine

+kontraktorische+ Erregung einträte (Fig. 269 _a_), so würde an der

gegenüberliegenden Stelle der Kugeloberfläche die kontraktorische

Erregung am geringsten sein. Hier würde das Protoplasma ungehindert

vorfließen, während an der gereizten Seite die starke Kontraktion

kein Vorfließen des Protoplasmas gestatten würde. Das Protoplasma der

+Amöbe+ würde also nach der ungereizten Seite hin ein Pseudopodium

bilden (Fig. 269 _b_). So würde eine +Amöbe+, die sonst unter

ringsherum gleichen Bedingungen nach allen Seiten hin Pseudopodien

ausstreckt und bald hierhin, bald dorthin kriecht, eine axial

differenzierte Gestalt annehmen (Fig. 269 _c_), wie es bei den Amöben

der Fall ist, die man unter dem Namen +Amoeba limax+ als besondere Form

bezeichnet hat. Bei andauernder Reizung von derselben Seite her müßte

unter diesen Umständen ein allmähliches Fortkriechen der +Amöbe+ von

der Reizquelle eintreten, wie wir es ja in der Tat bei der negativen

Chemotaxis und Thermotaxis der Amöben, Myxomyceten, Leukocyten etc. vor

uns haben. Umgekehrt: stellen wir uns vor, daß auf die kugelförmige

+Amöbe+ von einer Seite her ein Reiz einwirke, der lokal eine

+expansorische+ Erregung erzeugt, so wird das Protoplasma nach dieser

Seite am stärksten vorfließen, so daß sich die +Amöbe+ bei andauernder

Reizung der Reizquelle nähern muß. So erklärt sich die positive

Chemotaxis der Leukocyten, Amöben, Myxomyceten und anderer nackter

Protoplasmamassen. Wirkt von der einen Seite ein expansorischer, von

der anderen ein kontraktorischer Reiz auf die +Amöbe+ ein, so muß der

Erfolg sich natürlich in gleichem Sinne äußern, d. h. die +Amöbe+ muß

von der kontraktorisch erregten Seite weg und nach der expansorisch

erregten Seite hin kriechen. Die Galvanotaxis der +Amöben+ liefert

einen ungemein klaren Beleg dafür. (Vergl. Fig. 220 auf p. 495.)

Etwas komplizierter ist der Mechanismus der Achseneinstellung

bei denjenigen Mikroorganismen, die nicht mehr formwechselnde

Protoplasmamassen vorstellen, sondern wie die Bakterien und Infusorien

einen formbeständigen, achsial differenzierten Körper besitzen, der

sich mit besonderen Bewegungsorganoiden, den Geißeln und Wimpern, durch

das Wasser bewegt. Durch rhythmisches Schlagen der Geißeln oder Wimpern

wird der Körper dieser Organismen nach Art eines Ruderbootes durch das

Wasser getrieben. Die Analogie der Bewegungen mit dem Mechanismus eines

durch Ruder bewegten Bootes ist in der Tat vollkommen und läßt sich bis

in die feinsten Einzelheiten durchführen. Es sind völlig die gleichen

Mittel, welche die Bewegungen des geruderten Bootes und die Bewegungen

der freischwimmenden Flimmerzelle in feinster Weise lenken und richten,

und wir können uns das eigentümliche Verhalten der Bakterien und

Infusorien bei ihrer Achseneinstellung gegenüber einseitig wirkenden

Reizen nicht besser versinnlichen, als wenn wir an das Bewegen und

Lenken eines Bootes mittels der Ruder denken. Unter den verschiedenen

Formen, die durch Geißel- und Wimperschlag ihren langgestreckten Körper

durch das Wasser treiben, können wir als wichtigste Typen diejenigen

Formen unterscheiden, die mit einer einzigen Geißel, diejenigen, die

mit zwei Geißeln und diejenigen, die mit mehreren oder sehr vielen

Wimpern ihren Körper bewegen, entsprechend einem durch ein zwei, oder

viele Ruder getriebenen Boote. Konstruieren wir uns zunächst einmal

+schematisch+ die Wirkungen, die sich aus einseitiger Erregung oder

Lähmung der kontraktorischen oder expansorischen Phase des Geißel- oder

Wimperschlages ergeben müssen.

[Illustration: Fig. 270. +Schema des Geißelschlages einer

Geißelinfusorienzelle.+]

Fassen wir dabei zuerst die Formen mit +einer+ Geißel ins Auge, wie sie

viele Bakterien und Geißelinfusorien vorstellen, und wählen wir als

Vertreter das zierliche grüne Geißelinfusor +Euglena+, das im Sommer

mit seinen ungezählten Scharen das Wasser stehender Pfützen in eine

tiefgrüne Flüssigkeit verwandelt. Die Geißel der Flagellaten befindet

sich am vorderen Körperpol und bewegt sich in schraubenförmiger Bahn

durch das Wasser. Indessen brauchen wir für die Konstruktion unseres

Schemas, ohne einen Fehler zu begehen, die Bewegung der Geißel der

Einfachheit halber nur in einer einzigen Ebene zu betrachten. Dann

sehen wir die Geißel durch abwechselnde Kontraktion rhythmisch nach

rechts (_b_) und nach links (_b_′) um die gerade Mittellage (_a_)

herum pendeln, und zwar entspricht die Schwingung aus der Mittellage

(_a_) in eine der beiden extremen Schlaglagen (_b_ oder _b_′) der

Kontraktionsphase, die Rückkehr aus einer der extremen Schlaglagen

in die Mittellage (_a_) dagegen der Expansionsphase (Fig. 270) der

Geißelbewegung. Die Geißel wirkt also wie ein Ruder, das am Vorderende

des Bootes abwechselnd nach rechts und nach links bewegt wird. Es liegt

auf der Hand, daß der Infusorienkörper in gerader Richtung nach vorn

sich bewegen muß, wenn das Infusor ungestört unter ringsumher gleichen

Bedingungen die Geißel gleich stark nach rechts und links schlagen

läßt, d. h. wenn Kontraktion und Expansion nach rechts ebenso schnell

verlaufen, wie nach links. Wirkt aber von einer Seite her plötzlich

ein kontraktorischer Reiz auf das Flagellat ein, und ist die Längsachse

des Körpers nicht schon von vornherein in der Richtung des einfallenden

Reizes mit dem hinteren Körperpol nach der Reizquelle zu eingestellt,

so wird diese Einstellung durch einige Schläge der Geißel von selbst

herbeigeführt, denn da die Geißel bei jeder schrägen oder queren Lage

der Längsachse auf derjenigen Seite, von welcher der Reiz einfällt,

stärker kontraktorisch erregt wird als auf der entgegengesetzten Seite,

so führt sie nach der Reizseite stärkere Schläge aus, als nach der

entgegengesetzten Seite, und bewirkt so, daß sich der Vorderteil des

Körpers von der Reizquelle abwendet (Fig. 271). Wir haben hier genau

das gleiche Verhältnis wie bei dem mit einem einzigen Ruder bewegten

Boot. Auch das Vorderteil des Bootes wendet sich, wenn es auf der einen

Seite stärker abgestoßen wird, nach der entgegengesetzten Seite. Die

ungleiche Stärke des Geißelschlages nach beiden Richtungen dauert aber

so lange an, und der Vorderteil des Körpers wendet sich so lange immer

mehr von der Reizquelle ab, bis der Körper seine Längsachse in der

Richtung des einfallenden Reizes eingestellt hat (Fig. 271 _d_). Dann

werden beide Seiten der Geißel gleich stark erregt, und das Protist

schwimmt, solange der Reiz andauert, geradeaus. So ergibt sich eine

negative Chemotaxis, Phototaxis etc. bei eingeißeligen Bakterien und

Flagellaten als notwendige Folge einer einseitigen kontraktorischen

Erregung des Geißelschlages.

[Illustration: Fig. 271. +Schema der Achseneinstellung einer

Geißelinfusorienzelle bei kontraktorischer Erregung von rechts her.+

Die Seite, nach welcher die Konkavität der Geißel gerichtet ist, ist

die kontraktorisch erregte. Die Pfeile bezeichnen die Drehungsrichtung.]

Hiernach ist es sehr leicht, sich die Verhältnisse der Achsenrichtung

auch bei zweigeißeligen Formen schematisch zu konstruieren, wie wir

sie z. B. in dem Geißelinfusor +Polytoma+ (Fig. 272) vor uns haben.

Befinden sich zwei Geißeln am Vorderende der Zelle, so entspricht

die Zelle einem Boote, das am Vorderende mit zwei Rudern bewegt

wird. Ist der Schlag beider Ruder gleich stark, so bewegt sich das

Boot geradeaus. Dasselbe muß auch bei der Geißelzelle der Fall sein.

Schlägt dagegen das eine Ruder stärker, so dreht sich das Boot mit

dem Vorderende nach der entgegengesetzten Seite. Das gleiche wird

also bei der zweigeißeligen Flimmerzelle eintreten, wenn von einer

Seite her ein kontraktorischer Reiz einwirkt, der die eine Geißel zu

stärkerem Schlagen veranlaßt (Fig. 272 _a_ _b_ _c_). Das Vorderende

der Geißelzelle muß sich dann von der Reizquelle wegdrehen, bis die

Längsachse in der Richtung des einfallenden Reizes mit dem Vorderende

von der Reizquelle abgewendet ist. In dieser Richtung werden beide

Geißeln gleich stark kontraktorisch erregt (Fig. 272 _d_), und das

Flagellat schwimmt infolgedessen gerade von der Reizquelle fort. So

entsteht auch bei den zweigeißeligen Formen negative Chemotaxis etc.

durch einseitige kontraktorische Erregung.

[Illustration: Fig. 272. +Schema der Achseneinstellung einer

Infusorienzelle mit zwei Geißeln bei kontraktorischer Erregung von

rechts her.+ Die stärkere Konkavität der einen Geißel deutet die

stärkere kontraktorische Erregung an. Die Pfeile bezeichnen die

Drehungsrichtung.]

[Illustration: Fig. 273. +Schema der Achseneinstellung eines

Wimperinfusoriums bei kontraktorischer Erregung von rechts her.+

Die stärkere Konkavität der Wimpern nach hinten deutet die stärkere

kontraktorische Erregung an. Die Pfeile bezeichnen die Richtung der

Drehung und befinden sich am vorderen Körperpol.]

Was sich bei +Polytoma+ und anderen Formen aus der Tätigkeit +zweier+

Geißeln ergibt, das kann bei den Wimperinfusorien schließlich als

Folge des Schlages +zahlreicher+ Wimpern aufgefaßt werden. Hier haben

wir z. B. in den Bewegungen von +Paramaecium+ das Analogon zu den

Bewegungen eines langen, vielruderigen Bootes. Schlagen alle Ruder auf

beiden Seiten vollkommen gleich stark, so schwimmt das Boot geradeaus;

schlagen die Ruder auf einer Seite stärker, so dreht sich das Boot nach

der entgegengesetzten Seite. Dasselbe gilt von der Wimperbewegung beim

+Paramaecium+. Schlagen die Wimpern auf beiden Seiten gleich stark,

so schwimmt das Infusor in gerader Richtung vorwärts; wirkt dagegen

von einer Seite her ein kontraktorisch erregender Reiz, so daß die

Wimpern auf der einen Seite des Körpers zu stärkerem Schlagen veranlaßt

werden, als auf der anderen (Fig. 273 _a_), so muß sich der Körper

so lange von der Reizquelle mit dem Vorderende abwenden, bis er mit

seiner Längsachse in der Richtung des einfallenden Reizes eingestellt

ist. Dann erst werden die Wimpern an korrespondierenden Punkten der

beiden Körperlängsseiten gleich stark erregt, und die Zelle schwimmt in

gerader Richtung von der Reizquelle fort. So ergibt sich schließlich

auch bei Wimperinfusorien negative Chemo-, Baro-, Thermo-, Phototaxis

aus einseitiger kontraktorischer Erregung.

Ebenso einfach ist die Kontraktion des Mechanismus der

Achseneinstellung bei der +positiven+ Chemo-, Thermo-, Phototaxis etc.

der Flimmerzellen. Die Achseneinstellung bei diesen Reizwirkungen

kann z. B. hervorgerufen werden durch eine einseitige expansorische

Erregung. Denken wir uns, daß ein Reiz von einer Seite her expansorisch

erregend wirkt, so wird die Expansionsphase des Wimperschlages, d. h.

die Rückkehr der Geißeln oder Wimpern in die Ruhelage, auf dieser

Seite energischer erfolgen als auf der gegenüberliegenden Seite des

Körpers. Die Folge davon wird die umgekehrte sein, als wenn die

Kontraktionsphase energischer wird, d. h. das Vorderende des Körpers

wird sich nach der Seite des einfallenden Reizes hinwenden, bis die

Längsachse in der Richtung des Reizes eingestellt ist. Es hängt dann

allein von der relativen Größe der Kontraktions- und Expansionsphase

der Wimpern ab, ob der motorische Effekt so gerichtet ist, daß die

Zelle in dieser Achseneinstellung sich auf die Reizquelle zu oder

rückwärts von ihr fortbewegt. Diese Achseneinstellung aber muß +immer+

eintreten, mag sich die Zelle durch eine, zwei oder viele Flimmerhaare

bewegen (Fig. 274).

[Illustration: Fig. 274. +Schema der Achseneinstellung eines

Wimperinfusoriums bei expansorischer Erregung von rechts her.+

Die Pfeile befinden sich am vorderen Körperpol und geben die

Drehungsrichtung an. Die stärkere Konkavität der Wimpern nach vorn

deutet die expansorische Erregung an.]

Wirkt schließlich von einer Seite her ein kontraktorisch

erregender, von der andern ein expansorisch erregender Reiz auf die

Infusorienzelle ein, so liegt es auf der Hand, daß beide bezüglich

der Achseneinstellung des Körpers in gleichem Sinne wirken müssen,

d. h. so, daß der Körper sich mit dem Vorderteil nach der Seite des

expansorischen Reizes einstellt. Ob in dieser Achseneinstellung eine

Bewegung in der einen oder in der anderen Richtung oder gar ein

Stillstand am Ort stattfindet, das hängt dann ganz von der Größe

und Richtung des motorischen Effekts ab, den der Wimperschlag an

beiden entgegengesetzten Körperenden hat. Daß alle drei Möglichkeiten

realisiert sind, zeigt am schönsten die Galvanotaxis, wo man je nach

der Intensität des galvanischen Stromes Vorwärtsschwimmen, Stillstand

am Orte oder endlich Rückwärtsgehen erzielen kann.

Auch der Mechanismus der Achseneinstellung bei kontraktorischer und

expansorischer +Lähmung+ auf einer Seite des Körpers ist nach den

vorstehenden Betrachtungen schematisch leicht zu konstruieren, denn es

liegt auch hier eine Differenz in der Tätigkeit der Bewegungsorganoide

auf beiden Seiten des Körpers vor, die nach den bekannten Prinzipien

eine Achsendrehung herbeiführen muß, bis die Differenz auf beiden

Seiten der Längsachse ausgeglichen ist.

Veranschaulichen wir uns an unserem ersten Schema, von dem

wir ausgingen, die verschiedenen durch kontraktorische oder

expansorische Erregung oder Lähmung des einen Körperpols veranlaßten

Achseneinstellungen eines vorübergehend oder dauernd polar

differenzierten Zellkörpers, so bekommen wir folgende Fälle, wobei die

Pfeilspitze die Lage des vorderen Körperendes bezeichnet:

_c_ _c_ + _n_ _c_ _c_

---←----------------------- ------------------→---------

_e_ _e_ _e_ _e_ + _n_

_c_ _c_ - _n_ _c_ _c_

-----------------→--------- ---←------------------------

_c_ _e_ _e_ _e_ - _n_

+In Worten heißt das: Bei kontraktorischer Erregung oder expansorischer

Lähmung von einer Seite her wendet sich der vordere Körperpol von

der Reizquelle ab; bei kontraktorischer Lähmung oder expansorischer

Erregung von einer Seite her wendet sich der vordere Körperpol der

Reizquelle zu.+

Wir dürfen indes nicht vergessen, daß es sich hier zunächst nur um

konstruierte Schemata handelt.

Diese theoretisch konstruierten Schemata des Mechanismus der

Achseneinstellung sind aber sicherlich nicht überall in dieser

einfachen Form realisiert. Sie gelten allerdings zweifellos für alle

nackten Rhizopoden und Leukocyten, sonst aber bei Infusorienzellen

vielleicht nur in solchen Fällen, in denen ein sehr gleichmäßiger und

allmählicher Abfall in der Intensität des Reizes vorhanden ist. Sicher

ist, daß das Schema bei Geißel- und Wimperinfusorien überall da, wo

eine starke Intensitätsdifferenz, ein plötzlicher Intensitätsabfall

des Reizes, also eine annähernd punktförmige Reizung besteht,

infolge der speziellen Differenzierung des Wimperapparates durch

bestimmte Wimperreflexe eine wesentliche Abänderung erfährt. So hat

namentlich ~Jennings~[629] in den letzten Jahren für verschiedene

Infusorienformen den Nachweis geführt, daß jede Form auf gewisse

einseitig einwirkende Reize mit einem ganz bestimmten Wimperreflex

antwortet, der eine Bewegung zur Folge hat, die den Zellkörper von der

Reizquelle abwendet. Derartige spezielle Zellreflexe sind namentlich

für die mit verschiedenartig differenzierten Wimpern versehenen

Infusorien oft in sehr komplizierter Weise entwickelt, aber doch so,

daß jede Infusorienform meist nur über einen einzigen, ganz bestimmten

Reflexmechanismus verfügt, der die Achseneinstellung des Körpers

beherrscht. So hat ~Jennings~ z. B. den Wimperreflex und seine Folgen

bezüglich der Bewegungsrichtung bei +Paramaecium+ genau analysiert.

Schwimmt ein +Paramaecium+ z. B. auf seinem Wege mit dem vorderen

Körperende gegen einen festen Körper (Fig. 275 _A_), so tritt zunächst

im gleichen Moment eine Aenderung des Wimperschlages in der Weise

ein, daß die Wimpern stärker nach vorn als nach rückwärts schlagen,

so daß das Infusorium eine Strecke weit rückwärts schwimmt. Bald

darauf aber kehrt die ursprüngliche Richtung des Wimperschlages wieder

zurück, aber so, daß der Wimperschlag auf einer Seite des Körpers

heftiger ist als auf der anderen. Die Folge ist, daß das Infusorium

seine Schwimmrichtung ändert, so daß es jetzt in einem bestimmten

Winkel von seiner alten Schwimmrichtung abweichend von neuem vorwärts

schwimmt. Stößt es auf dieser Bahn von neuem an ein Hindernis, so

wiederholt sich der Reflex. In Fig. 275 sind die einzelnen Phasen

dieses Wimperreflexes in den Stadien 1–6 zum Ausdruck gebracht. In

ganz analoger Weise verhält sich nun +Paramaecium+ bei der Chemotaxis.

Kommt ein Individuum auf seiner Schwimmbahn in einen Tropfen von ganz

verdünnter Säure, die eine positiv chemotaktische Wirkung ausübt[630],

so schwimmt es vorwärts bis gegen die Grenze des Tropfens. Hier wirkt

das umgebende Medium negativ chemotaktisch, und zwar so, daß es als

Reiz den oben genannten Reflexmechanismus auslöst, der dem Infusorium

eine andere Schwimmrichtung gibt. Kommt es im Verfolg dieser neuen

Schwimmrichtung von neuem an die Grenze des Tropfens, so wiederholt

sich der Vorgang immer wieder von neuem, so daß das Infusor, wie Fig.

276 _I_ zeigt, niemals aus dem Tropfen herauskommt. Einen ganz analogen

Reflexmechanismus hat ~Jennings~ bei freischwimmenden +Stentoren+

beobachtet, die negativ phototaktisch sind. Kommen sie auf ihrer

Schwimmbahn aus der Dunkelheit an die Grenze des Lichtes, so ändert

sich sofort durch einen ganz bestimmten Reflex des Wimperschlages,

den der Lichtreiz auslöst, ihre Schwimmrichtung, wie es Fig. 276

_II_ in den aufeinanderfolgenden Stadien 1–4 bei einem Individuum

erkennen läßt. Auf diese Weise kommen die Stentoren niemals dazu,

die Lichtgrenze zu überschreiten. Für +Opalina+ und +Spirostomum+

hat kürzlich ~Wallengren~[631], wie bereits oben[632] erwähnt, diese

Reaktionsmechanismen in der eingehendsten Weise analysiert und damit

die Mechanik der verschiedenartigen Achseneinstellungen, die an ihnen

unter verschiedenen Bedingungen eintreten, speziell bei galvanischer

Reizung vollständig aufgeklärt.

Ob sich die Zelle in der durch den Reiz erzeugten Achseneinstellung

vorwärts oder rückwärts bewegt oder stillsteht, hängt im gegebenen

Falle von dem Intensitätsverhältnis der Kontraktions- zu der

Expansionsphase des Wimperschlages an der ganzen Zelle ab.

[Illustration: Fig. 275. Wimperreflex eines Paramaeciums beim Anstoßen

an einen festen Körper _A_ in sechs aufeinanderfolgenden Stadien. Nach

~Jennings~.]

[Illustration: Fig. 276. _I_ +Negative Chemotaxis von Paramaecium.+

Schwimmbahn eines einzelnen Paramaeciums in einem Tropfen schwacher

Säurelösung, zu der es positiv chemotaktisch ist. _II_ +Negative

Phototaxis von Stentor.+ Reaktion eines Individuums bei Berührung der

Grenze von Dunkel zu Hell in vier aufeinanderfolgenden Stadien. Nach

~Jennings~.]

+So ergeben sich die interessanten und im gesamten organischen Leben

so überaus wichtigen Tatsachen der positiven und negativen Chemotaxis,

Barotaxis, Thermotaxis, Phototaxis und Galvanotaxis mit mechanischer

Notwendigkeit als einfache Folgen aus den Differenzen im Biotonus,

die an verschiedenen Oberflächenbezirken der freilebenden Zelle durch

Einwirkung von Reizen hervorgerufen werden.+

* *

*

Indem wir den Kernpunkt des Stoffwechsels in dem fortwährenden Aufbau

und Zerfall gewisser hypothetischer Verbindungen von sehr labiler

Konstitution erblickten, die wir, obwohl sie sich chemisch bisher nur

ungenügend charakterisieren ließen, wegen ihrer hohen Bedeutung für das

Leben kurz als Biogene bezeichneten, haben wir den Lebensvorgang selbst

in einer schematisch einfachen Form definiert: +Der Lebensvorgang ist

die Summe aller derjenigen Prozesse, die mit dem Aufbau und Zerfall

der Biogenmoleküle verknüpft sind.+

Das in die lebendige Substanz von außen her eintretende tote

Nahrungsmaterial wird durch komplizierte Umsetzungen in der lebendigen

Substanz fortwährend selbst zu lebendiger Substanz formiert, aber die

lebendige Substanz stirbt auch fortwährend und wird wieder als tote

Masse von der überlebenden Substanz ausgeschieden. So besteht das Leben

aus einem ewigen Lebendigwerden und Sterben, das ununterbrochen und

nebeneinander in jedem Augenblick in aller lebendigen Substanz sich

abspielt.

Die Gesamtheit aller Prozesse, die zum Aufbau lebendiger Substanz

führen, bildet die Assimilationsphase, die Gesamtheit der mit

dem Zerfall der lebendigen Substanz verknüpften Prozesse die

Dissimilationsphase des Stoffwechsels. Assimilation und Dissimilation

sind die Grundlage alles Lebens. Ihr Verhältnis zueinander, das

wir als Biotonus bezeichneten, beherrscht die Lebensäußerungen.

Vom Beginn der Entwicklung bis zum Tode ändert sich der Biotonus

ununterbrochen von selbst, indem einzelne Glieder der Assimilations-

oder Dissimilationsreihe andere Werte annehmen, und damit ändern

sich die Lebensäußerungen im einzelnen ebenfalls. Darin besteht die

Entwicklung. Desgleichen ändert sich der Biotonus, wenn Reize auf

die lebendige Substanz einwirken, und dementsprechend verändern sich

auch die Lebensäußerungen unter dem Einfluß der Reize. So sind die

Lebensäußerungen bestimmt durch die einzelnen Glieder der langen

Stoffwechselkette, die zusammen den eigentlichen Lebensvorgang bilden.

Allgemeine Physiologie · 第 247 / 283 题