Zehntes Kapitel

»Zum schwarzen Walfisch von Askalon« hatte der bleiche Kapitän die

Weinwirtschaft im Wolkenkratzerchen benannt, sofort nach der Übernahme,

als Herr Schlauch beerdigt und Fräulein Schlauch Benommens Frau geworden

war.

Auch sein Bruder, Benommen der Bierwirt, hatte trotz der sich bis zum

letzten Tage zäh wehrenden Mutter nach einem letzten großen Krach seine

schöne Kellnerin geheiratet. Und selbst die Witwe Benommen konnte die

vier Kinder ihrer beiden Söhne oft nicht auf den ersten Blick

voneinander unterscheiden, denn alle hatten sie die verwegen nach außen

gestülpten Benommenschen Lippen. Sie zeichnete ihre Enkel in der ersten

Zeit am Knöchel mit rosa und blauen Bändchen und schleppte sie den

ganzen Tag glückselig herum.

Der rote Fischer hatte unter bedauerndem Achselzucken und unheilvollen

Prophezeiungen der ganzen Einwohnerschaft eine nach der Bürger Meinung

in gewissen Dingen allzu erfahrene, nach seiner Meinung aber sehr

hübsche Kellnerin geehelicht. Denn die dicke, geschminkte Wirtin von der

»Schönen Mainaussicht« war eines Tages mit dem zarten Sachsen aus

Würzburg verschwunden gewesen, nachdem dessen drei hygienische

Anstältchen auf Befehl der Würzburger Stadtväter geschlossen worden

waren.

Es erregte allgemeines Kopfschütteln und Begriffsverwirrung, als die

frühere Kellnerin und jetzige junge Frau des roten Fischers halbe Tage

lang in Winterkälte im Wertschelch stand und Fische, die ihr Mann

gefangen hatte, zentnerweise schuppte und ausnahm. War ihr Mann

allzusehr gegen die Morgenseite der Nacht hin immer noch nicht nach

Hause gekommen, dann ging sie ihn in allen Kneipen suchen, bis sie ihn

fand, trank stillschweigend und vergnügt auch einen Schoppen, faßte den

Fischer unter und trottete mit ihm heimwärts, wobei er mit dem Daumen

über die Schulter zurückwies und seiner Frau deutlich erklärte, was das

für Hammel und Rindviecher seien.

Der Schreiber war Bureauvorsteher beim Rechtsanwalt Karfunkelstein

geworden, unterstützte seine Eltern und war mit seiner Liebsten verlobt.

Er hatte eine schwere Krankheit durchgemacht und die heiligen

Sterbesakramente empfangen. Der Arzt hatte ihn aufgegeben und gemeint,

es sei auch besser für ihn, wenn er sterbe, er würde im Kopfe nicht mehr

richtig sein. Der allzu viele Wein habe sich ihm aufs Gehirn und in die

Knochen geschlagen. Aber der aufgegeben gewesene Schreiber war wieder

gesund geworden, auch im Kopf; nur ein etwas steifes Bein hatte er

zurückbehalten. Jetzt war er wieder täglicher, treuer Gast beim bleichen

Kapitän, dem jungen Bäckereibesitzer und Weinwirt.

Die anderen Räuber hatten nicht jeden Abend Zeit, bei ihrem Hauptmann zu

Gast zu sein, denn da waren der Kegelklub »Kanonenrohr«, der

Radfahrerklub »Um die Welt«, die Rauchgesellschaft »Vesuv«, die streng

auf das regelmäßige Erscheinen ihrer Mitglieder hielten.

Der König der Luft hatte dem »Turnerbund Jahn« eine Akrobatenabteilung

angegliedert, von welchem Zeitpunkte an die Varietévorstellungen des

»Turnerbundes« einen bedeutenden Ruf genossen.

Falkenauge gehörte aus Sympathie von früher her noch dem Angelklub

»Walfisch« an, war Mitglied des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen«

geworden, dessen Gründer und erster Vorstand der Vater Oldshatterhands

war. Aber vor allem galt Falkenauge als das bevorzugte Mitglied des

Vogelstutzenklubs »Löwenjagd« und genoß eine ziemliche Berühmtheit, denn

er errang alle ersten Preise, obwohl er einäugig war und mit dem linken

Auge zielte, jedoch rechtshändig schoß, eine Tatsache, die von keinem

Löwenjagdmitglied jemals begriffen wurde.

Der König der Luft hatte nach Kampf das blonde, schmale Mädchen seinem

Freund Falkenauge weggeheiratet. Den eine um zehn Jahre ältere Witwe

geheiratet hatte, die einen kleinen Lederhandel führte, eine tüchtige

Geschäftsfrau war und sehr resolut.

Die Rote Wolke, dessen Tante gestorben war und ihm ihr Häuschen und die

Gärtnerei vermacht hatte, gehörte allen Vereinen zusammen an. Nicht nur,

weil er für alle Festveranstaltungen die Blumendekorationen ausführte,

sondern hauptsächlich deshalb, weil er, als alle anderen weit

überragender Charakterschauspieler und jugendlicher Held, für die

Vereinstheatervorstellungen gesucht, außerordentlich geschätzt und

anerkannt war. Er hatte das schöne Lehrerstöchterchen geheiratet. Sie

war eine junge, frische Frau mit wohlgewachsenem Körper und verträumten

Augen, und las der Roten Wolke, wenn er Leichenkränze band, die

schönsten Stellen aus den klassischen Dramen vor. Und manchmal, wenn ein

Freund bei ihnen saß, sagte sie zärtlich: »Mein Mann spricht genau so

wie der Bürgermeister von Bamberg.«

An einem Abend jeder Woche aber kamen alle Räuber in der Weinwirtschaft

ihres Hauptmanns zusammen. Denn dieser hatte, als guter Geschäftsmann

schnell entschlossen, für seine Leute einen ganz neuen Verein gegründet:

den Skatklub »Bargeld lacht«, der fünfundzwanzig Jahre später, als der

Fremde zum letzten Male Würzburg besuchte und die Räuber schon fünfzig

Jahre alte, graubärtige Männer waren, immer noch bestand.

* * * * *

Auch jetzt war der Fremde in Würzburg.

Er ging langsam über die alte Mainbrücke. Die Menschen sahen sich um

nach ihm. »Ah, Herr Baron«, neckte ihn ein barfüßiger Junge, blieb

stehen und blickte ihm mit großen Augen nach.

Es war schon fast dunkel, Schwalben zuckten schreiend in der Luft umher,

und über der Festung hing eine große Wolke mit glühendem Saum. Am

Brückenheiligen Kilian lehnte ein Bursche und spielte für sich leise die

Ziehharmonika.

Der Fremde ging vollends über die Brücke ins Mainviertel. Bürger saßen

vor den Haustüren, blickten prüfend in den Himmel, ob es regnen würde,

rauchten und unterhielten sich. Ein Mädchen sang zum offenen Fenster

hinaus und ließ dabei den Rolladen herunter.

Der Fremde blieb stehen und sah Herrn Mager an, welcher aus der

»Altrenommierten Weinstube zu den drei Kronen« trat.

Herr Mager strich sich mit dem Zeigefinger über das erhabene, blaue

Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens. Seine Apfelbäckchen glühten.

Denn er trank jetzt manchmal ein paar Schoppen über seinen Durst. Sonst

hatte er sich in all den Jahren gar nicht verändert; seine Haare waren

noch dunkel, sein Körper zäh und dürr und aufgereckt wie immer.

Bei jedem Schritt die rechte Schulter vorschiebend, seinen Spazierstock

aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing, aufs Pflaster stoßend,

schritt er aufrecht weiter.

Vor dem »Spitäle« blieb er stehen, zog seine Taschenuhr und verglich sie

befriedigt mit dem beleuchteten Ziffernblatt.

»Grüß Gott, Herr Lehrer«, sagte der säbelbeinige Polizeiwachtmeister und

legte die Hand an die Mütze. Sein Bart war blauweiß geworden. Er redete

heftig gestikulierend weiter. Hüftlings auf seinen Stock gestützt,

horchte Herr Mager mit strenger Miene. Sie steckten die Köpfe zusammen

-- es hatten da letzthin einige Schulbuben etwas angestellt. Man wußte

nur noch nicht recht, wer die Gauner waren.

Der Fremde stieg die drei Stufen hinauf »Zum schwarzen Walfisch von

Askalon«.

»Mit 'n Grünober hättst stech müß, dann hättst dei Herzaß heimgebracht«,

sagte still der Schreiber und mischte die Karten flink. Die Räuber waren

versammelt.

»Er is halt ein Rindvieh«, sagte wütend Falkenauge, der durch das

verkehrte Spielen des Königs der Luft sieben Pfennig verloren hatte.

»Das sag ich ihm schon seit Jahr und Tag, aber er will's nit glaub.«

Der Fremde setzte sich beim Eingang an die Stirnseite des langen

Tisches. Hinter ihm war die Bäckereiauslage, mit Brotlaiben,

übriggebliebenen Semmeln und vertrocknetem Zwetschgenkuchen, von Fliegen

belagert. Außer ihm saß niemand am Tisch.

Die Räuber hatten den Fremden nicht erkannt. Auch die junge Wirtin

erkannte ihn nicht, als sie ihm Wein brachte. Sie war mit dem dritten

Kinde in der Hoffnung.

»Herrgott! Else! _wieder_ ein Glas!« rief der bleiche Kapitän der

blonden Kellnerin zu, der ein Weinglas aus der Hand gefallen war. Sie

lächelte immer und hatte verklebte Augen. »No, jetzt bin ich aber doch

g'spannt . . . Solo!« schloß er, stülpte die Lippen nach außen und

fingerte den Kartenfächer in seiner Hand zurecht.

Eine graue Katze schritt ziehend durchs Lokal, streckte sich und sprang

auf den Stuhl neben dem Fremden.

»Das wird mir aber auch noch ein Solo sein«, sagte der Schreiber, zog

die Brauen in die Höhe, holte den ersten Stich. »Und Trumpf!« rief er

und lächelte sicher.

Die Räuber drückten unter großer Spannung leise die Karten auf den

Tisch. Der bleiche Kapitän gewann, ließ seine Stiche in der Mitte

liegen; die Karten flogen immer schneller. »Das hamm wir jetzt g'sehn,

was das für ein Solo war«, sagte er zufrieden und sammelte das gewonnene

Geld in sein Tellerchen.

»No, Else, wo hast denn dei Auge!« rief er und wies auf den Fremden. Die

Kellnerin füllte das Glas.

»Else, wir trinken auch noch eins«, sagte der Schreiber und legte den

Arm um die Taille der Kellnerin. »Ein saubers Mädle bist.«

Die Witwe Benommen trat ein, mit ihrem Enkel auf dem Arm.

»Pssss, wssss«, machte der Fremde leise zur Katze.

»Schläft der ganz Kleine denn?« fragte der bleiche Kapitän und gab die

Karten.

»Was wird er denn sonst tun«, erwiderte die Witwe Benommen und gab dem

Kind auf ihrem Arm ein Stück Zwetschgenkuchen in die Hand.

»Daß er mir wieder die Abweiche kriegt.«

»Paß nur auf, daß du die Abweiche nicht kriegst.«

»Also amend kriegt a kleins Kind von Zwetschgekuche nit die Abweiche.«

Er stülpte die Lippen nach außen.

»Sei still. Da, hast dein Sohn.«

»Äh bää! schmeiß weg . . . So. Ja, du bist halt meiner.«

Die Witwe Benommen strahlte.

»Is Brot scho eingelegt? Geh nur raus mit dein Schelloberlein.«

»Da! hast'n!« rief wütend der König der Luft.

Da flog die Tür auf und knallte gegen die Wand. Ein blonder,

großmächtiger Matrose, Gesicht und Brust tief gebräunt, stürzte

stolpernd, mit Kopf und Händen voran, bis zum Kartentisch, auf dem er

mit dem Oberkörper und ausgestreckten Armen liegen blieb. Seine

gewaltigen roten Fäuste lagen auf dem Kartenberg. »Ooooskar!« brüllte

der Matrose. »Seid ihr alle da!«

»Jessas, der Duckmäuser! Wo kommst denn du her!«

»Haargott!« riefen die Räuber, und ihre Münder blieben offen.

»Aus Cha . . . Cha . . . Cha China!« stotterte der Duckmäuser und blieb

auf dem Tische liegen. Er war total betrunken. »Pf . . . Pf . . . Pf

. . . Pfeilgrad aus Ch . . . China!«

»Also, also aber und! Du bist am Geben«, sagte grimmig der König der

Luft. Er war im Verlust.

»Jetzt hören wir auf. Wo doch der Duckmäuser da is. Schluß!« riefen alle

durcheinander.

»Setzt euch da rüber an lange Tisch«, sagte der bleiche Kapitän, und zum

Fremden gewandt: »Sie erlauben doch.«

Sie saßen um den langen Tisch herum, der Matrose saß in der Mitte auf

der Bank. Der Fremde, als habe er das Präsidium, saß an der Stirnseite.

Die Witwe Benommen stand, die dürren Hände überm Bauch gefaltet, und

schüttelte lächelnd den Kopf.

»Bring a paar Maß Wein!« rief der Schreiber.

»Ich zs zs zs zs zahl alles!« brüllte der Matrose. »Sssssauft!« Und

schüttete ein Glas Wein in sich hinein. »Sch . . . Sch . . . Schreiber,

alter Ga . . . Ga . . . Ga . . . Gauner!«

»Herrgott, wer hätt das gedacht«, sagten die Räuber und sahen still und

betroffen auf den Matrosen, wie auf ein fernes Land. Ihre Münder standen

offen, die Mundwinkel waren in wehmütigem Staunen in die Wangen

zurückgezogen.

»Warst du weit?« fragte einer.

»Auf der ga . . . ga . . . ganzen Welt!« Er breitete weit die Arme aus.

»So einer, immer war er so still«, sagte die Witwe Benommen. »Man hat

gemeint, er könnt ke Wässerle trüb.«

»Lebt der Lehrer Ma . . . Ma . . . Mager noch?« Er leerte sein Glas und

konnte dann fließender sprechen. »Wie ich in Japan war, hab ich vom Ma

. . . Mager geträumt. Ich sollte eine Diffi . . . Diffi . . . Diffi

. . . Diffidationsrechnung mach, an die Wandtafel. Aaaaber es www

. . . ar nix. Da hat der Ma . . . Mager gerufen -- www . . . er me

. . . meldet sich? -- und ich hab um mich . . . um mich g'haut, und bin

tropf . . . tropfnaß aufgewacht . . . Is der Lu . . . Lu . . . Lump tot?

. . . Ssssauft doch! . . . Ssssauf du auch!« brüllte er und reckte, mit

dem Oberkörper an drei Räubern vorbei auf der Tischplatte liegend, sein

Glas dem Fremden hin, der ihm zuprostete.

»Kommt ihm nur nit mit'n Zündhölzle zu nah, er explodiert sonst«, sagte

die Witwe Benommen. »Er trinkt e bißle zu viel.«

Die Rote Wolke stand auf, hob die Hand und stellte die Fußspitzen nach

rückwärts. »Ein deutscher Seemann ist trinkfest.« Der bleiche Kapitän

stimmte die Gitarre.

»Auf, Matrosen, ohe!

Auf die wogende See.

Schwarze Gedanken,

Sie wanken und fliehn

Geschwind, wie der Sturm und Wind«,

sangen die Räuber. Der Matrose sang nicht mit. Er trank. »Wa . . . Wa

. . . Wa . . . Wein her!«

»Ich hätt e feins Tröpfle. Erinnert ihr euch noch, wie wir damals Traube

g'stohle ham, im königliche Weinberg? Das war Anno . . . 1899. Ich hab

no a paar Fläschli vom selbige Jahrgang aus die königliche Weinberg in

mein Keller.«

»Den mußt aber spendier«, sagte der Schreiber. »No, allemal!« riefen

alle Räuber.

»Ja, paßt auf«, wehrte sich der bleiche Kapitän lachend, »der is teuer.

Wo käm ich denn da hin.«

»Pr . . . Pr . . . Pr . . . Prost, Oldshatterhand!« brüllte der Matrose

dem Fremden zu. »Haargott, is der besoffen!« riefen die lachenden

Räuber.

»Bringen Sie von dem 1899er herauf, was Sie davon im Keller haben«,

sagte plötzlich der Fremde und lächelte.

Die Lippen nach außen gestülpt, schenkte der bleiche Kapitän vorsichtig

den Wein aus den verstaubten Bocksbeuteln in die Kelche. Alle standen

auf. Auch der Matrose lehnte schief an der Wand.

»Aber also und, Donnerschlag!« Die tiefe Falte verschwand. Der König der

Luft hatte gelächelt. »Das is e Weinle!«

»Das will ich meinen«, erwiderte stolz der bleiche Kapitän.

»Vier Woche ha . . . ham sie mich amal in Kee . . . Kee . . . Kee

. . . Kette gelegt.« Er trank und sprach fließender. »Da war unser

Schiff an einer unbewohnten Insel vorbeig'fahre, in der Näh von Indien

. . . Ich hab ha . . . heimlich ein Boot losgemacht und bin du . . . du

. . . durchgange! . . . Vier Tag hab ich nix zu . . . nix zu fr . . .

fresse g'funde. Da hab ich a Sch . . . a Schlange gebrate. Die war dir

aber bi . . . bi . . . bi . . . bitter. Dann ha . . . ham sie mich

wieder erwischt und in Ke . . . Kette gelegt. Haaar . . . gott war dir

die Schlange bi . . . bi . . . bi . . . bitter.«

* * * * *

Die Räuber und der Matrose standen an der Brüstung des Festungsgrabens

und sahen hinunter auf die Stadt. Es war ein klarer Sonntagnachmittag.

»U . . . u!« klang es langgezogen und klagend von unten herauf. »Die

Meekuh brüllt«, sagte der Schreiber und deutete hinunter zum Main, wo

der Schleppdampfer eine lange Reihe Frachtschiffe flußaufwärts zog. Ein

Floß schoß durch das Wehr der alten Mainbrücke. Die Räuber sahen, wie

über den Flößer am Steuer der weiße Gischt stürzte.

»Aber also und, wie aus dem Boden gewachse«, sagte der König der Luft

und deutete neben sich auf die Aussichtsbank aus krummen, weißschaligen

Birkenästen, die der Würzburger Verschönerungsverein bei der Mauer

aufgestellt hatte.

Die Räuber stiegen hinunter in den Festungsgraben. Eine Geiß weidete im

Graben. Das hohe, dürre Gras zirpte, vom Winde bewegt.

»Jetz da schaut her, da is seit der Zeit e wilds Apfelbäumle gewachse«,

sagte der bleiche Kapitän.

»Is des nit e Birnbäumle?« fragte der König der Luft, und ein anderer

griff in die Zweige. Ein paar Hummeln flogen auf und umsummten den Baum.

Der Matrose sah sich um: »A a also, jetzt sagt mir aber amal, wo . . . o

is denn eigentlich euer >Zs . . . Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« Und

blickte gespannt und pfiffig die Räuber an.

»Ach, des is ja scho lang zugemauert.« Sie suchten. »Da muß gewese sei.«

Und zogen einen üppigen Brombeerbusch zur Seite.

»Das war der u . . . unterirdische Ga . . . Ga . . . Gang zs . . . zum

>Zs . . . Zs . . . Zimmer<?« fragte der Matrose staunend und deutete auf

eine Stelle, die noch etwas heller war als die übrige Mauer. »Haaar

. . . gott.«

Vorne im Graben saß eine Schar Knaben im Kreis. Ein rothaariger Junge

schnellte in die Höhe, hob die Hand und rief: »Heimatscha!« Seine Bande

stürmte zur Mauer und krabbelte daran hinauf.

»Nein, also ihr Ga . . . Ga . . . Gauner, da drin war das >Zs . . . Zs

. . . Zs . . . Zimmer<?«

Die Räuber standen still; ihre Augen glänzten. Ihre Gedanken eilten die

Jahre zurück.

»Wir warn halt Kinder damals«, sagte der Schreiber.

Ein Eichhörnchen huschte quer durch den Graben und hing am Baumstamm.

»Dort! Schaut hin!« zeigte die Rote Wolke, und sein Mund stand offen,

rund und schwarz wie ein Mauseloch.

* * * * *

Der Fremde wanderte hinaus aus Würzburg.

Über die Höhe kam schnell und gleichmäßig ein bartloser, hoher Mönch

geschritten, in brauner Kutte. Er beugte das Knie vor dem Marienbild am

Wege und schlug das Kreuz. Ein kleines, blondes Mädchen, das Hagebutten

sammelte, sprang weg vom Busch zu Winnetou. Der Wind wehte dem Kinde das

Haar ins Gesicht; es sah zu Winnetou empor und mußte die Augen schließen

vor der Sonne. »Gelobt sei Jesus Christus.« »In Ewigkeit, Amen, mein

Kind.«

»Wie weit ist's bis zum nächsten Gutshof?« fragte der Fremde.

»Eine Stunde über den Berg«, sagte Winnetou. Er hatte ein stilles,

klares Gesicht und einen Pickel am Nasenflügel.

Die Räuberbande · 第 26 / 26 题