»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die
Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme,
als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden
war.
Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum
letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine
schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die
vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick
voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen
gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten
Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den
ganzen Tag glückselig herum.
Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen
Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung
in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr
hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der
»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus
Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische
Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden
waren.
Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die
frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage
lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann
gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann
allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach
Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn
fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den
Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen
über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das
für Hammel und Rindviecher seien.
Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein
geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.
Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen
Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,
es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr
richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die
Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder
gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er
zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen
Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.
Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu
Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der
Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng
auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.
Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung
angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des
»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.
Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub
»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen«
geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands
war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des
Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn
er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken
Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem
Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.
Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem
Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe
geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige
Geschäftsfrau war und sehr resolut.
Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die
Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,
weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,
sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit
überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die
Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und
anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie
war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten
Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die
schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein
Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so
wie der Bürgermeister von Bamberg.«
An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft
ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann
schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:
den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der
Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig
Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.
* * * * *
Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.
Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um
nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb
stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.
Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,
und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am
Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die
Ziehharmonika.
Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen
vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde,
rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster
hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.
Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der
»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.
Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue
Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.
Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst
hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren
noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.
Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock
aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend,
schritt er aufrecht weiter.
Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie
befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.
»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und
legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete
heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt,
horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen
-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte
nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.
Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von
Askalon«.
»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«,
sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren
versammelt.
»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das
verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.
»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«
Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen
Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben,
übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen
belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.
Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin
erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten
Kinde in der Hoffnung.
»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der
blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie
lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch
g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und
fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.
Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang
auf den Stuhl neben dem Fremden.
»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog
die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er
und lächelte sicher.
Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den
Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte
liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn,
was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene
Geld in sein Tellerchen.
»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die
Kellnerin füllte das Glas.
»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den
Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«
Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.
»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.
»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die
Karten.
»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem
Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.
»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«
»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«
»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.«
Er stülpte die Lippen nach außen.
»Sei still. Da, hast dein Sohn.«
»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«
Die Witwe Benommen strahlte.
»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«
»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.
Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,
großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte
stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er
mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine
gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte
der Matrose. »Seid ihr alle da!«
»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«
»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.
»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb
auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf
. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«
»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der
Luft. Er war im Verlust.
»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle
durcheinander.
»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum
Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«
Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf
der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite.
Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und
schüttelte lächelnd den Kopf.
»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.
»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und
schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber,
alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«
»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und
betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen
offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen
zurückgezogen.
»Warst du weit?« fragte einer.
»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.
»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat
gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«
»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und
konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma
. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi
. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www
. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me
. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin
tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?
. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit
dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein
Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.
»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte
die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«
Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach
rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän
stimmte die Gitarre.
»Auf, Matrosen, ohe!
Auf die wogende See.
Schwarze Gedanken,
Sie wanken und fliehn
Geschwind, wie der Sturm und Wind«,
sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa
. . . Wa . . . Wein her!«
»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube
g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab
no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in
mein Keller.«
»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen
alle Räuber.
»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer.
Wo käm ich denn da hin.«
»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose
dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden
Räuber.
»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«,
sagte plötzlich der Fremde und lächelte.
Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig
den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen
auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.
»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der
Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«
»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.
»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee
. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser
Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien
. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du
. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .
fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir
aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich
wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir
die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«
* * * * *
Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens
und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.
»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die
Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo
der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein
Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie
über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.
»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft
und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen
Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer
aufgestellt hatte.
Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im
Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.
»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«,
sagte der bleiche Kapitän.
»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer
griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.
Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o
is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und
blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.
»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.«
Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.
»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum
>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf
eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar
. . . gott.«
Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge
schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande
stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.
»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs
. . . Zs . . . Zimmer<?«
Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die
Jahre zurück.
»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.
Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.
»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,
rund und schwarz wie ein Mauseloch.
* * * * *
Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.
Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch
geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am
Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten
sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das
Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen
vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein
Kind.«
»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.
»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,
klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.