1. Die Formen der Energie.

Der Begriff der Energie hat in der neueren Physik eine ganz bestimmte

Bedeutung angenommen. Wir können +Energie+ kurz definieren als

+Arbeitsleistung+ oder +Arbeitsfähigkeit+. Die Vorgänge oder Zustände

körperlicher Systeme werden also betrachtet unter dem Gesichtspunkt,

ob und welcherlei Arbeit sie leisten oder zu leisten imstande sind

und aus welcherlei Arbeitsleistungen sie resultieren. Diese Arbeit

kann sehr verschiedener Art sein, und je nach ihr unterscheiden wir

eine größere Anzahl von +Energieformen+ durch eigene Benennungen. Zahl

und Einteilung der Energieformen sind freilich bis zu einem gewissen

Grade willkürlich, aber alle Energieformen, die wir kennen oder die

wir aufstellen wollen, unterliegen einer Scheidung in zwei Gruppen,

je nachdem sie Arbeit selbst, d. h. +kinetische Energie+ (Energie der

Bewegung), oder Arbeitsfähigkeit, d. h. +potentielle Energie+ (Energie

der Lage) repräsentieren.

Daß jedem +bewegten+ System ein gewisser Energiewert zukommt, ist ohne

weiteres verständlich, denn die Bewegung eines materiellen Systems ist

ja direkt eine Arbeitsleistung. Daß aber auch ein +ruhendes+ System

einfach durch seine Lage einen bestimmten Energiewert repräsentieren

kann, mag uns das Beispiel der Gravitationsenergie zeigen. Befindet

sich ein Stein in labiler Gleichgewichtslage auf der Mauerkante eines

Turmes und wird er durch einen minimalen Anstoß ins Wanken gebracht, so

fällt er zur Erde. Dabei leistet er eine Arbeit, die in Bewegung und

Wärme zum Ausdruck kommt und deren Größe ganz von seiner Lage abhängig

ist. Er leistet mehr Arbeit, wenn er aus größerer, weniger, wenn er

aus geringerer Höhe herabfällt. Seine Lage, in diesem Beispiel seine

Entfernung vom Erdmittelpunkt, repräsentiert einen ganz bestimmten

Arbeitswert und kann jeden Augenblick, wenn die äußeren Bedingungen

hergestellt sind, direkt zur Arbeitsleistung benutzt werden. Der

Stein enthält also in der betreffenden Lage Energie in potentia oder

+potentielle Energie+.

Beide Arten von Energie, +kinetische+ (aktuelle, Energie der Bewegung)

sowohl wie +potentielle+ (Spannkraft, Energie der Lage) finden wir

in den verschiedensten Gewändern. Es ist vielleicht zweckmäßig,

einen kurzen Blick zu werfen auf einige Beispiele der wichtigeren

Energieformen, die wir in den Vorgängen und Zuständen der Körperwelt

unterscheiden können.

+Beispiele von Energieformen+:

1. Chemische Energie.

2. Kohäsionsenergie.

3. Osmotische Energie.

4. Energie der Wärme.

5. Mechanische Energie.

6. Gravitationsenergie.

7. Energie des Lichts.

8. Energie der Elektrizität.

9. Energie des Magnetismus.

Die Naturwissenschaft stellt sich die Körperwelt zusammengesetzt vor

aus außerordentlich kleinen Teilchen und nennt diejenigen Teilchen,

die nicht mehr geteilt werden können, ohne ihre Eigenschaften zu

verändern, „+Moleküle+“, diejenigen, welche die Moleküle zusammensetzen

und früher als überhaupt nicht weiter teilbar galten, „+Atome+“. Von

dieser Vorstellung aus verstehen wir unter „+chemischer Energie+“

diejenige Energieform, die in der gegenseitigen Anziehung der Atome

zum Ausdruck kommt. Die chemische Energie ist potentiell, soweit

die Atome ungebundene Affinitäten haben und keine Gelegenheit,

einander zu fesseln: sie wird aktuell im Moment, wo eine Verbindung

zwischen zwei Atomen erfolgt. Werden einerseits die Atome durch die

chemische Energie zu Molekülen vereinigt, so ist es anderseits die

+Kohäsionsenergie+, welche die Moleküle untereinander zu großen

Körpermassen vereinigt. Auch die Kohäsionsenergie kann als potentielle

und kinetische Energie auftreten, ganz analog der chemischen. Als

+osmotische Energie+ bezeichnet man die Energie, welche durch die

Bewegung der Moleküle in Flüssigkeiten oder Gasen repräsentiert

wird und welche der gegenseitigen Durchdringung und Mischung von

Flüssigkeiten und Gasen, d. h. den Diffusionsvorgängen, zugrunde

liegt. Da sie in einer Bewegung und Wanderung der Moleküle besteht,

ist sie kinetische Energie. Ebenfalls eine kinetische Energieform ist

die +Energie der Wärme+, die in einer fortschreitenden Bewegung der

Moleküle besteht. Nach den besonders von ~Clausius~ entwickelten

Vorstellungen sind beispielsweise in einer Flüssigkeit oder in einem

Gase die Moleküle in um so intensiverer Bewegung begriffen, je höher

die Temperatur ist. Dabei stoßen sie fortwährend aneinander an, prallen

wieder ab etc., so daß ein Gewimmel entsteht, das man passend durch

den Vergleich mit einem Mückenschwarm anschaulich zu machen gesucht

hat. Aber auch die Atome innerhalb eines Moleküls sind in fortwährenden

Schwingungen begriffen, nur daß dieselben hier immer um beständige

Gleichgewichtslagen sich bewegen. Man spricht daher in diesem Falle

von „+intramolekularer Wärme+“. Die groben Bewegungen der großen

Körpermassen, die durch Zug, Druck, Stoß etc. veranlaßt werden, sind

als +mechanische Energie+ bezeichnet worden. Die gegenseitige Anziehung

der großen Massen, die Anziehung von Sonne und Erde, von Erde und Mond,

die Anziehung, die den hochgeworfenen Stein zwingt, wieder auf die

Erde zurückzukehren, ist +die Energie der Schwere oder die Energie der

Gravitation+. Auch sie kann potentiell sein wie im oben angeführten

Beispiel, wenn der Stein in einiger Höhe über dem Erdboden liegt,

aber sie wird aktuell, wenn der Stein fällt. Das Verhältnis ist immer

dasselbe, wie zwischen den Atomen, so auch zwischen den Molekülen, so

auch zwischen den großen Massen. Ferner sei genannt die +Energie des

Lichts+ als diejenige aktuelle Energie, welche die Lichtschwingungen

repräsentieren, dann die +elektrische Energie+, die als kinetische

Energie in der Form des elektrischen Stromes, als potentielle Energie

in der Form der statischen Elektrizität auftritt, und endlich der

+Magnetismus+, der ebenfalls sowohl als kinetische wie als potentielle

Energieform auftreten kann.

Ueber das Verhältnis und die Beziehungen mancher von diesen

Energieformen zueinander ist bisher noch nicht genügend Klarheit

verbreitet worden. Wenn es als zweckmäßig erscheinen sollte, so wäre

es durchaus berechtigt, noch mehr Energieformen zu unterscheiden oder

einige der bekannten miteinander zu einer Form zu vereinigen, denn

diese sämtlichen Unterscheidungen, daran müssen wir uns immer wieder

erinnern, haben nur methodischen Wert und sind lediglich zu dem Zweck

getroffen, bestimmte Bezeichnungen für bestimmt charakterisierte

Arbeitsleistungen oder Arbeitsfähigkeiten zu gewinnen, die wir in

der Welt beobachten. Es wäre verkehrt, wollte man die verschiedenen

Energieformen als ebensoviele verschiedenartige, selbständige und

unveränderliche Tätigkeiten oder Fähigkeiten einer hypothetischen

Materie betrachten. Wie falsch das wäre, zeigt uns am besten die

Tatsache, daß sich eine Energieform in die andere verwandeln läßt und

in der Natur fortwährend verwandelt wird.

Allgemeine Physiologie · 第 159 / 283 题