Fulvia

Es war spät. Raminga ordnete mit ihrer fetten und rußigen Hand zwei

sparsame Scheite in den Kamin. Gioconda beendete ihre bescheidene

Klatschgeschichte zu Füßen der Marchesa Grimi, die gähnte. Die Marchesa

Quattrocchi blinzelte in die Flamme. Niemand sprach mehr; über die Dächer,

aus der Nacht kam die aufgeregte Stimme eines Glöckchens. Die alte Fulvia

sagte plötzlich:

»Ihr Jungen, ihr redet immer, als käme alles im Leben auf Liebesgeschichten

an. Ich könnte euch Frauen zeigen, die sie manchmal verachtet haben, weil

ihr Herz nach Wichtigerem schlug.«

»O,« machte die Marchesa Grimi. Sie lebte von ihrem Mann getrennt, und sie

lebte nur der Anstrengung, mit der sie Tröstungen entsagte.

Die Marchesa Quattrocchi war ganz bedeckt mit Abenteuern. Sie meinte

erstaunt:

»Wichtigere Dinge?«

Raminga und Gioconda sagten mit saurer Heiterkeit:

»Die Mama hat leicht reden, da sie ja den Papa gehabt hat. Da möchten auch

uns die Liebesgeschichten gleich sein.«

»Einer der Befreier des Landes,« erklärte die Marchesa Grimi. »Das waren

noch Ritter, mit denen ließ sich leben.«

Sie seufzte. Die Marchesa Quattrocchi rief:

»Liebe und Freiheit!«

»Die Freiheit ging uns vor,« sagte Fulvia. »Säßen wir sonst hier?«

Und sie lauschte. Von Rom war nichts vernehmlich als das einzige Glöckchen.

»Hätten wir sonst Ferrara, unsere Stadt, hätten wir unsere Familie

verlassen, mein Mann und ich? Wären wir gegen die Deutschen gezogen? Hätten

wir unser Vermögen dem Lande gegeben? Hätte Claudio seine Gesundheit und

einen Arm darangegeben, und ich mein Behagen? O, viele haben die Opfer, die

sie der Freiheit brachten, als Einsatz benützt, und haben großen Gewinn

gemacht. Wir nicht. Claudio wollte Gemeiner bleiben, er, ein Advokat. Alle

Grade hat er sich auf Schlachtfeldern geholt, und unser Oberst Calvi, der

Arme, den die Deutschen zu Mantua gehängt haben, er war es, der meinen Mann

zum Kapitän machte, auf dem Markusplatz in Venedig.

Wie viel Not, wie viele Ermüdungen, wie viel Blut von 48 bis 70! Wir wurden

von der Regierung als Beamte in Alpendörfer geschickt, und kamen im Eise

um. Wir mußten Ordnung und Sicherheit herstellen in Cesena und Forli,

Städten, die unter der langen Priesterherrschaft verwildert waren. Wenn

Claudio abends ausging, zitterte ich in meinem Bett; denn man fand jeden

Morgen Leichen vor den Schwellen ihrer Häuser. Dann waren wir

Unterpräfekten in Comacchio, wo es in den Sümpfen nichts gab als Aale und

Aalfischer; dann in Pesaro, wo die Damen der guten Gesellschaft zur Hälfte

frühere Dienstmädchen, zur anderen Hälfte alte Balletteusen waren, und alle

gingen in Holzschuhen . . . Endlich, das ist wahr, kamen wir als Präfekten

nach Parma. Wir wohnten in dem Palast der Marie Luise, wir gaben Feste, in

jedem Theater gehörte uns eine Loge. Es fror uns sehr in den weiten Sälen

mit ihrem vergoldeten Stuck. Aber ich, Fulvia Galanti, habe mit dem König

Viktor Emanuel getanzt.«

Die vier Frauen sahen stumm zu ihr hinüber, sie erkannten einen Abglanz

ihrer alten Größe auf Fulvia. Sie saß am andern Ende des staubigen Salons,

weit fort von dem Feuer, das sie verachtete, und an dessen Reste sie erst

spät in der Nacht, wenn alle schliefen, heimlich ihre gekrümmten Hände

hielt. Ganz allein saß sie vor dem langen Tisch, mager, steif wie ein Idol,

mit goldenen Ketten bedeckt, und weiße, gebrannte Locken über dem langen,

weißen Gesicht.

»Aber als sie Claudio pensionierten, was blieb uns? Er wollte in Rom

sterben, und in Rom ist er gestorben. Auch ich werde hier sterben; das ist

alles, was uns beiden die Freiheit des Landes eingetragen hat. Und es ist

genug.«

»Du hattest auch die Liebe,« sagte hartnäckig Raminga, und ließ sich von

ihrem Hündchen das Gesicht lecken.

»Wenn ich Lino hätte heiraten können!« äußerte Gioconda. »Aber wir sind zu

arm, wir sind der Freiheit des Landes geopfert; und sie hat es uns nicht

vergolten, wie dir, Mama. Du hattest, was du wolltest.«

»Meint ihr, Töchterchen? . . . Ihr habt recht, ich war glücklich mit eurem

Vater. Das hindert nicht, daß Oreste schön war.«

Ihre Augen wurden ganz klein, ihre Falten verschoben sich; man wußte nicht,

ob sie lachte. Es war dahinten in unsicherm Licht die weiße, beunruhigende

Grimasse eines Idols.

»Wer war Oreste?« fragte die Marchesa Grimi.

»Oreste Gatti, der Neffe des Kardinal-Legaten. Er hatte blaue Augen, er war

mein Jugendfreund. Wir spielten im Garten des erzbischöflichen Palastes,

auch war ich oft bei den Conversazioni der Damen und Herren. Es gab

Zuckerwasser oder Wasser ohne Zucker, aber gekühlt gemäß der Jahreszeit.

Die Säle hatten ein Echo. Eine alte Contessa, deren Namen ich nicht mehr

weiß, ließ eine silberne Kugel, in der heißes Wasser war, immerfort von

einer Hand in die andere fallen.

Als ich sechzehn Jahre alt war, kam er von Rom, von der Universität, und

begann mir den Hof zu machen. Auf der Promenade ging er zwanzigmal ganz

langsam an mir vorbei und grüßte sogar meine Magd hinter mir. Am Abend

stellte er sich mit seinen Freunden unter meinen Balkon und spielte und

sang. Er hatte eine Stimme, ich höre sie noch.

Eines Abends aber, als ich vom Spaziergang heimkehrte, war die Stadt ganz

voll und laut. Man hatte eben das Ghetto geschlossen, sein Tor lag gleich

beim großen Platz. Ich sah einen jungen Mann am Turm neben dem Tor

hinaufklettern und oben eine Axt schwingen. Dann bestiegen viele andere die

Mauer und das Tor, schlugen auf die Steine und Bretter und rissen daran.

Die Juden sollten herauskommen. Ich erfuhr, dies geschehe im Namen der

Freiheit. In mir stand damals ein großes Gefühl auf, das mich nie mehr

verlassen hat. Mir scheint, es steht noch heute in meiner Brust, und es hat

die Gestalt des Jünglings, der als erster auf dem Turm des Ghetto die Axt

schwang. Das war, Töchter, euer Vater.

Er war nicht schön, er war eher schwächlich, und ich sehe es als Wunder an,

daß ich ihn durchgebracht habe, bis ins sechsundsiebzigste Jahr . . . Ich

erblickte ihn am Tage nachher auf der Promenade und nickte ihm zu, obwohl

unsere Eltern sich nicht kannten. Ich nötigte meinen Papa, zu dem seinigen

zu gehen. Auch Claudio machte mir den Hof, aber meistens redete er von der

Freiheit, ja, von der Freiheit des Landes, und von Rom. Er war ein großer

Sprecher, und seine Arme arbeiteten so dabei, daß ich alles begriff und

mitfühlte. Er wachte spät über Büchern, die, wenn man sie bei ihm entdeckt

hätte, ihn ins Gefängnis gebracht hätten. Er trank viel heißen Kaffee dazu,

hinterher eiskaltes Wasser, darum sind ihm auch später alle Zähne, noch

heil und gesund, aus dem Munde gefallen.

Oreste seinerseits erklärte mir, er wolle mich heiraten. Als er wieder

einmal meiner Magd ein Briefchen zugesteckt hatte, antwortete ich ihm, ich

werde nur einen Freund der Freiheit heiraten, und einen, der die Priester

verjagen werde. Oreste sagte, dieser Brief sei sehr gefährlich, und zerriß

ihn vor meinen Augen. Ich beschwor ihn, die Freiheit zu lieben. Er sagte,

er sei mit dem Claudio Galanti schon in Rom zusammengestoßen. Jener sei

unter den liberalen Studenten der dreisteste gewesen; er, Oreste, könne ihn

sich jeden Augenblick vom Halse schaffen.

»Du bist feige!« rief ich.

Er zog die Brauen zusammen.

»Ich fürchte ihn nicht, er soll bleiben was er ist. Aber auch ich bleibe

das.«

»Glaube, mein Oreste, an diese große Sache, die Freiheit! Fühle mit uns,

mit deinem Lande, mit diesem edlen, alten Lande, das im Joch von Fremden

und Priestern vor Scham zittert!«

»Ich bin Graf Oreste Gatti, der Neffe des Legaten. Ich gehöre zu den

Herren. Was täte ich bei den Empörten? Eure Freiheit lebt nur im Geschwätz

ehrsüchtiger Plebejer.«

»O du, du hättest nicht das Tor des Ghetto einzuschlagen gewagt!«

»Hätte ich's nicht? Wir wollen sehen, was ich wage!«

Er haschte nach mir, wir jagten uns, wir scherzten. Ich weiß noch, es war

seltsam, wie mir schwindelte, als er mich fing, zwischen den zwei

Kameliensträuchern voll roter Blumen, wo aus dem Sockel des großen

steinernen Bildes ein Quell rann. Er atmete ganz ruhig unter seinen kurzen,

blonden Locken; und am Hals sah aus seinem Samtmantel ein Stück seines

Spitzenkragens. Ich begriff wohl, er war Graf Oreste, der Neffe des

Legaten.

Wir gingen langsam zwischen den geschnittenen Bäumen zurück bis unter die

Fenster des Palastes. Dort stand ein Brunnen, ein großes, mechanisches

Werk, wo Kraft des Wassers viele künstliche Figuren sich bewegten,

arbeiteten oder Scherz trieben. Ein Mann auf einem Esel ritt um den

Brunnenrand. Ganz oben warfen mehrere sich eine schwere Kugel zu. Oreste

sprang plötzlich auf den Esel und steckte den Kopf zwischen die Hände

derer, die Ball spielten. Ich schrie auf; er zog lachend den Kopf zurück.

Einen Augenblick später, und die schwere Kugel hätte ihn zerschlagen.

Am Portal kam uns ein Diener entgegen mit dem Befehl des Kardinals, Oreste

habe bis morgen abend in seinem Zimmer zu bleiben. Der Kardinal hatte

gesehen, wie sein Neffe den Kopf zwischen die Kugelwerfer hielt; und er war

erzürnt.

Ich stand in jener Nacht an meinem Fenster, sehr betrübt, weil Oreste nicht

kommen durfte und singen; und immerfort sah ich hinüber zu ihm. Die

Rückseite meines Hauses ging auf Gärten, und dahinter war der Palast und

sein Zimmer. Der Mond ging auf, wir erkannten uns. Er trat auf seinen

Balkon, wir grüßten uns aus der Ferne. Wir ließen vorsichtig unsere Tücher

flattern, es war im Mondschein nur wie ein wenig Silber, das rieselte. Ich

hörte den Schritt der Wache auf dem Hofe unter ihm.

Auf einmal schwang er sich über das geschmiedete Gitter des Balkons, hängte

sich mit den Händen an zwei gebogene Stäbe und schaukelte. Der Posten ging

eben, abgewendet, am anderen Ende der langen Hofmauer. Oreste blickte

hinter sich; die Mauer war drei Meter entfernt und fast so hoch wie das

erste Stockwerk, wo er hing. Er schaukelte stärker; ich drückte mein Tuch

ganz in den Mund hinein. Da ließ er sich los, er flog über die Mauer weg.

Ich fiel hin. Als ich aufstand, war er schon davon, über die weiche Erde

des Gartens. Er fand eine Pforte, er verschwand im Schatten des Gäßchens,

auf der Straße zu mir. Ich weiß nicht, wie ich die Treppe hinuntersteigen

konnte, ohne entdeckt zu werden, und die Stange vor der Haustür

wegschieben, ohne daß sie klirrte. Denn ich zitterte und fühlte das Herz im

Halse. Wir drängten uns in den Winkel bei der Tür, nur einige Minuten und

ohne zu sprechen.

Sehr bald darauf heiratete ich Claudio. Zwei Jahre nach dem Sturm auf das

Ghetto, am 12. Mai 1848, brachen wir auf gegen die Deutschen. Ich ging mit

meinem Mann, er stand im Freikorps. Der Papst selbst war mit uns, weil sein

Bruder, ein Verschwörer, gefangen saß. Der Papst selbst hatte unsere Fahnen

gesegnet. Die Deutschen schlugen uns überall, in Vicenza, bei Cornuda, in

Venedig. In Vicenza glaubten wir, sie würden in die Stadt dringen, wir

könnten sie aus den Fenstern mit Pflastersteinen zermalmen und mit Öl

verbrennen, die Armen. Sie aber beschossen uns von den Bergen. Was wollt

ihr, wir waren unerfahren. In Venedig schlossen sie uns ein, wir lebten von

Eselsfleisch, und das kostete ein Auge aus dem Kopf. Wir waren immer voll

Freude und Zuversicht. Ich trug eine dreifarbige Schärpe, ihr seht sie in

jenem Glaskasten; und mein Haus war voll Verwundeter, die ich pflegte.

Meinem Mann durchschossen sie die Wange; der halbe Schnurrbart war fort.

Die rechte Hälfte ist später immer ärmer an Haaren gewesen als die linke.

Aber als wir nach Ferrara zurückkehrten, hatte der Papst schon längst Angst

bekommen vor den Deutschen. Sein Bruder war heraus aus dem Gefängnis. Der

Papst war nun der Freund unserer Feinde. Nun waren wir Verräter; wir, die

mit seinem Segen auf unseren Fahnen hinausgezogen waren.

Claudio wollte die Advokatur ausüben; sie verboten es ihm. Er kam manchmal

nach Hause und sagte, er wundere sich, daß er nicht verhaftet werde. Die

meisten seiner Freunde waren schon verhaftet auf Befehl der Triumvirn.

Einer dieser drei Schergen des Papstes war Oreste Gatti.

Indes durchsuchten sie unser Haus. Wir wären verloren gewesen, hätten sie

die Waffen gefunden. Aber sie lagen in einem Küchentisch, von dem die Füße

abgeschraubt waren, und der in die Wand hineingeklappt war; es sah aus, als

hinge nur ein Brett an der Wand. Sie fanden Papiere, die Claudio

unterschreiben sollte. Er weigerte sich. Auch als Oreste Gatti ihn rufen

ließ, weigerte er sich.

Mir war sehr unheimlich zumute, ich beschloß mit dem Legaten zu sprechen.

Er hatte mir doch oft über die Wange gestrichen, als ich klein war. Wie ich

eintrat, sahen sie mich bedenklich an. Ich trug alte Kleider, Claudio

verdiente ja nichts. Ich hatte durch das Ghetto gehen müssen, ein öliger

Schmutz war an meinen Schuhen. Man holte mich aus dem Vorzimmer von den

anderen Bittstellern weg und führte mich in ein Kabinett, wo ich allein

war. Da ging die Tür auf und Oreste kam.

»Wie bist du braun geworden,« sagte er. »Du bist noch viel schöner.«

Er wollte wie früher nach mir greifen, er streifte mit der Hand meine

Schulter.

»Dort hat die Trikolore gelegen,« sagte ich, und trat von ihm fort. Er

faltete die Brauen.

»Du wirst bald frei sein, dein Mann lebt nicht mehr lange.«

»Ich weiß,« erwiderte ich, »daß der und jener unterschrieben haben und

gehängt sind. Aber Claudio unterschreibt nicht.«

»Jene wären auch ohne Unterschrift gehängt worden.«

»Du hättest meinen Mann gleich damals verraten sollen, wie er als Student

für die Freiheit sprach. Du hättest deine Feigheit nicht so lange aufsparen

sollen.«

Er blieb ruhig.

»Ich weiß, daß du mein sein wirst,« sagte er. »Ich verlange nichts, du

gibst alles von selbst.«

Er besann sich.

»Dein Mann muß flüchten; es steht nicht in meiner Macht, ihn zu schonen. Er

soll heute abend um sieben als Bauer durch das Tor fahren.«

Ich ging nach Hause. Claudio kam; seine Freunde hatten ihm geraten zu

fliehen. Ich ließ ihn die Kleider des Mannes anziehen, der uns Gemüse

brachte, und er entkam.

Ich blieb zurück; Claudio wollte mich nicht mitnehmen auf seine ungewisse

Fahrt. Übrigens wußte ich, man hätte mich nicht fortgelassen. Ich war ganz

allein in unserem Hause, ich hatte nichts mehr für mich selbst zu essen,

viel weniger für eine Magd. Und aus welchem Fenster ich den Kopf steckte,

immer sah ich in das Gesicht eines Spions. Sie ließen niemand hinein zu

mir.

Eines Abends aber hörte ich das Haustor gehen. Ich lugte aus meinem Zimmer.

Drunten im Flur war alles finster. Aber in der Finsternis näherten sich

feste Schritte. Ich schloß nicht meine Tür, ich fand alles nutzlos. Eine

jähe, fiebernde Angst sprang in meinen Adern -- nicht vor dem, der jetzt

die Treppe heraufkam, nicht vor ihm. Es war heiß, mein Hals war entblößt.

Und ich hatte Angst vor meiner eigenen Brust und vor den Schlägen darin.

Ich suchte nach Hilfe; da nahm ich meine dreifarbige Schärpe und legte sie

über meine nackte Brust. So stand ich und wartete.

Er trat ein, und er verzog den Mund.

»Da stehst du und weißt genau, daß du mein bist --, und mit einem gefärbten

Tuch willst du trotzen, mir und dir. Wie töricht bist du!«

Aber ich fühlte jetzt Mut. Eine Öllampe mit drei brennenden Schnäbeln

flackerte auf dem Tisch hinter mir; er sah von meinem Gesicht nur den

Umriß. Ich aber konnte erkennen, wie bleich er war. Große Schatten tanzten

um uns her an den Wänden. Er sagte:

»Aber so war es immer. Du hast dir die Freiheit immer nur wie ein Tuch

umgebunden, weil du mir deine Schönheit versagen wolltest. Und du liebst

mich, von jeher liebtest du mich! Ist es wahr, daß du geweint hast, als ich

vom Balkon über die Mauer gesprungen war?«

»Es ist wahr,« sagte ich. »Und ich hätte dich geliebt. Aber ich durfte

nicht, denn es gab etwas Größeres, das ich erblickt hatte und nicht

vergessen durfte: Jenen, der auf dem Turm vor dem Ghetto stand und seine

Axt ins Tor schlug.«

»Wie viel Gewissen!« rief er. »Jetzt sind wir allein in diesem Hause, in

das keiner den Fuß setzt. Jener andere ist fern, verschwunden, wer weiß wo.

Was lebt jetzt noch von der Welt umher? Auch die Freiheit ist tot, jenes

Phantom. Wir sind allein: jetzt wirst du den Mut haben zu unserer Liebe.

Und hast du ihn nicht, dann hab' ich ihn für dich mit!«

Er warf die Arme um meinen Hals, ich fühlte sie zittern. Ich stieß ihn

zurück, lief aus der Tür, die Treppe hinab. Er war immer hinter mir.

Drunten in einem der dunklen Zimmer ergriff er mich von neuem; wir stürzten

hin, rafften uns auf, stolperten weiter. Zuweilen trennten uns Möbel, die

wir nicht sahen und die er umstieß. Dann flüsterte er wieder dicht an

meinem Gesicht: »Du liebst mich!« Und ich würgte an einem »Nein«.

Endlich gelangten wir, wir wußten nicht wie, in den Garten. Es war kein

Mond da. Wir taumelten stumm und atemlos hintereinander her, durch schwarze

Büsche. In einer Laube, in tiefer Nacht fing er mich und warf mich auf die

Bank. Seine Hand lag auf meiner nackten Brust; das dreifarbige Tuch war mir

längst entfallen, irgendwo im dunklen Hause. Wir fühlten, daß wir einander

in die Augen sahen: und dabei unterschied keiner des anderen Gesicht. Auch

spürte ich sein Herz klopfen und er meines. Ein Blatt raschelte über

unseren Köpfen. Einmal meinte ich, hinter der Gartenmauer schliche ein

Schritt. Wir waren bewacht. Haus und Garten und Stadt lagen schwarz und

gebannt. Es gab in der Welt nur noch unsere klopfenden Herzen. Ich hatte

wieder Angst, solche Angst wie noch nie. Ein Glöckchen fing an zu hämmern,

ein gewisses Glöckchen mit einer aufgeregten Stimme. Mir war doch, ich

hörte es wieder?«

Die alte Fulvia lauschte. Aber über den Dächern Roms war die Nacht ganz

verstummt.

»Wie man sich erinnert,« murmelte sie. »Wie wenig bedarf es.«

»Ich sagte dort in der Laube mit trauriger Stimme:

»Höre, Oreste, es ist seltsam, mir schwindelt, wie zwischen jenen

Kameliensträuchern im Garten des Kardinals, wo du mich gefangen hast. Auch

damals hatten wir einander gejagt. Aber wir waren damals besser.«

»Es ist deine Schuld,« erwiderte er, und ich, ohne ihm zuzuhören:

»Wir waren ganz jung, und alle Bäume im Garten hingen voll von unseren

Träumen. Weißt du noch, wie wir bei den Conversazioni zwischen den alten

Leuten saßen, und sprachen eine Sprache ganz für uns?«

»Und auf der Promenade,« setzte er hinzu, »wenn wir einander begegnet waren

und uns in die Augen geblickt hatten; dann zählte ich meine Schritte: fünf,

zehn, zwanzig. Nun kehrtest du um, und ich durfte dir wieder entgegengehen,

und meine Füße wurden so leicht, als ob der Weg zu dir durch die Luft

führte.«

Wir schwiegen. Dann sagte er hart:

»Und nun bin ich endlich ganz bei dir. Nun kann ich dich haben. Du wolltest

es doch so? Und unser Geschick hat uns doch hierher geführt?«

Plötzlich ließ er mich los, trat von mir fort, in das Laub hinein, daß ich

nicht einmal mehr seinen Schattenriß sah.

»Nein, nicht hierher,« sagte er. Ich flüsterte:

»Ich wollte, in Vicenza hätten sie mich erschossen . . . O, Oreste, du

weißt nicht, wie gut es sich stirbt für diese große Sache, für die

Freiheit!«

»Doch. Seit ich dich dort draußen wußte, weiß ich auch das. Und ich wollte,

wir könnten zusammen durch eine Stadt wandern, auf die Kugeln fallen. Sag

doch, Fulvia, hast du einmal daran gedacht, daß die gleiche Kugel auf uns

beide hätte niederfallen können?«

»Wenn du mit mir gewesen wärest, ja, und mit der Freiheit . . . Ich habe

mit meinen Händen die Pflastersteine ausgegraben, die wir aus den Fenstern

werfen wollten. Warum warst du nicht da, mir zu helfen?«

»Du hast auch Wunden gepflegt. Hätte ich eine tödliche bekommen und wäre an

ihr gestorben! Nur deine Lippen hätten sie zum Schluß streifen sollen!«

»Es kommen andere Schlachten,« sagte ich nach einem Schweigen leise.

»Ich gehe hin!« rief er, aufstampfend. »Auch ich gehöre diesem Lande und

will es frei machen!«

»Wann gehst du?«

»Gleich. Heute nacht!«

Ich erschrak, ich schrie auf.

»Nein! Du wirst mich nicht verlassen. Auch Claudio ist verschwunden. Soll

ich immer in diesem Hause bleiben, wo nichts atmet? Wo, scheint mir's, kein

Tag mehr aufgehen wird? Oreste!«

Ich glitt von der Bank, ich sank vor ihm hin, tastete nach seinen Knien.

All meine Besinnung war fort, eine kranke Närrin war ich.

»Nimm mich hin,« sagte ich. »Nimm mich lieber hin! Aber geh nicht fort!

Verlaß mich nicht!«

Er hob mich auf wie ein Bruder.

»Wir gehen zusammen, ich bringe dich nach Turin, in Sicherheit.«

Am Himmel entstand ein grauer Schein. Wir unterschieden unsere Gestalten.

Wir warteten stumm, bis wir auch unsere Augen sahen. Wie vieles Stürmische

mußte in ihnen geschehen sein in dieser Nacht, ohne daß wir's gesehen

hatten. Jetzt waren sie still wie Geister.

Oreste sprengte in der Stadt aus, daß er mich auf sein Lusthaus entführe,

vor das Tor. Wir flohen, gelangten über die Grenze und nach Turin. Dort

fanden wir Claudio. Er litt noch an seinen Wunden; eine Krankheit kam

hinzu, ich mußte dableiben und ihn pflegen. Oreste allein zog hinaus. Er

ist für die Freiheit gefallen, bei Varese.«

Die Marchesa Grimi sagte nach einer Weile seufzend:

»Aber er ist doch für Sie gestorben, für Sie!«

»Ja, Mama,« meinte Raminga, und ließ sich von ihrem Hündchen das Gesicht

lecken. »Du hast alles Gute gehabt. Er starb für dich.«

»Schweigt!« befahl Fulvia. »Er fiel für die Freiheit!«

Flöten und Dolche: Novellen · 第 17 / 19 题