»Es waren Menschen darin, die ich verstand. Ich sagte mir: so hätte ich
gehandelt, so würde ich fühlen, wenn --«
»Wenn --«
»Wenn ich diesen Mann fände. Bei meinem Verlobten, das wußte ich, konnte
ich davon nichts erleben.«
»Ja, Sie sind verlobt.«
»Ich _war_ es. Ich habe, bevor ich zu dir kam, ihm abgeschrieben.«
»Ich _fasse_ das alles nicht.«
»Es ist so einfach. Heute abend, in deinem Stück, sah ich dieselben
Menschen leben und sterben, die ich aus deinen Büchern kannte. Sie waren
heftiger als die Leute, mit denen ich diniere und Korso fahre. Sie
lächelten nicht so viel, und ich konnte ihnen glauben -- _weil sie ja
starben_!«
»Weil sie starben.«
»Zu Hause sah ich nach dem Namen des Verfassers auf den Romanen. Es war
deiner, da fuhr ich her.«
»Da fuhrst du her!«
Er war entzückt. Welche vertrauensvolle, entschlossene Leidenschaft! Daß
man dem zusehen, ihm nachtasten durfte! Aber er besann sich: sie wollte von
ihm mehr. Er hatte plötzlich Angst zu unterdrücken.
»Glaubst du denn, daß ich bin wie meine Geschöpfe? Ich habe sie vielleicht
geschaffen, weil ich _nicht_ so bin.«
»Aber du hast _sie geschaffen_. Du mußt sie doch im Herzen getragen haben
. . . Das ist so einfach, es ist mir heute nacht auf einmal klar geworden.
Wenn die Menschen, die wir lieben könnten, in unserer Welt nicht leben --
wenn sie nirgends leben -- suchen wir sie doch im Herzen dessen, der sie
erträumt hat! Warum tun die Frauen das nicht? Es wäre zu dumm gewesen,
nicht zu dir zu kommen.«
»Ich bin nicht so stark . . .«
Es war ihm, als ringe er mit dieser Siebzehnjährigen, als gelte es seine
Selbsterhaltung.
»Ihr Verlobter, Contessina, ist ein Held gegen mich. Er hat mehr künstliche
Kraft als wirkliche, ich weiß es, mehr Fechteranspannung und
Douchenlebendigkeit, als Muskeln und Nerven. Aber wenigstens das Äußere
deutet auf einen unternehmenden Kavalier. Sie haben von ihm immerhin vieles
zu erwarten.«
»Ich weiß so ziemlich, was ich zu erwarten hätte,« versetzte sie und
schüttelte die Schultern. Sie ließ sich an seinem Tisch nieder, in seinem
Arbeitssessel. Sie spielte mit Schreibgerät, warf ein Heft mit Notizen zu
Boden und stützte den Kopf in die Hand.
»Als er mich in San Gimignano besuchte, als ich mit ihm im Garten auf dem
bröckligen Aussichtsturm stand, hoch im Epheu und unter uns das blaue Land
-- weißt du, wie er mir vorkam? So fremd wie ein Engländer, der das
photographiert. Was ich alles dort gefühlt hatte, was man in sechzehn
Jahren alles fühlen kann am Grunde dieser Nester von Epheu und auf diesen
durchlöcherten, warmen Mauern, bei den Eidechsen -- meinst du, er hätte
davon was geahnt? Ich hätte mich geschämt, ihm ein Wort zu verraten . . .
Dir --«
»Mir?« fragte Mario Malvolto und griff mit schlechtem Gewissen nach dem
Geschenk, das sie hinhielt.
»Dir sag' ich's!«
Und sie sprang auf.
»Vielmehr, du weißt es schon. Auch du hast so gefühlt, ich hab's ja von dir
selbst erfahren!«
Er sträubte sich.
»Wir treiben ein verdächtiges Gewerbe, wir Dichter. Wir führen euch Freuden
zu, darum sind es aber noch nicht unsere . . .«
»Du willst den Bescheidenen spielen. Du bist kokett.«
Und da er eine Bewegung machte:
»Oder glaubst du mir nicht?«
Sie streckten gleichzeitig nach einander die Arme aus.
»Dir nicht glauben!«
Das war unmöglich. Ihr Atem, ihr Blick, die Linien ihres Körpers selbst
verkündeten Wahrheit. Die Linien dieses zarten Körpers, dieser Seele aus
Fleisch, überfluteten ihn, singend vor Leidenschaft. Er bebte unter ihnen,
er wünschte heftig, sie möchten sein Herz umschlingen, es zerbrechen mit
all dem Künstlichen darin, es auf immer vergewaltigen und knechten. Nichts
mehr fühlen als sie! Welch ein Ziel -- und welche Ohnmacht, es zu
erreichen!
»Höre,« bat er, heiser vor Qual, »du täuschst dich über mich, Gemma. Ich
bin nicht so ehrlich wie du. Ich kann es nicht sein.«
»Würdest du das sagen, wenn du es nicht wärest?«
»Ich bemühe mich in diesem Augenblick, es zu sein. Aber du darfst mich
nicht zu schwer versuchen. Glaube, dein Verlobter, er mag kalt sein -- er
hat immer noch mehr gutes Gefühl als ich. Er ist dir immer noch verwandter.
Du hast immer noch mehr von ihm zu hoffen.«
»Ich weiß, was ich zu hoffen hätte.«
»Er mag in deine Kinderträume nicht zurückblicken können. Sei froh, daß
er's nicht kann. Er wird dich um so gutgläubiger lieben, wie du jetzt bist,
wenn er nicht das Talent hat, in dich hineinzulügen, was nicht mehr ist
oder nie war.«
Sie ging wieder von ihm fort, sie setzte sich auf die Ottomane,
verschränkte ihre Arme über dem Kopfpolster und stützte ihre Brust dagegen.
»Nicht nur daher weiß ich über ihn Bescheid,« sagte sie langsam und sah
erweiterten Blicks in das Mondlicht. »Ich weiß es auch von seiner
Geliebten.«
»Von der Traffetti?« fragte er rasch.
»Ich bin zu ihr gegangen. Wundert dich das? Sie ist eine große Sängerin und
eine schöne Frau. Ich habe gedacht, sie hat keinen Grund, mir nicht die
Wahrheit zu sagen. Und sie ist die einzige, die sie mir sagen kann . . .
Nun, er ist schwach, er -- vermag wenig. Wie soll ich dir das bezeichnen?«
Er prallte zurück. »Hält sie denn mich für einen Stier?!« Sie deutete seine
Bewegung.
»Ich bin ja kein Kind, ich kann urteilen. Er gebraucht künstliche Reizungen
und Hilfsmittel, verlangt von seinen Maitressen Dienstleistungen, die --
die mir die Traffetti erst erklären mußte.«
»Ah! Ah! Sie hat dir's erklärt?«
Er dachte: »Ein junges Mädchen, das zu einer Dirne geht, um sich über die
Leistungsfähigkeit ihres Verlobten zu unterrichten! Nein, das hätte ich
nicht erfunden, das erfindet keiner!«
Sie sah ihn groß an.
»Und die -- die brauchst du nicht.«
Er gab zu, erstaunt:
»Nein.«
Sie belebte sich.
»Siehst du, du hast mir eben niedrige Begierden zugetraut, ich weiß es,
leugne nicht. Du kennst mich ja noch nicht . . . Das Schlimme ist nicht,
daß er kein starker Mann ist. Aber er hat keine Liebe. Die Traffetti liebt
ihn, sie hat geweint, als sie es mir gestand!«
»Aber er hat sich neulich für sie geschlagen,« sagte Malvolto, ehe er's
bedacht hatte.
»Ich möchte nicht, daß sich einer so für mich schlüge. Er hat die ganze
Zeit kalt und ruhig seinen Platz behauptet, seinen wütenden Gegner in
Distanz gehalten -- das Auge immer an der Degenspitze des andern -- bis er
ihn schließlich treffen konnte . . . Wer eine beleidigte Geliebte rächt,
ficht anders! Er liebt nicht, sage ich dir.«
»Also nicht,« dachte Malvolto und gab es auf, diesen Bräutigam zu retten.
Er sah zu, wie das junge Mädchen an ihrem Corsage nestelte. Ein paar
Schmuckstücke rollten auf den Teppich. Zwischen den Spitzen schimmerte ein
wenig blaugeädertes Fleisch. Sie benahm sich wie ein Kind, das von langer
Wanderung nach Hause gefunden hat, müde und glücklich.
»Ich werde nie seine Seele zu fühlen bekommen. Deine hab' ich oft gefühlt.
Ich bring' dir meine.«
Sie stand auf.
»Und meinen Körper.«
Er stürmte hin zu ihr, stürzte auf die Knie, warf Küsse auf ihr Kleid und
ihre Hände. Er war auf einmal voll durchwärmt von dem Gefühl dieser Seele,
die seit Monaten, an seine denkend, sich aus einem Gefängnis, aus den
Schlingen der Fremden frei machte; die tastete, nachtwandelte, und durch
mondbeschienene Wälder tiefer, leidenschaftlicher Ahnungen den Weg fand zu
ihm! Da war sie, da trat sie aus dem weißen Zimmer in einem Mondstrahl. Da
stand sie, für ihn erschaffen, unerklärlich ohne ihn. Da lag sie auf seiner
Brust, ihn zu erlösen, ihn in das Heiligtum des Lebens zu retten, ihm
langen Atem einzublasen, ihn alles vergessende Empfindungen und starke
Gebärden zu lehren!
»Ich liebe dich, Gemma!«
Sie lächelte nur, die Hände auf seinem Haar.
»Aber ich glaube ja!« rief er sich zu. »Das Wunder ist für mich geschehen,
ich bin stark genug, es zu glauben, mich von ihm erlösen zu lassen!«
Er sprang auf, legte den Arm um sie . . . Auf einmal überrann es ihn kalt.
»Jetzt glaubst du, Komödiant. Und morgen früh wird deine Sorge sein, was
wohl mit dieser Minute der Gläubigkeit künstlerisch anzufangen ist.«
»Aber ich liebe sie,« versicherte er seinem Widersacher. »Und sie mich. Bin
ich denn kein Mensch?«
»Nein, du bist keiner. Du spielst ihn nur. Unterdrücke diesmal deinen
Effekt, dies einzige Mal, aus Mitleid mit einem Kinde. Bedenke --«
»O ich weiß, ich habe ja Angst. Dies ist kein Abenteuer, das man hinnimmt,
aus dem man entkommt, sobald man es müde ist. Es ist kein Haus mit zwei
Eingängen. Es ist ein Felsental, über dessen einzige Pforte Wasser stürzen,
wenn man drinnen ist!«
Er löste widerstrebend die Hände von dem jungen Mädchen. Sein Blick, von
Schmerz verwirrt und über die Wände gejagt, traf plötzlich ins Auge von
Pippo Spano. Jetzt lächelte Pippo Spano. Sein fürchterliches Lächeln, das
niemals nachzuweisen gewesen war, jetzt sagte es mit klaren Worten:
»Ist das die Stärke, zu der ich, dein Gewissen, dich zwingen sollte? Ein
Weib kommt, es betet dich an. Dein Blut reißt dich zu ihr. Und den Bedenken
von Kranken zuliebe schickst du das heiße Leben fort? Tu's -- aber versuche
nie wieder, dich aus der Welt der Schwachen wegzustehlen in meine hinein,
wo man liebt, raubt, und, wenn es sein muß, dafür stirbt!«
Mario Malvolto riß Gemma vom Boden. Alles Blut im Gesicht, gleich einem
Krieger, dem sein erbeutetes Weib mit weißer Umarmung den Hals zuschnürt,
trug er sie in sein Schlafzimmer.