Neuntes Kapitel

Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von

Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.

Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom

schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.

»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den

Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.

»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger

>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«

»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu

einer Italienreise eingeladen.

Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon

braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in

den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.

Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.

»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet

hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den

Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser

und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt

ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen

zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . .

Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.

»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte

Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.

»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«

In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den

beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen

Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.

»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum

Fenster.

»Nein, das ist nur ein See.«

»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht

gesehen.

Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom

Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.

Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im

Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand

unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es

heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein.

Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den

dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts

stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im

weißen Himmel.

Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings

wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die

fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und

zerfallend.

Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und

sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in

Schweiß und sammelte dann.

»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter

Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah

genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und

sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«

Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,

Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten

Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die

Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.

Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von

den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre

Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.

Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten

einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon

verschwunden war.

Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.

»Was ist das?«

»Das Meer.«

»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen

Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden

Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die

schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte

Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.

Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die

Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.

Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum

schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.

Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm

schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri

. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«

»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte,

weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem

Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«

Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß

gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,

bis zu einem der alten Paläste.

Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende

große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier

dem Fremden ein Telegramm.

»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem

Freund.«

Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war

Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen

Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im

Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den

Schlüsselbund klingen und verklingen.

Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die

Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.

Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen

Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.

Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen

Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen

Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,

in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.

Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den

Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie

Wasserinsekten.

Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer

warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine

Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge

Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich

hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern

gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen

Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der

Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit

dem Schiffskoloß verband.

Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die

Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,

blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die

Zurückbleibenden.

Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß,

der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als

das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich,

geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum

sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,

während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich

entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden

konnten.

Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine

Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers

losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen

hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch

zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein

Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der

alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.

Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit

hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er

nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die

Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte

Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor

Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins

schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper

vom Wasser weg und schwankte zurück.

Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und

gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die

drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.

Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat

vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:

Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen

lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in

Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich

verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft

willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen,

damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne,

was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein

altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit

Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er

nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.

Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den

ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz

war unterstrichen.

»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«,

sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens

immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die

aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch

einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und

sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch

kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«

Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder

-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens

wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne

jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.

Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang

hatte bleiben wollen.

Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines

Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens

hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben

auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt

über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin

vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung

und legte beide Hände in die Hüften.

»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein

graues Schloß, »una castello Genova.«

Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft

ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß

des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.

Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener

erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu

können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.

Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag

Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser

hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen

Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem

alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des

Hafens von Genua.

Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in

die Alte Pinakothek.

Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van

Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah

auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal

Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund

Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg

Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,

Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb

von dir.«

Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen

Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn

ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.

»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die

Leiter.

Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.

»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«

»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im

Murillosaal.«

»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«

Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit

seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein

guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«

Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna

von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.

Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,

eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten

ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.

»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf

der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen

Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«

Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die

Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.

So gingen sie weiter.

Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,

machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer

herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und

Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«

»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«

»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen

will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.«

Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein

und drückte Oldshatterhand die Schulter.

»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«

»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie

nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände

in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen

. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen

kaufen zu können.«

Die Räuberbande · 第 23 / 26 题