Ein Prinzip, das schon die mythischen Vorstellungen der alten
Kulturvölker in poetischer Personifikation als die Quelle des gesamten
Weltlebens hinstellten, ist es, das auch nach dem Stande unserer
heutigen wissenschaftlichen Erkenntnis den sämtlichen Lebensäußerungen
zugrunde liegt. Es ist dasselbe Prinzip, das bei den meisten Völkern
in der Allegorie eines wechselnden Kampfes zweier feindlicher Gewalten
einen uralten Ausdruck gefunden hat. Es ist das Leben und Sterben,
das der alte Aegypter in den Gestalten des ~Horus~ und ~Typhon~
personifizierte, es ist das Blühen und Welken, das der Germane in
die Sage vom ~Baldur~ und ~Loki~ kleidete, es ist der Kampf des
~Ahriman~ mit dem ~Ormuzd~, in dem sich der Perser den Wechsel des
Guten mit dem Bösen im Leben versinnlichte, es ist der Zwiespalt
zwischen ~Gott~ und dem ~Teufel~, in dem der mittelalterliche Christ
das alles erschaffende, positive Element in seinem Gegensatz zum alles
zerstörenden „Geist, der stets verneint“, erblickte, es ist endlich
der ewige Wechsel von Werden und Vergehen, von Aufbau und Zerfall, der
jedes lebendige Wesen beherrscht und alles Geschehen in ihm bedingt.
In der fortwährenden Bildung und Zersetzung von lebendiger
Substanz haben wir den eigentlichen +Lebensvorgang+ erkannt, der
den +Lebensäußerungen+ zugrunde liegt. Jetzt, nachdem wir diese
Lebensäußerungen kennen gelernt, nachdem wir die Bedingungen, unter
denen sie eintreten, untersucht, nachdem wir die Veränderungen, die sie
unter dem Einfluß äußerer Einwirkungen erfahren, festgestellt haben,
jetzt sind wir an dem Punkte angelangt, wo wir versuchen müssen, auf
Grund der uns bis jetzt bekannten Lebens+äußerungen+ den Ablauf des in
der lebendigen Substanz sich abspielenden Lebens+vorganges+ in seinem
Zusammenhange theoretisch zu konstruieren und umgekehrt die Gesamtheit
der uns bekannten Lebensäußerungen aus dem theoretisch konstruierten
Lebensvorgangs mechanisch verständlich zu machen, denn die +Erforschung
des Lebensmechanismus bildet den Kernpunkt der ganzen Physiologie+.