ehemaligen kaiserlichen Residenz, hat nicht, wie in den übrigen
Ortschaften, den Titel Schum, sondern den nur für Gondar geltenden
„Kentiba“. Der mit uns gekommene Mekemat Kentiba, ein noch sehr junger,
bescheidener, gefälliger Mann, war mütterlicherseits ein entfernter
Verwandter des Negus.
[131] Ich hatte ihm gar kein rothes Tuch geschenkt, sondern der Negus
überwies das ihm von mir gegebene Stück, ca. 40 m, dem Etschege, der es
seinen Untergebenen zukommen liess.
[132] Bruce, „Voyage“, I, VI, S. 48, franz. Ausgabe.
[133] Rüppel, II, 434, hat 12° 36′ und 35° 11′ östl. L. von Paris;
Heuglin hat 12° 37′ 7″ nördl. Br.
[134] Bruce, III, 44.
[135] Bezüglich der Einwohnerzahl fand ich bei der Beschreibung Gondars
in Raffray’s und Matteucci’s Buche über Abessinien eine sonderbare
Uebereinstimmung. Das von Raffray erschien +zuerst+ und ist also das
ältere. Raffray sagt S. 303: „Les Abyssiniens aiment à représenter
surtout Saint-Georges, Saint-Michel et les Miracles de la vierge. Ils
ont pour la mère du Christ une dévotion particulière qui se traduit
incessamment par de touchantes allégories dans le but de prouver à
la fois sa puissance et sa bonté.“ Der Reisende Matteucci übersetzt
wörtlich von Raffray ohne Quellenangabe, S. 164, seines Werkes: „Gli
Abissini prediligono di figurare sopra tutto S. Giorgio, S. Michele e
i prodigi della Vergine. Hanno per la madre di Christo una devozione
veramente peculiare, che si risolve sempre in commoventi allegorie allo
scopo di segnalare ad un tempo la sua potenza e bontà.“ Aufmerksam
gemacht, fand ich noch viele längere Stellen in Matteucci’s Buche als
wörtliche Uebersetzungen des Raffray’schen, sodass man wol sagen kann:
ein einziges Plagiat! Aber derartige Abschreibereien könnte man noch
öfter und zwar bei viel berühmtern Reisenden nachweisen, wenn die
meisten auch vorsichtshalber andere Worte und Ausdrucksweisen anwenden.
Warum aber nicht die Quelle angeben? Ist es denn eine Schande, zu
gestehen, dass man dieses oder jenes diesem oder jenem Werke entnommen
habe?
[136] Harris, II, 108, deutsche Ausgabe, sagt: „Die vertriebene
Salomonische Linie hatte, reducirt auf die Herrschaft Schoas, ihr
altererbtes Gebiet wieder zu erlangen +nie+ den Versuch gemacht. Durch
einen jetzt abgeschlossenen Vertrag aber wurde der damals in Schoa
herrschende Sekueno Amlak (Syon Amlag) auf seiner Ahnen Thron wieder
gesetzt, wobei Naakueto Laab nur die Landschaft Lasta als für ewig
unabhängiges Fürstenthum nebst dem goldenen Stuhl, den silbernen Pauken
und andern Abzeichen der Königswürde behielt, während ein Dritttheil
des gesammten Grundes und Bodens des Reiches dem jeweiligen Primas
zur Aufrechthaltung seiner geistlichen Würde und zur Unterhaltung der
Geistlichkeit, der Klöster und Kirchen überlassen ward: dies war die
sogenannte Zeitrechnung der Theilung.“
[137] Es ist eine eigenthümliche Sitte in Abessinien, dass die Leute,
wenn sie essen, trinken oder auch auf freiem Felde ihre Nothdurft
verrichten, sich von andern eine Schama, eine Decke oder irgendein Tuch
oder Kleidungsstück überhalten lassen. Viele behaupten, es geschähe
das, um den bösen Blick, den Blick des Neides von sich abzuwehren.
Ich glaube aber, dass das Ueberhalten eines Tuches beim Essen deshalb
geschieht, um nicht andere einzuladen zu brauchen. Meine Diener, stets
50 an Zahl, assen partienweise. Vor dem Beginn der Mahlzeiten krochen
jedesmal acht oder zehn, welche eine Essgenossenschaft bildeten,
unter eine Schama. Thaten sie es nicht, was auch wol vorkam, wenn die
Sache Eile hatte, dann hielten sie sich stets verpflichtet, zufällig
Nahekommende zur Theilnahme an ihrem Gerichte aufzufordern. Und was das
Bedecken eines die Nothdurft Verrichtenden anbetrifft -- es handelt
sich selbstverständlich nur um Vornehme -- so glaube ich dies nur auf
Schicklichkeitsgefühl zurückführen zu müssen. In Tafilet beobachtete
ich eine ähnliche Sitte: am Markttage drehten alle, welche eine
Speisebude betraten, das Gesicht der Wand und den Rücken dem Eingange
zu, und in dieser Stellung assen sie. Offenbar auch nur, um nicht
zufällig Hereintretende auffordern zu müssen, am Essen theilzunehmen.
[138] Bruce schreibt: Coscam; Rüppel: Koskam; Heuglin: Qosquam;
Raffrai: Kouskouam u.s.w.
[139] Kaiserin.
[140] Im Grabgewölbe, welches früher die kostbaren Handschriften barg,
entdeckte ich zwei Metallsärge, welche Gebeine der Kaiser enthalten
sollten. Auch befand sich darin ein schöner, reich mit Elfenbein und
Perlmutter ausgelegter Stuhl oder Thron eines Atse.
[141] Flad hat ein anziehendes Büchlein veröffentlicht: „Kurze
Schilderung der bisher fast unbekannten abessinischen Juden
(Falascha).“ (Kornthal bei Stuttgart 1869.) Stern publicirte:
„Wanderings among the Falaschas.“
[142] Es ist bezeichnend, dass +alle+ monotheistischen Religionen eine
sogenannte +heilige+, nur von der Priesterschaft verstandene Sprache
haben: die Abessinier ihr Gees oder Gheez, heute eine todte, +selbst
den meisten Priestern unverständliche+, rein mechanisch von ihnen
erlernte und von Mosaisten und Christen angewandte Sprache. Sagt man:
„Aber du verstehst ja gar nicht, was du betest“, so wird beständig
geantwortet: „Das ist auch nicht nöthig, der liebe Gott hört es und
versteht es.“ Die Mohammedaner bedienen sich des Arabischen, aber
+mindestens zwei Drittel der Muselmanen verstehen nicht Arabisch+.
Für die Juden gilt das Hebräische als heilige Sprache, aber wer von
englischen, französischen, deutschen u.s.w. Laien-Juden versteht heute
Hebräisch? Die Christen hatten und haben zum Theil noch die lateinische
Sprache, bis Luther den Bann brach und allen Völkern ihre Muttersprache
für die Anbetung Gottes empfahl.
[143] Meine ursprüngliche, von Ras Alula mir beigegebene Escorte hatte
ich als Leibwache beibehalten, die übrige Soldateska unter ihrem Oberst
stand mit mir in gar keinem nähern Verhältniss.
[144] Diese Kleidungsstücke sind jetzt im berliner Ethnographischen
Museum.
[145] Die Abessinier selbst theilen hinsichtlich der Bodengestaltung
ihr Land in drei Regionen: 1) Tiefland, Kolla genannt, womit sie
die Gegenden bezeichnen, welche unter 1500 m liegen. 2) Deka-Woina,
zwischen 1500 bis 3000 m hoch. 3) Deka schlechtweg, über 3000 m hoch.
Natürlich sind diese Grenzen nicht genau gezogen. Am grössten ist die
Deka-Woina: im Süden reicht ihre Grenze bis zur Höhe von ca. 4000 m.
Auch in Semien steigen auf der südwestlichen und südlichen Seite des
Gebirgslandes die bewohnten Striche bis zu 4000 m Höhe. Interessant
ist es, dass der Name Woina, abgeleitet vom griechischen οἶνος, Wein,
zur Bezeichnung der untern Deka, d.h. der mittlern Region diente. Denn
gerade auf dieser Deka war in früherer Zeit der Weinbau so ausgedehnt,
dass er der ganzen Gegend den Namen Deka Woina: Weinhochland, gab.
Jetzt stehen nur noch die leeren Weinberge da. In und um Gondar kann
man deutlich an der Veranlagung erkennen, dass man den Wein ähnlich
wie bei uns am Rhein anbaute. Aus dem Worte οἶνος, Woina, darf man wol
folgern, dass die Griechen den Wein vielleicht von Adulis über Aksum
nach Abessinien einführten.
[146] Beim Abschied bat er mich, ich möge ihm einen indischen Helm
besorgen, der meinige, den ich dem Negus anbot, convenirte ihm nicht.
[147] Herr Professor Dillmann in Berlin hatte die Güte, mir diesen
Brief zu übersetzen. Der Ausdruck: „gehen, Völker zu vertilgen“ ist
echt biblisch. Gott selbst hat sich durch Moses’ Vermittelung oft
dieser Formel bedient. Was das Datum anbetrifft, so bemerke ich, dass
der Monat Jekatit etwa unserm Februar entspricht. Das abessinische
Neujahr beginnt am 10. September. Im ganzen sind die Abessinier in
der christlichen Zeitrechnung um 7 Jahre und 112 Tage zurück. Bei
Christi Geburt zählten sie seit Erschaffung der Welt 5499 Jahre.
Ihre zwölf Monate heissen: Maskarem, Tekimt, Hedar, Tachsas, Ter,
Jekatit, Magabit, Mijazia, Ginbot, Senie, Hamlieh und Nehasie, und
da jeder Monat dreissig Tage hat, bleibt ihnen stets ein dreizehnter
Schaltmonat, Pagumiehne, der dreimal hintereinander 5 und das vierte
mal 6 Schalttage enthält.
[148] Aksum ist jedenfalls die richtigere Schreibweise und dem Axum,
wie die Italiener, oder dem Axoum, wie die Franzosen es schreiben,
vorzuziehen. Denn in der äthiopischen Sprache gibt es kein X. d’Abbadie
schreibt übrigens auch Akzoum.
[149] Viele werden dies als Heuchelei auslegen, aber es geschah aus
der auf meinen Reisen gewonnenen Erfahrung, dass man am besten reist,
wenn man sich den Sitten und Gebräuchen der Völker, unter denen man
sich befindet, so viel wie möglich anschmiegt. Und wenn man in einer
europäischen Kirche von jedem, auch dem Nichtgläubigen, erwartet,
dass er beim Betreten des Gotteshauses sein Haupt entblösst, so wird
man auch nichts darin finden können, in Abessinien einen Gebrauch
mitzumachen, den man bei uns als überflüssig betrachtet. Dabei will
ich keineswegs Bruce vertheidigen, der so weit ging, sich von der
abessinischen Geistlichkeit den Segen ertheilen zu lassen, hernach aber
sich über sie lustig macht. Am Ende des 7. Buches sagt er:
Unterdessen hatten sich zwanzig dicke Mönche auf meinem Wege
angestellt, um mir ihren Segen zu geben, wie Teusa Christos. (Diesen
hatte er um seinen Segen und seine Fürbitte gebeten.) Ich hatte wenig
Glauben zu ihren Gebeten, und es lag mir nichts daran, die Hände und
fettigen Aermel dieser Unwissenden zu küssen. Dennoch unterzog ich mich
dieser unangenehmen Ceremonie, gab ihnen aber auch auf englisch meinen
Segen: „Möge Gott euch allen einen Strick zukommen lassen, wie er dem
Abba Salama einen schickte.“ Ich spielte auf den vor kurzem gehängten
Accab Saat an, aber sie glaubten, ich empfehle sie dem Patriarchen Abba
Salama, und antworteten mit einem salbungsvollen: „Amen!“
[150] Gobat in seinem „Journal d’un séjour en Abyssinie“ (Paris)
sagt S. 322: Salomo, welcher mit der Königin von Saba einen Sohn
Namens Menelek zeugte, welcher ihm so ähnlich war, dass die Bewohner
Jerusalems ihn mit ihm verwechselten, schickte ihn aus Eifersucht
fort, ihm anempfehlend, vom Königreich Abessinien Besitz zu ergreifen.
Bei seiner Abreise von Jerusalem nahm Menelek die Bundeslade mit,
sowie eine grosse Zahl von Juden; unterwegs aber setzte er sowie ein
Theil seines Gefolges am Sabbattag über einen Fluss, und seitdem war
er Christ, sowie die, welche mit ihm den Fluss passirt hatten. (Die
Abessinier waren also nach dieser Sage schon zu Salomo’s Zeit Christen,
Christen vor Christi Geburt!) Die Falascha sind die Abkömmlinge von
denen, welche dem Gesetz Moses treu blieben und den Fluss am Sabbat
nicht überschreiten wollten. Die Bundeslade ist seitdem in Aksum, aber
für die Christen unzugänglich; nur die Falascha können herankommen.
Wenn ein gelehrter und frommer Falascha sich dem Orte nähert, wo die
Bundeslade ist, theilen sich die Mauern und gestatten die Anbetung etc.
etc.
[151] Herr Abarguez de Sosten, welcher im Auftrag der Madrider
Geographischen Gesellschaft reiste und zugleich Geschenke vom König
von Spanien dem Negus Negesti überbringen sollte, versuchte zuerst
landwärts nach Abessinien zu kommen, kam jedoch nur bis Siut. Um aber
eine solche Mission auszuführen, denn sein Plan ging von Abessinien
aus nach dem Süden, bedurfte es eines grössern Glanzes. Der ärmliche
Aufzug erweckte beim Negus Negesti den Verdacht, dass die Geschenke
gar nicht vom König von Spanien seien, und daraufhin musste denn
Abarguez, nach kurzem Aufenthalt beim Kaiser von Abessinien, nach
Aegypten zurückkehren. Nähere Details hierüber, welche mir Dr. Stecker
später brieflich aus Abessinien mittheilte, eignen sich nicht für die
Veröffentlichung.
[152] Dabamatta, d.h. Haus von Abba-Matta, ist zusammengezogen aus
Edda-Abba-Matta.
[153] Es gibt viele Bäder oder Thermen in Abessinien. So wird seit
mehr als hundert Jahren das zwischen Debra Tabor und der Stadt Korata
am Tana-See gelegene Bad Madera-Mariam als sehr heilkräftig benutzt,
und noch zur Zeit, als Oberst Gordon in Abessinien war, besuchte es
der jetzige Kaiser. Combes und Tamisier beschreiben den Ort, ohne über
die Natur des Wassers Aufklärung zu geben. Auch Dr. Stecker, welcher
1881 über Madera-Mariam kam, erwähnt nichts von der Beschaffenheit
des Wassers, doch sind auf seiner Karte des Tana-Sees (Bd. III, Heft
I der Mittheilungen der Afrikanischen Gesellschaft) „heisse Quellen“
verzeichnet.
[154] Jene natürliche zu einer Kirche eingerichtete Tropfsteinhöhle,
von der eben die Rede war.
[155] Der Hauptsache nach stimmt die Erzählung des jungen Schimper mit
der seines Vaters, des Dr. Schimper, in der „Zeitschrift für Erdkunde“,
Jahrg. 1872, S. 365. -- Der alte Schimper hatte eine sehr lebhafte
Phantasie. Diese seine Tochter war nicht mit einem Missionar vorher
verheirathet gewesen. Auch hatte er selbst nicht von seiner 65jährigen
Frau (Jahrg. 1872, S. 270), sondern von einem jungen Mädchen, seiner
zweiten Frau, einen Sohn bekommen. Ich folge daher lieber den
Ausführungen Schimper’s des Jüngern.
[156] Rüppel, II, 185 fg.
[157] „Wahrhaftiger Bericht“ u.s.w. F. Alvarez, 1566 insignia Joachimi
Helleri Leucopetraei.
[158] Dies wurde geschrieben vor der Empörungsepoche unter Arabi.
[159] Ist auch im August d. J. plötzlich verstorben.
[160] Goetana = Herr.
[161] Die Zerkleinerung und Fortschaffung dieser -- Papyrus-Grasbarren,
welche oft Quadratkilometer weit die Breite des ganzen Stromes
verstauen, geschah 1880 durch Marno, welcher monatelang am Bahr el
Abiad mit einem Dampfer arbeitete, um die zuvor zerstückten Barren und
Inseln stromabwärts treiben zu lassen. Siehe hierüber das interessante
„Tagebuch während der Beseitigung der Grasbarren im Bahr el Abiad und
Bahr el Gebel von Ernst Marno“, in den Mittheilungen der Kais. Königl.
Geogr. Gesellsch. XXIV. Band (Wien 1881).
[162] Es ist wol anzunehmen, dass Gessi während des entsetzlichen
Unglücks geistig getrübt war.
End of Project Gutenberg's Meine Mission nach Abessinien, by Gerhard Rohlfs