1. Die organischen Elemente.

Wo das Mikroskop seine Grenze findet, beginnt das Reich der Chemie.

Die chemische Forschung dringt unter allen Naturwissenschaften

am tiefsten in die Zusammensetzung der Körperwelt ein, indem sie

vorgeht bis zu den kleinsten Teilen. Bekanntlich ist denn auch die

Chemie bis zu dem Punkte gelangt, daß sie die ganze Formenfülle der

unermeßlichen Körperwelt als zusammengesetzt erkannt hat aus den

Atomen einer verhältnismäßig geringen Zahl einfacher Stoffe der

chemischen Elemente. Während man aber früher die Atome der etwa 70

chemischen Elemente als letzte unteilbare Bestandteile der „Materie“

betrachtete, haben sich in den letzten Jahren die Anschauungen

der Naturwissenschaft in diesem Punkte ganz wesentlich geändert.

Allerdings war man schon lange zu der Ueberzeugung gekommen, daß in

Wirklichkeit die Atome der chemischen Elemente keine letzten Einheiten

sind in dem Sinne, wie eine frühere Phase der chemischen Forschung

sich dachte. ~Mendelejews~ Entdeckung des natürlichen Systems der

Elemente wies schon darauf hin, daß eine auf direkter Abstammung

voneinander beruhende natürliche Verwandtschaft unter den chemischen

Elementen bestehe. Allein erst die rapide sich folgenden Entdeckungen

der letzten Jahre über die radioaktiven Stoffe haben uns mit der

Tatsache des +Atomzerfalls+ bekannt gemacht und haben dadurch eine

Reihe von althergebrachten Anschauungen teils ganz über den Haufen

geworfen, teils heftig erschüttert[60]. Wir wissen jetzt wenigstens

von einer Anzahl von Elementen, daß sie in andere Elemente zerfallen

können und langsam von selbst zerfallen. So geht das Radium aus dem

Zerfall des Urans hervor und der Zerfall des Radiums wiederum liefert

Helium, Polonium und Blei. Die Vorstellung der mittelalterlichen

Alchymisten von der Umwandlung der Metalle, die so lange der modernen

Chemie zum Gespött dienten, haben dadurch eine tatsächliche Basis

erhalten. Ja, wir kennen in den negativen Elektronen heute körperliche

Teilchen, die noch 2000mal leichter sind als die Atome des leichtesten

Elementes, des Wasserstoffs. So hat die moderne Forschung die Welt

der chemischen Elementatome, in deren Grenzen bisher alles chemische

Denken eingeschlossen war, um unermeßliche Strecken überschritten.

Indessen berühren alle diese Dinge, die eben erst in den Gesichtskreis

wissenschaftlicher Erkenntnis eintreten, die physiologischen Probleme

vorläufig noch nicht, denn die Physiologie hat noch nicht einmal

Zeit gehabt, die Frage aufzuwerfen, ob und wie weit die Vorgänge des

Elementzerfalls am Lebensvorgang beteiligt sind. Es ist aber ganz

zweifellos, daß die neuen Entdeckungen der Chemie und Physik auch auf

unsere Vorstellungen vom Lebensvorgang sehr bald einen Einfluß ausüben

werden.

Beschränken wir uns vorläufig auf die Welt der chemischen Elementatome,

so zeigt uns eine chemische Elementaranalyse der lebendigen Substanz,

daß von den etwa 70 Elementen, aus deren Zusammensetzung sich die

gesamte Körperwelt aufbaut, nur die geringe Zahl von 12 Elementen

konstant in der lebendigen Substanz zu finden ist. Die 12 Elemente, die

in jeder Zelle angetroffen werden, sind:

+Name+: +Zeichen+: +Atomgewicht+:

Kohlenstoff C 12

Stickstoff N 14

Schwefel S 32

Wasserstoff H 1

Sauerstoff O 16

Phosphor P 31

Chlor Cl 35

Kalium K 39

Natrium Na 23

Magnesium Mg 24

Calcium Ca 40

Eisen Fe 56

Neben diesen +12 allgemeinen+ organischen Elementen kommt noch

eine kleine Anzahl +spezieller+ Elemente vor, die nicht in allen

Zellen anzutreffen sind und zum Teil nur ganz sporadisch gefunden

werden. Es sind das:

+Name+: +Zeichen+: +Atomgewicht+:

Silicium Si 28

Fluor F 19

Brom Br 80

Jod J 127

Aluminium Al 27

Mangan Mn 55

Unter ihnen tritt das Silicium weit, das Fluor wenig verbreitet

auf, während die anderen, die ebenfalls nur ein sehr beschränktes

Vorkommen haben, nebst einigen Metallen, die bisweilen spurweise in

der lebendigen Substanz gefunden werden, wie das Kupfer, vielleicht

gar keine Bedeutung für den Lebensvorgang der betreffenden Organismen

besitzen, in denen sie beobachtet worden sind.

Aber keins von diesen gesamten organischen Elementen ist ausschließlich

auf die organische Natur beschränkt.

Der +Kohlenstoff+ findet sich, an Sauerstoff gebunden, als Kohlensäure

in der Luft und massenhaft im kohlensauren Kalk der Sedimentgesteine.

Der +Wasserstoff+ bedeckt, ebenfalls an Sauerstoff gebunden, als Wasser

den größten Teil der Erdoberfläche.

Der +Sauerstoff+ ist sowohl frei als Gas in der atmosphärischen Luft

vorhanden, die er zu ca. 21 Proz., zusammensetzt, als auch gebunden an

eine große Zahl anderer Elemente.

Der +Stickstoff+ kommt gleichfalls sowohl im freien Zustande vor in der

Luft zu ca. 79 Proz. als auch gebunden an Wasserstoff und Sauerstoff in

den Verbindungen des Ammoniaks sowie der salpetrigen und Salpetersäure.

Der +Schwefel+ ist weit verbreitet in Verbindung mit Sauerstoff in

schwefelsauren Salzen.

Der +Phosphor+ verhält sich ebenso und ist in den phosphorsauren Salzen

der Alkalien und alkalischen Erden überall zu finden.

Das +Chlor+ erscheint in ungeheurer Verbreitung, an Natrium gebunden,

als Kochsalz.

Das +Kalium+ kommt, an Chlor gebunden, als Chlorkalium und in

Verbindung mit Säuren in Form von salpetersauren, schwefelsauren,

phosphorsauren Salzen vor.

Das +Natrium+ erscheint hauptsächlich im Chlornatrium oder Kochsalz

überall auf der Erdoberfläche, gelöst im Meere sowohl wie in der Erde

und als große feste Massen in Salzlagern.

Das +Magnesium+ ist ein beständiger Begleiter des Kaliums und Natriums

und tritt in denselben Verbindungen auf wie diese, als Chlormagnesium,

kohlensaure, schwefelsaure und phosphorsaure Magnesia.

Das +Calcium+ setzt in Form von kohlensaurem, kieselsaurem,

schwefelsaurem, phosphorsaurem Kalk die ungeheuren Kalksteinschichten

der Sedimentgebirge zusammen.

Das +Eisen+ ist in Form von Schwefelverbindungen sowie Oxyden und deren

Salzen ungemein weit auf der Erdoberfläche verbreitet.

Das +Silicium+ erscheint fast ausschließlich an Sauerstoff gebunden in

Form von Kieselsäure und deren Salzen in den Gesteinen der plutonischen

Gebirgsmassen.

Das +Fluor+ findet sich hauptsächlich in Verbindung mit Calcium als

Flußspat.

Das +Brom+ und +Jod+ ist als Brom-(Jod-)Natrium und Brom-(Jod-)Kalium

in vielen Salzlagern sowie im Meerwasser vorhanden.

Das +Aluminium+ ist in seiner Verbindung mit Sauerstoff zu Tonerde und

diese in Verbindung mit Kieselsäure zu Feldspat ein über die ganze Erde

verbreitetes Element.

Das +Mangan+ schließlich, sowie alle anderen Metalle, die gelegentlich

noch hier und dort im lebendigen Organismus beobachtet werden, sind in

Form ihrer Oxyde, Schwefelverbindungen und der verschiedensten Salze in

den Gesteinen der Gebirge überall anzutreffen.

Dieser Ueberblick zeigt uns schon, daß alle organischen Elemente

zugleich die anorganische Körperwelt unserer Erdoberfläche

zusammensetzen helfen. Da aber ferner die chemische Elementaranalyse

der lebendigen Substanz zu dem Ergebnis geführt hat, daß außer

diesen Elementen keine anderen im Organismus zu finden sind, so

ergibt sich, daß ebensowenig ein besonderes Lebenselement in den

Organismen existiert wie eine besondere Lebenskraft. +Die Begriffe des

„Lebensäthers“, des „spiritus animalis“, der „Lebensmaterie“ etc.,

mit denen die ältere Physiologie so freigebig umging, sind daher

aus der heutigen Lehre vom Leben entsprechend der fortgeschrittenen

Entwicklung, welche die analytische Chemie in unserer Zeit durchgemacht

hat, vollständig verschwunden, und man weiß, daß die lebendige Substanz

aus keinen anderen elementaren Stoffen zusammengesetzt ist, als die

Welt der leblosen Körper.+

Allgemeine Physiologie · 第 82 / 283 题