Lenardos Tagebuch

Montag, den 15.

Tief in der Nacht war ich nach mühsam erstiegener halber Gebirgshöhe

eingetroffen in einer leidlichen Herberge und ward schon vor

Tagesanbruch aus erquicklichem Schlaf durch ein andauerndes

Schellen--und Glockengeläute zu meinem großen Verdruß aufgeweckt.

Eine große Reihe Saumrosse zog vorbei, eh' ich mich hätte ankleiden

und ihnen zuvoreilen können. Nun erfuhr ich auch, meinen Weg

antretend, gar bald, wie unangenehm und verdrießlich solche

Gesellschaft sei. Das monotone Geläute betäubt die Ohren; das zu

beiden Seiten weit über die Tiere hinausreichende Gepäck (sie trugen

diesmal große Säcke Baumwolle) streift bald einerseits an die Felsen,

und wenn das Tier, um dieses zu vermeiden, sich gegen die andere

Seite zieht, so schwebt die Last über dem Abgrund, dem Zuschauer

Sorge und Schwindel erregend, und, was das Schlimmste ist, in beiden

Fällen bleibt man gehindert, an ihnen vorbeizuschleichen und den

Vortritt zu gewinnen.

Endlich gelangt' ich an der Seite auf einen freien Felsen, wo St.

Christoph, der mein Gepäck kräftig einhertrug, einen Mann begrüßte,

welcher stille dastehend den vorbeiziehenden Zug zu mustern schien.

Es war auch wirklich der Anführer; nicht nur gehörte ihm eine

beträchtliche Zahl der lasttragenden Tiere, andere hatte er nebst

ihren Treibern gemietet, sondern er war auch Eigentümer eines

geringern Teils der Ware; vornehmlich aber bestand sein Geschäft

darin, für größere Kaufleute den Transport der ihrigen treulich zu

besorgen. Im Gespräch erfuhr ich von ihm, daß dieses Baumwolle sei,

welche aus Mazedonien und Cypern über Triest komme und vom Fuße des

Berges auf Maultieren und Saumrossen zu diesen Höhen und weiter bis

jenseits des Gebirgs gebracht werde, wo Spinner und Weber in Unzahl

durch Täler und Schluchten einen großen Vertrieb gesuchter Waren ins

Ausland vorbereiteten. Die Ballen waren bequemeren Ladens wegen teils

anderthalb, teils drei Zentner schwer, welches letztere die volle

Last eines Saumtiers ausmacht. Der Mann lobte die Qualität der auf

diesem Wege ankommenden Baumwolle, verglich sie mit der von Ost--und

Westindien, besonders mit der von Cayenne, als der bekanntesten; er

schien von seinem Geschäft sehr gut unterrichtet, und da es mir auch

nicht ganz unbekannt geblieben war, so gab es eine angenehme und

nützliche Unterhaltung. Indessen war der ganze Zug vor uns vorüber,

und ich erblickte nur mit Widerwillen auf dem in die Höhe sich

schlängelnden Felsweg die unabsehliche Reihe dieser bepackten

Geschöpfe, hinter denen her man schleichen und in der herankommenden

Sonne zwischen Felsen braten sollte. Indem ich mich nun gegen meinen

Boten darüber beschwerte, trat ein untersetzter, munterer Mann zu uns

heran, der auf einem ziemlich großen Reff eine verhältnismäßig

leichte Bürde zu tragen schien. Man begrüßte sich, und es war gar

bald am derben Händeschütteln zu sehen, daß St. Christoph und dieser

Ankömmling einander wohl bekannt seien; da erfuhr ich denn sogleich

über ihn folgendes. Für die entfernteren Gegenden im Gebirge, woher

zu Markte zu gehen für jeden einzelnen Arbeiter zu weit wäre, gibt es

eine Art von untergeordnetem Handelsmann oder Sammler, welcher

Garnträger genannt wird. Dieser steigt nämlich durch alle Täler und

Winkel, betritt Haus für Haus, bringt den Spinnern Baumwolle in

kleinen Partien, tauscht dagegen Garn ein oder kauft es, von welcher

Qualität es auch sein möge, und überläßt es dann wieder mit einigem

Profit im größern an die unterhalb ansässigen Fabrikanten.

Als nun die Unbequemlichkeit, hinter den Maultieren herzuschlendern,

abermals zur Sprache kam, lud mich der Mann sogleich ein, mit ihm ein

Seitental hinabzusteigen, das gerade hier von dem Haupttale sich

trennte, um die Wasser nach einer andern Himmelsgegend hinzuführen.

Der Entschluß war bald gefaßt, und nachdem wir mit einiger

Anstrengung einen etwas steilen Gebirgskamm überstiegen hatten, sahen

wir die jenseitigen Abhänge vor uns, zuerst höchst unerfreulich; das

Gestein hatte sich verändert und eine schiefrige Lage genommen; keine

Vegetation belebte Fels und Gerölle, und man sah sich von einem

schroffen Niederstieg bedroht. Quellen rieselten von mehreren Seiten

zusammen; man kam sogar an einem mit schroffen Felsen umgebenen

kleinen See vorbei. Endlich traten einzeln und dann mehr gesellig

Fichten, Lärchen und Birken hervor, dazwischen sodann zerstreute

ländliche Wohnungen, freilich von der kärglichsten Sorte, jede von

ihren Bewohnern selbst zusammengezimmert aus verschränkten Balken,

die großen, schwarzen Schindeln der Dächer mit Steinen beschwert,

damit sie der Wind nicht wegführe. Unerachtet dieser äußern

traurigen Ansicht war der beschränkte innere Raum doch nicht

unangenehm; warm und trocken, auch reichlich gehalten, paßte er gar

gut zu dem frohen Aussehen der Bewohner, bei denen man sich alsobald

ländlich gesellig fühlte.

Der Bote schien erwartet, auch hatte man ihm aus dem kleinen

Schiebefenster entgegengesehen, denn er war gewohnt, wo möglich immer

an demselben Wochentage zu kommen; er handelte das Gespinst ein,

teilte frische Baumwolle aus; dann ging es rasch hinabwärts, wo

mehrere Häuser in geringer Entfernung nahe stehen. Kaum erblickt man

uns, so laufen die Bewohner begrüßend zusammen, Kinder drängen sich

hinzu und werden mit einem Eierbrot, auch einer Semmel hoch erfreut.

Das Behagen war überall groß und vermehrt, als sich zeigte, daß St.

Christoph auch dergleichen aufgepackt und also gleichfalls die Freude

hatte, den kindlichsten Dank einzuernten; um so angenehmer für ihn,

als er sich, wie sein Geselle, mit dem kleinen Volke gar wohl zu

betun wußte.

Die Alten dagegen hielten gar mancherlei Fragen bereit; vom Krieg

wollte jedermann wissen, der glücklicherweise sehr entfernt geführt

wurde und auch näher solchen Gegenden kaum gefährlich gewesen wäre.

Sie freuten sich jedoch des Friedens, obgleich in Sorge wegen einer

andern drohenden Gefahr; denn es war nicht zu leugnen, das

Maschinenwesen vermehre sich immer im Lande und bedrohe die

arbeitsamen Hände nach und nach mit Untätigkeit. Doch ließen sich

allerlei Trost--und Hoffnungsgründe beibringen.

Unser Mann wurde dazwischen wegen manches Lebensfalles um Rat

gefragt, ja sogar mußte er sich nicht allein als Hausfreund, sondern

auch als Hausarzt zeigen; Wundertropfen, Salze, Balsame führte er

jederzeit bei sich.

In die verschiedenen Häuser eintretend fand ich Gelegenheit, meiner

alten Liebhaberei nachzuhängen und mich von der Spinnertechnik zu

unterrichten. Ich ward aufmerksam auf Kinder, welche sich sorgfältig

und emsig beschäftigten, die Flocken der Baumwolle

auseinanderzuzupfen und die Samenkörner, Splitter von den Schalen der

Nüsse nebst andern Unreinigkeiten wegzunehmen; sie nennen es erlesen.

Ich fragte, ob das nur das Geschäft der Kinder sei, erfuhr aber, daß

es in Winterabenden auch von Männern und Brüdern unternommen werde.

Rüstige Spinnerinnen zogen sodann, wie billig, meine Aufmerksamkeit

auf sich; die Vorbereitung geschieht folgendermaßen: Es wird die

erlesene oder gereinigte Baumwolle auf die Karden, welche in

Deutschland Krempel heißen, gleich ausgeteilt, gekardet, wodurch der

Staub davongeht und die Haare der Baumwolle einerlei Richtung

erhalten, dann abgenommen, zu Locken festgewickelt und so zum Spinnen

am Rad zubereitet.

Man zeigte mir dabei den Unterschied zwischen links und rechts

gedrehtem Garn; jenes ist gewöhnlich feiner und wird dadurch bewirkt,

daß man die Saite, welche die Spindel dreht, um den Wirtel

verschränkt, wie die Zeichnung nebenbei deutlich macht (die wir leider

wie die übrigen nicht mitgeben können).

Die Spinnende sitzt vor dem Rade, nicht zu hoch; mehrere hielten

dasselbe mit übereinandergelegten Füßen in festem Stande, andere nur

mit dem rechten Fuß, den linken zurücksetzend. Mit der rechten Hand

dreht sie die Scheibe und langt aus, so weit und so hoch sie nur

reichen kann, wodurch schöne Bewegungen entstehen und eine schlanke

Gestalt sich durch zierliche Wendung des Körpers und runde Fülle der

Arme gar vorteilhaft auszeichnet; die Richtung besonders der letzten

Spinnweise gewährt einen sehr malerischen Kontrast, so daß unsere

schönsten Damen an wahrem Reiz und Anmut zu verlieren nicht fürchten

dürften, wenn sie einmal anstatt der Gitarre das Spinnrad handhaben

wollten.

In einer solchen Umgebung drängten sich neue, eigene Gefühle mir auf,

die schnurrenden Räder haben eine gewisse Beredsamkeit, die Mädchen

singen Psalmen, auch, obwohl seltener, andere Lieder.

Zeisige und Stieglitze, in Käfigen aufgehangen, zwitschern

dazwischen, und nicht leicht möchte ein Bild regeren Lebens gefunden

werden als in einer Stube, wo mehrere Spinnerinnen arbeiten.

Dem beschriebenen Rädligarn ist jedoch das Briefgarn vorzuziehen;

hiezu wird die beste Baumwolle genommen, welche längere Haare hat als

die andere. Ist sie rein gelesen, so bringt man sie, anstatt zu

krempeln, auf Kämme, welche aus einfachen Reihen langer, stählerner

Nadeln bestehen, und kämmt sie; alsdann wird das längere und feinere

Teil derselben mit einem stumpfen Messer bänderweise (das Kunstwort

heißt ein Schnitz) abgenommen, zusammengewickelt und in eine

Papierdüte getan und diese nachher an der Kunkel befestigt. Aus

einer solchen Düte nun wird mit der Spindel von der Hand gesponnen,

daher heißt es aus dem Brief spinnen und das gewonnene Garn Briefgarn.

Dieses Geschäft, welches nur von ruhigen, bedächtigen Personen

getrieben wird, gibt der Spinnerin ein sanfteres Ansehen als das am

Rade; kleidet dies letzte eine große, schlanke Figur zum besten, so

wird durch jenes eine ruhige, zarte Gestalt gar sehr begünstigt.

Dergleichen verschiedene Charaktere, verschiedenen Arbeiten zugetan,

erblickte ich mehrere in einer Stube und wußte zuletzt nicht recht,

ob ich meine Aufmerksamkeit der Arbeit oder den Arbeiterinnen zu

widmen hätte.

Leugnen aber dürft' ich nicht sodann, daß die Bergbewohnerinnen,

durch die seltenen Gäste aufgeregt, sich freundlich und gefällig

erwiesen. Besonders freuten sie sich, daß ich mich nach allem so

genau erkundigte, was sie mir vorsprachen, bemerkte, ihre

Gerätschaften und einfaches Maschinenwerk zeichnete, ja selbst ihre

Arme, Hände und hübschen Glieder mit Zierlichkeit flüchtig

abschilderte, wie hier neben zu sehen sein sollte. Auch ward, als

der Abend hereintrat, die vollbrachte Arbeit vorgewiesen, die vollen

Spindeln in dazu bestimmten Kästchen beiseitegelegt und das ganze

Tagewerk sorgfältig aufgehoben. Nun war man schon bekannter geworden,

die Arbeit jedoch ging ihren Gang; nun beschäftigte man sich mit dem

Haspeln und zeigte schon viel freier teils die Maschine, teils die

Behandlung vor, und ich schrieb sorgfältig auf.

Der Haspel hat Rad und Zeiger, so daß sich bei jedesmaligem Umdrehen

eine Feder hebt, welche niederschlägt, sooft hundert Umgänge auf den

Haspel gekommen sind. Man nennt nun die Zahl von tausend Umgängen

einen Schneller, nach deren Gewicht die verschiedene Feine des Garns

gerechnet wird.

Rechts gedreht Garn gehen 25 bis 30 auf ein Pfund, links gedreht 60

bis 80, vielleicht auch 90. Der Umgang des Haspels wird ungefähr

sieben Viertel Ellen oder etwas mehr betragen, und die schlanke,

fleißige Spinnerin behauptete, 4, auch 5 Schneller, das wären 5 000

Umgänge, also 8 bis 9000 Ellen Garn, täglich am Rad zu spinnen; sie

erbot sich zur Wette, wenn wir noch einen Tag bleiben wollten.

Darauf konnte denn doch die stille und bescheidene Briefspinnerin es

nicht ganz lassen und versicherte: daß sie aus dem Pfund 120

Schneller spinne in verhältnismäßiger Zeit. (Briefgarnspinnen geht

nämlich langsamer als das Spinnen am Rade, wird auch besser bezahlt.

Vielleicht spinnt man am Rade wohl das Doppelte.) Sie hatte eben die

Zahl der Umgänge auf dem Haspel voll und zeigte mir, wie nun das Ende

des Fadens ein paarmal umgeschlagen und geknüpft werde; sie nahm den

Schneller ab, drehte ihn so, daß er in sich zusammenlief, zog das

eine Ende durch und konnte das Geschäft der geübten Spinnerin als

vollbracht mit unschuldiger Selbstgefälligkeit vorzeigen.

Da nun hier weiter nichts zu bemerken war, stand die Mutter auf und

sagte: da der junge Herr doch alles zu sehen wünsche, so wolle sie

ihm nun auch die Trockenweberei zeigen. Sie erklärte mir mit

gleicher Gutmütigkeit, indem sie sich an den Webstuhl setzte, wie sie

nur diese Art handhabten, weil sie eigentlich allein für grobe

Kattune gelte, wo der Einschlag trocken eingetragen und nicht sehr

dicht geschlagen wird; sie zeigte mir denn auch solche trockene Ware;

diese ist immer glatt, ohne Streifen und Quadrate oder sonst irgendein

Abzeichen, und nur fünf bis fünfeinhalbes Viertel Elle breit.

Der Mond leuchtete hell vom Himmel, und unser Garnträger bestand auf

einer weitern Wallfahrt, weil er Tag und Stunde halten und überall

richtig eintreffen müsse; die Fußpfade seien gut und klar, besonders

bei solcher Nachtfackel. Wir von unserer Seite erheiterten den

Abschied durch seidene Bänder und Halstücher, dergleichen Ware St.

Christoph ein ziemliches Paket mit sich trug; das Geschenk wurde der

Mutter gegeben, um es an die Ihrigen zu verteilen.

Dienstags, den 16. Früh.

Die Wanderung durch eine herrliche klare Nacht war voll Anmut und

Erfreulichkeit; wir gelangten zu einer etwas größern

Hüttenversammlung, die man vielleicht hätte ein Dorf nennen dürfen;

in einiger Entfernung davon auf einem freien Hügel stand eine Kapelle,

und es fing schon an, wohnlicher und menschlicher auszusehen. Wir

kamen an Umzäunungen vorbei, die zwar auf keine Gärten, aber doch auf

spärlichen, sorgfältig gehüteten Wieswachs hindeuteten. Wir waren an

einen Ort gelangt, wo neben dem Spinnen das Weben ernstlicher

getrieben wird.

Unsere gestrige Tagereise, bis in die Nacht hinein verlängert, hatte

die rüstigen und jugendlichen Kräfte aufgezehrt; der Garnbote bestieg

den Heuboden, und ich war eben im Begriff, ihm zu folgen, als St.

Christoph mir sein Reff befahl und zur Türe hinausging. Ich kannte

seine löbliche Absicht und ließ ihn gewähren.

Des andern Morgens jedoch war das erste, daß die Familie

zusammenlief und den Kindern streng verboten ward, nicht aus der Türe

zu gehen, indem ein greulicher Bär oder sonst ein Ungetüm in der Nähe

sich aufhalten müsse, denn es habe die Nacht über von der Kapelle her

dergestalt gestöhnt und gebrummt, daß Felsen und Häuser hier hüben

hätten erzittern mögen, und man riet, bei unserer heutigen längeren

Wanderung wohl auf der Hut zu sein. Wir suchten die guten Leute

möglichst zu beruhigen, welches in dieser Einöde jedoch schwer

erschien.

Der Garnbote erklärte nunmehr, daß er eiligst sein Geschäft abtun

und alsdann kommen wolle, uns abzuholen, denn wir hätten heute einen

langen und beschwerlichen Weg vor uns, weil wir nicht mehr so im Tale

nur hinabschlendern, sondern einen vorgeschobenen Gebirgsriegel

mühsam überklettern würden. Ich entschloß mich daher, die Zeit so gut

als möglich zu nutzen und mich von unsern guten Wirtsleuten in die

Vorhalle des Webens einführen zu lassen.

Beide waren ältliche Leute, in späteren Tagen noch mit zwei, drei

Kindern gesegnet; religiöse Gefühle und ahnungsvolle Vorstellungen

ward man an ihrer Umgebung, Tun und Reden gar bald gewahr. Ich kam

gerade zum Anfang einer solchen Arbeit, dem übergang vom Spinnen zum

Weben, und da ich zu keiner weitern Zerstreuung Anlaß fand, so ließ

ich mir das Geschäft, wie es eben gerade im Gange war, in meine

Schreibtafel gleichsam diktieren.

Die erste Arbeit, das Garn zu leimen, war gestern verrichtet. Man

siedet solches zu einem dünnen Leimwasser, welches aus Stärkemehl und

etwas Tischlerleim besteht, wodurch die Fäden mehr Halt bekommen.

Früh waren die Garnstränge schon trocken, und man bereitete sich zu

spulen, nämlich das Garn am Rade auf Rohrspulen zu winden. Der alte

Großvater, am Ofen sitzend, verrichtete diese leichte Arbeit, ein

Enkel stand neben ihm und schien begierig, das Spulrad selbst zu

handhaben. Indessen steckte der Vater die Spulen, um zu zetteln, auf

einen mit Querstäben abgeteilten Rahmen, so daß sie sich frei um

perpendikulär stehende starke Drähte bewegten und den Faden ablaufen

ließen. Sie werden mit gröberm und feinerm Garn in der Ordnung

aufgesteckt, wie das Muster oder vielmehr die Striche im Gewebe es

erfordern. Ein Instrument (das Brittli), ungefähr wie ein Sistrum

gestaltet, hat Löcher auf beiden Seiten, durch welche die Fäden

gezogen sind; dieses befindet sich in der Rechten des Zettlers, mit

der Linken faßt er die Fäden zusammen und legt sie, hin und wider

gehend, auf den Zettelrahmen. Einmal von oben herunter und von unten

herauf heißt ein Gang, und nach Verhältnis der Dichtigkeit und Breite

des Gewebes macht man viele Gänge. Die Länge beträgt entweder 64

oder nur 32 Ellen. Beim Anfang eines jeden Ganges legt man mit den

Fingern der linken Hand immer einen oder zwei Fäden herauf und

ebensoviel herunter und nennt solches die Rispe; so werden die

verschränkten Fäden über die zwei oben an dem Zettelrahmen

angebrachten Nägel gelegt. Dieses geschieht, damit der Weber die

Fäden in gehörig gleicher Ordnung erhalten kann. Ist man mit dem

Zetteln fertig, so wird das Gerispe unterbunden und dabei ein jeder

Gang besonders abgeteilt, damit sich nichts verwirren kann; sodann

werden mit aufgelöstem Grünspan am letzten Gang Male gemacht, damit

der Weber das gehörige Maß wieder bringe; endlich wird abgenommen,

das Ganze in Gestalt eines großen Knäuels aufgewunden, welcher die

Werfte genannt wird.

Mittwoch, den 17.

Wir waren früh vor Tage aufgebrochen und genossen eines herrlichen

verspäteten Mondscheins. Die hervorbrechende Helle, die aufgehende

Sonne ließ uns ein besser bewohntes und bebautes Land sehen. Hatten

wir oben, um über Bäche zu kommen, Schrittsteine oder zuweilen einen

schmalen Steg, nur an der einen Seite mit Lehne versehen, angetroffen,

so waren hier schon steinerne Brücken über das immer breiter werdende

Wasser geschlagen; das Anmutige wollte sich nach und nach mit dem

Wilden gatten, und ein erfreulicher Eindruck ward von den sämtlichen

Wanderern empfunden.

über den Berg herüber, aus einer andern Flußregion, kam ein

schlanker, schwarzlockiger Mann hergeschritten und rief schon von

weitem, als einer, der gute Augen und eine tüchtige Stimme hat:

"Grüß' Euch Gott, Gevatter Garnträger!" Dieser ließ ihn näher

herankommen, dann rief auch er mit Verwunderung: "Dank' Euch Gott,

Gevatter Geschirrfasser! Woher des Landes? welche unerwartete

Begegnung!" Jener antwortete herantretend: "Schon zwei Monate

schreit' ich im Gebirg herum, allen guten Leuten ihr Geschirr

zurechtzumachen und ihre Stühle so einzurichten, daß sie wieder eine

Zeitlang ungestört fortarbeiten können." Hierauf sprach der Garnbote,

sich zu mir wendend: "Da Ihr, junger Herr, so viel Lust und Liebe zu

dem Geschäft beweist und Euch sorgfältig drum bekümmert, so kommt

dieser Mann gerade zur rechten Zeit, den ich Euch in diesen Tagen

schon still herbeigewünscht hatte, er würde Euch alles besser erklärt

haben als die Mädchen mit allem guten Willen; er ist Meister in seinem

Geschäft und versteht, was zur Spinnerei und dergleichen gehört,

vollkommen anzugeben, auszuführen, zu erhalten, wiederherzustellen,

wie es not tut und es jeder nur wünschen mag."

Ich besprach mich mit ihm und fand einen sehr verständigen, in

gewissem Sinne gebildeten, seiner Sache völlig gewachsenen Mann,

indem ich einiges, was ich dieser Tage gelernt hatte, mit ihm

wiederholte und einige Zweifel zu lösen bat; auch sagt' ich ihm, was

ich gestern schon von den Anfängen der Weberei gesehen. Jener rief

dagegen freudig aus: "Das ist recht erwünscht, da komm' ich gerade

zur rechten Zeit, um einem so werten, lieben Herrn über die älteste

und herrlichste Kunst, die den Menschen eigentlich zuerst vom Tiere

unterscheidet, die nötige Auskunft zu geben. Wir gelangen heute

gerade zu guten und geschickten Leuten, und ich will nicht

Geschirrfasser heißen, wenn Ihr nicht sogleich das Handwerk so gut

fassen sollt wie ich selbst."

Ihm wurde freundlicher Dank gezollt, das Gespräch mannigfaltig

fortgesetzt, und wir gelangten, nach einigem Rasten und Frühstück, zu

einer zwar auch unter--und übereinander, doch besser gebauten

Häusergruppe. Er wies uns an das beste. Der Garnbote ging mit mir

und St. Christoph nach Abrede zuerst hinein, sodann aber, nach den

ersten Begrüßungen und einigen Scherzen, folgte der Schirrfasser, und

es war auffallend, daß sein Hereintreten eine freudige überraschung

in der Familie hervorbrachte. Vater, Mutter, Töchter und Kinder

versammelten sich um ihn; einem am Weberstuhl sitzenden,

wohlgebildeten Mädchen stockte das Schiffchen in der Hand, das just

durch den Zettel durchfahren sollte, ebenso hielt sie auch den Tritt

an, stand auf und kam später, mit langsamer Verlegenheit ihm die Hand

zu reichen. Beide, der Garnbote sowohl als der Schirrfasser, setzten

sich bald durch Scherz und Erzählung wieder in das alte Recht,

welches Hausfreunden gebührt, und nachdem man sich eine Zeitlang

gelabt, wendete sich der wackere Mann zu mir und sagte: "Sie, mein

guter Herr, dürfen wir über diese Freude des Wiedersehens nicht

hintansetzen: wir können noch tagelang miteinander schnacken; Sie

müssen morgen fort. Lassen wir den Herrn in das Geheimnis unserer

Kunst sehen; Leimen und Zetteln kennt er, zeigen wir ihm das übrige

vor, die Jungfrauen da sind mir ja wohl behülflich. Ich sehe, an

diesem Stuhl ist man beim Aufwinden." Das Geschäft war der jüngeren,

zu der sie traten. Die ältere setzte sich wieder an ihren Webstuhl

und verfolgte mit stiller, liebevoller Miene ihre lebhafte Arbeit.

Ich betrachtete nun sorgfältig das Aufwinden. Zu diesem Zweck läßt

man die Gänge des Zettels nach der Ordnung durch einen großen Kamm

laufen, der eben die Breite des Weberbaums hat, auf welchen

aufgewunden werden soll; dieser ist mit einem Einschnitt versehen,

worin ein rundes Stäbchen liegt, welches durch das Ende des Zettels

durchgesteckt und in dem Einschnitt befestigt wird. Ein kleiner

Junge oder Mädchen sitzt unter dem Weberstuhle und hält den Strang

des Zettels stark an, während die Weberin den Weberbaurn an einem

Hebel gewaltsam umdreht und zugleich achtgibt, daß alles in der

Ordnung zu liegen komme. Wenn alles aufgewunden ist, so werden durch

die Rispe ein runder und zwei flache Stäbe, Schienen, gestoßen, damit

sie sich halte, und nun beginnt das Eindrehen.

Vom alten Gewebe ist noch etwa eine Viertelelle am zweiten Weberbaum

übriggeblieben, und von diesem laufen etwa drei Viertelellen lang die

Fäden durch das Blatt in der Lade sowohl als durch die Flügel des

Geschirrs. An diese Fäden nun dreht die Weberin die Fäden des neuen

Zettels, einen um den andern, sorgfältig an, und wenn sie fertig ist,

wird alles Angedrehte auf einmal durchgezogen, so daß die neuen Fäden

bis an den noch leeren vordern Weberbaum reichen; die abgerissenen

Fäden werden angeknüpft, der Eintrag auf kleine Spulen gewunden, wie

sie ins Weberschiffchen passen, und die letzte Vorbereitung zum Weben

gemacht, nämlich geschlichtet.

So lang der Weberstuhl ist, wird der Zettel mit einem Leimwasser,

aus Handschuhleder bereitet, vermittelst eingetauchter Bürsten durch

und durch angefeuchtet, sodann werden die obengedachten Schienen, die

das Gerispe halten, zurückgezogen, alle Fäden aufs genaueste in

Ordnung gelegt und alles so lange mit einem an einen Stab gebundenen

Gänseflügel gefächelt, bis es trocken ist, und nun kann das Weben

begonnen und fortgesetzt werden, bis es wieder nötig wird zu

schlichten.

Das Schlichten und Fächeln ist gewöhnlich jungen Leuten überlassen,

welche zu dem Webergeschäft herangezogen werden, oder in der Muße der

Winterabende leistet ein Bruder oder ein Liebhaber der hübschen

Weberin diesen Dienst, oder diese machen wenigstens die kleinen

Spülchen mit dem Eintragsgarn.

Feine Musseline werden naß gewebt, nämlich der Strang des

Einschlagegarns wird in Leimwasser getaucht, noch naß auf die kleinen

Spulen gewunden und sogleich verarbeitet, wodurch sich das Gewebe

gleicher schlagen läßt und klarer erscheint.

Donnerstag, den 18. September.

Ich fand überhaupt etwas Geschäftiges, unbeschreiblich Belebtes,

Häusliches, Friedliches in dem ganzen Zustand einer solchen

Weberstube; mehrere Stühle waren in Bewegung, da gingen noch

Spinn--und Spulräder, und am Ofen die Alten mit den besuchenden

Nachbarn oder Bekannten sitzend und trauliche Gespräche führend.

Zwischendurch ließ sich wohl auch Gesang hören, meistens Ambrosius

Lobwassers vierstimmige Psalmen, seltener weltliche Lieder; dann

bricht auch wohl ein fröhlich schallendes Gelächter der Mädchen aus,

wenn Vetter Jakob einen witzigen Einfall gesagt hat.

Eine recht flinke und zugleich fleißige Weberin kann, wenn sie Hülfe

hat, allenfalls in einer Woche ein Stück von 32 Ellen nicht gar zu

feine Musseline zustande bringen; es ist aber sehr selten, und bei

einigen Hausgeschäften ist solches gewöhnlich die Arbeit von vierzehn

Tagen.

Die Schönheit des Gewebes hängt vom gleichen Auftreten des

Webegeschirres ab, vom gleichen Schlag der Lade, wie auch davon, ob

der Eintrag naß oder trocken geschieht. Völlig egale und zugleich

kräftige Anspannung trägt ebenfalls bei, zu welchem Ende die Weberin

feiner baumwollener Tücher einen schweren Stein an den Nagel des

vordern Weberbaums hängt. Wenn während der Arbeit das Gewebe kräftig

angespannt wird (das Kunstwort heißt dämmen), so verlängert es sich

merklich, auf 32 Ellen 3/4 und auf 64 etwa 1 1/2 Elle; dieser

überschuß nun gehört der Weberin, wird ihr extra bezahlt, oder sie

hebt sich's zu Halstüchern, Schürzen usw. auf.

In der klarsten, sanftesten Mondnacht, wie sie nur in hohen

Gebirgszügen obwaltet, saß die Familie mit ihren Gästen vor der

Haustüre im lebhaftesten Gespräch, Lenardo in tiefen Gedanken. Schon

unter allem dem Weben und Wirken und so manchen handwerklichen

Betrachtungen und Bemerkungen war ihm jener von Freund Wilhelm zu

seiner Beruhigung geschriebene Brief wieder ins Gedächtnis gekommen.

Die Worte, die er so oft gelesen, die Zeilen, die er mehrmals

angeschaut, stellten sich wieder seinem innern Sinne dar. Und wie

eine Lieblingsmelodie, ehe wir uns versehen, auf einmal dem tiefsten

Gehör leise hervortritt, so wiederholte sich jene zarte Mitteilung in

der stillen, sich selbst angehörigen Seele.

"Häuslicher Zustand, auf Frömmigkeit gegründet, durch Fleiß und

Ordnung belebt und erhalten, nicht zu eng, nicht zu weit, im

glücklichsten Verhältnis der Pflichten zu den Fähigkeiten und Kräften.

Um sie her bewegt sich ein Kreislauf von Handarbeitenden im

reinsten, anfänglichsten Sinne; hier ist Beschränktheit und Wirkung in

die Ferne, Umsicht und Mäßigung, Unschuld und Tätigkeit."

Aber diesmal mehr aufregend als beschwichtigend war die Erinnerung.

"Paßt doch", sprach er zu sich selbst, "diese allgemein lakonische

Beschreibung ganz und gar auf den Zustand, der mich hier umgibt. Ist

nicht auch hier Friede, Frömmigkeit, ununterbrochene Tätigkeit? Nur

eine Wirkung in die Ferne will mir nicht gleichermaßen deutlich

scheinen. Mag doch die Gute einen ähnlichen Kreis beleben, aber einen

weitern, einen bessern; sie mag sich behaglich wie diese hier,

vielleicht noch behaglicher, finden, mit mehr Heiterkeit und Freiheit

umherschauen."

Nun aber durch ein lebhaftes, sich steigerndes Gespräch der übrigen

aufgeregt, mehr Acht habend auf das, was verhandelt wurde, ward ihm

ein Gedanke, den er diese Stunden her gehegt, vollkommen lebendig.

Sollte nicht eben dieser Mann, dieser mit Werkzeug und Geschirr so

meisterhaft umgehende, für unsre Gesellschaft das nützlichste

Mitglied werden können? Er überlegte das und alles, wie ihm die

Vorzüge dieses gewandten Arbeiters schon stark in die Augen

geleuchtet. Er lenkte daher das Gespräch dahin und machte, zwar wie

im Scherze, aber desto unbewundender, jenem den Antrag, ob er sich

nicht mit einer bedeutenden Gesellschaft verbinden und den Versuch

machen wolle, übers Meer auszuwandern.

Jener entschuldigte sich, gleichfalls heiter beteuernd, daß es ihm

hier wohl gehe, daß er noch Besseres erwarte; in dieser Landesart sei

er geboren, darin gewöhnt, weit und breit bekannt und überall

vertraulich aufgenommen. überhaupt werde man in diesen Tälern keine

Neigung zur Auswanderung finden, keine Not ängstige sie und ein Gebirg

halte seine Leute fest.

"Deswegen wundert's mich", sagte der Garnbote, "daß es heißen will,

Frau Susanne werde den Faktor heiraten, ihr Besitztum verkaufen und

mit schönem Geld übers Meer ziehen." Auf Befragen erfuhr unser

Freund, es sei eine junge Witwe, die in guten Umständen ein

reichliches Gewerbe mit den Erzeugnissen des Gebirges betreibe, wovon

sich der wandernd Reisende morgen gleich selbst überzeugen könne,

indem man auf dem eingeschlagenen Wege zeitig bei ihr eintreffen

werde. "Ich habe sie schon verschiedentlich nennen hören", versetzte

Lenardo, "als belebend und wohltätig in diesem Tale, und versäumte,

nach ihr zu fragen."

"Gehen wir aber zur Ruh", sagte der Garnbote, "um den morgenden Tag,

der heiter zu werden verspricht, von früh auf zu nutzen."

Hier endigte das Manuskript, und als Wilhelm nach der Fortsetzung

verlangte, hatte er zu erfahren, daß sie gegenwärtig nicht in den

Händen der Freunde sei. Sie ward, sagte man, an Makarien gesendet,

welche gewisse Verwicklungen, deren darin gedacht worden, durch Geist

und Liebe schlichten und bedenkliche Verknüpfungen auflösen solle.

--Der Freund mußte sich diese Unterbrechung gefallen lassen und sich

bereiten, an einem geselligen Abend, in heiterer Unterhaltung,

Vergnügen zu finden.

Wilhelm Meisters Wanderjahre — Band 3 · 第 8 / 24 题