Der Glaube

Mario Malvolto stand allein auf seiner Terrasse und sah den Tag aufgehen.

Gemma war fort, er lauschte auf die letzten Schwingungen des Glücks, das

sie in ihm angeschlagen hatte. Gleich würde es ausgeklungen haben. Wenn sie

heute abend wiederkam als ganz dieselbe, immer in derselben Glorie von

Leidenschaft -- wie fand sie ihn? Er wußte es selbst nicht. Zwanzig Stunden

konnten ihn wer weiß wohin tragen. Er würde eine Anstrengung machen zu ihr

zurück. Sie würde vielleicht gelingen.

»Nein, nein. Wir trennen uns gleich. Ich will sie nicht wiedersehen. Das

ist stark gehandelt, denn noch begehre ich sie und werde sie noch oft

begehren . . . Ich will ihr schreiben. Sie wird sehr leiden. Das wird ein

rascher Schmerz gewesen sein, rasch wie das Glück war. Ist man nicht daran

gestorben, so ist's eben vorbei. Wäre ich jetzt mitleidig und suchte sie zu

täuschen -- das gäbe lange, lange Ängste, zitternde Wiederbelebungen

dessen, was doch sterben muß.«

Er stieg in den Garten hinab, ging durch die Wege, deren Lauben ihn oftmals

bückten, und schrieb in Gedanken:

»Meine angebetete Gemma!

Heute habe ich noch das Recht, Dich so zu nennen. Wenn Du am Abend

wiederkämest, wäre es vielleicht schon zur Lüge geworden -- zu der ersten

von all den Lügen, mit denen ich unsere Liebe fristen würde. Ich will das

nicht, dafür waren wir eben noch zu stark und zu glücklich. Ich will Dir

Dein wahres Gefühl mit der Wahrheit vergelten, die ich geben kann. Höre,

meine Gemma.

Du liebst mich auf immer, nicht wahr? Du bist überzeugt, Du liebest mich

auf immer. Und Du würdest ein Gefühl für nichtig halten, das seinen Tod

voraussieht. Das aber, Gemma, tut meines. O, ich werde Dich in Jahren noch

so heftig zu mir herwünschen, wie jetzt in diesem Augenblick! Aber kämest

Du in zwei Stunden, vielleicht kämest Du schon zu spät. Vielleicht,

Geliebte, bin ich Dir sogar heute nacht, mitten in unsern festen, festen

Umarmungen schon untreu geworden. Wer weiß, ob ich nicht an ein Wort

gedacht habe, das diese Umarmungen zu malen vermöchte? Die Kunst, Gemma,

ist Deine Rivalin, und Du darfst sie nicht leicht nehmen.

Manchmal, wenn du, die Arme geöffnet, in mein Zimmer treten wirst, hält sie

mich an ihrer harten Brust.«

Mario Malvolto sah zu, wie eine Traube Glycinien durch seine hohle Hand

schlüpfte, und überlegte: »Harte Brust? Hat die Kunst eine harte Brust?« Er

ließ es vorläufig gut sein.

»Du verstehst mich nicht, ich sehe es voraus. Du meinst, eine Beschäftigung

könne man doch verlassen, wenn eine Frau eintritt. Der Lanti, wenn Du ihn

heiratetest, würde sein Pferd wegschicken, sobald du wolltest. Ein

Börsenmann würde seine Kunden abfertigen. Das Geld ist eine Leidenschaft,

die selten stand hält vor der Frau. Mit der Kunst, Gemma, steht es anders.

Nur sie, der Krieg und die Macht sind widernatürliche Ausschweifungen, die

einen Menschen _ganz_ wollen. Aber die Kunst ist von den dreien die

verderblichste, sie enthält die beiden anderen. Sie allein höhlt ihr Opfer

so aus, daß es unfähig bleibt auf immer zu einem echten Gefühl, zu einer

redlichen Hingabe. Bedenke, daß mir die Welt nur Stoff ist, um Sätze daraus

zu formen. Alles, was Du siehst und genießt -- Deine Mauern von San

Gimignano, über die Deine Kinderträume huschten wie Eidechsen: mir wäre

nicht an ihrem Genuß gelegen, nur an der Phrase, die ihn spiegelt. Jeder

goldene Abend, jeder weinende Freund, alle meine Gefühle und noch der

Schmerz darüber, daß sie so verderbt sind -- es ist Stoff zu Worten. Du

selbst wärest einer. Gemma, das ist unerträglich.

Ich werde nicht bei meiner Frau sitzen, sie betrachten und glücklich sein.

Ich werde sinnen, wie ich dieses Profil zu kennzeichnen habe, wie und auf

welche unerhörte Art ich es ansehen muß, damit ein überraschendes Bild in

mir entsteht und ein merkwürdiges Wort. Wenn ich Dein wunderbares Fleisch

-- ich gebrauche ein recht dürftiges Wort: wunderbar -- wenn ich es unter

meinen Händen spüre, werde ich nach einem kunstvolleren suchen, nach einem,

worin Dein Fleisch, und nur Deines, ganz gefangen ist.

O, ich werde sehr beflissen sein bei Dir, Du wirst mich oftmals fiebern

sehen vor Gefühl, vor Drang zu Dir, in Dich hinein. Glaube nicht, das sei

Liebe! Ich habe es nötig, mich in Empfindungen hineinzuschwindeln, damit

ich sie darstellen kann. Ich muß in Menschen, in schöne, starke Menschen,

wie Du einer bist, eindringen, mit ihnen zittern, mit ihnen schwelgen, mit

ihnen verdammt sein und untergehen. Aus mir selbst kann ich den Menschen

nicht kennen, denn ich bin keiner; ich bin ein Komödiant.

Denke an alle Frauen, denen Du in Gesellschaft begegnest, die dir

zulächeln; denke an jede einzelne und wisse: ich habe Dich schon mit ihr

betrogen und werde es wieder tun -- in meiner Seele. Und doch sollte in ihr

nichts geschehen als Du! Aber noch Schlimmeres: ich werde Dich mit dir

selbst betrügen, mit einer gefälschten Gemma.

Meine Geschöpfe, die Du liebst, um derentwillen Du zu mir und in meine Arme

gestürzt bist, Gemma, sie waren ja alle einmal wirkliche Menschen. Meinen

Wirkungen zuliebe habe ich sie umgelogen. So werd' ich Dich umlügen. Ich

bin schon dabei. Dieser Brief ist schon das erste Stück Kunst, das ich aus

Dir mache.«

Mario Malvolto hatte Tränen in den Augen. Er litt aufrichtig; aber es war

von Vorteil für ihn, zu leiden. »Mein Brief wird gut,« sagte er sich.

»Du, Gemma, ein Weib, würdest notwendig Zeiten haben, wo du launisch, krank

und traurig wärest; bei Deinem Geliebten würdest Du Hilfe suchen. Ich würde

sie Dir spenden, zweifle nicht. Aus Eigennutz, um dabei zu lernen. Dein

Leiden und mein Mitleiden, beides könnte mir zu statten kommen . . . Ja,

wenn Du stürbest -- meine schöne Gemma, ich würde verzweifeln, ganz gewiß.

Aber noch bevor Du ausgeatmet hättest, wären aus meiner Verzweiflung und

Deinem Tod zwei Rollen geworden.

Hasse mich dafür nicht! Ich lebe in schwerer Einsamkeit hinter der

erleuchteten Rampe, die mich von jedem unbedachten, nicht ausgenutzten

Gefühl trennt.

Wie sehr wünschte ich, es wäre anders -- und daß das Herzklopfen, das mich

beim Rauschen Deines warmen Blutes befällt, nicht ebensogut den Erregungen

gälte, die aus einem Tintenfaß steigen.

Könnte ich mich Dir auf einmal und völlig darbringen! Alles abdanken, was

ich erworben habe und durch lange Kunst geworden bin; alles vor Deinen

Knien niederlegen! Man sollte von mir nur noch hören, daß ich einer Frau

zuliebe verschwunden bin. Und das Land, soweit mein Ruhm es überzogen hat,

möchte ich wie einen einzigen Lorbeerhain deinen kleinen Tritten

hinbreiten!

All meine Sehnsucht drängt nach den Starken, die das könnten, nach den

Condottieri des Lebens, die in einer einzigen Stunde ihr ganzes Leben

verschlingen und glücklich sterben. Anstatt uns nun trübe zu verlassen,

hätten wir heute früh zusammen sterben sollen, o Gemma!«

Mario Malvolto unterbrach sich.

»Und warum nicht heute abend?« rief er in den durchglühten Schatten

zwischen zwei Rosenbüschen. »Warum nicht übermorgen, oder jeden andern Tag,

den wir glücklich waren!

Bemerke einmal, Freund, daß du da eine schlicht bürgerliche Niedertracht

begehst! Du möchtest das Mädchen, das du genossen hast, in Bälde los sein.

Du enthüllst ihr geheime Ärmlichkeiten, die nur dich angehen. Du hast kein

Recht dazu. Da du sie einmal aufgenommen hast wie ein Starker, da du sie

wie ein Stück Beute in dein Schlafzimmer geschleppt hast -- tu' deine

Schuldigkeit und bleibe stark! Sie ist zu dir gekommen wie zu einem der

Künstler von früher, die zwei Frauen gleichzeitig vollauf befriedigten,

eine auf der Leinwand ihrer Staffelei und eine auf der ihres Bettes. Im

Grunde hast du Angst, diese oder jene könne deiner Gesundheit schlecht

bekommen. So stirb an ihr! Das Wunder ist für dich geschehen. Es ist,

dieses Wunder namens Frau, aus einer üppigeren und jäheren Welt, der von

deiner Sehnsucht entzauberten, hervor und in dein Zimmer getreten. Du hast

es begrüßt; nun glaube es! Nun glaube, daß es dich erlöst! Und bist du zu

schwach zu glauben, dann stirb doch dafür, ohne deinen Zweifelmut zu

verraten, wie ein Märtyrer, der sich ohne rechte Überzeugung, aber

schweigend ans Kreuz nageln läßt!«

Mario Malvolto entschloß sich. Er zerriß in Gedanken den im Kopf

geschriebenen Brief. Dann ging er ins Haus und stellte sich, die Arme

verschränkt, vor das Bild des Pippo Spano. Nein, Pippo Spano lächelte

nicht. Vielleicht doch? Aber sein Lächeln war nie so unnachweisbar gewesen.

Gemma zeigte sich ihrem Geliebten am Abend, und am folgenden wieder, und an

jedem Abend.

Er bedachte, daß der Glaube sich erwerben lasse. Man mußte seine Gebärden

nachahmen, in seinen Riten leben, seine diätetischen Vorschriften befolgen;

am Ende kam er.

Es handelte sich darum, die Kunst, die auf das Gesicht der Liebe eine Maske

drückte, zu überwinden, sie am Rande des Bettes abzuschütteln; den eigenen

Geist herumzureißen wie ein Pferd, seine schöpferische Neugier von der

ganzen Welt fort und auf eine Frau zu bannen, mit dem einzigen Ehrgeiz,

eine vollkommene Liebe in sich zu erschaffen.

»Gelegentliche Ausschreitungen,« sagte er sich, »sind den günstigen

Arbeitsbedingungen des Künstlers weniger gefährlich, als die langsame

Überschwemmung des Organismus mit geringen Mengen von Alkohol. Ich werde

von jetzt an alle Tage Wein trinken.«

»Ich werde zur Arbeitszeit Besuche machen, und zwar bei den im Geiste

Ärmsten.«

»Das war ein Fehler,« gestand er einige Tage darauf. »Denn was dort

gesprochen wird, läßt mir Zeit, zwischen zwei Sätzen eine Novelle zu

erfinden.«

Aber aus anspruchsvolleren Häusern kehrte er ebenso unbefriedigt zurück.

»Die zwei Wochen Nichtstun haben mich abscheulich wach gemacht. Alles, was

man als Künstler in Gesellschaft erlebt: die Beunruhigung des Gewissens

durch einen schönen Anblick, die Erbitterung durch eine Unempfindlichkeit

und die Demütigung durch den Erfolg der geistreichen Mittelmäßigkeit; der

Hymnus bei jedem freundlichen Frauenblick und die tiefe Traurigkeit

darüber, nicht zu gefallen, während es doch unser Geschäft ist, zu gefallen

-- ich erlebe es heftig. Alles, was die in uns Künstlern wirksamen

Instinkte reizt: unsere Rachgier, mit dem Willen die Natur zu bändigen, der

Welt uns aufzuzwingen, unsere Prunksucht und den Drang nach

Selbstverherrlichung -- alles, was diese Instinkte zu der Ausschweifung

reizt, die Kunst heißt, ich merke es unverzüglich und antworte darauf.

Flöten und Dolche: Novellen · 第 13 / 19 题