Er versuchte ein Buch zu lesen, um dessen willen, was darin stand. Bisher
hatte er sie nur geöffnet, um etwas Eigenes aus ihnen zu machen. Bei seinem
neuen Verfahren übermannte ihn düstere Langeweile. Darauf ging er
spazieren.
Er stellte als Gesetz auf, daß die dunstige Linie der Berge am Horizont
keinen Namen habe; und den silbernen Augen, die das Olivenfeld aufschlug,
wenn die Sonne darüberfuhr, entsprächen keine Worte. Meistens legte er sich
inmitten einer Landschaft unter einen Baum und schloß die Lider, wie ein
Kranker, dem der langsame Atem der Natur Mut machen soll, und den ihr Licht
und ihr Durcheinander nicht erschrecken darf. »Sie wird mich heilen. Ich
bin ein Kranker, ich bin besessen von Kunst.«
Wenn er es einmal wagte, sie anzusehen, deuchte sie ihm sanft und neu. Die
gute Welt schenkte sich ihm keusch zurück, wie einem Genesenden. Nie war er
ihr so still begegnet und ohne Verlangen wie heute; nie, seit als Knaben
ihn die Angst gepackt hatte, mit ihr zu ringen, sie unter das Joch von
Worten zu beugen. Jetzt endlich ließ diese Angst ihn los, täglich ein wenig
mehr. Die Erde wollte nicht mehr erobert sein; milde winkte ihm jene Ferne,
als Freund drückte ihn dieser Grashügel an seine Brust.
Einmal, Mitte Juni, stand er in der Pineta über Settignano, auf einem
braunen Wege aus Steinen und Nadeln, und schaute in ein Tal, worauf aus
raschen Wolken Lichter schossen. Nun blitzte ein Fluß auf am Rande
schwarzer Äcker. Nun schlug an die steile Wand eines Waldes eine jähe,
grüne Flamme. Nun brach aus der Schattenmasse von Zypressen weiß lodernd
ein Haus. Mario Malvolto genoß das Glück, das alles ansehen zu dürfen, ohne
es malen zu müssen.
Auf einmal ward aus dem Licht, das über entlegene Wiesen sprang, eine Herde
traf, einen Fels und einen Menschen, auf einmal ward aus dem Licht eine
Gestalt. Sie kam näher. Sie war weiß und leicht. Sie huschte zwischen das
dürre Geäst drunten am Fuß des Gehölzes, von dem Malvolto herniedersah. Ihm
schlug das Herz; er wußte, wer das gewesen war. Jetzt lebte in den Hainen
sie, statt der Worte, die solange darin gehaust hatten! Im Bach spielten
ihre Glieder. Blitzend trug jener Vogelflug die Sehnsucht nach ihr in eine
geliebte Ferne.
»Die Erde ist voll von ihr! Nichts begegnet mehr meinem Gefühl, worin nicht
ihr Atem ginge. Und sie, ich kleide sie nicht in Wortgepränge, nein, in
Küsse. Kein Kunstwerk erschafft sie in mir, nur Liebe. Ich liebe sie, ich
liebe sie!«
Er lief nach Haus; er meinte, er müsse sie dort finden.
»Ich bin ein Narr, sie ist kaum weggegangen.«
Er hängte sich dennoch behutsam über die Gartenmauer, sie zu belauschen.
Und sie war da. Sie sprang weiß und leicht aus einem Gebüsch, vom
fliegenden Licht getroffen, wie er sie noch eben an fernen Feldrainen
erblickt hatte. Sie setzte einem jungen Vogel nach; er flatterte auf einen
Ast hinter dem Brunnen. Sie sprang hinauf, sie kreiste, gleitenden
Schritts, ohne zu stocken und ohne ihre Füße anzusehen, auf dem schmalen
Rande des tiefen Brunnens. Ihr wehender Ärmel machte die Zweige erzittern.
Und das Licht aus den Wolken schien mit ihr zu laufen. Sie war selbst ein
fremd gefiedertes Geschöpf voll wilder Schwungkraft, und dieser tiefe
Garten lud sie ein in alle seine Verstecke. Sie streckte schon die Hand aus
nach dem kleinen Zeisig . . .
Aber Mario Malvolto sah sie in Gefahr und war erschrocken; sie hatte seinen
Ruf gehört. Sie schaute um, die Hand als Dach über den Augen. Ein
unterdrückter Jubelschrei, der Schrei eines aufschießenden Vogels, und sie
sprang vom Brunnen. Sie flatterte an der Mauer empor, sie haschte nach
seiner Hand, ihre Füße suchten die Lücken zwischen den Steinen, und so
gelangte sie hinauf bis zu seinen Küssen.
Ihre Körper, auf den Bauch gelagert, schmiegten sich am Rande der breiten,
warmen Mauer im Halbrund umeinander, wie zwei Eidechsen. Ihre Liebkosungen
waren spielerisch und jäh. Gemma biß, stumm und wild, ihren Geliebten in
den Hals, und dabei fielen ihre Blicke, vor Leidenschaft düster und
haltlos, in den Garten zurück. Sie begehrte dorthin, sie ließ sich hinab
und zog ihn hinein in ihr gewalttätiges Reich, zwischen Sträucher voll
roter Blüten, die alle bluteten und nickten bei dem Fall der ineinander
Verschlungenen.
Mario Malvolto meinte zum ersten Male eine Frau umarmt zu haben. Zum ersten
Male war er, und mit ihm die Welt, von einer Frau ganz aufgezehrt, ganz in
eine starke Frauenseele entrückt worden. Und aus diesen Sekunden eines
Lebens ohne Schranken kehrte er wie aus Jahren voll Kraft und Verschwendung
mit Bitterkeit zurück.
Gleichviel -- er hatte geliebt. Gemma hatte ihn aus einem Komödianten zum
Menschen gemacht. Sie hatte ihn mit ihren lautlos gleitenden Schritten so
weit in die Natur zurückgeleitet, daß er Ahnungen durchmachte! Er, der das
Leben immer nur als Vorwand benutzt, mit allem, was leiden oder vor Lust
beben macht, immer nur Versuche angestellt, an nichts geglaubt und an
nichts gehangen hatte; er, der ganz in der Arbeit und ohne ein Vorgefühl im
Nebenzimmer gesessen hatte, während seine Mutter starb -- Gemma hatte sich
ihm aus der Ferne angesagt!
Er war sich kaum bewußt, wie er ihr dankte, mit welchen Worten er sich
glücklich pries. Er überlegte keines und behielt keines; nur den Namen, den
er plötzlich für sie wußte: Santa Venere.
Sie war gekommen, weil sie eine große Freude mitbrachte. Ihr Bruder war
dazu kommandiert worden, seine Leute ins Sommerbiwak zu führen. In drei
Tagen brach er auf, und vielleicht monatelang würden sie ganz beieinander
sein. Gemma bezog jetzt ihre nahe Villa, und allen Besuchen beugte sie vor
durch die Nachricht, sie sei anämisch und immer auf weiten Spazierwegen.
Welche neuen Seligkeiten erschlossen sich nun! Durch viele märchenhaft
reiche Tage sahen sie auf einmal hindurch, wie durch lange, grüne Lauben
mit Sonnengold durchsprenkelt; und bis tief in die schwarz marmornen
Galerien ihrer künftigen Nächte gleißten Wonnen!
Als sie gegangen war, kam er sich plötzlich leer vor, aus einem andern
Leben wieder einmal bitter und leer zurückgekehrt.
Er wanderte unbestimmt suchend durch seine Zimmer. Dort trieb sich einer
ihrer Handschuhe umher und dort zerpflückte Blumen. Ein Werk mit Bildern
lag auf zerknickten Blättern im Winkel. Eine der Florentinerinnen von einst
trug um den Hals eine riesige Damenkravatte vom neuesten Geschmack.
Malvolto setzte sich den Hut auf, wie im Café, in irgend einem Raum, wo man
zufällig eine Stunde hingehen läßt. Er war hier nicht mehr zu Hause, er
gehörte zu ihr, zu dem fremden Geschöpf voll gesetzloser Schwungkraft, das
herbeiflog, umarmte, aufflatterte. Sie hatte sich verbündet mit Pippo
Spano, um diesen kriegerischen Zustand herzustellen zwischen seinen Wänden.
Auf der erdbeerfarbenen Stofftapete reckte sich Pippo Spano jetzt noch
einmal so entschlossen zum Sprung. Mario Malvolto fühlte sich dieser
fortwährenden Kampfbereitschaft nicht gewachsen. Er sandte einen trüben
Blick in das verwüstete Schlafgemach, in das Toilettenzimmer, das von
Wasser troff. Und nur der kleine weiße Salon, wo sie ihm in jener Mondnacht
zuerst erschienen war, lag unberührt. Sie betrat ihn nie, er war ihr zu
zerbrechlich und zu sanft. Tina, seine große Tragödin, hatte darin
gesessen, wenn sie manchmal, ganz Geist wie ein Freund, tief durch
kunstreiche Stimmungen mit ihm geschweift war. »Ah! die ließ mir Zeit zum
arbeiten. Was sag' ich, wir liebten uns, um zu arbeiten. War das wirklich
so beklagenswert?«
Er steckte seufzend den Schlüssel in die Schieblade seines Schreibtisches,
die sein begonnenes Manuskript barg. Es war der einzige Fleck im Zimmer, wo
Gemmas kleine, willkürliche Hand noch nichts umgewendet hatte.
»Mein Gott, wie lange ist es denn her, daß ich geschrieben habe! Ich weiß
nicht mehr, wie ich das da gemacht habe. Keine Seite davon brächte ich mehr
fertig, ich habe alles Talent verloren!«
Er nahm den Kopf zwischen die Hände.
»Wenn wir fertig sind, das Mädel und ich -- wir müssen doch einmal fertig
werden! -- wie viele Monate Hygiene und strenger Langeweile werd' ich dann
brauchen, bis ich alles wieder gutgemacht habe.
Ob die ahnt, daß sie mich jetzt schon einen halben Roman kostet? Sie ist
teuer; aber man glaubt gar nicht, wie hoch Frauen sich selbst bewerten; was
sie alles entgegennehmen, ohne sich zu wundern. Das ist bekannt; nur daß
man Augenblicke hat, wo man's neu entdeckt.
Ach was. Eine Menge seelischer Nahrung ziehe ich doch aus der Geschichte.
Ich hatte es vielleicht nötig, einmal wieder etwas Starkes zu erleben; man
hat sonst nur noch Kunst, die sich selbst befruchtet. Was mir das Mädel
genützt hat, werde ich später erfahren. Später . . .«
Und er bewegte, alle Gedanken wegschiebend, die Hand.
»Ich bin ja zu müde. Was ist im Grunde der Glaube, den sie mir beibringt;
der Glaube an sie, das Wunder? Müdigkeit, nichts weiter. Sie nimmt mich zu
sehr in Anspruch, als daß ich noch arbeiten könnte.
Das weiß sie nicht. Ich bin sicher, daß sie das nicht weiß. Sie ist sehr
keusch. Bei ihren starken roten Lippen, deren Küsse saugen; bei ihrem Gang,
der einen beschleicht; ihren Gebärden, die umstricken, ihren Augen, die sie
vor Leidenschaft manchmal verschließt -- bei alledem ist sie sehr keusch.
Ihre Augen sind voll der süßen tierischen Reinheit der begehrlichen Frau.
Da ihre Seele immerfort nach mir verlangt, wie sollte es nicht auch ihr
Körper. Sie ist noch aus einem Stück. Sie weiß von keiner Seligkeit ohne
Kitzel. Sie meint, um die Seele zu entzücken, müsse man den Leib
berauschen. Hat sie nicht recht?«
Er warf das Manuskript in die Schieblade, vergaß zum erstenmal den
Schlüssel abzuziehen, betrat die Terrasse, atmete tief. Er verlangte schon
wieder nach ihr.
Tags darauf kam statt ihrer ein Brief. Sie sei beim Umzug, und auch ihr
Bruder gebe ihr viel zu tun, bevor er abreise. Drei Tage noch!
Mario Malvolto saß die drei Tage unbeschäftigt, immer zum Aufspringen
bereit, in seinem Zimmer. Vielleicht wollte sie ihn überraschen? Jeden
Augenblick konnten hinten im Garten die Zweige krachen, die sie
zurückbiegen mußte, wenn sie durch das heimliche Pförtchen schlüpfte.
Aber sie kam erst zur bestimmten Stunde, und sie lachte schlau. »Wie das
Warten dich aufgeregt haben muß! . . . Und mich!« sagte sie ehrlich, und
fiel ihm zitternd um den Hals.
In der Zwischenzeit hatte sie einen Einfall gehabt.
»Sag einmal, arbeitest du eigentlich?«
Er wich aus.
»Nein, das möcht' ich wissen. Wenn ich kam, hast du immer bloß gewartet.
Oft warst du über Land gelaufen. Du siehst vorzüglich aus, besser als
anfangs. Aber ich habe dich noch niemals am Schreibtisch gesehen. Du meinst
doch nicht, ich will dich davon abhalten?«
Er begriff. Sie wollte ihn ganz: auch am Schreibtisch. »Sie fürchtet, ich
verstecke mich vor ihr, wenn ich dichte; ich enthalte ein zweites Leben ihr
vor. Wenn sie wüßte, wie sehr sie irrt!«
Sie hatte den Schlüssel in der Schieblade bemerkt, sie stürzte sich darauf,
riß das Manuskript heraus.
»Da haben wir dich! Also das zeigst du mir gar nicht. So etwas Schönes!«
Es war das erstemal, daß er sie einen Gegenstand mit Achtung berühren sah.
Sie legte die Blätter wohlgeordnet auf den Tisch.
»Da, setze dich hin!«
»Ich soll schreiben? Gemma, was denkst du, ich hab' mich drei lange Tage
nach dir gesehnt!«
»Ich mag dich nicht -- wenn du nicht schreibst.«
Er gehorchte. Er blätterte, unklaren Kopfes, in dem Fertigen, besann sich
mühsam auf den nächsten Satz, den er schon gewußt hatte. Er schrieb ihn
hin, dann war's aus. Wie er aufsah, stand Gemma ganz nackt da, und die Arme
halb erhoben.
»Nun schreibe,« sagte sie leise, mit Ehrfurcht.
Er saß aufrecht und blaß und biß sich die Lippen. Sie tänzelte; er fühlte
sie wie eine große, sehr weiße Blüte, bewegt von heißem Luftzug, um sich
herschwanken.
»Ich will, daß du von mir Genie bekommst,« flüsterte sie.
Sie streifte ihn. Er hatte auf einmal alles Blut im Kopf. O ja, Genie! Es
schossen plötzlich die Ahnungen unerhörter Schöpfungen in ihm auf, ein
wahrer Urwald des Geistes, glühend von Kelchen, strotzend von Saft, heulend
von Untieren, und undurchdringlich. Er sah sich hilflos, er bändigte kein
Gefühl, schnitt kein Bild heraus, entdeckte kein Wort. »Das alles wird
später kommen. Später . . .«
Er erblickte sie von vorn, auf der Schwelle der besonnten Terrasse. Sie
hatte rosige Umrisse, und ihre Formen verschleierte eine durchgoldete
Dämmerung. Sie war eine kostbare Muschel; ihr Haar, das sich auflöste,
schlug um sie her wie Algen.
Sie war eine zierliche Nymphe, die kaum erkennbar, so rasch ging es, nur
wie ein Lichtstreif die erdbeerfarbene Wand hinhuschte, einen Augenblick
scheu und wild über seine Schulter lugte, und von der gleich darauf nichts
übrig war, als ein leiser Duft, wie der Rest eines Fabeltraums.
Und plötzlich erhob sich drüben auf dem Rande seines breiten Tisches, das
Haar hoch aufgebunden über dem abgewandten Profil, mit keusch gebogenem
Nacken, eine Hand an der Brust, die andere vor den geschlossenen Schenkeln
-- die Venus.
»Wenn du nicht schreibst --« sagte sie schließlich.
Er warf Hals über Kopf hin, was ihm durch den Kopf ging. Sie kam neugierig
herbei, setzte sich auf die Armlehne seines Sessels und schaute zu. Er sah
die Muskeln ihrer feinen Beine spielen und schrieb immer weiter. Was kam
darauf an! Ihn schüttelte eine halsbrecherische Genugtuung. Er fühlte sich
auf schlimmen Gipfeln, über alles hinaus, was ihm einst hoch gedeucht
hatte. Die Kunst? Die steile Einsamkeit der Kunst? Sie, zu deren Ernährung
man das Leben aussog und arm machte, um derentwillen man den Menschen
abdankte und Komödiant ward? Ah! jetzt spielte er Komödie. Aber seine
Arbeit, die Arbeit am Schreibtisch, die Kunst selbst war Komödie geworden,
und er spielte sie der Liebe vor!
Da umarmte Gemma seinen Kopf und bog ihn zurück, ganz als holte sie ein
Kind heim, das sich lange genug umhergetrieben hatte. Das alles war nur der
Kampf zwischen der Frau und dem Buch gewesen. »Ihr ist er nicht bewußt
geworden . . . Wie liebe ich sie, weil sie gesiegt hat!«
Sie senkte sich langsam über ihn, zu genußsüchtigen, runden und tiefroten
Küssen. Er war auf einmal in ihr Fleisch eingehüllt wie in eine Duftwolke.
Es war durchtränkt mit Iris, ihrem heimatlichen Wohlgeruch. Und mit
geschlossenen Augen meinte er, die großen, blauen Lilien schlügen für immer
über ihm zusammen.
Zum Essen mußte sie nach Haus. Sie ging ins Toilettezimmer. Und sofort
fühlte er sich tief im Unglück, weil er sie eine Stunde lang entbehren
sollte.
»Ich bin unersättlich,« sagte er sich mit Jubel. »Es scheint, ich werde ihr
niemals unterliegen. Im Gegenteil, sie bekommt mir, ich bin stärker als je.
Ich habe Appetit, ich reite ohne Anstrengung, fechte mit Leichtigkeit. Ich
denke an nichts -- ich bin glücklich.
Darin besteht das Glück: Körper zu werden. Was mich überfeinert und
entmenscht hat, war die Phantasie. Ich habe nicht nur die Frau mit dem
Körper geliebt, sondern auch noch mit der Seele die Träume, die ich aus ihr
machte. Es war jedesmal doppelte Arbeit, und mußte mich aufreiben. Jetzt
werde ich gesund. Gemma ist kein Traum, ich selbst bin mir keiner mehr. Ich
bin ein Körper im Gleichgewicht, und froh, einer zu sein . . . Ich liebe
sie ohne Hintergedanken, ohne Sehnsucht, mit einfacher Leidenschaft und so,
wie sie geliebt sein wollte, als sie eines Nachts in meine Arme lief! Ich
erdichte nichts mehr, ich habe nur noch lebendige Vorstellungen einer
schönen Körperlichkeit. Ich sehe sie in diesem Augenblick so deutlich, als
wäre sie gar nicht hinausgegangen. Mein Gehirn und all mein Blut ist voll
von ihrem Körper, von ihren blütenfarbenen Armen um meinen Hals, von ihren
langen, zart gewölbten Schenkeln, die sich mir öffnen, von ihren getanzten
Liebkosungen. Ihre Gebärden -- ich bin ganz behangen damit! Ich, mein Haus,
mein Garten, dieser Hügel: überall hat sie, mag sie auch fern sein, ihre
Gebärden hinterlassen, die wie abgerissene Blütenzweige sind, die ich sehe,
greife, und deren Duft ich einatme!«
Sie kehrte zurück, im Anzug. Sie nahmen so heißen Abschied, daß sie am Ende
wieder halb entkleidet ihm in den Armen lag.
»Ich gehe nicht mehr,« sagte sie und stampfte auf. »Wir essen zusammen.«
Er führte sie auf die Schattenseite des Hauses, in die lange Loggia, auf
deren Mauern Orpheus, jung und mager, zwischen steilen, kaum knospenden
Bäumen schritt, und über einem heftig blauen Meer Galathea helle Glieder
wiegte. Sanft schob das Olivenfeld seine blassen Laubwolken bis unter die
Bogen der Halle.
Malvolto nahm vor der Tür dem Diener die Schüsseln ab und trug sie hinein.
»Du bist zu ängstlich,« sagte Gemma.
»Nein, ich bin eifersüchtig,« gestand er. »Nicht einmal der arme Alte soll
einen Streifen Fleisch schimmern sehen zwischen den Spitzen auf deiner
Brust. Alles ist mein!«
Sie riß, ohne zu antworten, und die Zähne auf der Lippe, herunter, was sie
noch am Leibe trug. Er stürzte sich mit dem Mund auf ihre Kniee.
»Habe ich dir nicht vorher gesagt,« murmelte sie mit einem versunkenen
Lächeln, »ich wolle vor dir immer nackt sein?«
Er richtete sich auf.
»Es könnte sein, daß uns Pan zusieht, draußen vom Acker her. Sonst
niemand.«
»Wir wollen's hoffen,« sagte sie leichthin und lächelnd.
»Der Bauer arbeitet nicht mehr in dieser heißen Stunde, und sein Feld ist
abgeschlossen. In unserm Garten ist kein Fleck, den man von irgend einem
Nachbarhaus sehen könnte. Ich habe mich überzeugt, ich habe dazu ringsumher
Besuche gemacht . . . Was mich beunruhigt, sind deine Leute. Wie erklärst
du deine langen Abwesenheiten?«
»Ich? Gar nicht. Das ist Sache meiner Gesellschafterin. Soll sie doch einen
Ort erfinden, wo ich wohl sein könnte. Wozu habe ich eine Anstandsdame.«
Und die Leidenschaft dieser Frau, die von keiner Rücksicht wußte und Listen
verschmähte, schlug ihm ins Gesicht wie ein Südsturm. Ihm stockte der Atem.
Sie aß die Gerichte hastig, und nachdem sie sie stark gewürzt hatte. Und
sie saß dabei ihm auf dem Schoß. »Das Hauptgericht bleibe ich!« meinte er.
Er sagte nachher, leicht ermattet:
»Ich werde, um nicht zu verhungern, heimliche Mahlzeiten einlegen müssen.«
Sie lachte, ohne zu verstehen.
Wie sie in der Frühe erwachten, kam gerade die Sonne herauf. Ihre ersten
feinen Strahlen stachen durch das offene Fenster, zerbrochen zwischen den
hohen, blaugrünen Vorhängen zu Goldstaub. Gemma hielt ihre flache Hand hin,
um ihn aufzufangen. Sie raffte sich aus den Decken, stieg, und das leichte
Gewebe des Hemdes schaukelte um ihre raschen Glieder, auf die Fußwand des
Bettes und stand von blaugrünem Licht ganz umwogt. Es war das Licht am
Grunde sagenhafter Meere. Das Gemach war blaugrün an Wänden, Estrich und
Möbeln, und auf Bett, Truhe, Schrank und Spiegel in der schlichten
Renaissance von Siena, dazwischen der weite Raum halb öde lag, flimmerten
unsicher und rätselhaft die vergoldeten Schnitzereien.
Nur in der Ecke beim Fenster, auf dem einzigen Bilde kreiste rote Sonne.
»Was ist das?«
Und Gemma streckte die Arme durch die lichtdurchsickerte Dämmerung, wie ein
Meergeschöpf, das aus der Tiefe nach einem Wunder über den Wassern fragt.
»Das hab' ich noch nie bemerkt.«
»Weil du noch nie bis Sonnenaufgang bei mir warst. Das Bild erscheint einem
nur in dieser Morgenstunde.«
»Ich sehe einen halbrunden Säulengang, und aus seinen zwei Toren speit er
Genien mit gespenstigen Flügeln und mit Schlangenschwänzen, kleine Drachen,
Ungetüme, die ihre Bäuche aufblähen, und Frauen, große Frauen, die Haare
voll reifer, dunkler Früchte, oder die Locken zu Zangen gebogen -- Frauen
mit langen, schmalen Brüsten wie Tiereuter. Sie tänzeln seltsam, winden
Spiele aus Fleisch, nein, aus beglänzten Blüten, in den Farbenwolken ihrer
Gewänder, drehen Scheiben aus grüner Luft, und eine Eule glotzt hinein
. . . Ich möchte so träumen,« sagte Gemma. »Und dort, in der Tiefe des
Säulenkreises steht ein Lager, da träumt Einer!«
»Das bin ich, Gemma. Weil ich der Einzige bin, der die Köstlichkeiten des
Bildes gefühlt hat. Das Original hängt ungekannt irgendwo. Ich bin eitel
auf die Bilder, die niemand empfindet; die gehören mir ganz! . . . In
wievielen Morgenstunden,« sagte Malvolto, im Bette aufgestützt, vor sich
hin, »in wievielen, ehemals, habe ich alle meine Träume erscheinen lassen,
und alle fand ich in diesem Bilde angekündigt -- und gerichtet.«
Gemma stieß einen Schrei aus. Sie flüchtete in die Arme ihres Geliebten.
»Scheußlich -- nein, das ist scheußlich! Eine Maske -- eine Maske mit einer
großen Nase, und rot, und ganz als ob sie lebte; und dabei ist sie aus
Haut: Haut von einem Gesicht!«
Nach einer Weile, noch erschauernd, fragte sie:
»Was soll das heißen?«
»Ich hab' es immer für eine Erklärung der Kunst gehalten,« erwiderte er.
»Diese abgezogene Haut, die mit der Form des verlorenen Körpers prahlt, und
auf unmögliche Weise sich färbt vom Lauf eines Blutes, das längst gestockt
hat -- mir war es die Kunst. Ich griff hinter dieser Haut, die wie das
Leben die Nüstern bläht und mit den Lidern klappt, nach dem Körper, nach
dem Leben selbst. Es war nicht da -- für mich nicht . . . Aber jetzt halt'
ich es!«
Sie kehrten aus tiefer Umarmung zurück. Gemma trat noch einmal vor das
Bild.
»Sie ist wirklich scheußlich! Aber ich will sie haben. Ich will eine Maske
daraus machen lassen und dich damit erschrecken. Du sollst sie mir
abzeichnen. Gleich! Komm, hol' dir Papier!«
Sie liefen beide in das Arbeitszimmer, stöberten umher in den Schiebladen
und stießen schließlich auf das Manuskript.
»Es scheint, es ist nichts anderes da,« meinte Gemma zögernd.
Er drückte ihr ein Blatt vors Gesicht, so fest, daß ihre Nase es
durchbrach.
»Was tust du?!«
»Du weißt nicht, was das ist? Das ist die Haut -- die Haut, unter der
scheinbar das Blut kreist. Da hast du deine Maske!«
Sie hielt das zerfetzte Papier in der Hand. Er entzündete ein wächsernes
Zündstäbchen und ließ die Flamme die geschriebenen Zeilen hinan klettern.
Als sie Gemmas Fingern nahe kam, nahm er ihr das Blatt weg und trug es zum
Kamin.
Er kam zurück und holte noch einen Bogen. Sie war blaß geworden. Sie ahnte,
ohne ihn zu begreifen, ihren letzten, alles niedermachenden Sieg.
»Was tust du?« fragte sie nochmals. »Du willst doch nicht dein Werk
verbrennen, dein kostbares Werk? Du sollst daran weiterschreiben --
später.«
»Später? Wann?«
Sie wußte es nicht.
»Ich will dir sagen, Gemma, für uns gibt es kein Später. Wir lieben uns,
und dann kommt der Tod.«
Sie erzitterte. Sie warf ihm die Arme um den Hals. Das Gesicht auf ihrem
sprach er:
»Ich erträume ja nichts mehr. Die Träume dort auf dem Bilde sind alle in
die langen nächtlichen Säulengänge verschwunden, die sie früher ausspieen.
Statt aller Träume hab' ich dich. Du bist ihrer aller Verwirklichung, der
Preis aller meiner Sehnsucht. Du hast mich in dein Leben hinübergerissen
--«
»Ja!«
Sie küßte ihn und verstand nicht, was er noch dachte:
»-- wie in eine mit Dornenhecken umstellte, üppigere und jähere Welt, wo
Gewalt geübt wird und trunkene Hingabe; wo namenlose Untergänge ausgekostet
werden und unfaßbare Herrlichkeiten; wo man ganz lebt und auf einmal
stirbt.«
»Auf einmal stirbt,« wiederholte sie, mit erweitertem Blick. Sie hatte
nichts gehört als diese Worte, die von seinen Lippen kamen, als die ihrigen
sie losließen.
»Ja, so kommt es, ich fühle es,« sagte sie.
Langsam nahm sie ein Blatt des begonnenen Werkes, ließ es aufflammen und
legte es auf die Feuerstätte. Sie brachte noch eines herbei und noch eines;
das Feuer stieg, sein Widerschein sprenkelte ihr weißes Fleisch und rann in
den engen Falten ihres Hemdes. Sie trug, indes ihre kleinen Hände den
Scheiterhaufen ordneten aus Gedanken, Sehnsüchten, schmerzlichem Ringen
nach Größe -- sie trug ein zweideutiges Lächeln, süß und grausam.
Mario Malvolto stand neben ihr, die Arme verschränkt. Er sagte sich, voll
selbstmörderischen Frohlockens:
»Ich glaube.«