Er schob die Hummermayonnaise zurück. »Ich hab keinen Appetit.«

Grünwiesler wurde blaurot im Gesicht und schrie plötzlich: »Jetzt halt

ich's nicht mehr aus! . . . Meinst du denn wirklich, ich hätte meiner

Tante ihre sechstausend Mark gestohlen!« Er starrte Oldshatterhand an.

Der atmete nicht und hatte die Empfindung, mit kühler Luft ausgefüllt zu

sein bis zum Gaumen. »Du hast die sechstausend Mark nicht? . . . Warum

hast du mir denn dann geschrieben, als ich von allem noch gar nichts

wußte, du hättest die sechstausend Mark genommen?«

Grünwiesler balancierte immer noch das Stück Goulaschfleisch auf der

Gabel und starrte Oldshatterhand immer noch an. »Ich wollte eben

erfahren, was du mir darauf antwortest. Verstehst du?« Er lachte und sah

Bratmund an.

»Aber warum hast du mich denn aus Italien zurückkommen lassen, damit ich

dir helfe? Das hättest du doch dann nicht zu tun brauchen . . . Ich

wohnte in einem Palast.«

»Warum? . . . das wirst du schon sehen. Ich will dir einmal sagen, was

_du_ nicht hättest tun dürfen . . . Du hattest neunzig Mark, und hast

mir den ganzen Sommer über im Spessart nichts davon gesagt und dich von

mir erhalten lassen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl. Und ich Esel

glaubte, du wärst mein Freund.«

»Ich bin kein ganz gemeiner Kerl«, flüsterte Oldshatterhand. »Ich wollte

doch mit den neunzig Mark Maler werden. Wer hat's dir denn gesagt, daß

ich neunzig Mark besaß? Die waren doch daher, weil ich einmal ein Bild

verkauft habe, auf der alten Brücke in Würzburg.«

»Ich will dir einmal etwas sagen.« Grünwiesler schob den Goulaschbrocken

in den Mund. »Wenn nicht einmal deine eigene Mutter mehr an dich glaubt,

dann . . . na weißt du. Sie hat den Brustbeutel mit den neunzig Mark

eines Tages in deinem Strohsack gefunden und kam ganz verheult zu

Immermann gelaufen und erzählte ihm, was du für ein gemeines Bürschchen

bist, weil du einen Haufen Geld hast, während sie und dein Vater sich

vor Sorgen nicht retten können . . . Immermann hat mich daraufhin

endlich aufgeklärt, was du eigentlich bist. Da hast du's. Und jetzt

verschwinde.«

»Maler wollte ich werden. Ich wollte doch Maler werden mit den neunzig

Mark . . . Ich verdiene doch später viel Geld und gebe dir alles zurück.

Warum hast du mir denn diese Briefe geschrieben, geschrieben, daß du das

Geld nehmen willst, und daß du das Geld genommen hast, und daß ich dir

raten und helfen soll. Und warum hast du mich von Italien zurückgerufen.

Sag mir doch. Bist du denn nicht mehr mein Freund . . . Was soll denn

jetzt sein.«

»Das wirst du schon sehen.«

»-- -- -- Du hast mich angezeigt«, flüsterten Oldshatterhands weiße

Lippen. Hilfesuchend sah er Bratmund an, der lächelnd auf seinen Teller

blickte.

»Was denn anders! . . . Kannst du vielleicht in Italien verhaftet

werden? Nein. Aber hier in München. Deinen feinen Brief und deine

Photographie hat der Staatsanwalt.«

»Deshalb hast du mich von Italien zurückgerufen, damit ich verhaftet

werden kann? . . . Das alles hat Immermann sich ausgedacht. So gemein

ist außer ihm kein Mensch«, sagte Oldshatterhand langsam.

»Immermann ist mein bester Freund. Mein einziger Freund. Aber du hast

geglaubt, ich sei ein Tölpel!«

Oldshatterhand sah auf die essenden Studenten und ging langsam durch das

Lokal und hinaus. Der Dienstmann davor hob die Hand zur Mütze.

Oldshatterhand ging durch den Schnee; er konnte weder Grünwiesler noch

Immermann hassen, denn es fehlte ihm dazu die Kraft. Die Sehne der Kraft

war ihm entzweigeschnitten worden. Er atmete mühsam durch den weit

offenen Mund. »He?« fragten seine schlaffen Lippen bei seinem

vergangenen Leben an, und er schüttelte langsam den Kopf -- er wisse

nichts.

Oldshatterhand begriff nichts, fühlte keinen Druck in der Brust, litt

nicht. Seine Empfindungsfähigkeit war niedergeschlagen. Mit den

Fingernägeln versuchte er, sich in die Wange zu zwicken, und hatte nicht

so viel Kraft, Schmerz zu erzeugen. »Frieren wäre wunderbar«, dachte er

und lächelte zart. Er setzte sich auf eine Bank in den Anlagen. Es war

sehr kalt. Er öffnete Mantel, Rock und Weste, schloß die Augen und blieb

reglos hocken.

Allmählich kehrte die Empfindung zurück, denn er empfand, daß er seine

Fußzehen und später die Beine bis über die Knie herauf vor Kälte nicht

mehr fühlte. Er genoß, wie die Kälte ihm durchs Hemd drang, rührte sich

nicht und sah auf seine reglos liegenden, rot gefrorenen Hände hinunter.

Irgendeine Stelle in seinem Innern war heiß. Und er glaubte, da jetzt

sein ganzer Körper vor Kälte leblos war, daß die heiße Stelle in ihm

seine Seele sei. Während sein Körper vor Kälte mehr und mehr abstarb,

beobachtete er seine immer heißer werdende Seele -- beobachtete er das

Fieber, das er für seine Seele hielt, bis das Fieber einen Hitzeschauer

abstieß, der ihm durch den ganzen Körper flog.

Automatisch, ohne daß er es wollte und wußte, stand er auf und stampfte

rhythmisch den Boden, stieß die Fäuste in die Luft. Immer wilder

werdend, tanzte er stampfend im Kreise herum.

Der vermummte Droschkenkutscher auf dem Bock lachte lautlos in sich

hinein. Oldshatterhand sah ihn an, knöpfte seine Kleider zu und ging in

der Richtung nach seiner Kammer. Unvermittelt saß der Druck wieder unter

seinem Brustbein über der Magengrube, wo das Gewissen seinen Sitz hat.

Er sah die Gassen und Kirchtürme von Würzburg. >Es wird in den

Würzburger Zeitungen stehen<. Sein Vater kam verschwitzt von der Arbeit

zurück. »Ruhig!« brüllte der Vater und stieß die Zeitung vom Tisch. Die

Räuber lächelten verlegen und drückten sich an ihm vorbei. -- Der kann

jetzt mit der Kriechenden Schlange am Vierröhrenbrunnen stehen, hörte er

den Schreiber sagen. »Ich? Vierröhrenbrunnensteher?« schrie

Oldshatterhand. Da sah er sich als Knabe, eingehängt bei seinem Vater,

durch den abendlichen Wald marschieren, mit dem Würzburger Gesangverein.

Der ganze Verein pfiff: »Wenn die Schwalben wiederkommen.«

Das Bild aus seiner Jugend versank; rasch ging Oldshatterhand weiter und

pfiff gedankenlos »Wenn die Schwalben wiederkommen«.

»Die wer'n schau'n!« schrie ein Bäckerjunge mit einem Henkelkorb.

Oldshatterhand schrak zusammen, zog die Schultern in die Höhe und eilte,

mit seinen Gedanken in Würzburg, schnell bis vor seine Kammertür, kroch

unter dem Tisch durch und saß auf dem Bett.

Tagelang saß Oldshatterhand fast nur auf dem Bett und dachte. Wollte an

seine plötzliche Einsamkeit nicht glauben und führte Gespräche mit

Grünwiesler.

Bis die Wirtin die Klagezustellung auf den Tisch legte und er den Satz

las: In Sachen Franziskus Grünwiesler erhebt die Staatsanwaltschaft von

München Klage gegen den Maler Michael Vierkant wegen versuchter

Aufforderung zu räuberischer Erpressung.

Da rannte er die Treppe hinunter. Und prallte zurück vor dem Tageslicht.

Ganz langsam ging er weiter, sah an den Häusern hinauf. Eine Frau schrie

aus dem vierten Stock herunter: »Hansl! Ha -- -- nsl!« Er beobachtete

den Jungen, der Kuchen aus Schneeschmutz machte, zu seiner Mutter in die

Höhe blickte und ins Haus trippelte.

Ein Schutzmann schritt langsam vorüber.

»Marroni! Heiße Marroni!« lud ein italienischer Straßenverkäufer ein und

hob den Zeigefinger. »Feine Marroni! Fünf Pfennig!«

Oldshatterhand trat zum Italiener und beobachtete den Schutzmann. »Si

si, Signore.« Der Schutzmann ging vorüber. Da ging auch Oldshatterhand

weiter, versuchte die Kastanien; Ekel schüttelte ihn; er sah sich

vorsichtig um und ließ sie in den Schnee fallen.

Am Ende der Straße blieb er stehen, sah auf einen schnurrbärtigen Mann

in schwarzem Überzieher, der auf seinen Spazierstock mit Stahlspitze

hüftlings gestützt stand, auf die Trambahn wartete und zu Oldshatterhand

hinüberblickte.

»Das ist ein Detektiv. Ein Verdeckter«, flüsterte Oldshatterhand, und

sein Herz stand still. »Gerade weil er so unauffällig aussieht.«

Rückwärts gehend schob er sich bis zu einem Schaufenster, in dessen

Spiegelglas er den Mann sehen konnte, der schräg über die Straße

schritt, in der Richtung auf Oldshatterhand zu.

Alle Muskeln angespannt, ging Oldshatterhand unauffällig weiter, nicht

zu schnell, bis an die Ecke, und begann zu rennen.

Der Mann stieg in die Elektrische.

Während des Rennens fiel Oldshatterhand der Schnelläufer vom Würzburger

Sanderrasen ein; da zwang er sich, gleichmäßig zu laufen, mit zur Brust

hochgenommenen Armen.

Außer Atem langte er in seiner Kammer an. Da lag ein zweiter Brief. Eine

Vorladung ins Justizgebäude, Zimmer Nr. 86.

* * * * *

Doktor Karl Robert, Gerichtspsychiater, stand auf dem Türschild.

»Ich heiße Michael Vierkant.«

Der Herr mit schwarzem Spitzbart und Brille stand auf, wies auf einen

Stuhl am Schreibtisch, setzte sich dazu, legte einen Maßstab auf die

Aktenmappe, nahm ihn wieder weg, blätterte. »Sie haben da einen Brief

geschrieben. Einen recht leichtsinnigen Brief.«

Unversehens war es Oldshatterhand gut zumute geworden, und nur die

Überlegung -- er würde vielleicht sein gutes Gefühl aus sich

herauslächeln und wieder den Druck empfinden, hielt ihn ab, zu lächeln.

»Erzählen Sie einmal: wie war die Sache?« Der Arzt beobachtete

Oldshatterhand unmerklich und scharf, und es schien, wie wenn er etwas

ganz anderes in Erfahrung bringen wolle, als das, wonach er fragte.

»Der Maler Immermann steckt dahinter«, begann Oldshatterhand und machte

eine Handbewegung um den Arzt herum in die Zimmerecke. »Sehen Sie, Herr

Doktor, Grünwiesler hatte ein Bild gemalt, ein sonnenbeschienenes

Dörfchen, das inmitten von Grün lag. Er zeigte es dem Bürgermeister,

einem alten Bauern. Der nahm das Bild in die Hände, besah es genau, ganz

genau, ging damit in die schattige Zimmerecke -- aber die Sonne auf dem

Bild wollte nicht verschwinden. Er hielt es so, und so, bis ihm

Grünwiesler sagte: die Sonne auf dem Dörfchen ist gemalt. Das konnte der

Bürgermeister gar nicht begreifen . . . Und da dachte ich mir, Herr

Doktor, nicht das Kloster, sondern Grünwiesler, der so ein Bild malen

konnte, solle die sechstausend Mark bekommen.« Oldshatterhand schloß die

Hand, wie wenn er etwas gefangen hätte.

Der Arzt beobachtete ihn scharf. Oldshatterhand sah, daß des Arztes

linke Augenbraue in gewissen Zeiträumen zuckte. Er hätte nicht sagen

können, weshalb ihm dieses Zucken Vertrauen eingab. Er wartete sogar auf

das Zucken. »Grünwiesler trägt einen Klemmer und hat gütige Augen

. . . Immer wenn er verlegen ist, neigt er den Kopf zur Seite . . . So,

dachte ich mir, stellt er sich vor seine Tante hin und sagt: Wenn du

mich anzeigst, erschieße ich mich vor deinen Augen . . . Wenn der Maler

Immermann diesen gemeinen Plan nicht ausgeheckt hätte, nur um mich

unglücklich zu machen, ich meine, wenn die Geschichte von Anfang an wahr

gewesen wäre, hätte Grünwiesler sich erschossen . . . Und darauf kommt

es doch ganz allein an . . . Grünwiesler ist ein guter Mensch; da kommt

Immermann und sagt: so und so -- und Grünwiesler ist auf einmal ein

schlechter Mensch . . . Ich begreife es ja selbst nicht. Aber

Grünwiesler wäre vielleicht immer ein gutmütiger Mensch geblieben, sein

ganzes Leben lang, wenn Immermann nicht so und so gesagt hätte . . . Das

denke ich.«

Ein Beichtdrang überkam Oldshatterhand. Zurückdenkend sagte er: »Ich

glaubte, ich würde etwas von dem Geld bekommen. Vielleicht tausend

Mark.« Und er hatte dabei das Gefühl, auf einem dünnen Silberdraht über

einen Abgrund zu laufen.

Der Arzt holte die Photographie Oldshatterhands aus der Aktenmappe

hervor. »Warum haben Sie denn dem Herrn Grünwiesler Ihre Photographie

geschickt?«

Oldshatterhand starrte auf seine Photographie. ». . . Hat er also

wirklich Ihnen mein Bild gegeben! . . . Grünwiesler bat mich in dem

Brief, ich solle ihm mein Bild senden; er wolle wieder einmal das

Gesicht eines Freundes sehen . . . Und hat dann meine Photographie der

Polizei übergeben. Jetzt sagen Sie einmal selbst«, schloß er langsam.

»_Sie_ haben dem Herrn Grünwiesler doch dazu geraten, er solle seiner

Tante die sechstausend Mark wegnehmen?«

Oldshatterhand sprang auf. »Ich? . . . Ah!« rief er langgezogen und

wühlte in seinen Taschen nach dem Brief Grünwieslers. »Hier! Sehen Sie!

Hier können Sie's lesen! Ich wußte von gar nichts. Er schreibt selbst:

Ich habe die sechstausend Mark an mich genommen und lebe in

schrecklicher Angst. Meine Tante zeigt mich gewiß an. Gib mir einen Rat,

was soll ich tun. Dein lebenslänglicher Freund . . . Und dann hat _er

mich_ angezeigt. Ich weiß jetzt alles! Das hat er absichtlich mit

Bleistift geschrieben . . . Und wissen Sie warum? Er schrieb, ich solle

ihm seinen Brief umgehend zurücksenden . . . Dann hätte er das

ausradiert. Ich hab aber vergessen, den Brief zurückzusenden . . .

Wissen Sie, ich hab sehr gern, wenn Ordnung ist . . . in meinem Zimmer

zum Beispiel. Aber ich selbst . . . ich bin unordentlich . . . furchtbar

unordentlich. Hier ist der Brief. Lesen Sie ihn.« Oldshatterhand glühte.

»Und den zweiten Brief, hat er geschrieben, soll ich verbrennen. Jetzt

weiß ich, warum er das gewollt hat . . . Ich hab ihn auch tatsächlich

verbrannt.«

»Der Brief, den Sie an Herrn Grünwiesler gesandt haben, ist sehr

unleserlich geschrieben. Man könnte Ihren Brief auch so lesen: Wenn Du

mich anzeigst, erschieße ich _Dich_.«

»Mich! Mich! heißt es natürlich«, rief Oldshatterhand und lachte sein

irrsinniges Lachen ». . . Erschieße ich _dich_? . . . _Vor deinen

Augen_? . . . Das geht ja gar nicht. Hi! hihiha! . . . Vor deinen

Augen.«

»Auch so, auch so ist's schlimm«, meinte der Arzt, und es klang, wie

wenn er gesagt hätte -- Grünwiesler ist ein Lump, aber Sie werden

bestraft. Der Arzt spielte mit dem zusammenklappbaren Meterstab, stellte

Drei- und Vierecke -- einen Galgen. Da stand Oldshatterhand unvermittelt

auf und bewegte sich, rückwärts gehend, zur Tür. Ganz plötzlich saß die

Last wieder über seinem Herzen. »Und dann -- es war ja auch so

furchtbar, daß ich die Hummermayonnaise nicht bezahlen konnte. Adieu«,

sagte er, noch bevor ihn der Arzt entlassen hatte, und ging, den Blick

suchend ins Zimmer gerichtet, hinaus.

Durch die Gänge eilten Männer in schwarzen Talaren. Eine Tür wurde

aufgerissen, ein Diener trat heraus, schnell, riß die Tür zu und schloß

sie ganz leise. Oldshatterhand schlug Goulaschgeruch in die Nase.

»Letzter Hieb«, sagte er.

»Wie?« fragte der Diener.

»So heißt ein steiler Berg bei Würzburg.«

»Granat!« rief eine Männerstimme. Der Diener schnellte herum und ging

wieder ins Zimmer.

»Das war nur Sportfexerei, daß der damals auf dem Fahrrad mit neunziger

Übersetzung den Letzten Hieb hinaufgefahren ist.«

Er hörte feste, hallende Schritte, blieb stehen und horchte.

Die Schritte verhallten wieder. Eine Tür schlug zu.

»Einen Meterstab kann man verstellen, zu einem Viereck, zu einem Galgen

. . . Man müßte einen Zirkel konstruieren, mit dem man Ovale ziehen

kann. Einen Ovalzirkel. Das wäre eine Erfindung«, dachte Oldshatterhand;

er stand noch immer an der selben Stelle.

Der Diener trat mit Vehemenz wieder aus dem Zimmer und schloß die Tür

leise.

»Da wurden früher die Verbrecher gehängt -- an den Galgen. Auf dem

Letzten Hieb . . . Erschieße ich _dich_? Was! Nein! Erschieße ich

_mich_! Mich! hab ich geschrieben«, schrie er und stürzte mit ein paar

Sprüngen zurück zum Arzt, riß die Tür auf und stand im Ausfall ins

Zimmer hinein, ohne die Türklinke loszulassen. »Erschieße ich _mich_!

Mich! hab ich geschrieben. Ich erschieße _mich_!« rief er drohend und

schloß, sich dabei aufrichtend, die Tür.

Als er das Justizgebäude verlassen wollte, holte ihn ein Gerichtsdiener

ein und führte ihn zum Arzt zurück.

Der saß aufgestützt am Tisch und betrachtete die Photographie

Oldshatterhands, wie ein Vater das Bild seines Kindes ansieht. »Würden

Sie noch einmal so einen Brief schreiben? . . . Setzen Sie sich noch ein

bißchen.«

Oldshatterhand legte die Hand in die Hüfte, sah sinnend zur Zimmerdecke

in die Höhe und dann auf den Arzt. »Das weiß ich nicht«, sagte er

gedehnt. »Man tut mir unrecht. Aber daß man mir unrecht tut«, schloß er

mit zuckenden Lippen und lächelnd, »das halte ich aus.«

Der Arzt antwortete nicht, sah Oldshatterhand nur still und aufmerksam

an und spielte mit der Photographie, stellte sie auf, betrachtete sie,

ließ sie umfallen. Während dieser Stille dachte Oldshatterhand daran

zurück, daß er als Lehrjunge, anstatt einfach seinen Hut aufzusetzen und

davonzulaufen, erst zum Meister Tritt gegangen war und sich den Schlag

ins Gesicht geholt hatte. Und er sagte zum Arzt: »Die Polizei weiß, wo

ich wohne. Sie muß kommen. Ich warte . . . Ich brenne nicht durch. Ich

halte lieber alles aus.« Er sah den Arzt an. »Jetzt gehe ich. Adieu.«

»Ist das die einzige Photographie, die Sie von sich haben?«

»Ich hab nur diese noch. Kann ich sie vielleicht bekommen? . . . Sie

gehört doch eigentlich mir.«

»Nein, Herr Vierkant, die Photographie muß bei den Akten bleiben.«

»Bei den Akten?« fragte Oldshatterhand, und seine Mundhöhle wurde

trocken. Die Angst sprang ihn an. Der Arzt beobachtete die Veränderung.

»Ich hab nur geschrieben -- erschieße ich mich vor deinen Augen. Vor

deinen Augen! . . . Wirklich.« Der Arzt nickte einige Male leise und sah

dabei Oldshatterhand an.

»Wirklich«, formten Oldshatterhands schlaffe Lippen noch einmal. Da

breitete er die Arme aus und stand wie ein Gekreuzigter. »Manchmal weiß

ich, daß ich der Unfähigste und auch der Gemeinste bin und der

Niedrigste. Und manchmal weiß ich, daß ich der Größte bin. Der Größte

von der Welt!«

Der Arzt machte sich Notizen. Oldshatterhand ließ die Arme schnell

sinken und ging flammend aus dem Zimmer.

Zu Hause angekommen, begann er sofort an seinem Märchenbilde zu malen,

das für die Preisaufgabe der Akademie bestimmt war.

In den Nächten malte er mit Hilfe einer Kerze. Am dritten Tage war das

Bild fertig. Eine feuchte, dunkle Gasse; auf den Stufen vor den Häusern

saßen Mädchen, die Arme um die Knie geschlagen, in rosa, blauen,

violetten Hängekleidern. Traurige Wesen, die auf den Erlöser warteten.

Es war die Hurengasse von Frankfurt am Main. An den Eingang der Gasse

hatte Oldshatterhand sich selbst gemalt, auf den Zehen stehend, und die

langen, gespreizten Finger ekstatisch in die Gasse gestreckt, halb

abwehrend, halb zugreifend.

Grauen und Süßigkeit war in dem Bilde.

Oldshatterhand hatte nie ein Bild von Daumier gesehen. In den Zeitungen

wurde das Bild später mit einem Werke Daumiers verglichen.

Er versah es mit einem Motto und sandte es an die Akademie.

Die Angst war ihm im Nacken gesessen, und er hatte während des Malens

mit ihr gekämpft. So hatte er die Angst ertragen. So war das Grauen und

die Süßigkeit in sein Bild gekommen. Aber jetzt, da das Bild fertig war,

legte die Angst sich unvertreibbar auf sein erschöpftes Herz. Er sah

keinen Ausweg, und auch die Entscheidung konnte er nicht beschleunigen.

Einige Maler, die er, gemeinsam mit Grünwiesler, kannte und grüßte,

erwiderten seinen Gruß nicht, weil sie von Grünwiesler unter

Verschweigen der Lockbriefe den Fall erzählt bekommen hatten. Die

Verleumdung griff um sich. Da wagte sich Oldshatterhand nicht mehr auf

die Straße, saß auf seinem Bett, ließ die ineinander verschränkten Hände

zwischen seine Knie hängen und sah stundenlang vor sich hin. Von seinem

Charakter gefangen, unrettbarer als im Gefängnis.

Nach einer so verbrachten Nacht fuhr er mit dem Frühzuge nach Würzburg,

aus dem vagen Gefühl heraus -- die zwanzig dort verlebten Jahre, seine

Kindheit, seine Mutter, irgend etwas in der Stadt, seine Zugehörigkeit

zur Stadt, die Stadt selbst müsse ihm helfen, könne ihn retten.

Im Zuge bekam er einen kurzen Ohnmachtsanfall. Seit Tagen hatte er

nichts genossen. Eine hagere Dame gab ihm ein Glas Wein. Er war sofort

betrunken. Aber es wurde ihm sehr gut. »Sie!« rief er plötzlich, »wenn

der Arzt bewußt mit dem Maßstab den Galgen gestellt hätte -- nur um mich

zu erschrecken!« Und beugte sich zu der Dame. »Deshalb habe ich ja auch

an den Letzten Hieb gedacht, weil da früher die Verbrecher gehängt

worden sind, an den Galgen. An den Galgen!« flüsterte er.

Die Dame stand entsetzt auf und floh aus dem Coupé. Reisende drängten

sich vor der Coupétür und sahen vorsichtig zu Oldshatterhand hinein, der

auf der anderen Seite zum Fenster hinausblickte: zwischen weißblühenden

Obstbäumen brannte ein Bauernhaus. Die reinen Flammen waren kaum zu

unterscheiden von der hellen Luft. Oldshatterhand hörte ein Glöckchen

dünn Sturm bimmeln und sah auf der Landstraße zwei Männer mit

Feuerwehrhelmen aus Messing, die in der Sonne blitzten, auf den Brand

zutraben. Interessiert beobachtete er den Radfahrer, der auch einen

Feuerwehrhelm aufhatte und die Männer überholte, die ihm etwas

zuschrien. »Das wird wohl niederbrennen«, sagte Oldshatterhand bedauernd

und blickte auf den Bauer, der in weiter Ferne quer über einen schwarzen

Acker auf den Brand zustolperte.

In Würzburg irrte Oldshatterhand scheu durch die Straßen, sah den

Schreiber, der sein Stöckchen im Kreise herumwirbelte, des Weges kommen,

floh vor ihm im letzten Augenblick in eine dunkle Nebengasse, strich

stundenlang um das Haus seiner Eltern herum, sah seinen Vater gehetzt

von der Arbeit nach Hause kommen und wieder zur Arbeit gehen, und

fürchtete die alten Augen seiner Mutter.

Kirchenglocken läuteten und verklangen. Es wurde Nacht.

Oldshatterhand beobachtete, wie das Licht im Zimmer seiner Eltern

verlöscht wurde, horchte auf das Weinen eines kleinen Kindes. Ein Pferd

stampfte im Stall neben ihm, und er dachte flüchtig, wenn er sich zum

Kopf des Pferdes aufs Stroh zur Ruhe setzen könnte, das Pferd würde ihn

mit seinen großen, dunklen Augen gut und bekannt anschauen. Er zog den

Kopf ein, da er die Güte des Pferdes fühlte im Gegensatz zur

verächtlichen Stille seiner Familie, wenn er gewagt hätte, die Treppen

hinaufzusteigen.

Die Schultern hochgezogen, flüchtete er auf den nächtlichen Schloßberg.

Der halbe Mond hing zwischen den Lindenkronen. Oldshatterhand sah den

Militärposten vor dem Schilderhaus stehen, beide Arme übers Gewehr und

den Bauch zusammengeschlagen. Der Posten sah in den Himmel, auf seine

Stiefel und begann auf und ab zu gehen.

Oldshatterhand stand hinter einem Baumstamm. Die Linden rochen. Er hörte

ein Lachen und unterdrücktes Mädchengekicher; vielfüßige Schritte

näherten sich. »Ja, mein Lieber, das mußt du uns erst einmal zeigen.

Hohaho!« hörte er den Schreiber sagen, und sein Herz wurde zu einem

Eisklumpen.

»Also wenn ich gestern in der Turnstunde fünf Meter und sechzig weit

gesprungen bin, dann wer ich doch auch noch über diesen dreckigen Graben

springen können«, antwortete der bleiche Kapitän.

Die Räuber blieben beim Wachtposten unter der Laterne stehen. Eine

Kirchenuhr schlug. Oldshatterhand konnte alle Räuber erkennen und hörte

den Wachtposten dunkel sprechen.

Fräulein Schlauch, des Schreibers Liebste, und ein blondes, schmales

Mädchen trennten sich von der Gruppe, sprangen plötzlich, Hand in Hand,

auf Oldshatterhands Baumstamm zu und setzten sich in der Nähe auf den

Rasen.

Die Räuber folgten langsam. Falkenauge hatte eine komische Tabakspfeife

zwischen den Zähnen. Sie ging erst lang wagerecht vor, dann rechtwinklig

nach unten. Die glühende Asche schien in der Luft zu hängen. Der bleiche

Kapitän stand drei Schritte von Oldshatterhand entfernt. Die andern

hatten sich zu den Mädchen gesetzt.

»Also, was gilt jetzt die Wett, daß ich über den Graben spring? Gleich

beim erstenmal.«

»Hohaho! Eine Maß.«

»Auf Ehr?«

»Allemal!«

»Also, ihr seid Zeugen.«

Oldshatterhand blickte auf Falkenauges rechtwinklige Pfeife, dachte an

den Meterstab des Gerichtspsychiaters und schluchzte nach innen. Den

Mund gehetzt offen, glaubte er zu fühlen, wie die heißen Tränentropfen

sein Herz trafen.

Falkenauge spuckte aus, putzte mit seinem Taschentuch den

Messingbeschlag und strengte sich an, die schwere Pfeife wieder richtig

zwischen die Zähne zu bekommen, damit er sie halten konnte.

Um einen Anlauf zu nehmen, trat der bleiche Kapitän zurück. Und

Oldshatterhand mußte schnell niederknien, um von ihm nicht gesehen zu

werden, denn der Lindenstamm verjüngte sich nach oben. Vor Angst,

gesehen zu werden, hatte er die Augen geschlossen und fühlte nur das

kühle Sausen und hörte den Aufsprung des bleichen Kapitäns. Fräulein

Schlauch schrie. »Angstorschel!« sagte der bleiche Kapitän, stülpte die

Lippen nach außen und setzte sich neben seine Braut. »Na, Schreiberlein?

Deine Maß ist futsch.«

»Hohaho! Gehn wir gleich in den Bauchskeller und trinken sie . . .

Liesl, gehst du mit?«

»Aber nein«, sagte seine Liebste gedehnt, ließ sich auf den Rücken

nieder und sah, die Hände unterm Kopf, zum Mond. Der Schreiber schob

seine Hand unter ihre Hände.

Falkenauge hatte seinen Arm in die Hüfte des blonden schmalen Mädchens

gelegt, das sich leise wehrte und ihn dann anlächelte. Da nahm er seine

Pfeife aus dem Munde. Die Rote Wolke griff nach der Pfeife.

»Aber paß auf darauf«, sagte Falkenauge, ohne hinzusehen, und näherte

sein Auge dem blonden Mädchen, die erst mit dem Kopf zurückwich und ihn

dann doch an Falkenauges Wange lehnte.

Oldshatterhand kniete zitternd hinterm Baumstamm, sah auf den Hauptmann

und dessen Braut, die beide bleich und friedlich nebeneinander saßen,

und hatte den stürmischen Wunsch, sich auch hinzusetzen und wie ein

Knabe zu lächeln. »Aber ich kann ja nicht wieder so werden wie sie«,

flüsterte er und empfand die durch nichts zu vermittelnde Trennung so

stark, wie wenn er die Räuber nie gekannt hätte. »Ich bin nicht so wie

die Kriechende Schlange . . . ihr tut mir unrecht«, flüsterte er. »O

Gott nein, ich nicht . . . Vielleicht die Kriechende Schlange auch nicht

. . ., wenn sich sein Vater nicht ins Hundefell gestürzt hätte . . .

oder ins Wasser.«

Der bleiche Kapitän drückte einen Druckknopf an der Bluse seiner Braut

zu. »Ich hab mir einen Photographenapparat kommen lassen. Auf

Abschlagszahlung! Herrgott, daß es so was gibt . . . Abschlagszahlung.

Er ist zwar ein bißchen teuer, aber direkt aus der Fabrik.«

»Meine Pfeife -- brennt sie noch? -- ist aus derselben Fabrik. Ich hab

mir auch gleich einen Vogelstutzen bestellt. Mit Silberbeschlag.«

»Mit Futteral?«

»Ach, was glaubst du denn! Ich hab mir ein Stück Kalbleder geb laß in

mein G'schäft, und der Sattler Grumbe näht mir's zusammen. Kost zwanzig

Pfennig, das ganze Futteral.«

»Und der Vogelstutzen?«

»Siebenundsiebzig Mark fünfzig.«

»Au, mein Lieber. Ein schönes Stück Geld.«

»Er hat doch Silberbeschlag.«

»Vielleicht erschießt du mich dann damit«, sagte das schmale Mädchen

gedehnt.

»Ja, was glaubst du denn.« Falkenauge lachte. »Hast du Angst? . . . Ich

schieße nur auf Ratten.«

»Spiele nicht mit Schießgewehr. Nicht wahr, Liesl«, sagte der Schreiber,

legte sich auch auf den Rücken, neben seine Liebste, und blies ihr ins

Haar. Sie drehte ihm das Gesicht zu und schüttelte leise den Kopf, als

er die Lippen ihrem Munde näherte. Beide sahen auf zum Mond.

Der gleichmäßige Schritt des Wachtpostens klang in die Stille. Der

kniende Oldshatterhand klammerte sich am Baumstamm an. Seine Schläfen

zuckten. »Ich kann mit keinem von ihnen darüber reden«, flüsterte er

unzählige Male, immer wieder, so oft er aufstehen und hinzutreten

wollte. Mit all seiner Kraft wünschte er sich weg vom Baum.

»Schläfst du?« fragte der bleiche Kapitän seine Braut.

Oldshatterhand ließ seinen Baumstamm los. Die Augen angstvoll auf den

ruhigen Räuberkreis gerichtet, kroch er, sich rückwärts bewegend, auf

Händen und Füßen wie ein Indianer unhörbar bis zum nächsten Baumstamm.

»Ich glaub, ich hab geschlafen.«

»Nun, dann schlaf halt noch ein bißchen weiter«, hörte Oldshatterhand

den bleichen Kapitän sprechen und horchte.

»Wo mag eigentlich der Duckmäuser hingekommen sein? Man hat nie mehr was

gehört von ihm.«

»Der Duckmäuser?« rief der Schreiber lachend, »wo wird der sein -- ich

sag, der ist irgendwo Kirchendiener.«

Oldshatterhand schlich weiter, begann zu laufen, blieb sofort wieder

stehen, weil ihm plötzlich Winnetou eingefallen war. Da hörte er einen

der Räuber leise die Mundharmonika spielen und lauschte eine Weile in

seltsamer Verzückung. Dann ging er in der Richtung nach dem »Käppele«.

Bei der alten Brücke hörte er eine Stimme und hatte augenblicklich die

Empfindung, den Geruch vom Zimmer seiner Eltern zu riechen, noch bevor

er seinen Vater erkannt hatte, der, auf dem Wege in die Singprobe, in

Armeslänge vor ihm beim säbelbeinigen Polizeiwachtmeister stand. Die

beiden hatten vor dreißig Jahren zusammen in Augsburg gedient.

Die Angst bewahrte Oldshatterhand vor einer Ohnmacht. Er bog ab von

seinem Wege, in eine Nebengasse, rannte weiter und blieb, außer Atem,

endlich auf dem Leidenswege Christi stehen, der zum »Käppele« in die

Höhe führt. Um Luft zu bekommen, heulte er und drückte mit den

Augenlidern, um Tränen zu bekommen.

Hier und da, vor den vergitterten Leidensstationen, döste ein rotes,

ewiges Licht.

Was er Winnetou sagen wollte, wußte er nicht. Er hatte nur das bestimmte

Gefühl, Winnetou könne ihn retten.

Klein stand er vor dem gewaltigen Kreuz auf der Höhe, an dem Jesus

hängt.

Seine Schritte hallten in der Totenstille, als er zur Pförtnerzelle

ging. Er sah den Klingelzug an und zog die Hand wieder zurück. Dann

klingelte die Glocke als einziges Geräusch auf der Welt.

Das Pförtnerfenster wurde geöffnet, und er hörte Winnetou sagen: »So

spät in der Nacht darf ich kein Brot geben«, und sah zugleich das helle

Stück Brot, das Winnetou reichte.

»Winnetou, kannst du zu mir herauskommen?« fragte Oldshatterhand und

nahm das Brot.

»Michael, du bist's? -- -- -- Ich habe gedacht, ein Armer sei noch so

spät gekommen. Ich bin gleich bei dir. Setze dich auf die Bank bei der

Mauer.«

Oldshatterhand biß ins Brot; es schmeckte nach Anis: sofort war er

sechsjährig; die Nacht wurde ihm zum sonnigen Tage, und er sah sich,

zusammen mit Winnetou, an einem heißen Sommertage zum »Käppele«

hinaufsteigen und am Pförtnerfenster um Brot beten. Unwillkürlich mußte

er lächeln, da er sich erinnerte, daß Winnetou raffinierte Methoden

angewandt hatte, um dem Pförtnermönch am selben Tage ein paarmal

hintereinander ein Stück Klosteranisbrot abzulocken. Er sah sich als

barfüßigen Jungen um die Leidensstationen Christi herumrennen, von

Winnetou verfolgt, und mußte, bei der Erinnerung an Winnetous

unwillkürlichen Bocksprung über einen knienden Bußbeter, hell auflachen.

Vor seinem Lachen fuhr er zusammen und rief erschrocken: »Nein, nein!«

Die Erinnerungen waren von der Nacht der Gegenwart verdrängt worden.

Er legte das Brot auf die Steinbank und stand auf. Als Knoten in seiner

Brust empfand er die Unmöglichkeit, Winnetou zu beichten, und machte ein

paar hastige Fluchtsprünge. Da hörte er rufen: »Michael! . . . Wo bist

du?« und sah Winnetou auf sich zukommen und eng bei ihm den einäugigen

großen Bernhardinerhund, der an Oldshatterhands Beinen hin und her

strich, zu ihm aufsah, nickte und sich zu seinen Füßen hinstreckte.

»Der Hund lebt noch immer?« fragte Oldshatterhand mit veränderter Stimme

und hatte sagen wollen -- Winnetou, höre doch, was man mir angetan hat.

Hilf mir.

»Ich mußte erst um die Erlaubnis bitten. Wolltest du weggehen?«

»Nein . . . nein, ich hab nur so ein bißchen gesprungen. Nur so.«

Sie setzten sich auf die Bank nieder. Der Hund erhob sich sofort und

tappte nach.

Winnetou legte seine Hand auf Oldshatterhands Schulter und lächelte zum

roten, ewigen Licht hin unter der Mutter Gottes. »Michael, jetzt sind

wir auf einmal keine Kinder mehr. Es ist, wie wenn man aus einem Traum

erwacht, zu einem neuen, ruhigen Traum, der gar nie mehr enden wird.«

»Bleibst du auf immer bei den Weichpfotenmönchen?«

»Warum sagst du Weichpfotenmönchen?«

»Nein, ich meinte, die Pfoten von dem Hund sind vielleicht weich . . .

und dann Italien.«

»Ja, ich glaube, ich will immer da bleiben. Der Prior liebt mich. Alle

lieben mich und sagen, ich solle nur noch ein paar Jahre so bei ihnen

bleiben und erst dann Mönch werden, wenn ich ganz glücklich geworden sei

. . . Erinnerst du dich noch daran, daß wir Würzburg niederbrennen

wollten . . . Ich denke oft daran zurück«, sagte Winnetou und lächelte

heiter.

»Und ich . . . der Neger starrt nach Afrika . . . willst du auch eine

Zigarette haben? . . . ach nein . . . so eine rechtwinklige Pfeife. So

stelle doch die Mutter Gottes dort weg . . . und den verstellbaren

Maßstab.«

»O Gott!« Winnetou war aufgestanden. »Du bist krank!«

»Es handelt sich nur um eins . . . hab mich lieb . . .« Er schüttelte

heftig den Kopf. »Nein, nein! Ich meinte, ich würde an Stelle der Mutter

Gottes dort ein Muttergottesbild hinmalen . . . Hilfe! O Gott! Was ist

das!« schrie Oldshatterhand und horchte entsetzt.

»Die Brüder beten im Garten ihr Nachtbrevier. Komm, komm«, bat Winnetou

ängstlich und zärtlich, »ich will dich zum guten Prior führen. Der gibt

dir etwas und hilft dir.«

»Ich war draußen in der Welt! In der Welt!« schrie Oldshatterhand

lachend. »In Italien! In Genua zum Beispiel. Mein Lieber, dieser Hafen.

Ich wohnte da in einem Palast. Der gehörte eigentlich mir. Ich wohnte

ganz allein darinnen . . . Gott, du hättest nur allein das goldene Bett

sehen sollen«, schloß er mit einer verächtlichen Handbewegung, und seine

Lippen zuckten vor Scham . . . »Tun dir die Mönche denn gar nichts?

. . . Irgend etwas Grauenhaftes.«

»Nein, aber o Gott, was hast du denn? Ich habe solche Angst um dich.«

»Ich? Ich fürchte mich im Grunde vor gar nichts! Glaubst du's nicht? Ich

bin ganz einfach einmal nach Würzburg gefahren. Sonst nichts.«

Eine tiefe Stimme rief nach Winnetou.

Der Halbmond warf seinen trüben, traurigen Schein über die Stadt. Die

Kirchtürme standen wie gespenstige Auswüchse von Riesendrachen in den

schmutzigen Wolkenhimmel hinein. Die Stimme rief wieder. Der Hund stand

auf.

»Jetzt muß ich hinein. Komme morgen zu mir, bitte, komme. Um dieselbe

Zeit. Komme wieder, bitte.«

»Morgen um diese Zeit«, sagte Oldshatterhand und raste den Leidensweg

Christi hinunter.

Er fuhr mit dem Nachtzuge nach München zurück.

Schnell wie ein Wild zuckte er unterm Tisch durch aufs Bett in seiner

Kammer, sah gequält und mit kraftlosem Haß auf die bekannten

Studienköpfe an den Wänden und fiel sofort in Halbschlaf. -- Das

Schwere, jüngst Erlebte und Würzburg, die spitzen Kirchtürme, bedrängten

ihn noch einmal in verwirrendem Durcheinander, gaben ihm einen letzten

Schlag und zogen dann singend in eine ungeheure Ferne, entfernten sich

in Sekunden zeitlich um Jahre von ihm, so daß er plötzlich allein war

und frei und kühl atmen konnte.

So wie der Fremde damals auf der Höhe bei Würzburg aus der Zukunft

zurück in die Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt war, um ihn zu leiten,

durcheilte der zwanzigjährige Oldshatterhand jetzt in Sekunden seine

zukünftigen zehn Jahre, wurde er dreißig Jahre alt, schritt er im

Halbschlaf über eine luftige Filigranbrücke, an einer streichelnden

Frauenhand vorbei, auf ein hochgelegenes Land, bis zu einem Lächeln der

Verheißung am Horizont -- bis zum Fremden, der traumhaft verschwand, und

an dessen Stelle Oldshatterhand -- zum Fremden wurde, und sichtend

zurückblickte auf die Fesseln und Hemmnisse des schwachen

Oldshatterhand, der jammervoll zusammengesunken in der Kammer auf dem

Bett saß.

Und er sagte zu diesem alten, schwachen Oldshatterhand: »Warum bist du

denn verzweifelt und gebrochen, da du doch weißt, daß du recht gehandelt

hast?«

»Ich hab recht gehandelt. Ich bin kein ganz gemeiner Mensch!« schrie der

Oldshatterhand auf dem Bett und deutete flüsternd: »Aber sieh doch die

kalten, verachtenden Augen der Maler, die meinen Gruß nicht erwidern.

Sie haben hohe Hüte auf; das sind auch Köpfe, und sie sehen verächtlich

zur Seite. Ich ertrage ihre zwei Gesichter nicht.«

Aber der zum Fremden gewordene Oldshatterhand sagte: »Du bist feige. Du

weißt zwar, daß du recht gehandelt hast; aber da die Menschen dich dafür

verachten -- weil sie Lügner sind --, wimmerst du, denn ohne die Achtung

der Lügner kannst du nicht leben.«

»Ohne die Achtung der Menschen kann ich nicht leben. Die Gassen, in

denen ich aufgewachsen bin, alle Fenster schämen sich meiner, flüstern

mir ihre Verachtung zu. Die Gesichter in den Fenstern ziehen sich ins

Dunkel zurück vor mir . . . Ein Kind deutet mit dem Finger auf mich. Wo

soll ich mich verstecken . . . Ich weiß einen Mann, bei dem ich mir

wieder Achtung kaufen kann: einen kräftigen Zwerg, der die Ziehharmonika

spielt. Ich muß nur Lieder dazu singen, damit alle, die mich kennen,

lustig werden. Und muß lachen, wenn sie lachen, und fluchen, wenn sie

fluchen. Dann decken sie alles mit Achtung zu . . . Aber ich werde

traurig, wenn sie lachen. Und wenn sie jemanden verachten, verstehe ich

es nicht. Denn sie dürfen mich nicht verachten . . . Die Achtung ist ein

schrecklicher Kirchturm. In Würzburg gibt's so grauenhaft viele

Kirchtürme, die alle die Achtung sind.«

»Die ganze dumpfe Stadt ist eine Lügnerin, und alle, die darin wohnen,

sind Lügner. Lüge mit ihnen, und sie werden dir alles verzeihen, wenn du

geworden bist wie sie. Schäme dich! Sieh, ich stehe auf einem hohen Land

und sehe auf alle Kirchtürme hinunter. Die Stadt dunstet und stinkt da

unten. Ich wende mich um, da ist die Luft dünn und blau. Und ich bin

allein.«

»Du vergißt, daß auch unser Vater uns verachtet. Er hat zehn Augen und

redet kein Wort, so sehr verachtet er uns.«

»Wie kannst du _uns_ sagen. Ich habe mit dir nichts mehr gemein. Denn

ich verachte die Verachtung der Menschen und bin einsam. Ich sage dir:

solange ein Mensch den Weg der Einsamkeit geht, um sich zu finden,

stehen die Menschen zu beiden Seiten seines Weges und höhnen und

verachten ihn. Und der Vater schämt sich seines Sohnes, den alle

verachten. Erst wenn du dich den Weg, der zu dir führt, zu Ende

geschleppt hast und aufgerichtet stehst, schreien sie dir alle ihr

lügenhaftes Hosianna zu und sagen zueinander -- den haben wir niemals

verachtet. Und der Vater ruft -- das ist mein Sohn. Jesus Christus trug

sein Kreuz der Einsamkeit beschimpft und verhöhnt bis zum hohen Gipfel.

Heute schreien die Lügner ihm ihr Hosianna zu und ihre Verachtung dir,

der du dein Kreuz der Einsamkeit noch nicht zu Ende geschleppt hast.«

»Grausam bist du! Sieh doch das gewaltig hohe Kreuz, an dem ich hänge,

und das schwarze Menschengewimmel zu meinen Füßen; ihre Verachtung tötet

mich. Meine Mutter unter ihnen weint. Laß mich herunter vom Kreuz

. . . Nein, nein, nein! Ich will nicht herunter. Ich will kein Lügner

werden wie sie, sondern _Etwas_ werden.«

»Es gibt nur zweierlei -- lügen wie die anderen: sein wie sie; oder ihre

Verachtung verachten: einsam sein. Blicke auf das Lächeln der Verheißung

auf meinem Gesicht und töte das Schwache und Feige an dir.«

»Ja!« stieß Oldshatterhand hervor. Er stand jetzt, schwankend, und seine

Hand hielt den Fenstergriff gepackt. Seine verglasten Augen stierten

nach dem alten Revolver aus dem »Zimmer«, der auf dem Tische lag. »Meine

Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter, meine arme Mutter«,

flüsterte er und dachte in einem Winkel seiner Seele -- er wird versagen

--, brüllte langgezogen und mit vollster Kraft »I . . . . . i!« und

hatte sich mitten in den Kraftausbruch, in den Mund hineingeschossen.

Der I-Laut zersprang wie Glas. Der Revolver hatte diesmal nicht versagt.

Der Kopf schwenkte zur Seite. Die Hand, die den Fenstergriff

umklammerte, krampfte sich nach innen und drehte den Griff mit; im

Fallen riß er das Fenster mit auf, so daß Oldshatterhand, schon tot,

noch ein Fenster öffnete.

Der alte Revolver hatte wie eine Kanone geknallt in der kleinen Kammer.

Aus den Fenstern der Hofwohnungen fuhren erschrockene und empörte

Gesichter.

Die Wirtin kam gesprungen -- -- -- sah einen Fremden klar und ruhig die

Treppe hinuntersteigen, öffnete die Tür, so weit es der Tisch zuließ,

sah niemanden in der Kammer, und erst als sie wieder gehen wollte,

erblickte sie ein Blutbächlein, das langsam vordrang und plötzlich um

ein Hindernis herum auf sie zuschoß.

Oldshatterhand lehnte sitzlings am Boden in der Ecke beim Fenster,

schief und haltlos wie ein ausgestopfter Hampelmann, der umzufallen

droht.

Die Wirtin legte den Brief, den sie in der Hand hielt, auf

Oldshatterhands Tisch und rannte zur Polizei.

In dem Brief, einer Zustellung der Münchener Staatsanwaltschaft, stand,

daß das Strafverfahren gegen den Maler Michael Vierkant eingestellt

worden sei.

* * * * *

Der Fremde ging zum Vortrag für künstlerische Anatomie, den der berühmte

Anatom Molière allwöchentlich den Malern und Bildhauern Münchens hielt.

Der Fremde sah alt aus und sah jung aus; er sah aus, als könne er nie

mehr älter werden, so stark und klar war sein Gesicht.

Die in Form eines halbierten Trichters steil in die Höhe steigenden

Bankreihen waren voll besetzt von jungen Künstlern, unter denen auch die

Maler Immermann und Franziskus Grünwiesler saßen. Die Leinwandrouleaus

an den Fenstern oben im großen Halbkreis waren heruntergelassen, um die

Frühlingssonne abzuhalten.

Der belackschuhte, schlanke, blonde Anatom in offenem Gehrock mit

Seidenaufschlägen trat unter Händeklatschen der Hörer in den kleinen

Halbkreis unten. Der Fremde saß neben ihm.

Der schwitzende, dicke Diener im Klinikmantel schob die Leiche herein.

Der Anatom zog das weiße Tuch weg.

Auf dem Wagentisch lag der muskulöse Oberkörper eines bartlosen jungen

Mannes mit Gladiatorenprofil und dünnen, stahlblauen Lippen. Beine und

Bauch, bis zum Nabel, fehlten. Die Schnittfläche war mit einem weißen

Tuch zugebunden, über das hinaus die starken Hände der halben Leiche

reichten.

Der Anatom wischte flüchtig den Spiritus ab vom bläulichen Rumpf, tippte

mit der Fingerspitze auf beide Augenlider. »Wir nehmen heute Arm- und

Gesichtsmuskeln durch.«

Geschickt legte er mit dem Messer die Muskeln am Unterarm frei, erklärte

mit ein paar Worten ihre Lage, hob den Arm der Leiche und zog an einer

Sehne, worauf die Leiche den Zeigefinger streckte. Mit verschiedenen

Farbkreiden zeichnete er den betreffenden Muskel auf die Wandtafel. Ein

paar schnelle Striche.

Manche Maler zeichneten mit, in ihre Skizzenbücher; andere sahen

aufmerksam zu.

Der Anatom legte eine Sehne im Gesicht frei, zog daran, da öffnete die

Leiche den Mund. Es war sehr still. -- Warum ist dieser junge Athlet

gestorben, dachte der Fremde.

Der Anatom zog an einer anderen Sehne -- und die Leiche streckte die

Zunge heraus. »Kemmerich!« wandte sich der Anatom an das lebende Modell,

einen fünfundsiebzigjährigen Mann mit spärlichem, weißem Bart, der nackt

neben ihm hoch auf einem Podium stand. Alle Sehnen und Muskeln des

Modells waren sichtbar und vor Alter bläulich. Der Anatom zeigte auf die

Veränderung des Wangenmuskels, als der Alte den Mund öffnete, ließ ihn

lächeln, verschiedene Bewegungen machen mit den Armen, und demonstrierte

an der Leiche die Lage der Muskeln.

Der Klinikdiener stellte eine Schüssel, in der das Herz und die Füße der

Leiche in Spiritus lagen, auf das Podium, zu den Füßen des Alten.

»Es ist eine Freude zu leben«, sagte ein Maler zu laut in die Stille

hinein, und staunte mit den anderen erschrocken über die Tatsache, daß

er den Satz gesprochen hatte.

Der Anatom hielt seinen Vortrag. Dann wurde die halbe Leiche hinaus- und

eine verdeckte hereingefahren. »Hier haben wir einen jugendlichen Akt

von schönen Proportionen. Den wollte ich den Herren noch zeigen«, sagte

der Anatom und zog das Tuch weg.

Der Fremde stand langsam auf. »Das ist meine Leiche«, flüsterte er.

»Geben Sie mir meine Leiche.«

Oldshatterhand wurde wieder hinausgefahren.

»Lenbach hat bis an sein Lebensende täglich Akt gezeichnet«, schloß der

Anatom seinen Vortrag und hob die weiße, gepflegte Hand. »Und es ist

erfreulich, daß bei der jüngsten Künstlergeneration wieder mehr als

bisher der Wille zum anatomischen Sehen vorhanden ist.«

Immermann, von Grünwiesler gestützt, hatte den Hörsaal verlassen beim

Erblicken Oldshatterhands.

»Deine Mutter hätte dich nicht erkannt, so weiß bist du geworden«, sagte

Grünwiesler auf der Straße und stützte Immermann. »Mnja, da kann man

jetzt nichts mehr machen.«

»Weißt du«, sagte Immermann, mit schiefgezerrten Lippen, »erschießen

hätte er sich nicht brauchen; aber das, was wir getan haben -- war nur

gerecht . . . Gerecht!«

In der Zeitung stand einen Tag später, daß der junge, talentvolle Maler

Michael Vierkant um zehn Uhr früh zum ersten Preisträger der Akademie

bestimmt worden sei.

An Stelle Oldshatterhands übernahm der Fremde das preisgekrönte Bild.

Und seitdem hing es in seinem Studierzimmer.

Die Räuberbande · 第 25 / 26 题