Oldshatterhand und der Fremde standen in der Höhe auf dem Kirchplatz von
Basel und sahen hinunter auf die Stadt und den Rhein.
Ein langer, schmaler Schelch mit dem Schiffer schoß sehr schnell, vom
schmutzig-gelben Hochwasser stark abgetrieben, über den reißenden Strom.
»Der Rhein ist gar nicht so kitschig, wie ihn Dichter und Maler den
Deutschen dargestellt haben«, sagte der Fremde in Gedanken.
»Hier steht man genau so und sieht hinunter, wie auf dem Würzburger
>Käppele<. Nur ist dort alles kleiner. Der Rhein sieht gefährlich aus.«
»Der Main ist lieblich,« sagte der Fremde. Er hatte Oldshatterhand zu
einer Italienreise eingeladen.
Sie wandten sich um. Die alten Kastanien auf dem Kirchplatz hatten schon
braune, harzglänzende Knospen. Zusammengesunkener Altschnee lag noch in
den Ecken. Das Gebirge lag weißglühend unter der Sonne.
Sie traten in die Kirche und kamen mitten in die Predigt hinein.
»Gott ist überall!« rief der Pastor und schlug auf die Kanzel. »Gehet
hinaus in die Natur, und ihr werdet Gott schauen. Im Wald, in den
Wiesen, im Bach, in den Blümlein, im Gestein.« Seine Stimme war leiser
und weich geworden und schwoll jetzt wieder an: »Aber auch zu mir müßt
ihr kommen! Denn ich kann euch mit Gottes Hilfe den Bach und Wiesen
zeigen und Blumen, auch wenn draußen alles schläft unterm Schnee . . .
Kommet! In der Natur ist Gott!« Der Pastor schlug die Bibel auf.
»In Würzburg reden die Priester anders in den Kirchen,« sagte
Oldshatterhand staunend, als sie wieder auf dem Kirchplatz standen.
»Ganz, ganz anders . . . Der Pastor hat schöne Dinge gesagt.«
In den verschneiten sonnigen Tälern hing noch der Morgendunst. Den
beiden im D-Zug sprangen die Telegraphenstangen und schwarzen
Häuserflächen entgegen. Die Gebirgsketten der Alpen standen still.
»Das Meer!« rief Oldshatterhand und schnellte mit einem Satz zum
Fenster.
»Nein, das ist nur ein See.«
»Nicht das Meer?« So ein großes Wasser hatte Oldshatterhand noch nicht
gesehen.
Ganz langsam rückten die Berge näher. Die Täler wurden enger. Vom
Wagenfenster weg stieg die nasse Felswand senkrecht empor.
Der Zug fuhr vom Schneetal ins Dunkel, hinein in die Nacht. Die Luft im
Tunnel war muffig vom alten Rauch. Dieser Tunnel kam Oldshatterhand
unwahrscheinlich lang vor, viel länger als die vorherigen. Da wurde es
heller -- und hell, und der Zug sauste mitten in den Frühling hinein.
Kein Schnee mehr. Blumen standen im Geleisegraben, und an den
dunkelfelsigen Abhängen blühten die Pfirsichbäumchen rosa. Rückwärts
stieg das weiße Gebirgsmassiv in die Höhe, und höher, und verschwand im
weißen Himmel.
Oldshatterhand errötete immer wieder, weil er des unverhofften Frühlings
wegen froh war und seine Freude nicht verbergen konnte, und sah auf die
fremden, italienischen Häuschen, mit flachen Dächern, bemoost und
zerfallend.
Plötzlich stand ein Mann mit einem Stelzfuß unter der Durchgangstür und
sang den Gästen der zweiten und dritten Klasse zur Gitarre. Er geriet in
Schweiß und sammelte dann.
»Auf der Messe in Würzburg war jedes Jahr ein verunglückter
Bergwerksknappe und ließ ein kleines Kohlenbergwerkchen sehen. Der sah
genau so aus wie dieser Mann . . . Er hatte auch einen Stelzfuß und
sammelte. Sprach aber selten ein Wort.«
Der Zug hatte gehalten und begann wieder zu fahren. Kleine Italiener,
Knaben und Mädchen, rannten barfuß auf dem mit Schuttsteinen bedeckten
Bahndamm neben dem Zug her und warfen Blumensträußchen durch die
Coupéfenster, in der Erwartung, ein Geldstück dafür zu erhaschen.
Der Zug fuhr schneller, die Kinder rannten schneller, achteten die von
den spitzen Steinen verursachten Schmerzen nicht, und schleuderten ihre
Blumensträußchen, schon ohne Hoffnung, dem schwarzen Zug an die Seite.
Da flog ein Geldstück hinaus; alle stürzten sich darauf und bildeten
einen bewegten Haufen Hosen, brauner Fäuste und Füße, als der Zug schon
verschwunden war.
Vereinzelte Vorstadthäuser von Genua flogen vorbei.
»Was ist das?«
»Das Meer.«
»Das Meer?« Betroffen blickte Oldshatterhand auf den drohenden, grünen
Wasserstreifen, der so schmal war, daß er manchmal von den flatternden
Hemden und Windeln, die aus den Fenstern hingen, verdeckt wurde. Die
schmale und doch unabsehbare Weite des Wasserstreifens machte
Oldshatterhand stumm. Der Zug fuhr langsamer weiter.
Da standen im Hafen unzählige Schiffsmasten gereckt und gespreizt in die
Luft, und das Meer wurde Oldshatterhand zum Meer.
Hoch oben trotzte das Fort, und von ihm weg den Berg hinunter, bis zum
schiffgefüllten Hafen, lag in der Sonne die mächtige, weiße Stadt Genua.
Ein barfüßiger Italienerjunge mit einem Pack Zeitungen unterm Arm
schritt auf dem Perron am staubigen Zug entlang und sang: »Co . . . rri
. . . ere Della Sera. Corriere Della Sera. Corriere Della Sera.«
»Das klingt wie ein schönes Lied«, sagte Oldshatterhand und lächelte,
weil ein Dutzend Gepäckträger kindlich vorgebeugt standen und mit dem
Zeigefinger auf ihre Brust deuteten: »Si Signore? Si Signore? . . .«
Sie fuhren in einer offenen Droschke, überdacht von einem rot und weiß
gestreiften Riesensonnenschirm, durch die vom Korso belebte Hauptstraße,
bis zu einem der alten Paläste.
Als sie das hohe Bogenportal betraten, wo die von der Decke hängende
große Ampel schon brannte, obwohl es noch hell war, reichte der Portier
dem Fremden ein Telegramm.
»Ich muß noch heute weiterreisen. Tief hinunter nach Spanien. Zu meinem
Freund.«
Außer der alten Frau mit dem Schlüsselbund, dem Koch und dem Portier war
Oldshatterhand allein im stillen Palast. Er bewohnte einen gewaltigen
Salon, und an dem vergoldeten, zwei Meter breiten Himmelbett im
Schlafzimmer hingen schwere Portieren. Manchmal hörte er den
Schlüsselbund klingen und verklingen.
Im Garten auf das Meer hinaus blühten die Magnolienbäume. Und die
Sirenen erklangen unaufhörlich im nahen Hafen.
Oldshatterhand dürfe im Palast wohnen, solange er Lust habe. Den ganzen
Sommer über, auch wenn der Fremde nicht mehr zurückkehren könne.
Am dritten Tage saß Oldshatterhand wieder auf der Taurolle im sonnigen
Hafen. Neben ihm saß wieder reglos der alte Neger mit den weißen
Wollhaaren an der Brust und sah mit seinen Sammetaugen aufs Meer hinaus,
in der Richtung nach Afrika. Oldshatterhand gab ihm eine Zigarette.
Die kleinen Schleppdampfer tuteten und schossen zwischen den
Schiffskolossen durch, kreuz und quer und unaufhörlich und schnell wie
Wasserinsekten.
Eine Schar Auswanderer hockte auf Bündeln und Bettstücken. Die Männer
warteten und rauchten. Einer zielte immer wieder mit Tabaksaft auf eine
Orangenschale, die im schmutzigen Hafenwasser schaukelte. Seine junge
Frau ließ ihr Kind trinken, und der weißhaarige Großvater döste vor sich
hin. Elegante Fremde, von Gepäckträgern mit schönen gelben Koffern
gefolgt, hasteten zum Schiff. Drei chinesische Matrosen in weißen
Leinenanzügen und mit schwarzen Zöpfen kamen Arm in Arm aus der
Hafenkneipe und schaukelten auf der Holzbrücke, welche die Kaimauer mit
dem Schiffskoloß verband.
Oldshatterhand blieb sitzen, bis die Brücke eingezogen wurde. Die
Auswanderer, in einen bunten Saum von Not und Hoffnung zusammengedrängt,
blickten vom untersten Stock des Schiffes hinunter in den Hafen auf die
Zurückbleibenden.
Ein kleiner Wasserschießer war verbunden worden mit dem Schiffskoloß,
der schwerfällig zu schaukeln begann und von der Kaimauer wegbrach, als
das Tau sich straffte. Der kleine Wasserschießer ereiferte sich,
geiferte, zischte und schrie und schleppte den Koloß, der sich kaum
sichtbar vorwärts bewegte, zwischen den verankerten Meerriesen durch,
während die Auswanderer reglos standen und auf das allmählich
entgleitende Hafenbild zurückblickten, bis sie nichts mehr unterscheiden
konnten.
Der Hafen sah ihm ganz verändert entgegen, als Oldshatterhand seine
Augen endlich von den fernen Rauchfladen des ausgefahrenen Dampfers
losriß und neben sich auf die Stelle blickte, wo das Schiff gelegen
hatte. Da war jetzt eine weite Wasserfläche, ein großes dunkles Loch
zwischen den verankerten Kolossen, und Zeitungsfetzen, Obstabfälle, ein
Weidenkorb schaukelten auf der schmutzigen, zerrissenen Schaumhaut. Der
alte Neger saß noch immer reglos und starrte nach Afrika.
Oldshatterhand saß zusammengesunken neben ihm. Wie in seiner Kinderzeit
hatte ihn unvermittelt schwere Traurigkeit befallen, deren Ursache er
nicht kannte. Etwas Unbekanntes zog ihn zur Kaimauer hin, schloß ihm die
Augen, wie damals, als er im Galopp auf dem Geländer über die alte
Brücke in Würzburg gesprungen war. Seine Knie wurden schwach vor
Todesangst, denn er empfand den unerklärlichen Zwang, sich wehrlos ins
schwarze Hafenwasser sinken zu lassen. Stöhnend bog er den Oberkörper
vom Wasser weg und schwankte zurück.
Die Alte mit dem Schlüsselbund kam lautlos in den Salon, lächelte und
gab Oldshatterhand einen Brief. »Una lettera, Signore.« Sie zündete die
drei Kerzen im Standleuchter an, lächelte und ging.
Franziskus Grünwiesler schrieb -- er habe sich nach Oldshatterhands Rat
vor seine Tante hingestellt, mit dem Revolver in der Hand, und gesagt:
Wenn du mich anzeigst, erschieße ich mich. Da habe sie ihn abreisen
lassen, ihn aber so hinterhältig böse angeblickt, daß er mehr denn je in
Angst sei und ständig in der fürchterlichen Erwartung lebe, plötzlich
verhaftet zu werden. Oldshatterhand solle um der treuen Freundschaft
willen, die sie miteinander verbinde, gleich nach München zurückkommen,
damit er sich endlich mit einem Menschen aussprechen und beraten könne,
was zu tun sei. Er möchte am liebsten von den sechstausend Mark ein
altes Häuschen kaufen, irgendwo in der Welt, und dort auf immer mit
Oldshatterhand zusammen leben und arbeiten. Eine feste Adresse habe er
nicht, aus Angst, von der Polizei gesucht und gefunden zu werden.
Oldshatterhand solle in die Alte Pinakothek kommen, dort kopiere er den
ganzen Tag. »Ich bitte Dich, verbrenne diesen Brief sofort.« Dieser Satz
war unterstrichen.
»Erschieße ich mich . . . _vor deinen Augen_, habe ich geschrieben«,
sagte Oldshatterhand langsam. Und zu dem Druck, der während des Lesens
immer beklemmender sich ihm aufs Herz gelegt hatte, kam die Reue. Die
aber den Druck löste, weil sie ihn die vergangenen Ereignisse noch
einmal überblicken ließ. Er horchte in sich hinein, wurde ruhiger und
sagte im stillen zu sich und Grünwiesler: »Schließlich darf eben doch
kein Mensch, wer er auch sei, einem andern etwas wegnehmen.«
Aber schon während er packte, entschwand ihm das klare Bewußtsein wieder
-- weshalb ein Mensch dem anderen nichts wegnehmen dürfe, unversehens
wie ein Traum, von dem einem beim Erwachen nur ein paar Fetzen ohne
jeden Sinn und Zusammenhang geblieben sind.
Noch am selbigen Tage fuhr er ab von Genua, wo er den ganzen Sommer lang
hatte bleiben wollen.
Und als er den Rhythmus des Zuges zusammen mit dem Klopfen seines
Herzens empfand, wanderte sein Ehrgeiz auf die andere Seite des Lebens
hinüber, und er schloß seinen Wachtraum mit dem Gedanken: es kommt eben
auf den Menschen an. Qualität und Kraft entscheidet. Napoleon schritt
über hunderttausend Leichen weg auf sein Ziel los. »Und ich bin
vielleicht noch größer als Napoleon!« rief er in steigender Begeisterung
und legte beide Hände in die Hüften.
»Niente Napoleone«, erwiderte ein alter Italiener und deutete auf ein
graues Schloß, »una castello Genova.«
Oldshatterhand dachte daran, daß der bleiche Kapitän gesagt hatte: Kraft
ist die Hauptsache auf der Welt! und lächelte bei dem Gedanken -- daß
des bleichen Kapitäns Kraft und seine Kraft zweierlei seien.
Der Rest von den neunzig Mark, die Oldshatterhand sich als Klinikdiener
erspart hatte, um, wie er glaubte, damit ein berühmter Maler werden zu
können, hatte gerade noch für die Rückfahrkarte gereicht.
Er fuhr die ganze Nacht durch und kam gegen Mittag in München an. Da lag
Neuschnee. Und auf der Fahrstraße spritzte das schmutzige Schneewasser
hoch, als Oldshatterhand sie überquerte. Aber er hatte Italien in seinen
Augen, und wenn er sie schloß, konnte er auf der Taurolle neben dem
alten Neger sitzen, roch er die Sonne, den Teer und den Wassergeruch des
Hafens von Genua.
Seine Kammer war noch nicht vermietet; er packte aus und ging sofort in
die Alte Pinakothek.
Grünwiesler in Kniehosen stand auf der Leiter vor der Susanna von van
Dyck und äugte angestrengt auf seine Kopie und zurück aufs Original, sah
auf und stierte erschrocken Oldshatterhand an. Mischte aber noch einmal
Farbe auf der Palette und verzog dabei die Lippen wie sein Freund
Immermann, was Oldshatterhand erstaunt beobachtete. Dann erst stieg
Grünwiesler von der Leiter herunter und hieb, in sich hineinkichernd,
Oldshatterhand die Hand auf die Schulter: »Da bist du ja. Das war lieb
von dir.«
Oldshatterhand konnte sich nicht freuen. Er hing dem Lippenverziehen
Grünwieslers nach und fühlte einen Knoten in seiner Brust. »Die Stirn
ist zu hoch«, sagte er und deutete auf die Kopie.
»Meinst du?« Er verglich. »Du hast recht.« Und stieg wieder auf die
Leiter.
Oldshatterhand wurde es leichter, weil er den Fehler entdeckt hatte.
»Wollen wir nicht fortgehen? Hier können wir ja nicht sprechen.«
»Ja, gleich. Ich will nur erst Bratmund holen. Er kopiert hinten im
Murillosaal.«
»Den können wir doch jetzt nicht brauchen.«
Grünwiesler neigte den Kopf schulterwärts und sah Oldshatterhand mit
seinem Kanarienvogelblick an. »Ich hab's ihm versprochen. Er ist ein
guter Kerl. Ich hole ihn gleich. Warte ein bißchen.«
Oldshatterhand setzte sich auf die Polsterbank und sah auf die Susanna
von van Dyck, ohne etwas zu sehen. Der Druck war wieder da.
Die beiden kamen zurück. Der Maler Bratmund hatte aufgeworfene Lippen,
eine Stülpnase, und seine hohe Stirne war trotz der vielen Falten
ausdruckslos, wie die eines unheilbar Verblödeten.
»Jetzt gehen wir essen«, sagte Grünwiesler und lachte fröhlich. Und auf
der Straße sagte er: »Jetzt, was meinst du eigentlich zu der ganzen
Sache? . . . Wo soll das Häuschen stehen? Im Spessart?«
Oldshatterhand stieß heimlich Grünwiesler an, der in der Mitte ging, die
Augenbrauen in die Höhe zog und beiden die Hand auf die Schulter legte.
So gingen sie weiter.
Oldshatterhand wurde lustig. »Wir lassen das alte Häuschen ganz umbauen,
machen eine Lambrie aus braungebeiztem Eichenholz ums ganze Zimmer
herum, und darauf stellen wir gemalte Teller, alte Krüge und
Zinngeschirr . . . Es muß natürlich auch ein Obstgarten dabei sein.«
»Waaas Häuschen? Dazu gehört Geld. Habt ihr denn Geld zu einem Haus?«
»Wir haben Geld. Es kommt eben darauf an, wer sich ein Häuschen kaufen
will . . . Es kommt nur darauf an, ob man das Recht dazu hat.«
Oldshatterhand lachte siegesbewußt. Grünwiesler lachte in sich hinein
und drückte Oldshatterhand die Schulter.
»Das Recht hätte ich auch. Aber kein Geld.«
»Wir haben aber Geld, weil wir das Recht dazu haben. Das können Sie
nicht verstehen.« Oldshatterhand reckte sich auf und stemmte die Hände
in die Hüften. »Jetzt essen wir, und dann wollen wir weiter sehen
. . . Ich habe aber gar nicht mehr so viel Geld, um ein Mittagessen
kaufen zu können.«