Sechstes Kapitel

Als der Abend herbeikam und die Freunde in einer weit

umherschauenden Laube saßen, trat eine ansehnliche Figur auf die

Schwelle, welche unser Freund sogleich für den Barbier von heute früh

erkannte. Auf einen tiefen, stummen Bückling des Mannes erwiderte

Lenardo: "Ihr kommt, wie immer, sehr gelegen und werdet nicht säumen,

uns mit Eurem Talent zu erfreuen. Ich kann Ihnen wohl", fuhr er zu

Wilhelmen gewendet fort, "einiges von der Gesellschaft erzählen,

deren Band zu sein ich mich rühmen darf. Niemand tritt in unsern

Kreis, als wer gewisse Talente aufzuweisen hat, die zum Nutzen oder

Vergnügen einer jeden Gesellschaft dienen würden. Dieser Mann ist

ein derber Wundarzt, der in bedenklichen Fällen, wo Entschluß und

körperliche Kraft gefordert wird, seinem Meister trefflich an der

Seite zu stehen bereit ist. Was er als Bartkünstler leistet, davon

können Sie ihm selbst ein Zeugnis geben. Hiedurch ist er uns ebenso

nötig als willkommen. Da nun aber diese Beschäftigung gewöhnlich

eine große und oft lästige Geschwätzigkeit mit sich führt, so hat er

sich zu eigner Bildung eine Bedingung gefallen lassen; wie denn jeder,

der unter uns leben will, sich von einer gewissen Seite bedingen muß,

wenn ihm nach anderen Seiten hin die größere Freiheit gewährt ist.

Dieser also hat nun auf die Sprache Verzicht getan, insofern etwas

Gewöhnliches oder Zufälliges durch sie ausgedrückt wird; daraus aber

hat sich ihm ein anderes Redetalent entwickelt, welches absichtlich,

klug und erfreulich wirkt, die Gabe des Erzählens nämlich.

Sein Leben ist reich an wunderlichen Erfahrungen, die er sonst zu

ungelegener Zeit schwätzend zersplitterte, nun aber, durch Schweigen

genötigt, im stillen Sinne wiederholt und ordnet. Hiermit verbindet

sich denn die Einbildungskraft und verleiht dem Geschehenen Leben und

Bewegung. Mit besonderer Kunst und Geschicklichkeit weiß er wahrhafte

Märchen und märchenhafte Geschichten zu erzählen, wodurch er oft zur

schicklichen Stunde uns gar sehr ergötzt, wenn ihm die Zunge durch

mich gelöst wird; wie ich denn gegenwärtig tue und ihm zugleich das

Lob erteile, daß er sich in geraumer Zeit, seitdem ich ihn kenne, noch

niemals wiederholt hat. Nun hoff' ich, daß er auch diesmal, unserm

teuren Gast zu Lieb' und Ehren, sich besonders hervortun werde."

über das Gesicht des Rotmantels verbreitete sich eine geistreiche

Heiterkeit, und er fing ungesäumt folgendermaßen zu sprechen an. Die

neue Melusine

Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, daß Sie vorläufige Reden

und Einleitungen nicht besonders lieben, so will ich ohne weiteres

versichern, daß ich diesmal vorzüglich gut zu bestehen hoffe. Von

mir sind zwar schon gar manche wahrhafte Geschichten zu hoher und

allseitiger Zufriedenheit ausgegangen, heute aber darf ich sagen, daß

ich eine zu erzählen habe, welche die bisherigen weit übertrifft und

die, wiewohl sie mir schon vor einigen Jahren begegnet ist, mich noch

immer in der Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche

Entwicklung hoffen läßt. Sie möchte schwerlich ihresgleichen finden.

Vorerst sei gestanden, daß ich meinen Lebenswandel nicht immer so

eingerichtet, um der nächsten Zeit, ja des nächsten Tages ganz sicher

zu sein. Ich war in meiner Jugend kein guter Wirt und fand mich oft

in mancherlei Verlegenheit. Einst nahm ich mir eine Reise vor, die

mir guten Gewinn verschaffen sollte; aber ich machte meinen Zuschnitt

ein wenig zu groß, und nachdem ich sie mit Extrapost angefangen und

sodann auf der ordinären eine Zeitlang fortgesetzt hatte, fand ich

mich zuletzt genötigt, dem Ende derselben zu Fuße entgegenzugehen.

Als ein lebhafter Bursche hatte ich von jeher die Gewohnheit, sobald

ich in ein Wirtshaus kam, mich nach der Wirtin oder auch nach der

Köchin umzusehen und mich schmeichlerisch gegen sie zu bezeigen,

wodurch denn meine Zeche meistens vermindert wurde.

Eines Abends, als ich in das Posthaus eines kleinen Städtchens trat

und eben nach meiner hergebrachten Weise verfahren wollte, rasselte

gleich hinter mir ein schöner zweisitziger Wagen, mit vier Pferden

bespannt, an der Türe vor. Ich wendete mich um und sah ein

Frauenzimmer allein, ohne Kammerfrau, ohne Bedienten. Ich eilte

sogleich, ihr den Schlag zu eröffnen und zu fragen, ob sie etwas zu

befehlen habe. Beim Aussteigen zeigte sich eine schöne Gestalt, und

ihr liebenswürdiges Gesicht war, wenn man es näher betrachtete, mit

einem kleinen Zug von Traurigkeit geschmückt. Ich fragte nochmals, ob

ich ihr in etwas dienen könne.--"O ja!" sagte sie, "wenn Sie mir mit

Sorgfalt das Kästchen, das auf dem Sitze steht, herausheben und

hinauftragen wollen; aber ich bitte gar sehr, es recht stät zu tragen

und im mindesten nicht zu bewegen oder zu rütteln." Ich nahm das

Kästchen mit Sorgfalt, sie verschloß den Kutschenschlag, wir stiegen

zusammen die Treppe hinauf, und sie sagte dem Gesinde, daß sie diese

Nacht hier bleiben würde.

Nun waren wir allein in dem Zimmer, sie hieß mich das Kästchen auf

den Tisch setzen, der an der Wand stand, und als ich an einigen ihrer

Bewegungen merkte, daß sie allein zu sein wünschte, empfahl ich mich,

indem ich ihr ehrerbietig, aber feurig die Hand küßte.

"Bestellen Sie das Abendessen für uns beide", sagte sie darauf; und

es läßt sich denken, mit welchem Vergnügen ich diesen Auftrag

ausrichtete, wobei ich denn zugleich in meinem übermut Wirt, Wirtin

und Gesinde kaum über die Achsel ansah. Mit Ungeduld erwartete ich

den Augenblick, der mich endlich wieder zu ihr führen sollte. Es war

aufgetragen, wir setzten uns gegen einander über, ich labte mich zum

erstenmal seit geraumer Zeit an einem guten Essen und zugleich an

einem so erwünschten Anblick; ja mir kam es vor, als wenn sie mit

jeder Minute schöner würde.

Ihre Unterhaltung war angenehm, doch suchte sie alles abzulehnen,

was sich auf Neigung und Liebe bezog. Es ward abgeräumt; ich

zauderte, ich suchte allerlei Kunstgriffe, mich ihr zu nähern, aber

vergebens: sie hielt mich durch eine gewisse Würde zurück, der ich

nicht widerstehen konnte, ja ich mußte wider meinen Willen zeitig

genug von ihr scheiden.

Nach einer meist durchwachten und unruhig durchträumten Nacht war

ich früh auf, erkundigte mich, ob sie Pferde bestellt habe; ich hörte

nein und ging in den Garten, sah sie angekleidet am Fenster stehen

und eilte zu ihr hinauf. Als sie mir so schön und schöner als

gestern entgegenkam, regte sich auf einmal in mir Neigung, Schalkheit

und Verwegenheit; ich stürzte auf sie zu und faßte sie in meine Arme.

"Englisches, unwiderstehliches Wesen!" rief ich aus: "verzeih, aber

es ist unmöglich!" Mit unglaublicher Gewandtheit entzog sie sich

meinen Armen, und ich hatte ihr nicht einmal einen Kuß auf die Wange

drücken können. "Halten Sie solche Ausbrüche einer plötzlichen

leidenschaftlichen Neigung zurück, wenn Sie ein Glück nicht

verscherzen wollen, das Ihnen sehr nahe liegt, das aber erst nach

einigen Prüfungen ergriffen werden kann."

"Fordere, was du willst, englischer Geist!" rief ich aus, "aber

bringe mich nicht zur Verzweiflung." Sie versetzte lächelnd: "Wollen

Sie sich meinem Dienste widmen, so hören Sie die Bedingungen! Ich

komme hierher, eine Freundin zu besuchen, bei der ich einige Tage zu

verweilen gedenke; indessen wünsche ich, daß mein Wagen und dies

Kästchen weitergebracht werden. Wollen Sie es übernehmen? Sie haben

dabei nichts zu tun, als das Kästchen mit Behutsamkeit in und aus dem

Wagen zu heben; wenn es darin steht, sich daneben zu setzen und jede

Sorge dafür zu tragen. Kommen Sie in ein Wirtshaus, so wird es auf

einen Tisch gestellt, in eine besondere Stube, in der Sie weder

wohnen noch schlafen dürfen. Sie verschließen die Zimmer jedesmal

mit diesem Schlüssel, der alle Schlösser auf--und zuschließt und dem

Schlosse die besondere Eigenschaft gibt, daß es niemand in der

Zwischenzeit zu eröffnen imstande ist."

Ich sah sie an, mir ward sonderbar zumute; ich versprach, alles zu

tun, wenn ich hoffen könnte, sie bald wieder zu sehen, und wenn sie

mir diese Hoffnung mit einem Kuß besiegelte. Sie tat es, und von dem

Augenblick an war ich ihr ganz leibeigen geworden. Ich sollte nun

die Pferde bestellen, sagte sie. Wir besprachen den Weg, den ich

nehmen, die Orte, wo ich mich aufhalten und sie erwarten sollte. Sie

drückte mir zuletzt einen Beutel mit Gold in die Hand, und ich meine

Lippen auf ihre Hände. Sie schien gerührt beim Abschied, und ich

wußte schon nicht mehr, was ich tat oder tun sollte.

Als ich von meiner Bestellung zurückkam, fand ich die Stubentür

verschlossen. Ich versuchte gleich meinen Hauptschlüssel, und er

machte sein Probestück vollkommen. Die Türe sprang auf, ich fand das

Zimmer leer, nur das Kästchen stand auf dem Tische, wo ich es

hingestellt hatte.

Der Wagen war vorgefahren, ich trug das Kästchen sorgfältig hinunter

und setzte es neben mich. Die Wirtin fragte: "Wo ist denn die Dame?"

Ein Kind antwortete: "Sie ist in die Stadt gegangen." Ich begrüßte

die Leute und fuhr wie im Triumph von hinnen, der ich gestern abend

mit bestaubten Gamaschen hier angekommen war. Daß ich nun bei guter

Muße diese Geschichte hin und her überlegte, das Geld zählte,

mancherlei Entwürfe machte und immer gelegentlich nach dem Kästchen

schielte, können Sie leicht denken. Ich fuhr nun stracks vor mich

hin, stieg mehrere Stationen nicht aus und rastete nicht, bis ich zu

einer ansehnlichen Stadt gelangt war, wohin sie mich beschieden hatte.

Ihre Befehle wurden sorgfältig beobachtet, das Kästchen in ein

besonderes Zimmer gestellt und ein paar Wachslichter daneben,

unangezündet, wie sie auch verordnet hatte. Ich verschloß das Zimmer,

richtete mich in dem meinigen ein und tat mir etwas zugute.

Eine Weile konnte ich mich mit dem Andenken an sie beschäftigen,

aber gar bald wurde mir die Zeit lang. Ich war nicht gewohnt, ohne

Gesellschaft zu leben; diese fand ich bald an Wirtstafeln und an

öffentlichen Orten nach meinem Sinne. Mein Geld fing bei dieser

Gelegenheit an zu schmelzen und verlor sich eines Abends völlig aus

meinem Beutel, als ich mich unvorsichtig einem leidenschaftlichen

Spiel überlassen hatte. Auf meinem Zimmer angekommen, war ich außer

mir. Von Geld entblößt, mit dem Ansehen eines reichen Mannes eine

tüchtige Zeche erwartend, ungewiß, ob und wann meine Schöne sich

wieder zeigen würde, war ich in der größten Verlegenheit. Doppelt

sehnte ich mich nach ihr und glaubte nun gar nicht mehr ohne sie und

ohne ihr Geld leben zu können.

Nach dem Abendessen, das mir gar nicht geschmeckt hatte, weil ich es

diesmal einsam zu genießen genötigt worden, ging ich in dem Zimmer

lebhaft auf und ab, sprach mit mir selbst, verwünschte mich, warf

mich auf den Boden, zerraufte mir die Haare und erzeigte mich ganz

ungebärdig. Auf einmal höre ich in dem verschlossenen Zimmer nebenan

eine leise Bewegung und kurz nachher an der wohlverwahrten Türe

pochen. Ich raffe mich zusammen, greife nach dem Hauptschlüssel,

aber die Flügeltüren springen von selbst auf, und im Schein jener

brennenden Wachslichter kommt mir meine Schöne entgegen. Ich werfe

mich ihr zu Füßen, küsse ihr Kleid, ihre Hände, sie hebt mich auf,

ich wage nicht, sie zu umarmen, kaum sie anzusehen; doch gestehe ich

ihr aufrichtig und reuig meinen Fehler. "Er ist zu verzeihen", sagte

sie, "nur verspätet Ihr leider Euer Glück und meines. Ihr müßt nun

abermals eine Strecke in die Welt hineinfahren, ehe wir uns wieder

sehen. Hier ist noch mehr Gold", sagte sie, "und hinreichend, wenn

Ihr einigermaßen haushalten wollt. Hat Euch aber diesmal Wein und

Spiel in Verlegenheit gesetzt, so hütet Euch nun vor Wein und Weibern

und laßt mich auf ein fröhlicheres Wiedersehen hoffen."

Sie trat über die Schwelle zurück, die Flügel schlugen zusammen, ich

pochte, ich bat, aber nichts ließ sich weiter hören. Als ich den

andern Morgen die Zeche verlangte, lächelte der Kellner und sagte:

"So wissen wir doch, warum Ihr Eure Türen auf eine so künstliche und

unbegreifliche Weise verschließt, daß kein Hauptschlüssel sie öffnen

kann. Wir vermuteten bei Euch viel Geld und Kostbarkeiten; nun aber

haben wir den Schatz die Treppe hinuntergehen sehn, und auf alle

Weise schien er würdig, wohl verwahrt zu werden."

Ich erwiderte nichts dagegen, zahlte meine Rechnung und stieg mit

meinem Kästchen in den Wagen. Ich fuhr nun wieder in die Welt hinein

mit dem festesten Vorsatz, auf die Warnung meiner geheimnisvollen

Freundin künftig zu achten. Doch war ich kaum abermals in einer

großen Stadt angelangt, so ward ich bald mit liebenswürdigen

Frauenzimmern bekannt, von denen ich mich durchaus nicht losreißen

konnte. Sie schienen mir ihre Gunst teuer anrechnen zu wollen; denn

indem sie mich immer in einiger Entfernung hielten, verleiteten sie

mich zu einer Ausgabe nach der andern, und da ich nur suchte, ihr

Vergnügen zu befördern, dachte ich abermals nicht an meinen Beutel,

sondern zahlte und spendete immerfort, so wie es eben vorkam. Wie

groß war daher meine Verwunderung und mein Vergnügen, als ich nach

einigen Wochen bemerkte, daß die Fülle des Beutels noch nicht

abgenommen hatte, sondern daß er noch so rund und strotzend war wie

anfangs. Ich wollte mich dieser schönen Eigenschaft näher versichern,

setzte mich hin zu zählen, merkte mir die Summe genau und fing nun an,

mit meiner Gesellschaft lustig zu leben wie vorher. Da fehlte es

nicht an Land--und Wasserfahrten, an Tanz, Gesang und andern

Vergnügungen. Nun bedurfte es aber keiner großen Aufmerksamkeit, um

gewahr zu werden, daß der Beutel wirklich abnahm, eben als wenn ich

ihm durch mein verwünschtes Zählen die Tugend, unzählbar zu sein,

entwendet hätte. Indessen war das Freudenleben einmal im Gange, ich

konnte nicht zurück, und doch war ich mit meiner Barschaft bald am

Ende. Ich verwünschte meine Lage, schalt auf meine Freundin, die mich

so in Versuchung geführt hatte, nahm es ihr übel auf, daß sie sich

nicht wieder sehen lassen, sagte mich im ärger von allen Pflichten

gegen sie los und nahm mir vor, das Kästchen zu öffnen, ob vielleicht

in demselben einige Hülfe zu finden sei. Denn war es gleich nicht

schwer genug, um Geld zu enthalten, so konnten doch Juwelen darin

sein, und auch diese wären mir sehr willkommen gewesen. Ich war im

Begriff, den Vorsatz auszuführen, doch verschob ich ihn auf die Nacht,

um die Operation recht ruhig vorzunehmen, und eilte zu einem Bankett,

das eben angesagt war. Da ging es denn wieder hoch her, und wir waren

durch Wein und Trompetenschall mächtig aufgeregt, als mir der

unangenehme Streich passierte, daß beim Nachtische ein älterer Freund

meiner liebsten Schönheit, von Reisen kommend, unvermutet hereintrat,

sich zu ihr setzte und ohne große Umstände seine alten Rechte geltend

zu machen suchte. Daraus entstand nun bald Unwille, Hader und Streit;

wir zogen vom Leder, und ich ward mit mehreren Wunden halbtot nach

Hause getragen.

Der Chirurgus hatte mich verbunden und verlassen, es war schon tief

in der Nacht, mein Wärter eingeschlafen; die Tür des Seitenzimmers

ging auf, meine geheimnisvolle Freundin trat herein und setzte sich

zu mir ans Bette. Sie fragte nach meinem Befinden; ich antwortete

nicht, denn ich war matt und verdrießlich. Sie fuhr fort, mit vielem

Anteil zu sprechen, rieb mir die Schläfe mit einem gewissen Balsam,

so daß ich mich geschwind und entschieden gestärkt fühlte, so

gestärkt, daß ich mich erzürnen und sie ausschelten konnte. In einer

heftigen Rede warf ich alle Schuld meines Unglücks auf sie, auf die

Leidenschaft, die sie mir eingeflößt, auf ihr Erscheinen, ihr

Verschwinden, auf die Langeweile, auf die Sehnsucht, die ich

empfinden mußte. Ich ward immer heftiger und heftiger, als wenn mich

ein Fieber anfiele, und ich schwur ihr zuletzt, daß, wenn sie nicht

die Meinige sein, mir diesmal nicht angehören und sich mit mir

verbinden wolle, so verlange ich nicht länger zu leben; worauf ich

entschiedene Antwort forderte. Als sie zaudernd mit einer Erklärung

zurückhielt, geriet ich ganz außer mir, riß den doppelten und

dreifachen Verband von den Wunden, mit der entschiedenen Absicht, mich

zu verbluten. Aber wie erstaunte ich, als ich meine Wunden alle

geheilt, meinen Körper schmuck und glänzend und sie in meinen Armen

fand.

Nun waren wir das glücklichste Paar von der Welt. Wir baten

einander wechselseitig um Verzeihung und wußten selbst nicht recht

warum. Sie versprach nun, mit mir weiterzureisen, und bald saßen wir

nebeneinander im Wagen, das Kästchen gegen uns über, am Platze der

dritten Person. Ich hatte desselben niemals gegen sie erwähnt; auch

jetzt fiel mir's nicht ein, davon zu reden, ob es uns gleich vor den

Augen stand und wir durch eine stillschweigende übereinkunft beide

dafür sorgten, wie es etwa die Gelegenheit geben mochte; nur daß ich

es immer in und aus dem Wagen hob und mich wie vormals mit dem

Verschluß der Türen beschäftigte.

Solange noch etwas im Beutel war, hatte ich immer fortbezahlt; als

es mit meiner Barschaft zu Ende ging, ließ ich sie es merken.--"Dafür

ist leicht Rat geschafft", sagte sie und deutete auf ein Paar kleine

Taschen, oben an der Seite des Wagens angebracht, die ich früher wohl

bemerkt, aber nicht gebraucht hatte. Sie griff in die eine und zog

einige Goldstücke heraus, sowie aus der andern einige Silbermünzen,

und zeigte mir dadurch die Möglichkeit, jeden Aufwand, wie es uns

beliebte, fortzusetzen. So reisten wir von Stadt zu Stadt, von Land

zu Land, waren unter uns und mit andern froh, und ich dachte nicht

daran, daß sie mich wieder verlassen könnte, um so weniger, als sie

sich seit einiger Zeit entschieden guter Hoffnung befand, wodurch

unsere Heiterkeit und unsere Liebe nur noch vermehrt wurde. Aber

eines Morgens fand ich sie leider nicht mehr, und weil mir der

Aufenthalt ohne sie verdrießlich war, machte ich mich mit meinem

Kästchen wieder auf den Weg, versuchte die Kraft der beiden Taschen

und fand sie noch immer bewährt.

Die Reise ging glücklich vonstatten, und wenn ich bisher über mein

Abenteuer weiter nicht nachdenken mögen, weil ich eine ganz

natürliche Entwicklung der wundersamen Begebenheiten erwartete, so

ereignete sich doch gegenwärtig etwas, wodurch ich in Erstaunen, in

Sorgen, ja in Furcht gesetzt wurde. Weil ich, um von der Stelle zu

kommen, Tag und Nacht zu reisen gewohnt war, so geschah es, daß ich

oft im Finstern fuhr und es in meinem Wagen, wenn die Laternen

zufällig ausgingen, ganz dunkel war. Einmal bei so finsterer Nacht

war ich eingeschlafen, und als ich erwachte, sah ich den Schein eines

Lichtes an der Decke meines Wagens. Ich beobachtete denselben und

fand, daß er aus dem Kästchen hervorbrach, das einen Riß zu haben

schien, eben als wäre es durch die heiße und trockene Witterung der

eingetretenen Sommerzeit gesprungen. Meine Gedanken an die Juwelen

wurden wieder rege, ich vermutete, daß ein Karfunkel im Kästchen

liege, und wünschte darüber Gewißheit zu haben. Ich rückte mich, so

gut ich konnte, zurecht, so daß ich mit dem Auge unmittelbar den Riß

berührte. Aber wie groß war mein Erstaunen, als ich in ein von

Lichtern wohl erhelltes, mit viel Geschmack, ja Kostbarkeit

möbliertes Zimmer hineinsah, gerade so als hätte ich durch die

öffnung eines Gewölbes in einen königlichen Saal hinabgesehn. Zwar

konnte ich nur einen Teil des Raums beobachten, der mich auf das

übrige schließen ließ. Ein Kaminfeuer schien zu brennen, neben

welchem ein Lehnsessel stand. Ich hielt den Atem an mich und fuhr

fort zu beobachten. Indem kam von der andern Seite des Saals ein

Frauenzimmer mit einem Buch in den Händen, die ich sogleich für meine

Frau erkannte, obschon ihr Bild nach dem allerkleinsten Maßstabe

zusammengezogen war. Die Schöne setzte sich in den Sessel ans Kamin,

um zu lesen, legte die Brände mit der niedlichsten Feuerzange zurecht,

wobei ich deutlich bemerken konnte, das allerliebste kleine Wesen sei

ebenfalls guter Hoffnung. Nun fand ich mich aber genötigt, meine

unbequeme Stellung einigermaßen zu verrücken, und bald darauf, als

ich wieder hineingehen und mich überzeugen wollte, daß es kein Traum

gewesen, war das Licht verschwunden, und ich blickte in eine leere

Finsternis.

Wie erstaunt, ja erschrocken ich war, läßt sich begreifen. Ich

machte mir tausend Gedanken über diese Entdeckung und konnte doch

eigentlich nichts denken. Darüber schlief ich ein, und als ich

erwachte, glaubte ich eben nur geträumt zu haben; doch fühlte ich

mich von meiner Schönen einigermaßen entfremdet, und indem ich das

Kästchen nur desto sorgfältiger trug, wußte ich nicht, ob ich ihre

Wiedererscheinung in völliger Menschengröße wünschen oder fürchten

sollte.

Nach einiger Zeit trat denn wirklich meine Schöne gegen Abend in

weißem Kleide herein, und da es eben im Zimmer dämmerte, so kam sie

mir länger vor, als ich sie sonst zu sehen gewohnt war, und ich

erinnerte mich, gehört zu haben, daß alle vom Geschlecht der Nixen

und Gnomen bei einbrechender Nacht an Länge gar merklich zunähmen.

Sie flog wie gewöhnlich in meine Arme, aber ich konnte sie nicht

recht frohmütig an meine beklemmte Brust drücken.

"Mein Liebster", sagte sie, "ich fühle nun wohl an deinem Empfang,

was ich leider schon weiß. Du hast mich in der Zwischenzeit gesehn;

du bist von dem Zustand unterrichtet, in dem ich mich zu gewissen

Zeiten befinde; dein Glück und das meinige ist hiedurch unterbrochen,

ja es steht auf dem Punkte, ganz vernichtet zu werden. Ich muß dich

verlassen und weiß nicht, ob ich dich jemals wiedersehen werde." Ihre

Gegenwart, die Anmut, mit der sie sprach, entfernte sogleich fast

jede Erinnerung jenes Gesichtes, das mir schon bisher nur als ein

Traum vorgeschwebt hatte. Ich umfing sie mit Lebhaftigkeit,

überzeugte sie von meiner Leidenschaft, versicherte ihr meine

Unschuld, erzählte ihr das Zufällige der Entdeckung, genug, ich tat

so viel, daß sie selbst beruhigt schien und mich zu beruhigen suchte.

"Prüfe dich genau", sagte sie, "ob diese Entdeckung deiner Liebe

nicht geschadet habe, ob du vergessen kannst, daß ich in zweierlei

Gestalten mich neben dir befinde, ob die Verringerung meines Wesens

nicht auch deine Neigung vermindern werde."

Ich sah sie an; schöner war sie als jemals, und ich dachte bei mir

selbst: "Ist es denn ein so großes Unglück, eine Frau zu besitzen,

die von Zeit zu Zeit eine Zwergin wird, so daß man sie im Kästchen

herumtragen kann? Wäre es nicht viel schlimmer, wenn sie zur Riesin

würde und ihren Mann in den Kasten steckte?" Meine Heiterkeit war

zurückgekehrt. Ich hätte sie um alles in der Welt nicht fahren lassen.

-- "Bestes Herz", versetzte ich, "laß uns bleiben und sein, wie wir

gewesen sind. Könnten wir's beide denn herrlicher finden! Bediene

dich deiner Bequemlichkeit, und ich verspreche dir, das Kästchen nur

desto sorgfältiger zu tragen. Wie sollte das Niedlichste, was ich in

meinem Leben gesehn, einen schlimmen Eindruck auf mich machen? Wie

glücklich würden die Liebhaber sein, wenn sie solche Miniaturbilder

besitzen könnten! Und am Ende war es auch nur ein solches Bild, eine

kleine Taschenspielerei. Du prüfst und neckst mich; du sollst aber

sehen, wie ich mich halten werde."

"Die Sache ist ernsthafter, als du denkst", sagte die Schöne;

"indessen bin ich recht wohl zufrieden, daß du sie leicht nimmst:

denn für uns beide kann noch immer die heiterste Folge werden. Ich

will dir vertrauen und von meiner Seite das Mögliche tun, nur

versprich mir, dieser Entdeckung niemals vorwurfsweise zu gedenken.

Dazu füg' ich noch eine Bitte recht inständig: nimm dich vor Wein und

Zorn mehr als jemals in acht."

Ich versprach, was sie begehrte, ich hätte zu und immer zu

versprochen; doch sie wendete selbst das Gespräch, und alles war im

vorigen Gleise. Wir hatten nicht Ursache, den Ort unseres

Aufenthaltes zu verändern; die Stadt war groß, die Gesellschaft

vielfach, die Jahreszeit veranlaßte manches Land--und Gartenfest.

Bei allen solchen Freuden war meine Frau sehr gern gesehen, ja von

Männern und Frauen lebhaft verlangt. Ein gutes, einschmeichelndes

Betragen, mit einer gewissen Hoheit verknüpft, machte sie jedermann

lieb und ehrenwert. überdies spielte sie herrlich die Laute und sang

dazu, und alle geselligen Nächte mußten durch ihr Talent gekrönt

werden.

Ich will nur gestehen, daß ich mir aus der Musik niemals viel habe

machen können, ja sie hatte vielmehr auf mich eine unangenehme

Wirkung. Meine Schöne, die mir das bald abgemerkt hatte, suchte mich

daher niemals, wenn wir allein waren, auf diese Weise zu unterhalten;

dagegen schien sie sich in Gesellschaft zu entschädigen, wo sie denn

gewöhnlich eine Menge Bewunderer fand.

Und nun, warum sollte ich es leugnen, unsere letzte Unterredung,

ungeachtet meines besten Willens, war doch nicht vermögend gewesen,

die Sache ganz bei mir abzutun; vielmehr hatte sich meine

Empfindungsweise gar seltsam gestimmt, ohne daß ich es mir vollkommen

bewußt gewesen wäre. Da brach eines Abends in großer Gesellschaft

der verhaltene Unmut los, und mir entsprang daraus der allergrößte

Nachteil.

Wenn ich es jetzt recht bedenke, so liebte ich nach jener

unglücklichen Entdeckung meine Schönheit viel weniger, und nun ward

ich eifersüchtig auf sie, was mir vorher gar nicht eingefallen war.

Abends bei Tafel, wo wir schräg gegen einander über in ziemlicher

Entfernung saßen, befand ich mich sehr wohl mit meinen beiden

Nachbarinnen, ein paar Frauenzimmern, die mir seit einiger Zeit

reizend geschienen hatten. Unter Scherz--und Liebesreden sparte man

des Weines nicht, indessen von der andern Seite ein paar Musikfreunde

sich meiner Frau bemächtigt hatten und die Gesellschaft zu Gesängen,

einzelnen und chormäßigen, aufzumuntern und anzuführen wußten.

Darüber fiel ich in böse Laune; die beiden Kunstliebhaber schienen

zudringlich; der Gesang machte mich ärgerlich, und als man gar von mir

auch eine Solostrophe begehrte, so wurde ich wirklich aufgebracht,

leerte den Becher und setzte ihn sehr unsanft nieder.

Durch die Anmut meiner Nachbarinnen fühlte ich mich sogleich zwar

wieder gemildert, aber es ist eine böse Sache um den ärger, wenn er

einmal auf dem Wege ist. Er kochte heimlich fort, obgleich alles

mich hätte sollen zur Freude, zur Nachgiebigkeit stimmen. Im

Gegenteil wurde ich nur noch tückischer, als man eine Laute brachte

und meine Schöne ihren Gesang zur Bewunderung aller übrigen

begleitete. Unglücklicherweise erbat man sich eine allgemeine Stille.

Also auch schwatzen sollte ich nicht mehr, und die Töne taten mir in

den Zähnen weh. War es nun ein Wunder, daß endlich der kleinste

Funke die Mine zündete?

Eben hatte die Sängerin ein Lied unter dem größten Beifall geendigt,

als sie nach mir, und wahrlich recht liebevoll, herübersah. Leider

drangen die Blicke nicht bei mir ein. Sie bemerkte, daß ich einen

Becher Wein hinunterschlang und einen neu anfüllte. Mit dem rechten

Zeigefinger winkte sie mir lieblich drohend. "Bedenken Sie, daß es

Wein ist!" sagte sie, nicht lauter, als daß ich es hören konnte.

--"Wasser ist für die Nixen!" rief ich aus.--"Meine Damen", sagte sie

zu meinen Nachbarinnen, "kränzen Sie den Becher mit aller Anmut, daß

er nicht zu oft leer werde."--"Sie werden sich doch nicht meistern

lassen!" zischelte mir die eine ins Ohr.--"Was will der Zwerg?" rief

ich aus, mich heftiger gebärdend, wodurch ich den Becher umstieß.

"Hier ist viel verschüttet!" rief die Wunderschöne, tat einen Griff

in die Saiten, als wolle sie die Aufmerksamkeit der Gesellschaft aus

dieser Störung wieder auf sich heranziehen. Es gelang ihr wirklich,

um so mehr, als sie aufstand, aber nur, als wenn sie sich das Spiel

bequemer machen wollte, und zu präludieren fortfuhr.

Als ich den roten Wein über das Tischtuch fließen sah, kam ich

wieder zu mir selbst. Ich erkannte den großen Fehler, den ich

begangen hatte, und war recht innerlich zerknirscht. Zum erstenmal

sprach die Musik mich an. Die erste Strophe, die sie sang, war ein

freundlicher Abschied an die Gesellschaft, wie sie sich noch zusammen

fühlen konnte. Bei der folgenden Strophe floß die Sozietät gleichsam

auseinander, jeder fühlte sich einzeln, abgesondert, niemand glaubte

sich mehr gegenwärtig. Aber was soll ich denn von der letzten Strophe

sagen? Sie war allein an mich gerichtet, die Stimme der gekränkten

Liebe, die von Unmut und übermut Abschied nimmt.

Stumm führte ich sie nach Hause und erwartete mir nichts Gutes.

Doch kaum waren wir in unserm Zimmer angelangt, als sie sich höchst

freundlich und anmutig, ja sogar schalkhaft erwies und mich zum

glücklichsten aller Menschen machte.

Des andern Morgens sagte ich ganz getrost und liebevoll: "Du hast so

manchmal, durch gute Gesellschaft aufgefordert, gesungen, so zum

Beispiel gestern abend das rührende Abschiedslied; singe nun auch

einmal mir zuliebe ein hübsches, fröhliches Willkommen in dieser

Morgenstunde, damit es uns werde, als wenn wir uns zum erstenmal

kennen lernten."

"Das vermag ich nicht, mein Freund", versetzte sie mit Ernst. "Das

Lied von gestern abend bezog sich auf unsere Scheidung, die nun

sogleich vor sich gehen muß: denn ich kann dir nur sagen, die

Beleidigung gegen Versprechen und Schwur hat für uns beide die

schlimmsten Folgen; du verscherzest ein großes Glück, und auch ich muß

meinen liebsten Wünschen entsagen."

Als ich nun hierauf in sie drang und bat, sie möchte sich näher

erklären, versetzte sie: "Das kann ich leider wohl, denn es ist doch

um mein Belieben bei dir getan. Vernimm also, was ich dir lieber bis

in die spätesten Zeiten verborgen hätte. Die Gestalt, in der du mich

im Kästchen erblicktest, ist mir wirklich angeboren und natürlich;

denn ich bin aus dem Stamm des Königs Eckwald, des mächtigen Fürsten

der Zwerge, von dem die wahrhafte Geschichte so vieles meldet. Unser

Volk ist noch immer wie vor alters tätig und geschäftig und auch

daher leicht zu regieren. Du mußt dir aber nicht vorstellen, daß die

Zwerge in ihren Arbeiten zurückgeblieben sind. Sonst waren Schwerter,

die den Feind verfolgten, wenn man sie ihm nachwarf, unsichtbar und

geheimnisvoll bindende Ketten, undurchdringliche Schilder und

dergleichen ihre berühmtesten Arbeiten. Jetzt aber beschäftigen sie

sich hauptsächlich mit Sachen der Bequemlichkeit und des Putzes und

übertreffen darin alle andern Völker der Erde. Du würdest erstaunen,

wenn du unsere Werkstätten und Warenlager hindurchgehen solltest.

Dies wäre nun alles gut, wenn nicht bei der ganzen Nation überhaupt,

vorzüglich aber bei der königlichen Familie, ein besonderer Umstand

einträte."

Da sie einen Augenblick innehielt, ersuchte ich sie um fernere

Eröffnung dieser wundersamen Geheimnisse, worin sie mir denn auch

sogleich willfahrte.

"Es ist bekannt", sagte sie, "daß Gott, sobald er die Welt

erschaffen hatte, so daß alles Erdreich trocken war und das Gebirg

mächtig und herrlich dastand, daß Gott, sage ich, sogleich vor allen

Dingen die Zwerglein erschuf, damit auch vernünftige Wesen wären,

welche seine Wunder im Innern der Erde auf Gängen und Klüften

anstaunen und verehren könnten. Ferner ist bekannt, daß dieses kleine

Geschlecht sich nachmals erhoben und sich die Herrschaft der Erde

anzumaßen gedacht, weshalb denn Gott die Drachen erschaffen, um das

Gezwerge ins Gebirge zurückzudrängen. Weil aber die Drachen sich in

den großen Höhlen und Spalten selbst einzunisten und dort zu wohnen

pflegten, auch viele derselben Feuer spieen und manch anderes Wüste

begingen, so wurde dadurch den Zwerglein gar große Not und Kummer

bereitet, dergestalt, daß sie nicht mehr wußten, wo aus noch ein, und

sich daher zu Gott dem Herrn gar demütiglich und flehentlich wendeten,

auch ihn im Gebet anriefen, er möchte doch dieses unsaubere

Drachenvolk wieder vertilgen. Ob er nun aber gleich nach seiner

Weisheit sein Geschöpf zu zerstören nicht beschließen mochte, so ging

ihm doch der armen Zwerglein große Not dermaßen zu Herzen, daß er

alsobald die Riesen erschuf, welche die Drachen bekämpfen und, wo

nicht ausrotten, doch wenigstens vermindern sollten.

Als nun aber die Riesen so ziemlich mit den Drachen fertig geworden,

stieg ihnen gleichfalls der Mut und Dünkel, weswegen sie gar manches

Frevele, besonders auch gegen die guten Zwerglein, verübten, welche

denn abermals in ihrer Not sich zu dem Herrn wandten, der sodann aus

seiner Machtgewalt die Ritter schuf, welche die Riesen und Drachen

bekämpfen und mit den Zwerglein in guter Eintracht leben sollten.

Damit war denn das Schöpfungswerk von dieser Seite beschlossen, und

es findet sich, daß nachher Riesen und Drachen sowie die Ritter und

Zwerge immer zusammengehalten haben. Daraus kannst du nun ersehen,

mein Freund, daß wir von dem ältesten Geschlecht der Welt sind,

welches uns zwar zu Ehren gereicht, doch aber auch großen Nachteil

mit sich führt.

Da nämlich auf der Welt nichts ewig bestehen kann, sondern alles,

was einmal groß gewesen, klein werden und abnehmen muß, so sind auch

wir in dem Falle, daß wir seit Erschaffung der Welt immer abnehmen

und kleiner werden, vor allen andern aber die königliche Familie,

welche wegen ihres reinen Blutes diesem Schicksal am ersten

unterworfen ist. Deshalb haben unsere weisen Meister schon vor

vielen Jahren den Ausweg erdacht, daß von Zeit zu Zeit eine

Prinzessin aus dem königlichen Hause heraus ins Land gesendet werde,

um sich mit einem ehrsamen Ritter zu vermählen, damit das

Zwergengeschlecht wieder angefrischt und vom gänzlichen Verfall

gerettet sei."

Indessen meine Schöne diese Worte ganz treuherzig vorbrachte, sah

ich sie bedenklich an, weil es schien, als ob sie Lust habe, mir

etwas aufzubinden. Was ihre niedliche Herkunft betraf, daran hatte

ich weiter keinen Zweifel; aber daß sie mich anstatt eines Ritters

ergriffen hatte, das machte mir einiges Mißtrauen, indem ich mich

denn doch zu wohl kannte, als daß ich hätte glauben sollen, meine

Vorfahren seien von Gott unmittelbar erschaffen worden.

Ich verbarg Verwunderung und Zweifel und fragte sie freundlich:

"Aber sage mir, mein liebes Kind, wie kommst du zu dieser großen und

ansehnlichen Gestalt? denn ich kenne wenig Frauen, die sich dir an

prächtiger Bildung vergleichen können."--"Das sollst du erfahren",

versetzte meine Schöne. "Es ist von jeher im Rat der Zwergenkönige

hergebracht, daß man sich so lange als möglich vor jedem

außerordentlichen Schritt in acht nehme, welches ich denn auch ganz

natürlich und billig finde. Man hätte vielleicht noch lange

gezaudert, eine Prinzessin wieder einmal in das Land zu senden, wenn

nicht mein nachgeborner Bruder so klein ausgefallen wäre, daß ihn die

Wärterinnen sogar aus den Windeln verloren haben und man nicht weiß,

wo er hingekommen ist. Bei diesem in den Jahrbüchern des

Zwergenreichs ganz unerhörten Falle versammelte man die Weisen, und

kurz und gut, der Entschluß ward gefaßt, mich auf die Freite zu

schicken."

"Der Entschluß!" rief ich aus, "das ist wohl alles schön und gut.

Man kann sich entschließen, man kann etwas beschließen; aber einem

Zwerglein diese Göttergestalt zu geben, wie haben eure Weisen dies

zustande gebracht?"

"Es war auch schon", sagte sie, "von unsern Ahnherren vorgesehen.

In dem königlichen Schatze lag ein ungeheurer goldner Fingerring.

Ich spreche jetzt von ihm, wie er mir vorkam, da er mir, als einem

Kinde, ehemals an seinem Orte gezeigt wurde: denn es ist derselbe,

den ich hier am Finger habe; und nun ging man folgendergestalt zu

Werke. Man unterrichtete mich von allem, was bevorstehe, und

belehrte mich, was ich zu tun und zu lassen habe.

Ein köstlicher Palast, nach dem Muster des liebsten

Sommeraufenthalts meiner Eltern, wurde verfertigt: ein Hauptgebäude,

Seitenflügel und was man nur wünschen kann. Er stand am Eingang

einer großen Felskluft und verzierte sie aufs beste. An dem

bestimmten Tage zog der Hof dorthin und meine Eltern mit mir. Die

Armee paradierte, und vierundzwanzig Priester trugen auf einer

köstlichen Bahre, nicht ohne Beschwerlichkeit, den wundervollen Ring.

Er ward an die Schwelle des Gebäudes gelegt, gleich innerhalb, wo man

über sie hinübertritt. Manche Zeremonien wurden begangen, und nach

einem herzlichen Abschiede schritt ich zum Werke. Ich trat hinzu,

legte die Hand an den Ring und fing sogleich merklich zu wachsen an.

In wenig Augenblicken war ich zu meiner gegenwärtigen Größe angelangt,

worauf ich den Ring sogleich an den Finger steckte. Nun im Nu

verschlossen sich Fenster, Türen und Tore, die Seitenflügel zogen

sich ins Hauptgebäude zurück, statt des Palastes stand ein Kästchen

neben mir, das ich sogleich aufhob und mit mir forttrug, nicht ohne

ein angenehmes Gefühl, so groß und so stark zu sein, zwar immer noch

ein Zwerg gegen Bäume und Berge, gegen Ströme wie gegen Landstrecken,

aber doch immer schon ein Riese gegen Gras und Kräuter, besonders aber

gegen die Ameisen, mit denen wir Zwerge nicht immer in gutem

Verhältnis stehen und deswegen oft gewaltig von ihnen geplagt werden.

Wie es mir auf meiner Wallfahrt erging, ehe ich dich fand, davon

hätte ich viel zu erzählen. Genug, ich prüfte manchen, aber niemand

als du schien mir wert, den Stamm des herrlichen Eckwald zu erneuern

und zu verewigen."

Bei allen diesen Erzählungen wackelte mir mitunter der Kopf, ohne

daß ich ihn gerade geschüttelt hätte. Ich tat verschiedene Fragen,

worauf ich aber keine sonderlichen Antworten erhielt, vielmehr zu

meiner größten Betrübnis erfuhr, daß sie nach dem, was begegnet,

notwendig zu ihren Eltern zurückkehren müsse. Sie hoffe zwar, wieder

zu mir zu kommen, doch jetzt habe sie sich unvermeidlich zu stellen,

weil sonst für sie so wie für mich alles verloren wäre. Die Beutel

würden bald aufhören zu zahlen, und was sonst noch alles daraus

entstehen könnte.

Da ich hörte, daß uns das Geld ausgehen dürfte, fragte ich nicht

weiter, was sonst noch geschehen möchte. Ich zuckte die Achseln, ich

schwieg, und sie schien mich zu verstehen.

Wir packten zusammen und setzten uns in den Wagen, das Kästchen

gegen uns über, dem ich aber noch nichts von einem Palast ansehen

konnte. So ging es mehrere Stationen fort. Postgeld und Trinkgeld

wurden aus den Täschchen rechts und links bequem und reichlich bezahlt,

bis wir endlich in eine gebirgige Gegend gelangten und kaum

abgestiegen waren, als meine Schöne vorausging und ich auf ihr Geheiß

mit dem Kästchen folgte. Sie führte mich auf ziemlich steilen Pfaden

zu einem engen Wiesengrund, durch welchen sich eine klare Quelle bald

stürzte, bald ruhig laufend schlängelte. Da zeigte sie mir eine

erhöhte Fläche, hieß mich das Kästchen niedersetzen und sagte: "Lebe

wohl: du findest den Weg gar leicht zurück; gedenke mein, ich hoffe,

dich wiederzusehen."

In diesem Augenblick war mir's, als wenn ich sie nicht verlassen

könnte. Sie hatte gerade wieder ihren schönen Tag oder, wenn ihr

wollt, ihre schöne Stunde. Mit einem so lieblichen Wesen allein, auf

grüner Matte, zwischen Gras und Blumen, von Felsen beschränkt, von

Wasser umrauscht, welches Herz wäre da wohl fühllos geblieben! Ich

wollte sie bei der Hand fassen, sie umarmen, aber sie stieß mich

zurück und bedrohte mich, obwohl noch immer liebreich genug, mit

großer Gefahr, wenn ich mich nicht sogleich entfernte.

"Ist denn gar keine Möglichkeit", rief ich aus, "daß ich bei dir

bleibe, daß du mich bei dir behalten könntest?" Ich begleitete diese

Worte mit so jämmerlichen Gebärden und Tönen, daß sie gerührt schien

und nach einigem Bedenken mir gestand, eine Fortdauer unserer

Verbindung sei nicht ganz unmöglich. Wer war glücklicher als ich!

Meine Zudringlichkeit, die immer lebhafter ward, nötigte sie endlich,

mit der Sprache herauszurücken und mir zu entdecken, daß, wenn ich

mich entschlösse, mit ihr so klein zu werden, als ich sie schon

gesehen, so könnte ich auch jetzt bei ihr bleiben, in ihre Wohnung,

in ihr Reich, zu ihrer Familie mit übertreten. Dieser Vorschlag

gefiel mir nicht ganz, doch konnte ich mich einmal in diesem

Augenblick nicht von ihr losreißen, und ans Wunderbare seit geraumer

Zeit schon gewöhnt, zu raschen Entschlüssen aufgelegt, schlug ich ein

und sagte, sie möchte mit mir machen, was sie wolle.

Sogleich mußte ich den kleinen Finger meiner rechten Hand

ausstrecken, sie stützte den ihrigen dagegen, zog mit der linken Hand

den goldnen Ring ganz leise sich ab und ließ ihn herüber an meinen

Finger laufen. Kaum war dies geschehen, so fühlte ich einen

gewaltigen Schmerz am Finger, der Ring zog sich zusammen und folterte

mich entsetzlich. Ich tat einen gewaltigen Schrei und griff

unwillkürlich um mich her nach meiner Schönen, die aber verschwunden

war. Wie mir indessen zumute gewesen, dafür wüßte ich keinen Ausdruck

zu finden, auch bleibt mir nichts übrig zu sagen, als daß ich mich

sehr bald in kleiner, niedriger Person neben meiner Schönen in einem

Walde von Grashalmen befand. Die Freude des Wiedersehens nach einer

kurzen und doch so seltsamen Trennung, oder, wenn ihr wollt, einer

Wiedervereinigung ohne Trennung, übersteigt alle Begriffe. Ich fiel

ihr um den Hals, sie erwiderte meine Liebkosungen, und das kleine

Paar fühlte sich so glücklich als das große.

Mit einiger Unbequemlichkeit stiegen wir nunmehr an einem Hügel

hinauf; denn die Matte war für uns beinah ein undurchdringlicher Wald

geworden. Doch gelangten wir endlich auf eine Blöße, und wie

erstaunt war ich, dort eine große, geregelte Masse zu sehen, die ich

doch bald für das Kästchen, in dem Zustand, wie ich es hingesetzt

hatte, wieder erkennen mußte.

"Gehe hin, mein Freund, und klopfe mit dem Ringe nur an, du wirst

Wunder sehen", sagte meine Geliebte. Ich trat hinzu und hatte kaum

angepocht, so erlebte ich wirklich das größte Wunder. Zwei

Seitenflügel bewegten sich hervor, und zugleich fielen wie Schuppen

und Späne verschiedene Teile herunter, da mir denn Türen, Fenster,

Säulengänge und alles, was zu einem vollständigen Palaste gehört, auf

einmal zu Gesichte kamen.

Wer einen künstlichen Schreibtisch von Röntgen gesehen hat, wo mit

einem Zug viele Federn und Ressorts in Bewegung kommen, Pult und

Schreibzeug, Brief--und Geldfächer sich auf einmal oder kurz

nacheinander entwickeln, der wird sich eine Vorstellung machen können,

wie sich jener Palast entfaltete, in welchen mich meine süße

Begleiterin nunmehr hineinzog. In dem Hauptsaal erkannte ich sogleich

das Kamin, das ich ehemals von oben gesehen, und den Sessel, worauf

sie gesessen. Und als ich über mich blickte, glaubte ich wirklich

noch etwas von dem Sprunge in der Kuppel zu bemerken, durch den ich

hereingeschaut hatte. Ich verschone euch mit Beschreibung des

übrigen; genug, alles war geräumig, köstlich und geschmackvoll. Kaum

hatte ich mich von meiner Verwunderung erholt, als ich von fern eine

militärische Musik vernahm. Meine schöne Hälfte sprang vor Freuden

auf und verkündigte mir mit Entzücken die Ankunft ihres Herrn Vaters.

Hier traten wir unter die Türe und schauten, wie aus einer

ansehnlichen Felskluft ein glänzender Zug sich bewegte. Soldaten,

Bediente, Hausoffizianten und ein glänzender Hofstaat folgten

hintereinander. Endlich erblickte man ein goldnes Gedränge und in

demselben den König selbst. Als der ganze Zug vor dem Palast

aufgestellt war, trat der König mit seiner nächsten Umgebung heran.

Seine zärtliche Tochter eilte ihm entgegen, sie riß mich mit sich

fort, wir warfen uns ihm zu Füßen, er hob mich sehr gnädig auf, und

als ich vor ihn zu stehen kam, bemerkte ich erst, daß ich freilich in

dieser kleinen Welt die ansehnlichste Statur hatte. Wir gingen

zusammen nach dem Palaste, da mich der König in Gegenwart seines

ganzen Hofes mit einer wohlstudierten Rede, worin er seine

überraschung, uns hier zu finden, ausdrückte, zu bewillkommnen

geruhte, mich als seinen Schwiegersohn erkannte und die

Trauungszeremonie auf morgen ansetzte.

Wie schrecklich ward mir auf einmal zumute, als ich von Heirat reden

hörte: denn ich fürchtete mich bisher davor fast mehr als vor der

Musik selbst, die mir doch sonst das Verhaßteste auf Erden schien.

Diejenigen, die Musik machen, pflegte ich zu sagen, stehen doch

wenigstens in der Einbildung, untereinander einig zu sein und in

übereinstimmung zu wirken: denn wenn sie lange genug gestimmt und uns

die Ohren mit allerlei Mißtönen zerrissen haben, so glauben sie steif

und fest, die Sache sei nunmehr aufs reine gebracht und ein Instrument

passe genau zum andern. Der Kapellmeister selbst ist in diesem

glücklichen Wahn, und nun geht es freudig los, unterdes uns andern

immerfort die Ohren gellen. Bei dem Ehestand hingegen ist dies nicht

einmal der Fall: denn ob er gleich nur ein Duett ist und man doch

denken sollte, zwei Stimmen, ja zwei Instrumente müßten einigermaßen

überein gestimmt werden können, so trifft es doch selten zu; denn

wenn der Mann einen Ton angibt, so nimmt ihn die Frau gleich höher

und der Mann wieder höher; da geht es denn aus dem Kammer--in den

Chorton und immer so weiter hinauf, daß zuletzt die blasenden

Instrumente selbst nicht folgen können. Und also, da mir die

harmonische Musik zuwider bleibt, so ist mir noch weniger zu

verdenken, daß ich die disharmonische gar nicht leiden kann.

Von allen Festlichkeiten, worunter der Tag hinging, mag und kann ich

nicht erzählen: denn ich achtete gar wenig darauf. Das kostbare

Essen, der köstliche Wein, nichts wollte mir schmecken. Ich sann und

überlegte, was ich zu tun hätte. Doch da war nicht viel auszusinnen.

Ich entschloß mich, als es Nacht wurde, kurz und gut, auf und davon

zu gehen und mich irgendwo zu verbergen. Auch gelangte ich glücklich

zu einer Steinritze, in die ich mich hineinzwängte und so gut als

möglich verbarg. Mein erstes Bemühen darauf war, den unglücklichen

Ring vom Finger zu schaffen, welches jedoch mir keineswegs gelingen

wollte, vielmehr mußte ich fühlen, daß er immer enger ward, sobald

ich ihn abzuziehen gedachte, worüber ich heftige Schmerzen litt, die

aber sogleich nachließen, sobald ich von meinem Vorhaben abstand.

Frühmorgens wach' ich auf--denn meine kleine Person hatte sehr gut

geschlafen--und wollte mich eben weiter umsehen, als es über mir wie

zu regnen anfing. Es fiel nämlich durch Gras, Blätter und Blumen wie

Sand und Grus in Menge herunter; allein wie entsetzte ich mich, als

alles um mich her lebendig ward und ein unendliches Ameisenheer über

mich niederstürzte. Kaum wurden sie mich gewahr, als sie mich von

allen Seiten angriffen und, ob ich mich gleich wacker und mutig genug

verteidigte, doch zuletzt auf solche Weise zudeckten, kneipten und

peinigten, daß ich froh war, als ich mir zurufen hörte, ich solle mich

ergeben. Ich ergab mich wirklich und gleich, worauf denn eine Ameise

von ansehnlicher Statur sich mit Höflichkeit, ja mit Ehrfurcht

näherte und sich sogar meiner Gunst empfahl. Ich vernahm, daß die

Ameisen Alliierte meines Schwiegervaters geworden und daß er sie im

gegenwärtigen Fall aufgerufen und verpflichtet, mich herbeizuschaffen.

Nun war ich Kleiner in den Händen von noch Kleinern. Ich sah der

Trauung entgegen und mußte noch Gott danken, wenn mein Schwiegervater

nicht zürnte, wenn meine Schöne nicht verdrießlich geworden.

Laßt mich nun von allen Zeremonien schweigen; genug, wir waren

verheiratet. So lustig und munter es jedoch bei uns herging, so

fanden sich dessenungeachtet einsame Stunden, in denen man zum

Nachdenken verleitet wird, und mir begegnete, was mir noch niemals

begegnet war; was aber und wie, das sollt ihr vernehmen.

Alles um mich her war meiner gegenwärtigen Gestalt und meinen

Bedürfnissen völlig gemäß, die Flaschen und Becher, einem kleinen

Trinker wohl proportioniert, ja, wenn man will, verhältnismäßig

besseres Maß als bei uns. Meinem kleinen Gaumen schmeckten die

zarten Bissen vortrefflich, ein Kuß von dem Mündchen meiner Gattin war

gar zu reizend, und ich leugne nicht, die Neuheit machte mir alle

diese Verhältnisse höchst angenehm. Dabei hatte ich jedoch leider

meinen vorigen Zustand nicht vergessen. Ich empfand in mir einen

Maßstab voriger Größe, welches mich unruhig und unglücklich machte.

Nun begriff ich zum erstenmal, was die Philosophen unter ihren Idealen

verstehen möchten, wodurch die Menschen so gequält sein sollen. Ich

hatte ein Ideal von mir selbst und erschien mir manchmal im Traum wie

ein Riese. Genug, die Frau, der Ring, die Zwergenfigur, so viele

andere Bande machten mich ganz und gar unglücklich, daß ich auf meine

Befreiung im Ernst zu denken begann.

Weil ich überzeugt war, daß der ganze Zauber in dem Ring verborgen

liege, so beschloß ich, ihn abzuteilen. Ich entwendete deshalb dem

Hofjuwelier einige Feilen. Glücklicherweise war ich links, und ich

hatte in meinem Leben niemals etwas rechts gemacht. Ich hielt mich

tapfer an die Arbeit; sie war nicht gering: denn das goldne Reifchen,

so dünn es aussah, war in dem Verhältnis dichter geworden, als es

sich aus seiner ersten Größe zusammengezogen hatte. Alle freien

Stunden wendete ich unbeobachtet an dieses Geschäft und war klug

genug, als das Metall bald durchgefeilt war, vor die Tür zu treten.

Das war mir geraten: denn auf einmal sprang der goldne Reif mit Gewalt

vom Finger, und meine Figur schoß mit solcher Heftigkeit in die Höhe,

daß ich wirklich an den Himmel zu stoßen glaubte und auf alle Fälle

die Kuppel unseres Sommerpalastes durchgestoßen, ja das ganze

Sommergebäude durch meine frische Unbehülflichkeit zerstört haben

würde.

Da stand ich nun wieder, freilich um so vieles größer, allein, wie

mir vorkam, auch um vieles dümmer und unbehülflicher. Und als ich

mich aus meiner Betäubung erholt, sah ich die Schatulle neben mir

stehen, die ich ziemlich schwer fand, als ich sie aufhob und den

Fußpfad hinunter nach der Station trug, wo ich denn gleich einspannen

und fortfahren ließ. Unterwegs machte ich sogleich den Versuch, mit

den Täschchen an beiden Seiten. An der Stelle des Geldes, welches

ausgegangen schien, fand ich ein Schlüsselchen; es gehörte zur

Schatulle, in welcher ich einen ziemlichen Ersatz fand. Solange das

vorhielt, bediente ich mich des Wagens; nachher wurde dieser verkauft,

um mich auf dem Postwagen fortzubringen. Die Schatulle schlug ich

zuletzt los, weil ich immer dachte, sie sollte sich noch einmal füllen,

und so kam ich denn endlich, obgleich durch einen ziemlichen Umweg,

wieder an den Herd zur Köchin, wo ihr mich zuerst habt kennen lernen.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 9 / 24 题