3. Der „zweite Hauptsatz“.

Zeigt uns so das Erhaltungsgesetz, daß alles Geschehen in der Welt vom

energetischen Standpunkt aus als ein Umsatz von Energien betrachtet

werden kann, so fragt es sich weiter, von welchen Bedingungen sind

die Umwandlungen einer Energieform in die andere abhängig. Man

könnte, wenn man eine lange Reihe von Vorgängen in der Natur als

Energieumwandlungen erkannt hat, leicht auf die Vorstellung verfallen,

daß jede Energieform sich ohne weiteres vollständig in jede beliebige

andere umwandeln könne. Das ist aber keineswegs der Fall, sondern das

Geschehen in der Welt, der Uebergang einer Energie in die andere ist

sehr weitgehenden Beschränkungen unterworfen. Der Satz nun, der die

allgemeinen Beschränkungen in dieser Hinsicht zum Ausdruck bringt, ist

der sogenannte „+zweite Hauptsatz+“.

Das Fundament für den „+zweiten Hauptsatz+“ ist gelegt worden, ehe

der erste Hauptsatz, d. h. das Erhaltungsgesetz entdeckt war, von

dem jungen französischen Ingenieur ~Sadi Carnot~ im Jahre 1828.

~Carnot~, der sich mit Untersuchungen über die Frage beschäftigte, wie

in der Dampfmaschine durch Wärme Arbeit erzeugt würde, formulierte

zuerst die Tatsache, daß Wärme immer nur mechanische Arbeit leisten

kann, wenn sie von einem Körper höherer auf einen Körper niedrigerer

Temperatur übergeht. Die Erkenntnis dieser unscheinbaren Tatsache hat

außerordentlich weittragende Konsequenzen nicht allein in theoretischer

Beziehung, sondern vor allem auch für die praktische, sich daran

anknüpfende Frage nach den Bedingungen für die Erzielung maximaler

Arbeitsleistungen bei Maschinen der verschiedensten Art gehabt.

Im obigen Falle von ~Carnot~ ist also die Umwandlung von Wärme in

mechanische Arbeit innerhalb eines geschlossenen Systems abhängig

von der Temperaturdifferenz zwischen zwei verschiedenen Teilen des

Systems. Ist die Temperatur in allen Teilen eines Systems gleich, so

kann, mag das System noch soviel Wärme enthalten, keine mechanische

Arbeit in ihm stattfinden. Die Temperatur ist der Intensitätsfaktor

der Wärmeenergie. Alle Energieformen kann man definieren als das

Produkt ihres „Intensitäts“- und „Kapazitäts“- (oder Extensitäts-

oder materiellen) Faktors. So ist z. B. die elektrische Energie das

Produkt aus der Spannung (Intensitätsfaktor) und der Elektrizitätsmenge

(Kapazitätsfaktor), so ist die chemische Energie das Produkt aus der

Affinität (Intensitätsfaktor) und der Stoffmenge (Kapazitätsfaktor),

und so ist die Wärmeenergie das Produkt aus der Temperatur

(Intensitätsfaktor) und der Entropie (Kapazitätsfaktor). Es hat sich

nun gezeigt, daß das, was ~Carnot~ für die Umsetzung von Wärme in

Arbeit gefunden hatte, für alle energetischen Umsetzungen, d. h. für

alle Naturvorgänge gilt. +Energieumsetzungen in einem geschlossenen

System können immer nur stattfinden, wenn zwischen den beteiligten

Energien Intensitätsdifferenzen vorhanden sind.+ Das ist heute die

allgemeinste Fassung des sogenannten „zweiten Hauptsatzes“.

Jeder Energieumsatz oder sagen wir einfach jeder Vorgang -- denn

jeder Vorgang ist ein Energieumsatz -- besteht darin, daß die

Energiedifferenz sich ausgleicht. Das kann schneller oder langsamer

geschehen. Schließlich aber, wenn sich die Differenz ausgeglichen

hat, ist ein Gleichgewichtszustand erreicht und das Geschehen ist zu

Ende, das System befindet sich im Ruhezustande. Es kann jetzt erst

wieder zu einer Leistung veranlaßt werden, wenn durch Energiezufuhr

von außen das Gleichgewicht im System gestört wird. Dann findet

wieder ein Energieumsatz statt, weil zwischen der Energie des Systems

und der von außen einwirkenden Energie eine Intensitätsdifferenz

besteht. Und wiederum dauert der Vorgang so lange an, bis sich die

beiden aufeinander einwirkenden Energien gegenseitig von neuem ins

Gleichgewicht gesetzt haben. In diesem Falle ist dann zwar +innerhalb+

des Systems selbst eine Intensitätsdifferenz vorhanden, aber diese

ist kompensiert durch die von +außen+ einwirkende Energie. Es

können also in einem System wohl Intensitätsdifferenzen bestehen,

ohne daß ein Energieumsatz, ein Geschehen erfolgt, aber das ist nur

der Fall, wenn die Differenz von +außen+ her kompensiert ist. Ein

Beispiel wird das anschaulicher machen. Eine unbelastete Hebelwage

befindet sich im Energiegleichgewicht, d. h. in Ruhe. Belaste ich

die eine Wageschale mit einem kleinen Gewicht, so störe ich das

Gleichgewicht in der Wage und es tritt eine Bewegung ein solange

bis ein neuer Gleichgewichtszustand erreicht ist. In diesem neuen

Gleichgewichtszustande besteht zwar eine Intensitätsdifferenz der

Energie zwischen den beiden Hälften der Wage an sich, aber diese ist

kompensiert durch das von außen auf das System der Wage einwirkende

Gewicht, und ebenso besteht zwischen dem Gewicht und der Luft eine

Intensitätsdifferenz, denn das Gewicht würde, wenn es nicht durch die

Wage gehalten würde, sich bewegen und zu Boden fallen. Schieben wir

das Gewicht von der Wagschale herunter, so fällt es herab, bis auf

dem Boden sich ein neuer Gleichgewichtszustand zwischen dem Gewicht

und dem Gegendruck des Bodens hergestellt hat, und die Wage kehrt

ebenfalls in ihre ursprüngliche Gleichgewichtslage zurück. Solche

von außen kompensierte Intensitätsdifferenzen zwischen gleichen oder

verschiedenen Energieformen finden wir nun auf Schritt und Tritt in

der Welt. Bei allen möglichen Körpern, bei den verschiedenartigsten

Systemen physikalischer und chemischer Natur können wir solche

Energieintensitätssprünge, die von außen her kompensiert sind,

beobachten. Sie sind nichts anderes als Systeme mit potentieller

Energie.

Nach alledem können wir alle Dinge der Welt nach energetischen

Gesichtspunkten in zwei Rubriken einordnen, +in Vorgänge+ und

+Zustände+. Vorgänge sind Energieumsetzungen, bedingt durch

unkompensierte Intensitätsdifferenzen. Zustände sind Systeme von

Energien, die sich im Gleichgewicht befinden.

Allgemeine Physiologie · 第 161 / 283 题