Das Wunder

Da erkannte er Gemma Cantoggi.

»Sie hier? Aber ein Wort, Contessa, hätte genügt,« stammelte er. »Ich wäre

zu Ihnen geeilt.«

»Nun bin ich schon da,« erwiderte sie.

»Aber Sie kompromittieren sich!«

»Nein nein. Wir haben ja ein Landhaus ganz nahe. Man glaubt, daß ich dort

übernachte. Ich verlasse manchmal nachts unser Stadthaus, ich habe solche

Launen. Meine Gesellschafterin ist mit mir gefahren, sie ist eingeweiht.«

Er sah sie zweifelnd an. Das war die Cantoggi, die den Lanti heiraten

sollte, einen Viveur auf dem Abmarsch; eine der sehr schönen Frauen, die

eine Zeitlang von allen Männern begehrt, von allen Frauen gehaßt werden; um

die ein Knabe Selbstmord begeht; die zwanzig Jahre lang an der Spitze der

Mode tänzeln, und wenn sie vorüber sind, Unzähligen Glück versprochen, ein

paar Geliebten ihr Versprechen gehalten, und in dem Gedächtnis einiger

Alten den Rest eines berauschenden Duftes hinterlassen haben. Was waren sie

selbst? Was erlebten sie? Er wußte es: Ihre Wirkung, das Martyrium des

Mannes und den Applaus der Menge.

Kam diese da als Kollegin, als Komödiantin zum Künstler? Wollte sie Rat

holen, wie man nach ganz hohen Erfolgen greift? Er hatte von ihren Worten

nichts erfaßt, glaubte keines; er fragte erregt:

»Aber was führt Sie her?«

»Die Liebe zu Ihnen, Mario Malvolto,« wiederholte sie, und ihre Stimme

zitterte leicht.

»Contessina, Sie sind ein Kind. Wenn Sie mich liebten, warum haben Sie

nicht einen Ihrer Freunde beauftragt, mich Ihnen vorzustellen? Ich hätte

mich Ihnen zu Füßen gelegt.«

»Zu Hause wären wir nicht frei gewesen. Um uns lieben zu dürfen, hätten wir

uns heiraten müssen.«

»Ah!«

Er empfand eine böse Genugtuung.

»Die Contessina Cantoggi würde mich nicht zum Manne wollen!«

Und sie, ohne zu verstehen:

»Sie hätten sich mir versprochen, Mario, ohne zu wissen wer ich bin. Sie

hätten versichert, mich zu lieben, und hätten vielleicht geheuchelt. Wenn

ich das merkte, wäre alles aus. Ich will, daß wir uns lieben, ohne daß

jemand darum weiß. Sie können sich nicht ausmalen: ich werde von der

schönen Cantoggi geliebt, und ganz Florenz weiß es. Hören Sie? Das können

Sie nicht.«

Er murmelte:

»Glaubst du, ich sei so niedrig eitel?«

»Nein, ich glaub' es nicht. Verzeih! Ich bin eifersüchtig im voraus. Ich

möchte dich einschließen hier!«

Sie trat lebhaft auf ihn zu, in sein Zimmer hinein.

»Und ich könnte nicht ertragen, daß wir uns vor Fremden sehen, uns mit

Zurückhaltung sprechen müßten. Ich möchte vor dir immer -- du, ich liebe

dich!«

Sie öffnete, über eine letzte Schüchternheit hinwegspringend, rasch die

Arme:

»Ich möchte vor dir immer nackt sein!«

Ihn überkam eine Wallung; er griff nach ihr.

»Wenn ich glauben könnte, daß du wirklich da in meinen Armen liegst!«

Den Mund auf ihrem Haar, stöhnte er. Die seltene Frau, die mit unbedachter

Leidenschaft ihn reich machen wollte: da war sie, da war das Wunder. Eines

der jungen Mädchen, klaräugig hervorlugend aus ihrer Welt, in die kein Weg

führte: da war es, da war das Wunder.

»Wenn ich es glauben könnte!«

»Du fühlst mich ja,« sagte sie bebend. »Und daß ich dich liebe, das mußt du

doch fühlen.« »Ich fühle,« sagte er, mitleidig mehr mit sich als mit ihr.

»Und du willst mich lieben?«

»Ich will. Ob ich will!« rief er schmerzlich. Sie fragte, das Gesicht

versteckt an seinem Halse.

»Hast du mich schon einmal schön gefunden? hättest du mich haben wollen?«

»Immer dich!«

Und er wußte, daß er lüge und dennoch aufrichtig sei. Er hatte alle

begehrt, würde immer alle begehren. Aber hielt er nicht alle in dieser?

Vielleicht, vielleicht.

»Auch ich,« sagte sie und sah groß auf.

»Immer dich!«

»Dann wußtest du, daß du heute abend durch das Loch im Vorhang ein Auge

trafest, und wessen Auge?«

»Nein.«

»Nicht? Hast du mich nicht viele Male im Parkett bemerkt?«

»Nein. Ich wußte bis eben nicht, wie du aussahst. Als du eintratest,

zögerte ich. Es konnte auch ein Fremder, ein Freund von dir sein.«

Er war sprachlos.

»Wir haben so lange in San Gimignano gewohnt,« erklärte sie. »Erst seit

Papa tot ist und mein Bruder in Florenz in Garnison steht, wohne ich hier.«

»Also kommst du, weil ich berühmt bin.«

»Berühmt? Ich weiß nicht. Vielleicht hat man in meiner Gegenwart einiges

dummes Zeug über dich geredet; ich wußte aber nicht, daß du gemeint seiest.

Ich hatte deine Bücher gelesen, aber ohne nach deinem Namen zu sehen.«

Flöten und Dolche: Novellen · 第 10 / 19 题