2. Die chemischen Verbindungen der Zelle.

Um den chemischen Aufbau der lebendigen Substanz kennen zu lernen,

müssen wir die lebendige Substanz töten. So paradox das klingen

mag, dennoch ist es vorläufig der einzige Weg, auf dem wir zu einer

Kenntnis von dem Chemismus der lebendigen Substanz gelangen können,

und wir müssen uns den beißenden Spott, den ~Mephistopheles~ vor dem

Schüler über diese Praxis der physiologischen Chemie ausgießt, noch

immer ruhig gefallen lassen. In der Tat ist es nicht möglich, der

lebendigen Substanz mit den Methoden der Chemie nahezutreten, ohne

dieselbe zu töten. Jedes chemische Reagens, das mit ihr in Berührung

kommt, zerstört oder verändert sie, und was wir dann chemisch

untersuchen, ist keine lebendige Substanz mehr, sondern eine Leiche,

eine Substanz, die völlig andere Eigenschaften hat. Wir können daher

nur durch Rückschlüsse aus den chemischen Befunden am Leichnam auf die

Verhältnisse am lebendigen Objekt zu Vorstellungen über die Chemie

des letzteren gelangen, durch Schlüsse, deren Richtigkeit wir nur in

seltenen Fällen experimentell am lebendigen Objekt nachzuprüfen in der

Lage sind. Daß bei dieser Sachlage die größte Vorsicht in bezug auf

die Uebertragung der Ergebnisse vom toten Objekt auf die Verhältnisse

des lebendigen nötig ist, liegt auf der Hand, und wir müssen uns

jeden Augenblick bewußt bleiben, daß die chemischen Verhältnisse am

lebendigen Objekt scharf von denen seines Leichnams zu unterscheiden

sind.

Haben wir uns einerseits überzeugt, daß zwischen den

+Elementarstoffen+, welche die lebendige Substanz zusammensetzen,

und denen, aus welchen sich die leblose Körperwelt aufbaut, kein

prinzipieller Unterschied existiert, so finden wir doch anderseits,

daß ein Teil der Elemente in der lebendigen Substanz zu ganz

eigentümlichen +Verbindungen+ zusammentritt, +die nur die lebendige

Substanz charakterisieren und die, soweit sie nicht vom Menschen

künstlich hergestellt werden konnten, in der leblosen Natur nirgends zu

finden sind. So haben wir in der lebendigen Substanz neben chemischen

Verbindungen, die auch in der leblosen Natur vorkommen, spezifisch

organische Atomkomplexe.+

Ein großer Teil dieser organischen Verbindungen und unter ihnen gerade

die, welche für die lebendige Substanz von hervorragender Bedeutung

sind, besitzt eine so komplizierte Konstitution, daß es der Chemie

bisher noch nicht gelungen ist, einen Einblick in die räumlichen

Lageverhältnisse der Atome in ihren Molekülen, d. h. in ihren letzten

Teilchen, die noch die Eigenschaft des ganzen Stoffes besitzen, zu

gewinnen, wenn auch vielfach bereits ermittelt werden konnte, wieviel

Atome jedes Elements im Molekül des Stoffes enthalten sind.

Drei Hauptgruppen von chemischen Körpern und ihren Umsetzungsprodukten

sind es vornehmlich, durch deren Vorhandensein sich die lebendige

Substanz von der Substanz der leblosen Körper unterscheidet, das

sind die +Eiweißkörper+, die +Fette+ und die +Kohlehydrate+. +Unter

diesen drei Gruppen sind nur die Eiweißkörper und deren Derivate mit

Sicherheit ganz allgemein in allen Zellen nachgewiesen worden, so daß

man sie als die wesentlichen oder allgemeinen unter den organischen

Bestandteilen der lebendigen Substanz den sämtlichen speziellen

gegenüberstellen muß.+

a) Die Eiweißkörper.

Die Eiweißkörper (Albuminosen, Proteine) spielen als diejenigen

Körper, die für alles Leben, das augenblicklich die Erdoberfläche

bevölkert, durchaus unentbehrlich sind, und die ihrer Masse nach den

Hauptbestandteil aller organischen Verbindungen der Zelle ausmachen,

die wichtigste Rolle in der Zusammensetzung der lebendigen Substanz.

Sie bestehen ausnahmslos aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff,

Schwefel, Stickstoff und Sauerstoff, unter denen der Stickstoff

dasjenige Element ist, das die Eiweißkörper den anderen beiden

Hauptgruppen der organischen Körper, den Kohlehydraten und Fetten

gegenüber besonders charakterisiert, so daß man sie auch als die

stickstoffhaltigen den stickstofffreien Körpern gegenübergestellt hat.

Ihr Molekül ist zwar trotz der gewaltigen Fortschritte der Eiweißchemie

seiner Atomverkettung nach noch nicht bis in alle Einzelheiten

hinein bekannt, aber wir wissen aus einer Reihe von Analysen, bei

denen das Molekül in eine große Menge selbst noch sehr kompliziert

zusammengesetzter Moleküle gespalten wird, daß es eine ungeheuer

komplizierte Konstitution haben muß und, obwohl es nur die fünf

Elemente C, H, N, S und O enthält, doch eine Atomenzahl in sich birgt,

die oft weit über tausend geht. ~Preyer~[61] hat zuerst im Jahre 1866

eine Analyse des Hämoglobins ausgeführt, desjenigen Eiweißkörpers, der

dem Blute und speziell den roten Blutkörperchen die charakteristische

Farbe gibt und als Ueberträger des Sauerstoffs aus den Lungen durch das

Blut zu den Zellen der Gewebe eine äußerst wichtige Rolle im Tierkörper

spielt. ~Preyer~ fand die Zusammensetzung des Hämoglobinmoleküls:

Allgemeine Physiologie · 第 83 / 283 题